Bäume fällen für das Klima

Deutschland tut sich schwer mit Veränderungen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass hier jedes Projekt heute recht zuverlässig an denselben Menschen scheitert, die das Projekt gestern noch lautstark verlangt hatten.

picture alliance / Shotshop | K-H Spremberg

So sieht er aus, der deutsche Fortschritt: erst fordern, dann verhindern Die jüngste Höchstleistung in dieser Disziplin wird gerade in unserer geliebten Hauptstadt vollbracht. Genauer: im Heizkraftwerk Charlottenburg. Das baut der landeseigene Energieversorger „Berliner Energie und Wärme“ (BEW) zu einem „klimaneutralen Energiepark“ um.

So verlangen es seit Jahren Klima- und Umwelt- und Naturschützer. Um – im Einklang mit den Plänen zum Berliner Kohleausstieg – die CO₂-Emissionen im städtischen Wärmesektor zu senken und um die Berliner Klimaziele zu erreichen, soll die Fernwärme bis 2045 komplett dekarbonisiert werden. Also: Energiepark statt Heizkraftwerk.

Wünsche treffen auf Wirklichkeit

Der Plan klang so lange gut, bis er der Realität begegnete. Denn dummerweise braucht man für einen Umbau eine Baustelle. Zwingend. Und die Baustelle braucht Baucontainer. Zwingend. Und für die Baucontainer gibt es nur einen möglichen Platz. Dort stehen zehn Rosskastanien. Bis jetzt jedenfalls.

Die BEW will die Bäume möglichst schnell absäbeln, damit möglichst schnell die Baucontainer aufgestellt werden können. Damit möglichst schnell gebaut wird, damit möglichst schnell der Energiepark dort fertig wird, wo jetzt noch das Heizkraftwerk steht.

Jetzt allerdings hat die BEW mächtig Ärger mit Klima- und Umwelt- und Naturschützern. Nicht, weil sie den Energiepark baut – sondern weil für die Bauarbeiten zehn Bäume gefällt werden müssen.

Perpetuum mobile des Protests

Heinrich Strößenreuther ist so etwas wie der Baum-Pate der Hauptstadt. Er hat den „BaumEntscheid“ initiiert: Die Bürgerinitiative organisierte einen erfolgreichen Volksentscheid. Im Ergebnis beschloss das Landesparlament dann das Berliner Klimaanpassungsgesetz.

Er empört sich besonders über die BEW und ihre Baupläne: „Absurd“ sei das, erklärt er der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“. Deutschland steuere schließlich auf 40 Grad zu, da könne man in Berlin doch nicht gesunde Altbäume fällen.

Man ist fast geneigt, mit der Geschäftsleitung der BEW etwas Mitleid zu haben. Ein klitzekleines Bisschen jedenfalls. Denn was sollen die Damen und Herren denn tun? Sie sollen Strom und Wärme erzeugen und gleichzeitig das Klima retten. Dazu bauen sie ja nun schon einen klimaneutralen Energiepark anstelle eines Heizkraftwerks.

Jetzt sollen sie zwar bauen – aber ohne Bauarbeiten, bitteschön.

Das ist das Konzept des veganen Schnitzels. Es soll aussehen wie ein Schnitzel. Es soll schmecken wie ein Schnitzel. Es darf nur auf keinen Fall ein Schnitzel sein. Wie genau soll eigentlich ein klimaneutraler Energiepark entstehen? Im 3D-Drucker? Sollen die Baucontainer CO₂-neutral über den Baumwipfeln schweben? Oder spricht Harry Potter einen coolen Klima-Zauber, und plötzlich steht alles fertig da?

Früher haben wir gefragt: Was müssen wir tun, um ein Ziel zu erreichen? Heute fragen wir: Welches Ziel können wir erreichen, ohne etwas tun zu müssen? Wir produzieren keine Industrieanlagen mehr, keine Autos, keine Kraftwerke. Wir produzieren nur noch Einwände. Jedes Projekt beginnt mit einer tollen Idee und endet mit einem Bürgerbegehren.

Aus „Made in Germany“ ist „Stopped in Germany“ geworden.

Wir sind eine Gesellschaft, die jedes Ziel erst begeistert beschließt – und dann sofort jedes einzelne Mittel erbittert bekämpft, das zur Erreichung dieses Ziels notwendig wäre: mit hundert empörten Pressemitteilungen und einer neuen Petition gegen die Folgen der alten Petition.

Und irgendwo sitzt ein chinesischer Ingenieur und findet vor Lachen nicht in den Nachtschlaf: Weil in Deutschland dieselben Leute gleichzeitig für und gegen dieselbe Baustelle demonstrieren.

Seien wir ehrlich: Wir wollen gar keine Lösungen. Wir wollen Protest. Selbst dann, wenn wir gegen unsere eigenen Ideen protestieren.

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