Söder sieht die Wölfe vor der Tür, die von den Grünen längst eingelassen worden sind

Wer von Wölfen spricht, braucht Schafe. Söders jüngste Wortwahl offenbart das Menschenbild einer Politik, die Bürger als zu lenkende Herde betrachtet.

IMAGO / Sven Simon

Die ganze Hilflosigkeit der dysfunktionalen Elite, die einzig vom Machterhalt getrieben und auch nur daran interessiert ist, hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gerade eben demonstriert, als er mystisch raunte: „Die Wölfe stehen vor der Tür, wenn ich das sagen darf. Die Prozentzahlen der AfD zeigen es eindeutig. Umso wichtiger und entscheidender ist es, dass wir Erfolg haben. Wir sind zum Erfolg verdammt.“

Für den fränkischen New-Age-Philosophen Markus Söder wird aus einer politischen Partei plötzlich eine Ansammlung von Wölfen, die vor der Tür stehen und anscheinend die Klingel nicht finden. Doch wer steht dann hinter der Tür? Die Schafe? Sind die deutschen Bürger für Markus Söder Schafe? Keine Bürger, sondern Herdentiere? Ist das das Bild, das Söder von seinen bayrischen Untertanen hat? Und wer ist er, wer sind die Chefs der Brandmauereinheitspartei in diesem Bild? Die Hütehunde? Die Hirten?

In dem großartigen Romanfragment „Maschinen und Wölfe“ des russischen Schriftstellers Boris Pilnjak stehen die Maschinen für den neuen sowjetischen Staat mit seiner Industrialisierung, während die Wölfe die Natur, das archaische Leben Russlands symbolisieren, das zwangssowjetisiert wird.

Doch die Wölfe stehen in Wahrheit längst nicht mehr vor der Tür, die Rotgrünen haben die Wölfe, die sich seitdem prächtig vermehren, weil sie keine natürlichen Feinde besitzen, in Brandenburg wieder angesiedelt. Den Wölfen geht es sehr gut, den Schafen schlecht und den Schäfern noch schlechter, denn einer nach dem anderen muss dank rotgrüner Politik seinen Betrieb aufgeben, weil die Wölfe in den Schafherden leichte Beute finden. Wen also meint Markus Söder mit Wölfen und warum?

Dass Markus Söder vollkommen das Bild verrutschte, besitzt allerdings einen tieferen Grund, Söder benötigt nämlich den bösen, den geradezu mythischen Feind von außen, egal ob es die AfD, Trump, Putin oder Morg von Org ist, um davon abzulenken, dass die Brandmauerpolitiker unter dem Begriff Reform das Land in den Niedergang treiben und die Bürger ausplündern, so lange es eben geht. Es ist eine Schmierenkomödie, die sie aufführt, wenn die Regierungskoalition den Eindruck erwecken will, als ringe sie um Lösungen. Am Ende wird gemacht, was die SPD will, und Söder nennt es dann einfach Kompromiss: „Wir wissen alle, dass wir jetzt in den kommenden Wochen Kompromisse machen müssen. Jeder, auch wir.“ „Auch wir“? Nur ihr!

Furchtbar schweren Herzens wird Söder für den Kompromiss im Kampf gegen die Wölfe die Mütterrente opfern. Was bekommt er dafür von der SPD? Eine Aufmunterung und eine Anerkennung, dass er so tapfer und brav die Tür gegen die Wölfe verteidigt? Und um wirklich wichtig zu erscheinen, stampft Söder, Markus dann auch einmal kräftig mit dem Fuß auf: „Aber keine Lösung zu erreichen, nur in Schönheit zu sterben, wird am Ende keinen Erfolg bringen.“ Man könnte auch sagen, lieber keine Lösung als eine falsche. Dieser Gedanke ist jedoch Unions-Politikern, die seit 2005 nur falsche Lösungen kennen, vollständig unverständlich. Keine falsche Lösung gegen die Bürger in Neu-Versailles durchzusetzen, wäre natürlich „Staatsversagen“, ein Versagen des Staates in seinem Handeln gegen die Bürger. „Und das werden wir nicht akzeptieren“, bekräftigt Markus Söder, der wieder einmal als Bettvorleger gesprungen und als Bettvorleger gelandet ist.

Linguistik ist eine exakte Wissenschaft, Rhetorik lässt sich analysieren. Schon ein flüchtiger Blick auf den Sprachgebrauch der Brandmauerpolitiker belegt das. Ihre Sprache ähnelt der, wie Klemperer sagen würde, Lingua Quartii Imperii, der Sprache der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, die der Philologe noch analysieren wollte.

Die Sprache der Politiker und der Medien in der DDR der fünfziger Jahre gleicht in manchem der Sprache der Brandmauerpolitiker unserer Zeit. Immer wenn es ganz und gar nicht demokratisch zugeht, erlebt das Adjektiv demokratisch als Attribut eine Inflation. Von der demokratischen Presse, über die demokratische Gesetzlichkeit, über die demokratischen Parteien, den demokratischen Block bis hin zu unserer Demokratie. Die Abwesenheit soll im Attribut versteckt werden. Diejenigen, die sich nicht brav ins Glied stellen oder sich nicht auf Wiesen und Plätzen verrenken, was sie Tanz nennen, die nicht nachplappern, was ihnen die demokratische Presse vorgibt, sind folglich die Antidemokraten, die es zu bekämpfen gilt, die Wölfe vor der Tür, für die es selbstverständlich die Demokratie nicht gibt, die zensiert und verboten werden müssen, weil unsere Demokratie nur für unsere Demokraten gilt, es ist ja schließlich unsere Demokratie, nicht ihre. In unserer Demokratie existiert folglich nur eine Meinung, die demokratische Meinung.

Man kann sich nicht recht entscheiden, ob nun die Deklarationen oder die rhetorischen Entgleisungen dieser Regierung peinlicher und erschreckender sind, eines aber zeigen sie in ihrer semantischen Entleerung und stilistischen Eskalation, nämlich die Unfähigkeit deutscher Regierungspolitiker, die Wirklichkeit wahrzunehmen und entsprechend zum Wohle der deutschen Bürger zu handeln. Manche wie Bärbel Bas träumen in ihrer Verzweiflung von einem neuen Volk, andere wie Markus Söder suchen in den Märchen der Brüder Grimm nach Botschaften für das beunruhigte Volk.

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Kommentare ( 4 )

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NochNicht2022
55 Minuten her

Schon wieder gilt: „Man glaubt es geht nicht blöder, schon kommt ein neuer Satz von Söder?“ – Wetten: In spätestens zwei Wochen erneut wieder …

Guzzi_Cali_2
1 Stunde her

Daß der bayrische Baron das Volk als Schafherde betrachtet, konnte man wunderbar während der Corona-Zeit betrachten. Den Namen, den er damals (m.A. nach vollkommen zu Recht) kassiert hat, war „Södolf“. Dieser Name wird zwar in der Zwischenzeit nicht mehr so häufig benutzt, dennoch klebt der Spitzname an ihm wie Dreck am Wagenrad. Den kriegt er nicht mehr los, ebenso wie der Lügen-Fritz den seinen nicht mehr loskriegt. Bei all diesen Kapeiken herrscht ein Menschenbild vor, wo man sich immer wieder fragt: „Wie schaffen es ausgerechnet die Unfähigsten, Widerlichsten und Unmenschlichsten an die Spitzen von Parteien und Staaten zu gelangen.“ Ganz… Mehr

Ruediger
1 Stunde her

Wendehals – wertloses Gerede – Altpartei. Kommentar-Ende

Raul Gutmann
1 Stunde her

Welche Bestien Herr Söder sieht, weiß nur er allein. Doch seit seiner Funktion als Corona-Scharfmacher dürften es viele sein.
Ähnliches gilt für seine Partei wie die seiner Mutterpartei.
Wahrscheinlich erreicht letztgennante noch diesen Monat die Prognosen den „20-30“-Zeitpunkt.
Und dann wird es mit zunehmender Dynamik „abgehen“