Muttis Bubi ist Fritzes letzter Fan

Am Wochenende hat Philip Amthor (CDU) ein neues Level in der Fremdscham-Skala freigeschaltet. Während Friedrich Merz im eigenen CDU-Saal kaum Begeisterung für sein „Wir schaffen das" 2.0 auslösen konnte, gab Amthor den tapferen wie würdelosen Applaus-Animateur.

picture alliance/dpa | Jens Büttner

Die Junge Freiheit nannte Philipp Amthor 2018 „Muttis Bubi“. Das war damals schon mehr als eine boshafte Pointe. Das war die zutreffende Beschreibung einer Person, die in der Merkel-CDU früh Karriere machte. Amthor war der alte Mann im jungen Körper, der sich anzog wie ein senioriger Sparkassen-Filialleiter. Adrett mit Krawatte, Professorenton und Staatsbürgerblick, den die Union vorzeigen konnte, wenn sie ihren verbliebenen bürgerlichen Wählern noch irgendein Zeichen geben wollte. Seht her, da ist noch einer, der nicht nach grüner Hochschulgruppe aussieht. Mehr sollte er offenbar auch gar nicht leisten.

Früh gealtert in der Parteiarbeit

Amthor hatte schon früh seine Jugend vorsorglich übersprungen. Er sprach mit Anfang zwanzig wie ein Mann, der seit Jahrzehnten Kreisparteitage protokolliert und Geschäftsordnungsanträge innerlich nach Paragrafen sortiert. Dieser altkluge Habitus machte ihn auffällig und für Talkshows brauchbar. Die CDU bekam einen Nachwuchspolitiker, der wie die Erinnerung an eine Partei wirkte, die es in dieser Form längst nicht mehr gab. Er konnte streng klingen, ohne der Parteiführung gefährlich zu werden. Genau darin lag sein Nutzen.

Amthor konnte über Leitkultur reden, über Ehe, Migration, innere Sicherheit und die Notwendigkeit bürgerlicher Ordnung. Sobald es darauf angekommen wäre, aus dieser Rhetorik Konsequenzen für die eigene Partei zu ziehen, blieb er im sicheren Bereich des Apparats. Er war kein Unruheherd im Merkel-System. Er war dessen hübsch gebügeltes Nachwuchsgesicht für jene Wähler, die sich noch einreden wollten, die CDU werde irgendwann wieder sie selbst und habe noch eine Zukunft.

So funktionierte die Merkel-CDU über 16 Jahre. Sie räumte ihre alten Positionen eine nach der anderen ab und stellte vorn ein paar Figuren hin, die nach Bonner Republik klangen und auch so aussahen. Amthor passte perfekt in diese Mechanik. Er war jung genug für den erhofften Erneuerungsprospekt und alt genug im Auftreten, um dem Unionspublikum in den Altenheimen dieser Republik enkelige Seriosität vorzutäuschen. Er sagte Sätze, die nach Ordnung rochen, während seine Partei Ordnungspolitik nur noch als Wahlkampfrequisit benutzte. Er wirkte bürgerlich, während die CDU den Bürger immer stärker als störenden Bittsteller behandelte.

Mit der CDU wird eine Linksradikale Richterin

Der Fall Barbara Borchardt zeigte, wie dünn der Lack war. 2020 wurde die Linken-Politikerin zur Richterin am Landesverfassungsgericht Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Borchardt gehörte der „Antikapitalistischen Linken“ an, einer Gruppierung, die auf Bundesebene vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Möglich wurde ihre Wahl auch durch Stimmen aus der CDU. Eine Partei, die vor Kameras gern den Schutz der Verfassung beschwört, half einer Politikerin aus einem verfassungsschutzrelevanten linken Milieu in ein Verfassungsrichteramt. Das war Union im praktischen Betrieb. Amthor saß nicht im Schweriner Landtag und hat Borchardt nicht persönlich gewählt. Doch es war seine CDU im Nordosten, sein Landesverband, sein politisches Umfeld. Die CDU hatte geliefert, Amthor sprach von bitterem Resultat. So redet ein Funktionär, der Distanz markieren will, ohne den Apparat zu verletzen. Die Empörung wird dosiert, damit sie niemandem in der eigenen Partei wehtut.

Dann folgte Augustus Intelligence. Der Mann, der sich so gern als sauberer Jungjurist des deutschen Parlamentarismus präsentierte, setzte sich für ein US-Unternehmen gegenüber dem Bundeswirtschaftsministerium ein. Bundestagsbriefkopf, Kontakt zu Peter Altmaier, Aktienoptionen, Direktorenposten: Aus dem angeblich konservativen, gelackten Musterknaben wurde ein Lobbyfall mit Seitenscheitel. Amthor erklärte, er sei nicht käuflich. Sätze, die fallen, wenn der politische Geruch längst im Raum steht.

Juristisch blieb der Vorgang ohne Folgen. Politisch klebt er an ihm fest. Gerade bei Amthor wirkte die Sache so verheerend, weil sein ganzes öffentliches Bild auf Ordnung, Korrektheit und staatstragender Sauberkeit gebaut war. Wer anderen gern erklärt, wie Institutionen funktionieren, sollte sein eigenes Mandat nicht in die Nähe privater Vorteile bringen. Augustus beschädigte Amthor.

Auch die Debatte um das Informationsfreiheitsgesetz passt zu dieser Linie. Die Augustus-Affäre wurde auch durch Akteneinsicht nachvollziehbar. Später stand ausgerechnet Amthor für eine CDU, die dieses Instrument enger ziehen wollte. Bürger und Journalisten sollen weniger leicht an staatliche Unterlagen kommen. Die Partei, die vom Vertrauen in Institutionen spricht, will die Institutionen vor zu viel Einsicht schützen. Bei Amthor bekommt diese Linie eine besondere Note. Wer durch Transparenz unangenehm sichtbar wurde, hat offenbar ein geschultes Auge für die Vorzüge geschlossener Türen.

„Wir schaffen das“? Nicht mal mit dem Applaus für den Kanzlermann

Damit ist die Figur Amthor erklärt, bevor sie am Wochenende wieder vor die Kamera geriet. Amthor ist kein konservativer Kämpfer, der in der CDU gegen den Kurs seiner Partei steht. Er ist nur der kleine alte Mann, der konservative Anmutung liefert, solange sie dem politischen Betrieb nützt. Er findet in jeder Lage eine Formulierung, die ihn selbst aus der Schusslinie nimmt. Seine Karriere lebt von dieser schlüpfrigen Beweglichkeit.

An diesem Wochenende bekam diese Karriere ein aktualisiertes Bild des Charakters. Friedrich Merz erschien zum CDU Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern vor einem Saal, der offenkundig nicht in Begeisterung ausbrach. Das kann einen Parteisoldaten vom Schlage Philipp Amthors nicht aus der Ruhe bringen. Stoisch applaudierend lief er hinter seinem Bundeskanzler her und bedeutete dem anwesenden Publikum es ihm doch nachzutun. Diese Szenen zu betrachten, in ihrer ganzen unverstellten, würdelosen Wirbellosigkeit, schaltet ein neues Level an Fremdscham frei. Amthors Auftritt erinnert an jene bezahlten Klatscher alter Fernseh-Talkshows oder Sitcoms, die dem Saal signalisierten, wann gelacht, gejubelt oder applaudiert werden sollte. Nur eben in Variante absolut würdelos. In MeckPomm handelte es sich nicht um Unterhaltung, sondern um eine komplett absaufende Partei mit einem Bundeskanzler in immer neuem Umfragetief, wo manche Bundesländer schon froh sind, wenn das Senkblei sich vor der Landtagswahl nicht mehr blicken lässt.

In Mecklenburg-Vorpommern hatten sie von der Entscheidung aus Sachsen-Anhalt wohl etwas zu spät mitbekommen. Dementsprechend ernüchtert zeigt sich dem Zuschauer auch der Zustand des anwesenden CDU-Publikums. Not amused. Nicht nur von zehn Minuten Angie Standing Ovations Lichtjahre entfernt. Man merkt eindeutig, wie schwer die Stimmung ist und wie breit die Lücke zwischen damaligem Applaus für Merz und Stand Juni 2026 ist.

Noch peinlicher wurde es am Ende. Merz stand dort, wo ein Vorsitzender am Ende seiner Rede Zustimmungsbekundungen erwartet. Der Saal blieb auch weiterhin: müdemüdemüüüüüde. Amthor wirkt besorgt, während er die Situation beobachtet, springt auf, applaudiert weiter und versucht, Bewegung in die lahmen Reihen zu bringen. Da ging kein Ruck durch. Ein Parteifunktionär versucht, Begeisterung zu starten wie einen kalten Motor. Der Motor springt nicht an. Also klatscht Muttis Bubi lauter.

Diese Szenen muss man gesehen haben. Dank an dieser Stelle an die X-Nutzer „queru_lant“ und „_horizont“.

Der Vorsitzende braucht dringend Beifall. Der Saal liefert ihn nur sehr, sehr widerwillig. Amthor rutscht nervös auf seinem Stühlchen hin und her, erkennt die Lücke – und macht seinen Job wie ein Streber vor seinem Klassenlehrer. Er gibt den letzten Applaus-Animateur für Friedrich Merz. So ist der Stand. Am Ende bleibt Fritz noch Muttis Bubi als Applaushelfer. Andere Menschen mit so etwas wie einem letzten Funken Restwertgefühl würden jetzt auswandern und ihren Namen ändern.

Die Amthor-Szene steht dabei nicht allein. 2017 musste Martin Schulz in Würzburg selbst nachhelfen, als der angebliche Schulz-Zug gerade noch als sozialdemokratisches Erweckungsereignis verkauft wurde. WELT schrieb damals, der „Messias“ habe „ein wenig nachhelfen“ müssen; der Stern berichtete von einem Videoclip, in dem Schulz Jusos zu lauterem Jubel animierte. 2026 bekam die CDU Baden-Württemberg ihre eigene Version dieser Peinlichkeit. Cicero zitierte die interne Ansage von CDU-Generalsekretär Tobias Vogt zu Manuel Hagel: „jetzt richtig Gas geben bei Manus Rede – wir stehen nach Manus Rede bitte auf und jubeln mit den Plakaten“. Applaus ist für diese absackenden und verschwundenen Parteien kein spontaner Ausdruck mehr, sondern Rohstoff der Inszenierung. Er wird angeleitet, aufgepumpt, geschnitten, gezählt und verwertet.

Und dann erinnert Amthor selbst noch einmal an einen der sehr vielen Gründe, warum selbst die CDU der CDU keinen Applaus mehr spendet und sie nicht mehr wählbar ist. Auf dem Landesparteitag spricht er von der Einführung der EUDI-Wallet am 2. Januar 2027. Die EU verpflichtet die Mitgliedstaaten, bis Ende 2026 digitale Identitäts-Wallets bereitzustellen. In Deutschland soll der Ausbau ab Anfang 2027 anlaufen. Hier entsteht die Infrastruktur für den digitalen Bürger an der kurzen Leine.

Die EUDI-Wallet soll Ausweise, Führerschein, Krankenkassenkarte, Nachweise und digitale Signaturen auf dem Smartphone bündeln. Der Staat verkauft das als Bequemlichkeit. Genau so werden Freiheitsverluste heute eingeführt: erst als App, dann als Standard, schließlich als Voraussetzung. Wer Identität, Zugang, Nachweise und Signaturen in eine staatlich regulierte digitale Infrastruktur legt, baut kein neutrales Werkzeug. Er baut eine Schaltstelle zwischen Bürger, Behörden, Banken, Plattformen, Versicherungen und Unternehmen. Der Staat bekommt eine neue Zugriffsebene gegen jeden Bürger. Amthor ist Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung. Da weiß man, was sich hinter dem modernen Wortungetüm verbirgt: Totale Überwachung. Das nennen sie dann modern.

Wer künftig also wie Merz und die CDU wissen will, „wer sich da zu Wort meldet“, braucht genau solche digitalen Identitätsstrukturen. Die Wallet ist dann nicht mehr nur Verwaltungstechnik, sondern der Ausweis für den digitalen Raum.

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Kommentare ( 7 )

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7 Comments
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Weiwei
9 Minuten her

Nichts weiter als ein schleimiger Apparatschik
Das können sie in der Duma besser

Montesquieu
12 Minuten her

Das Problem der Union sind keine einzelnen Akteure. Das Problem der Union ist, dass sie inhaltlich von Merkel ausgesaugt, digestiert und neu programmiert wurde.
Die Reste an vernünftig klingender Rhetorik täuschen eine politische Substanz vor, die es seit Merkel nicht mehr gibt.
Rein machtpolitische Mimikri. Charakterlicher Potemkin.

hansgunther
23 Minuten her

Da ist er wieder, der alte jugendliche Frauenheld mit unbändiger männlicher Ausstrahlung. „Er war jung genug für den erhofften Erneuerungsprospekt und alt genug im Auftreten, um dem Unionspublikum in den Altenheimen dieser Republik enkelige Seriosität vorzutäuschen.“ Der Herzensbrecher in den Altenheimen der Republik Selbst bei Ringelpitz mit anfassen würde er den strahlenden Vormann geben, auf den ihm folgenden Plätzen die Jungfrauen von MeckPomm im Schlepptau. Welch ein Wellenbrecher von der Ostseeküste. Felix Unio Democratica Christiana. Megapolis-Pomerania Citerior felix. Qui nos redimit?

thomas der unglaeubige
24 Minuten her

Nun, es ist wie immer: ein sehr kleines, armes Würstchen betreut, ein großes, armes Würstchen! Und ich bin Ossi und das kenne ich nur aus der aktuellen Kamera von irgendwelchen SED ParteitagEn. Und ich kann euch sagen, wenn das größere arme Würstchen Klatschhasen braucht dann ist es nicht mehr weit, bis das große, arme Würstchen ins politische Gras beißt. In Deutschland geht alles langsamer, aber es wird auch hier passieren! Und danach werden wir erleben, dass sie wieder alle Kämpfer für Meinungsfreiheit und Freiheit im Allgemeinen und Marktwirtschaft waren! Ihr im Westen habt das noch nicht kennen gelernt aber die… Mehr

ceterum censeo
40 Minuten her

War nicht gerade schon Weimer die Niveau-Senke in Bezug auf die Glorifizierung der Kanzlersimulation? Aber wie sooft in der CDU: schlimmer geht immer!

Steuernzahlende Kartoffel
43 Minuten her

Lobby-Amthor hat viel Schuld auf sich geladen und muss jeden Woke-Scheiß, jedes Gendergedöns, alles was Bundes-Fritze will mitmachen, der lt. weltberühmten AG ÖHRLINGEN nicht straffrei Lügen-Fritz genannt werden darf. Wahrscheinlich macht er noch ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft Heilbronn. Die Frage ist, ob er dort auch Anna-UN-Lena nach Rückkehr von ihrem Praktikum trifft? Die ist nämlich mindestens als Gerichtspräsidentin prädestiniert.

Last edited 40 Minuten her by Steuernzahlende Kartoffel
OJ
46 Minuten her

Mit Bubi meinen sie „Beavis“❓