Österreich stellt die Gefährdung des „Ansehens der EU“ unter Strafe

Österreichs Regierung plant ein Spionagegesetz mit Sprengkraft für die Meinungsfreiheit. Nicht nur Agenten, auch Kritiker, Journalisten und Whistleblower könnten erfasst werden, wenn ihre Arbeit theoretisch dem Staat schadet.

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Österreichische Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ), Wien, 19.02.206

Diese Novelle sorgt nun in Österreich für erste Proteste gegen die ohnehin schon in allen Meinungsumfragen schlecht liegende Bundesregierung: Mit dem neuen Spionagegesetz würden Meinungsfreiheit, investigative Berichterstattung und legitime Kritik an der Bundesregierung sowie an EU-Institutionen gefährdet werden.

Der Gesetzesentwurf, der ÖVP und NEOS bereits vorliegt und aktuell in koalitionsinternen Gesprächen behandelt werden soll, fügt dem Strafgesetzbuch einen neuen Paragrafen hinzu: Künftig soll bestraft werden, wer „zum Nachteil eines Organs, einer Einrichtung oder sonstigen Stelle der Europäischen Union oder einer anderen über- oder zwischenstaatlichen Einrichtung mit Sitz in Österreich“ für einen Nachrichtendienst spioniert. Die Strafandrohung reicht von sechs Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Besonders geschützt werden sollen EU-Einrichtungen wie EU-Parlament, Kommission und die in Wien ansässige Europäische Grundrechteagentur (FRA) sowie UNO-Organisationen und die OPEC. Weitere Pläne, auch Interessen fremder Staaten explizit einzubeziehen, wurden verworfen.

Gleichzeitig wird der bestehende Tatbestand der Spionage „zum Nachteil der Republik Österreich“ neu definiert. Laut einem aktuellen Bericht des ORF-Radios Ö1 genügt künftig eine Handlung, die geeignet ist, „die Gefahr einer Beeinträchtigung ihres Ansehens, ihrer Sicherheit, ihres Wohlstands oder anderer konkreter und bedeutender Interessen herbeizuführen“.

Der tatsächliche Eintritt eines Schadens ist also nicht mehr Voraussetzung – die bloße theoretische Möglichkeit reicht aus. Sachbeschädigungen und Cyberdelikte sollen zudem schärfer bestraft werden, wenn sie „für eine fremde Macht oder eine über- oder zwischenstaatliche Einrichtung“ begangen werden. Neu ist auch die Strafbarkeit der Rekrutierung von Agenten oder der eigenen Anwerbung, um sogenannte „Low-Level-Agenten“ oder „Wegwerfagenten“ über Social Media zu bekämpfen.

Die Reform hat eine längere Vorgeschichte: Bereits die frühere Koalitionsregierung aus ÖVP und Grünen wollte nach den langjährigen Ermittlungen gegen den Ex-Verfassungsschützer Egisto Ott das Spionagerecht verschärfen. Ott steht derzeit in einem der größten Spionageprozesse der letzten Jahrzehnte vor Gericht: Ihm wird unter anderem geheime nachrichtendienstliche Tätigkeit zugunsten Russlands vorgeworfen, es gilt die Unschuldsvermutung. Weil in der ÖVP-Grünen-Koalition aber keine Einigkeit herrschte, blieb es bei einem Erlass an die Staatsanwaltschaften. Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) betont nun, Spionage sei „ein hochaktuelles Problem“, und Österreich als Sitz zahlreicher internationaler Organisationen müsse endlich handeln. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) sprach von einem „klaren Kurswechsel“ und lobte den Entwurf.

Kritik an der EU oder an der Regierung künftig strafbar?

Doch die Weite der Formulierungen im neuen Gesetz sorgt nun für Kritik: Experten für Verfassungsrecht und Bürgerrechte befürchten einen massiven Eingriff in die Meinungsfreiheit (Art. 10 EMRK). Die Formulierung „Gefahr einer Beeinträchtigung des Ansehens“ ist so dehnbar, dass sie investigative Journalisten, Whistleblower, NGOs oder Aktivisten treffen könnte, die Missstände in der Bundesregierung oder bei EU-Institutionen aufdecken.

Wer etwa künftig über einen möglichen Korruptionsfall in einem österreichischen Ministerium berichtet oder EU-Politikbereiche wie die Agrarsubventionen oder Migrationsregelungen kritisiert, könnte argumentativ als jemand dargestellt werden, der „das Ansehen“ der Republik Österreich oder der EU gefährdet – vor allem, wenn ausländische Medien oder Organisationen die Berichte aufgreifen.

Zensur-Erfolg allein mit der Angst vor Ermittlungen

In Zeiten, in denen Wien noch immer als „Spionage-Paradies“ gilt, weil bisher nur österreichische Interessen geschützt waren, ist der Wunsch nach einem Schutz internationaler Einrichtungen grundsätzlich nachvollziehbar. Dennoch birgt die Einbeziehung der EU-Organe – darunter die Europäische Grundrechteagentur, die ironischerweise selbst für Grundrechte zuständig ist – die Gefahr, dass kritische Auseinandersetzungen mit Brüsseler Entscheidungen kriminalisiert werden. Ein Leak interner EU-Dokumente durch einen österreichischen Journalisten oder eine Demo gegen EU-Klimapolitik, die „politische Beziehungen beeinträchtigt“, könnte unter den neuen Spionage-Paragrafen fallen. Zivilgesellschaftliche Stimmen auf Plattformen wie X warnen bereits vor einem „Chilling Effect“: Kritische Bürger könnten aus Angst vor Ermittlungen schweigen.

Hinzu kommt die Strafbarkeit der „Agentenrekrutierung“: Social-Media-Kontakte, die für „einfache Operationen“ genutzt werden, könnten künftig auch eine harmlose Vernetzung von Kritikern betreffen, wenn Behörden einen ausländischen Einfluss vermuten. Investigative Arbeit oder Aktivismus können so rasch unter Spionageverdacht geraten.

Die Dreierkoalition aus SPÖ, ÖVP und NEOS hat sich im Regierungsprogramm auf ein „umfassendes Maßnahmenpaket“ gegen Spionage geeinigt. Ob der Entwurf in der vorliegenden Form Gesetz wird, hängt von den aktuellen Gesprächen ab. Bislang fehlt eine breite öffentliche Debatte – aber genau das wäre dringend nötig: Denn Sicherheit vor ausländischer Spionage darf nicht auf Kosten der demokratischen Grundrechte gehen. Ein Gesetz, das bereits die „theoretische Möglichkeit“ eines Nachteils bestraft, schafft nicht nur Rechtssicherheit für Behörden, es schafft vor allem Unsicherheit für alle, die auch künftig Österreichs Bundesregierung und die EU kritisch beurteilen wollen.

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Kommentare ( 8 )

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alter weisser Mann
2 Stunden her

Dieses Neusprech erinnert mich immer wieder an die „Schädigung des Ansehens der Nationalen Volksarmee in der Öffentlichkeit“.
Damit konnte im Zweifel schon bestraft werden, wer im Ausgang (und damit pflichtgemäß in Uniform) sich das Elend zu schön getrunken hatte.

Raul Gutmann
2 Stunden her

Frank Schätzing schrieb in seinem nicht zu überschätzenden Erstlingsroman „Der Schwarm“ sinngemäß: Ein jedes Menschenkind muß neu die schmerzhafte Erkenntnis einer heißen Herdplatte erfahren. Dagegen erinnern sich die Yrr an alles. Die Yrr sind die Erinnerung.
Eine gute Generationsspanne nach der Kollabierung des totalitären Ostblocks unter sozialistischer Ideologie scheint eine politisch mehrheitliche Führungskaste in Westeuropa dessen Instrumente nachahmen zu müssen.
„Jede Generation muß ihre Erfahrungen mit dem Sozialismus machen.“ – frei nach Vytautas Landsbergis, erstes Staatsoberhaupt Litauens nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990.

Laurenz
2 Stunden her

Das ist doch alles verfassungsfeindlich. Wir, der Mob, sind der Souverän, nicht die EU. Nur wir können majestätisch beleidigt werden, nicht unsere billigen Polit-Handlanger.

Tin
2 Stunden her

Die „EU“ ist eine Organisation wie das „WEF“. Beide dienen nicht dem Wohl der Masse. Es ist längst glasklar. Deswegen werden Gesetze eingeführt die nix mehr mit Demokratie zu tun haben, sondern Menschen die kritisch sind entrechten könnten, wie schon bei manchen Journalisten der Fall. „Vogelfrei“. Apropo, Zensur (Unternehmen+ Politik „Goalkeepers“) hier auch ein „Schmankerl“ für den September 2026:
https://keepandroidopen.org/de/

Udo Zimmermann
2 Stunden her

„VON DER SOWJETUNION LERNEN HEISST SIEGEN LERNEN“ Dieser Terminus , bekannt aus sozialistischen Staaten hält im Westen immer mehr Einzug. Gesetze werden so angepasst, das über dieses Leitbild auch der westliche Staatsschutz eine Arbeitsgrundlage hat. Was geht hier in den westliche Staaten ab ? Die Freiheitsrechte, auch die wir tatsächlich sehr stolz sein konnten, werden immer mehr eingeschränkt. Ich bin in der Tat in der politischen Freiheit groß geworden, auf meine alten Tage kann ich kein Duckmäuser mehr werden. Vermutlich wird über kurz oder lang die Weisheit bestätigt, dass sich Geschichte wiederholt.Die jetzt lebenden Westler können wohl wirklich sagen, früher… Mehr

Haba Orwell
2 Stunden her

> Mit dem neuen Spionagegesetz würden Meinungsfreiheit, investigative Berichterstattung und legitime Kritik an der Bundesregierung sowie an EU-Institutionen gefährdet werden.

Jegliche Israel-Kritik wird standardmäßig als „Antisemitismus“ diffamiert und demnächst in Österreich jegliche Staat-Kritik als „Spionage“. Man könnte auch als „Antisemitismus“ versuchen, aber das wäre bereits zu grotesk?

twsan
2 Stunden her

Tja – „ER“, bzw. sein Gedankengut ist wieder da!

Aber gänzlich anders, als es sich die Menschen vorgestellt haben.

An Ignazio Silone sei erinnert….

Udo Zimmermann
2 Stunden her
Antworten an  twsan

Silone war ein Wechsler in politischen Ansichten, deswegen auch ein Wissender. Es lohnt tatsächlich von ihm und über ihn zu lesen.