Spinnen die Deutschen?

Gold ist streckenweise ausverkauft, beim Notar herrschen Wartelisten für die Beurkundung von Immobilienkäufen. Schweizer Banken schaufeln deutsches Fluchtgeld in die Tresore – allerdings retten sich die Deutschen nicht vor dem Finanzamt, sondern vor Inflation und Währungsreform. Es sind nicht Reiche, sondern Riester-Rentner, die ein paar Krügerrands kaufen, und die Familien der Mittelschicht, die die praktischen Brückentage zu einem kleinen Abstecher nach Zürich nutzen, um dort etwas für die Ausbildung der Kinder oder das Alter zu hinterlegen.

Viele unserer europäischen Nachbarn halten uns für meschugge. Schließlich profitiert die deutsche Exportmaschine sogar, seit der Euro zum Weuro deformiert wurde; und wem schaden schon ein paar Prozent Inflation? Italien führt uns doch seit Jahrzehnten vor, dass es sich in der wärmenden Illusion von Wohlstand leichter lebt als in der kalten Furcht vor Verarmung. Viele Europäer feiern derzeit die Befreiung der Europäischen Zentralbank aus den finsteren, klammen Fängen der Bundesbank – während die Deutschen ihre Schutzburg gegen Inflation haben fallen sehen.

Geschichte entfaltet eigene Wirkmächtigkeit. Es lebt ja kaum jemand mehr, der noch bewusst die Hyperinflation der Zwanzigerjahre miterlebt hat, die Zeit, in der die Milch Milliarden und das Brot Billiarden Mark kosteten; in der Geldscheine nach Altpapierpreis taxiert wurden. Aber im kollektiven Bewusstsein der Deutschen lebt diese Angst weiter, und sie wurde durch die beständige Politik und immer wieder wiederholte Argumentation der Deutschen Bundesbank zum Gegenwartsmythos. Das ist keine deutsche Besonderheit – in Frankreich erlebt gerade die La-Fontaine-Fabel von der lebenslustigen Grille und der fleißigen, aber griesgrämigen Ameise eine Renaissance. Wir sind die Ameise.

Und es ist eben die Krux des Euro, dass er nicht nur Länder mit völlig unterschied‧lichen Wirtschaftsleistungen, sondern auch Bevölkerungen mit völlig gegensätzlichen Erwartungen zusammenspannt. Das ist keine Märchenstunde, sondern setzt sich in handfeste Politik um: Die deutsche Vorstellung einer stabilitätsorientierten Wachstumspolitik wie Ausschluss der Haushaltssünder und striktere Einhaltung des Stabilitätspakts wurden in Brüssel komplett abgebügelt. Ein dritter Stabilitätspakt, wie ihn der Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark, fordert, ist nach der derzeitigen Lage ein Hoffnungswert.

Die europäische Realität ist eine andere, und das zeigt sich auch in den Kontroversen über die Weiterentwicklung: Die Eurokraten in Brüssel arbeiten an einer Automatisierung jener Mechanismen, die zur Griechenlandhilfe geführt haben. Das Vetorecht gegen immer neue Transfer‧milliarden, auf dem Angela Merkel besteht, soll ausgehebelt werden. Deutschland will die Euro-Zone um die skandinavischen Länder, wenn möglich sogar um Großbritannien erweitern, um Unterstützer für eine nordeuropäisch geprägte Währungs- und Wirtschaftspolitik gegen die derzeitige Südlastigkeit zu gewinnen. Dagegen strebt Frankreich eine Vertiefung der Euro-Transferzone mit seinen mediterranen Partnern an.

Die Weiterentwicklung Europas ist kein tagesaktuelles Ereignis. Auch grundsätzliche wirtschaftliche Phänomene wie Inflation sind langfristige Prozesse, die sich aber schnell beschleunigen können. Wir leben in einer Übergangsphase „von einer alten in eine neue Welt“, wie es der Anlagestratege Felix Zulauf als Herausforderung beschreibt. In der werden unsere Wirtschafts- und Währungsverfassung, aber auch Europas Rolle in der Welt mit ‧neuen Großmächten wie Indien und China neu definiert.

Die Deutschen spinnen nicht – die Sorgen um Geld und Wirtschaft sind durchaus berechtigt.

(Erschienen am 29.05.2010 auf Wiwo.de)

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