Sissi am Pranger

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß? Warum ist der Steuerspartrieb bei Deutschen so besonders stark? Eine Schwarzgeldsuche.

Kaiserin Elisabeth von Österreich, bei den Deutschen als Sissi beliebt und im Film verkörpert von Romy Schneider, war eine frühe Hoeneß. Sie soll ihr Geld nicht in Wien angelegt haben, sondern sicherheitsbewusst in Genf bei der Rothschild-Bank. Mit ihr begann der Aufstieg der ansonsten so bergigen wie bettelarmen Kantone zu einem Zufluchtsort der Reichen und ihres Geldes. Während in Europa Weltkriege, Revolutionen, Massenmorde und Verfolgung wegen falscher Religion oder Abstammung tobten, vermehrten die diskreten Bankiers in Zürich und Genf das Geld der Opfer und Täter gleichermaßen. Verstoßene Despoten und gefallene Diktatoren aus der gesamten Welt schätzten die Schweiz als Bastion gegen Enteignung und allerlei politischen Wahnsinn – übrigens ebenso wie Drogenbarone, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und viele globale Einrichtungen, die sich nicht dem Zugriff eines Staates und den mörderischen Launen wechselnder Politik aussetzen wollten.

Es ist das Wesen der Neutralität, dass sie nicht nach dem Woher und Wohin von Menschen fragt, beim Geld nicht nach Gründen sucht und sich auf Zinsen und Provisionen beschränkt. Braucht die Welt so einen Ort, an dem sich nacheinander Lenin und seine bolschewistischen Revolutionäre und von diesen vertriebene russische Adelige ablösen und der später Zuflucht ist für Sozialdemokraten und Juden? Nach dem Krieg und der „Reichsfluchtsteuer“ kamen Mittelständler, die sich verfolgt fühlten vor dem näher rückenden Kommunismus, der Ehefrau oder dem Finanzamt. Aber die Frage, was die Schweiz so besonders macht, ist hinfällig: Die Schweiz ist geknackt, ihr einstiges Bankgeheimnis heute löchriger als der namensgleiche Käse. Nicht deklariertes Geld wird eingezogen. „Neue Weißgeldrealität“ nennt das der frühere Bundesbank-Chef Axel Weber, der heute an der Spitze der UBS steht.

Es wird schwer, schwarzes Geld steuerweiß zu waschen: Zwar gibt es allerlei Amnestieregelungen. Aber seit mit dem Bankgeheimnis im EU-Europa auch gleich noch das Steuergeheimnis geschleift wurde, droht der öffentliche Pranger anstelle des Datenschutzes, der doch sonst immer so heilig ist. Bürgerrechte sterben eben in kleinen Schritten, bevorzugt im moralischen Furor. Die Steuergerechten triumphieren und wissen das Recht und die Volkswut auf ihrer Seite. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Zwar ist Steuerschwindel Volkssport, aber die Wut auf die Hoeneße steigt erst so richtig, seit Angestellten jetzt auch das Ausdehnen von Arbeitsweg und Heimbüro verwehrt wird und Handwerksrechnungen nicht mehr bar bezahlt werden dürfen.

Der Politik geht es nicht um Gerechtigkeit oder um ein faires und einfaches Steuerrecht, sondern um Steuererhöhungen. Das ist Ziel der Gerechtigkeitsdebatte um jeden Preis von Grün-Rot: Deren Wahlprogramme wollen die Unternehmen sogar über jene 75 Prozent hinaus belasten, mit denen in Frankreich François Hollande die Wirtschaft stranguliert. Während Steuerhinterziehung zum schlimmstmöglichen Kapitalverbrechen hochgeredet wird, bleibt ausgeblendet, dass die heutigen Rekordeinnahmen immer noch nicht ausreichen, die Geldgier des Staates zu befriedigen – weil Steuerverschwendung komplett sanktionslos bleibt und jeder zusätzliche Steuer-Euro nur neue Ausgabenwünsche weckt, statt Schulden abzubauen. Unbedacht bleibt, wie hart die meisten Menschen arbeiten, die diese Steuerspringflut erschuften müssen, und wie schwer es ist, ordentlich zu leben, seit Leistung und Nettolohn entkoppelt sind. Dann ist der Frieden nicht mehr sicher, und die Vergangenheit lehrt, wie schnell Lämmer zum Wolf mutieren.

Aber Steuerhinterziehung, hier meine pflichtschuldige Verbeugung vor der Political Correctness, ist kriminell und nicht ungefährlich, wie das Beispiel Sissi zeigt: Anlässlich eines Besuchs beim Schließfach und bei Baronin Julie Rothschild wurde sie von einem italienischen Anarchisten ermordet.

(Erschienen auf Wiwo.de am 27.4.2013)

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