Kreischend aufwärts

Die Weltwirtschaft heute – das ist wie Schiffsschaukelfahren auf dem Rummelplatz: Mit Schwung hinab, unten wird’s dir flau im Magen, und dann wieder mit Karacho hinauf, dass die Mädels anständig kreischen. Ich will ja hier nicht den grantigen Spaß- oder Schiffsschaukel-Bremser machen, aber mir geht das zu schnell. 

Es ist ja schön, wenn die gesamtwirtschaftliche Wirtschaftsleistung nicht weiter schrumpft und noch schöner, dass sie im zweiten Quartal um 0,3 Prozent gewachsen ist. Aber erst einmal sind wir fast sechs Prozent abgestürzt, und es wird ein langer Weg sein, da wieder hinzukommen. Die Wirtschaft wird im Augenblick von der guten Laune auf den Finanzmärkten hochgetrieben – und damit von denselben Kräften, die den Absturz ausgelöst haben. Die Finanzmärkte ähneln nun aber wirklich der Schiffsschaukel, es geht immer schneller und immer weiter hinauf – und hinab und dann wieder von vorne. Die Stimmung ist besser als die renovierungsbedürftige Qualität der Fahrgeschäfte.

Seit Anfang März ist der Dax in nur sechs Monaten um 54 Prozent gestiegen – das ist der stärkste und kraftvollste Anstieg seit 2003. Damals war das ein Aufstieg mit billigem Geld, um aus dem Tief herauszukommen, zu dem das Platzen der New Economy und die Terroranschläge vom 11. September die Wirtschaft geführt hatten. Heute ähneln sich die Muster. Es sind die Banken und Finanzwerte, die am schnellsten abziehen. Sie können sich bei den Zentralbanken superbillig, nämlich für nur ein Prozent, verschulden und in den USA auch noch Schrottpapiere als Sicherheit hinterlegen. Jetzt treibt die frische Liquidität die Kurse.

Die Rückkehr der Anleger und wachsende Risikobereitschaft haben in den vergangenen Wochen Großunternehmen wie Daimler und Bayer genutzt, um sich wieder vergleichsweise günstig über die Anleihemärkte zu refinanzieren. Damit beginnt die Politik des billigen Geldes auch die reale Wirtschaft wieder zu stimulieren. Selbst die Banken können sich mit Kapital vollsaugen – wer hätte es vor einigen Wochen für möglich gehalten, dass die WestLB ganz ohne Staatshaftung 750 Millionen geliehen bekommt oder eine nur nachrangig gesicherte Anleihe der Deutschen Bank mehrfach überzeichnet wird? Das hilft allerdings den kleineren Mittelständlern wenig, die auf Kredite angewiesen sind. Denn das Risiko des konkreten Geschäfts scheuen viele Banken nach wie vor.

In der realen Wirtschaft klappt die Erholung eben nicht so schnell wie in der virtuellen Fantasiewelt der Finanzmärkte; es dauert, bis ein Drucker in Brasilien eine neue Maschine bei Heidelberger bestellt oder aus Düsseldorf eine neue Walzstraße nach Russland geliefert werden kann. Und das deutsche strukturelle Problem wird bleiben: Industriearbeitsplätze, die jetzt abgebaut werden, sind für immer dahin und woanders. Zwar haben die Konjunkturpakete, Kurzarbeiterregelung und Abwrackprämie einen Absturz der Binnennachfrage erst mal verzögert – aber langsam wächst das Misstrauen der Verbraucher.

Nachdem im Frühjahr die Konten wegen der Abwrackprämie geplündert worden waren, steigt jetzt die Sparquote auf Rekordhöhe – ein Indiz für wachsende Verunsicherung. Der Glaube schwindet, dass die Regierungen noch mehr Schulden machen können. Dem Vierfachen der gesamten Wirtschaftsleistung nähert sich jetzt die Verschuldung der USA, zu Beginn der Krise waren es 350 Prozent – und in der Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts „nur“ 250 Prozent.

Ob der Aufschwung, auf den wir alle hoffen, sich selbst trägt, wird sich erst dann zeigen, wenn die Neuverschuldung zurückgeführt wird.

Jeder erfahrene Schiffsschaukel-Kapitän weiß: Ganz oben, auf dem höchsten Punkt, da ist immer eine ganz kurze Pause, ein Stillstand. Hier entscheidet sich, ob’s vorwärts oder rückwärts kippt.

(Erschienen am 29.08.2009 auf Wiwo.de)

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