Gold für Draghistan

Gold kann man nicht essen, es bringt keine Zinsen. Und doch kaufen viele Gold. Es ist eine Misstrauenserklärung an die Währungspolitik.

Stellen Sie sich vor, Sie finden auf dem Speicher ein fettes Bündel Reichsmark oder ein Sparbuch von 1932. Mit den Geldnoten können Sie die Wände tapezieren. Für das Sparbuch empfehle ich eine Vitrine mit Messingtafel, auf der steht: “Sinnbild für die Vergeblichkeit materiellen Bemühens”. Fänden Sie aber einen Beutel mit Goldmünzen, wäre die Freude riesengroß und das Studium der Tochter gesichert. Gold ist die einzige Form Geld, die Raum und Zeit überdauert. Sein Wert wird jeden Tag in jeder beliebigen Währung in jedem Land der Welt aufs Neue festgestellt. Der Goldpreis ist derzeit hoch, aber trotzdem wird Gold jeden Tag relativ billiger: Auch staatliches Geld bringt kaum mehr Zinsen; inflationäre Tendenzen drohen es zu entwerten. Auch Gold könnte fallen – wenn die Notenbanken ihre Tresore öffnen und ihre Schätze verkaufen würden. Aber gerade die Notenbanken der Wachstumsstaaten kaufen Gold: Auch ihnen erscheint Metall sicherer als Papier in Form von Dollar, Euro oder Renminbi.

Der Preis des Goldes misst das fiebrige Misstrauen gegen die Politik. In Südamerika tauschen wenig wohlhabende Menschen die einheimische Währung in Dollar, mal fünf , mal zehn. Die Dollar werden in Plastikfolie eingeschweißt und vergraben. Auch das bringt keine Zinsen, ist aber sicherer als Bankguthaben, die alle paar Jahre abgewertet, nationalisiert oder besser noch solidarisiert werden.

Der Dollar gilt nach Gold als zweitsicherste Anlage: Seit George Washington ist kein Staatsbankrott der USA und keine Währungsreform eingetreten – eine gute Prognose für die Altersvorsorge mit Keller-Dollar. Weil das Vertrauen in den Dollar seit 230 Jahren gehärtet wurde, können sich die USA auch so viel höher verschulden: Ihnen traut man zu, was man Griechenland noch nie und Frankreich nur gelegentlich unterstellt hat – die Fähigkeit, Schulden zurückzuzahlen.

Geld ist nur ein Fetzen Papier ohne Vertrauen. Ohne Vertrauen in Währung und Rechtssystem fliehen die Menschen in Gold. Frauen in Arabien hängen sich kleine tropfenförmige Goldstücke an den Tschador – es gibt ihnen Sicherheit im Falle eines Verstoßens durch den Ehemann. Menschen in Indien haben lange Zeit Dollar-Noten dünn gerollt und in den empfindlichsten Körperöffnungen verwahrt, um sie an den Grenzbeamten vorbei nach Dubai zu schmuggeln und dort in Gold zu wechseln. Wenn Gold und Geld im Keller liegen, wird es dem Wirtschaftskreislauf entzogen, entfaltet weder Nachfrage, noch steht es für Investitionen zur Verfügung. Die Armut folgt dem Goldschatz auf dem Fuß. Die eigentliche Währung für Wachstum und Wohlstand ist Vertrauen. Es kann Jahrzehnte dauern, es herzustellen, es braucht nur Tage, es zu zerstören.

Es war Ludwig Erhards Geniestreich, über Nacht mit einer Währungsreform das Vertrauen schneller zu reproduzieren, als andere Weihnachtsplätzchen backen. Die Menschen vertrauten den Stabilitäts-Freaks in der Bundesbank, dass die schon unser Geld verteidigen. Noch ist dieses Vertrauen da. Deutschlands Boom ist auch der Noch-Existenz der Bundesbank geschuldet. Kapital fließt ins Land.

Aber schon geht die Sorge um – sind wir nicht doch Teil einer seltsamen Währung in einem Kunststaat namens Draghistan? Hilft das Gerede von der Dicken Bertha wirklich gegen Inflation? Geld ist ein scheues Reh, es flüchtet vor dem Büchsenknall in Gold oder andere Länder. Deshalb wird es gerne eingesperrt. Adolf der Fürchterliche benutzte die “Reichsfluchtsteuer”; François Mitterrand hat 1984 die Mitnahme von Franc ins Ausland verboten. François Hollande will Geldexportverbote für Erlöse aus Unternehmensverkäufen. Die Wut deutscher Linker und Finanzminister auf die Schweiz, dieser Rettungsinsel, die trockenen Fußes erreichbar ist, lässt Nachdenkliche in Versteckgeld investieren, in Gold. Das feine Klingen des Goldes ist das Echo auf solche Drohungen.

Das alles ist unproduktiv. Aber die individuelle Wahrnehmung beginnt sich von den lauten Versprechungen abzuwenden.

Mit jedem EU-Gipfel mehr.

(Erschienen auf Wiwo.de am 01.12.2012)

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