Die böse Bürgschaft

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande – so hebt Friedrich Schillers große Ballade „ Die Bürgschaft “ an. Sie wird gelesen als Hohelied höchster Freundestreue. Hier die Internet-Variante: Damon, der Möchtegern-Tyrannenkiller, wird ertappt und zum Tod verurteilt. Er erhält noch schnell drei Tage Freigang, um seine Schwester zu verheiraten. Als Bürge geht sein Kumpel in den Knast. Damon kriegt die Schwester zwangsverheiratet, aber ist per Bahn unterwegs. Die ist verspätet, mit dem Ende des Freigangs aber wird der Freund kaltgemacht und Damon haut deshalb richtig rein. Er kommt gerade noch pünktlich, um den Kumpel zu befreien: „Mich, Henker“, ruft er, „erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!“ 

Deutschland ist in der Rolle des Bürgen. Wir stehen mit der märchenhaften Summe von 148 Milliarden Euro bereit, anderen Staaten des Euro-Währungsverbundes die Schulden zu bezahlen. Im Mai schien diese Summe, Teil des 750-Milliarden-Rettungsschirmes, mehr als ausreichend groß. Auf drei Jahre war die Laufzeit befristet. Das erschien genug Zeit zu sein, in der Griechenland und Irland, aber auch Portugal und Spanien ihre Schulden selbst bewältigen können. Aufflammende Steuerzahler-Ängste wurden mit dem Hinweis weggewischt, dass „bürgen“ ja nicht „zahlen“ heiße, sondern nur eine Art Garantie darstelle, die so schnell verfalle wie sonst nur eine vom griechischen Gebrauchtautohändler „Dionys Cars“.

Im November nun das, was bei Bürgschaften häufig geschieht: Statt zu schrumpfen, wuchs die Schuldenlast der Problemstaaten so gewaltig, dass sie diese aus eigener Kraft nicht bewältigen können. Diese Erkenntnis setzt einen Teufelskreis in Gang: Die irrwitzigen Milliardenbeträge aus der Inanspruchnahme der Bürgschaften könnte die Haushalte auch der leistungsstärkeren Staaten in einem Maße belasten, dass sogar Frankreich Schwierigkeiten kriegen könnte. Durch den Ausfall immer weiterer Bürgen aber steigt die Belastung für den Stärksten im Bunde, für Deutschland. Weil beim Geld die Freundschaft aufhört, kracht es nun in der Europäischen Union. Was vor einem halben Jahr noch als Schwarzseherei gegeißelt wurde, ist heute Realität: Die Europäische Währungsunion befindet sich im „Überlebenskampf“, so EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy. Die Summen sind gewaltig; nur noch von jenen übertroffen, die durch Nicht-Handeln entstehen oder durch das Ende der Europäischen Union – der ultimativen Katastrophe.

Auch das bisher geübte Ablenkungsmanöver, es seien nur ein paar Spekulanten in die Flucht zu jagen, zieht nicht mehr. Es sind die öffentlichen und privaten Schulden, die gemessen an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu hoch sind. Und es zeigt sich, dass eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht gut funktionieren kann. Der dumme Krieg unbedachter Wörter der EU-Partner verunsichert die Märkte weiter. Der Vorrat an Gemeinsamkeit zwischen den Staaten der Union scheint in der Euro-Krise verbraucht zu sein. Und wir kennen das schon aus der Finanzkrise: Banken, die sich wie eine scheue Schafherde verhalten, nehmen den Steuerzahler in Haft für ihre unverantwortliche Kreditvergabe. Also könnten in den kommenden Monaten Bürgschaften fällig werden, um die Konstruktionsfehler der Währungsunion zu beheben. Aus Bürgschaften aber werden schnell Milliarden-Transfers, wenn die Empfänger erkennbar nicht in der Lage sind, die Kredite zu bedienen. Deutschland bürgt nicht nur für treue Freunde, sondern auch für eine Transferunion, in der jeder die Hand möglichst tief in der Tasche des Nachbarn hat.

Bei Schiller ist der Tyrann lernfähig. „Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn – So nehmet auch mich zum Genossen an. Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte.“ Gefühle kennen die Finanzmärkte nicht, und anders als bei Schiller droht in der EU, wenn nicht schnell eine Einigung erfolgt:

Der Bürge ist am Ende der Dumme.

(Erschienen am 20.11.2010 auf Wiwo.de)

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