All-you-can-eat-Pillen

Angefangen hat es mit der Flatrate fürs Internet; Handytarife folgten. Banken, Makler, Restaurants; Kultur – einmal bezahlen, dafür unbegrenzt und immer konsumieren, das ist das aktuelle Erfolgsrezept im Marketing. Mittlerweile zeigen sich die Schattenseiten: Auf Flatrate-Partys saufen sich Jugendliche zu Tode; ein Flatrate-Bordell potenziert die Unmoral; und „All-you-can-eat-Restaurants“ werden von Kulturkritikern gebrandmarkt: Wenn sich alle die Teller vollschaufeln, anschließend die Bäuche vollschlagen, ehe die Mülltonne verschluckt, was der Einzelne hat und nicht mehr schafft – dann sinkt notwendigerweise die Qualität. Das Feinschmeckerbuffet wandelt sich zum Schweinekoben, in dem viel, aber möglichst Billiges auf die gierigen Fresser wartet. Gute Küche geht anders.

Dabei wird die wohl wichtigste Flatrate kaum diskutiert: die im Gesundheitswesen. Denn das funktioniert wie eine Flatrate: Wer einmal seinen Beitrag bezahlt hat – der erhebt unbegrenzt Anspruch auf Apotheken, Ärzte, Kuren, Kliniken und Massagen. Jahrzehntelang hat so der Gesundheitspark funktioniert – einmal drin, war alles möglich, und das umsonst wie sonst nur noch Ulla Schmidts Urlaubsdienstwagen. Zwar gibt es neuerdings eine Praxisgebühr, doch die ist sozial zur Unwirksamkeit abgefedert. Und so zeigen sich im Gesundheitssystem alle jene Konsequenzen, die jetzt anhand von Bordellen, Saufpartys und Sushi-Bars staunend diskutiert werden: Nichts in diesem Land ist so billig wie ein Arztbesuch; und deshalb sammeln sich in den Wartezimmern die eingebildeten Kranken. Der Arzt spendet Trost den Einsamen; in der Schlange warten Kranke auf einen fernen Termin.

Kuren und Massagen sind die Leckereien im „All-you-can-eat-Pillen-Restaurant“. Wer sich in der Warteschlange nicht nach vorne boxt, muss auf dem welken Salatblatt herumkauen. Viele scheinen wie getrieben vom Zwang, die Beiträge irgendwie herausholen zu müssen. Was nichts kostet, ist nichts wert. Verachtungsvoll wird mit dem großartigen Wissen der Ärzte umgegangen, und das in Medikamenten gebündelte Know-how jahrzehntelanger Forschung landet auf dem Müll. Eigenverantwortung ist Fehlanzeige. Unser kostbares Gut, die Gesundheit, wird von vielen verraucht, versoffen und verfressen – am Montag gibt’s die Gratispille für die ruinierte Leber, den gestiegenen Zuckerwert, das erdrückende Übergewicht.

Ärzte müssen sich verhalten wie der Hotelier, der sich zum Einheitspreisbuffet hergibt: Alles muss billiger werden, alle mehr leisten für weniger Geld. Denn die Beitragshöhe ist nicht mehr steigerbar. Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Ärzte für ihr Können kassieren dürfen. Eine Spritze für neun Euro – dafür schreibe ich keine Zeile, und kein Handwerker rührt eine Hand. Ich bewundere das Engagement von Krankenschwestern und Pflegepersonal. Aber irgendwann streikt auch der Fleißigste. Dann sinkt die Qualität. Feinschmeckerrestaurant mit „all you can eat“ zum Einheitskampfpreis gibt es nicht. Qualität hat ihren Preis, nur im Gesundheitswesen darf das nicht sein.

Sprechen wir aus, was Kassen, Ärzte und Gesundheitsministerium verschweigen: Noch gibt es Spitzenqualität – aber in der Breite sinkt sie ab. Das weltbeste Gesundheitssystem für alle ist längst eine Fassade, hinter der alte Menschen oft unterversorgt versteckt werden. Sie leiden Durst im Sommer und hungern im Winter, wenn ihnen nicht eine für die Klinik bequeme, aber quälende Magensonde gesetzt wird. Zeit für Fürsorge – Fehlanzeige, immer öfter. Am Restaurantbuffet muss es nicht immer Kaviar sein – aber wenn beim Arzt oder in der Klinik einzelne Leistungen gekappt, beschnitten oder rationiert werden, dann ist das quälend, schmerzhaft – im schlimmsten Fall: tödlich.

So taumelt unser Gesundheitssystem in die Flatrate-Falle.

(Erschienen am 15.08.2009 auf Wiwo.de)

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