Big Datas Präsident

“Big Data” hat den US-Wahlkampf entschieden und nicht Big Business. Gewinnt Big Brother demnächst auch die Bundestagswahl?

Die Zahlen sind monströs: Aus 500 Datenbanken haben die Wahlkämpfer Barack Obamas Persönlichkeitsprofile von fast 200 Millionen Wählern destilliert: politische Einstellung und private Vorlieben, Freunde, Adressen, Hobby und Handynummer. Noch am Wahltag erhielten Millionen von Wählern E-Mails oder Anrufe, sie mögen doch bitte zur Wahl gehen – mitgeliefert wurden die Handynummern von Freunden, die man ebenfalls anrufen sollte. Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA war der Triumph von Big Data, der systematischen Ausbeutung all jener winzigen elektronischen Puzzleteilchen unseres Lebens, die man tagtäglich und unvermeidlich auf Facebook und Google, auf Internet-Seiten und beim Klick auf Tastatur oder Smartphone erzeugt und die, gesammelt, gesiebt und aggregiert, ein fein gepixeltes Bild unserer Vorlieben, Einstellungen und Wahlabsichten, den “sozialen Graph”, ergeben. Wie biedermeierlich kommt da der deutsche Wahlkampf daher: Da werden Rosen an Passanten verschenkt, die nie und nimmer SPD wählen, da putzen CDU-Kandidaten Türklinken von Menschen, die sich nie und nimmer bekehren lassen. Und grüne Wahlbroschüren verstopfen die Mülleimer bei Grünen-Hassern. Obamas Wahlhelfer dagegen wurden per App zielgenau zu jenen Türschildern gelotst, wo Anhänger wohnen – von “sicherer Obama-Wähler” bis zu “überzeugter Republikaner” reicht die siebenstufige Skala des gläsernen Wählers, die Big Brother ausgespäht hat.

Es war auch ein Wahlkampf der sozialen Netzwerke, von Facebook und Twitter. 32 Millionen “Likes” auf Facebook konnte Obama einsammeln, nur 12 Millionen Mitt Romney. Hatten vor vier Jahren noch die großen TV-Networks die Nachrichtenlage beherrscht und die Bürger deren Bilder auf Twitter kommentiert, so hat sich das umgekehrt. Jetzt berichtet das Fernsehen über das, was Bürger twittern. Das ist eine Umkehrung der Funktionsweise der öffentlichen Meinung: Nicht mehr die Kommentatoren vor den Kameras dirigieren mit dem Mikrofon die öffentliche Meinung, sondern der Schwarm der Tweets hat den Granden der alten Medien die Deutungshoheit entwunden – und die meisten Twitterer sind Obama-Fans.

Die Ausbeutung der Social Networks durch Big Data verändert die Inhalte des Wahlkampfs. Auf den elektronischen Plattformen lassen sich viele Gruppen bilden, die gezielt angesprochen werden können. Obama bündelt so bisherige Minderheiten zur neuen Mehrheit. Romneys Wahlkampf richtete sich dagegen in bewährter Manier an den Typus “weißer Mann” – der wegen der vielen ethnischen Minderheiten, sich immer weiter verkleinernden Gruppen und eigenständiger Frauen längst nicht mehr mehrheitsfähig ist. Obamas Wahlkampfmaschine bediente die Befindlichkeiten der verschiedenen Gruppen, um zielgruppengenau die Person Romney zu diffamieren – seinen Glauben oder Reichtum, elitäres Gehabe oder vermeintliche soziale Kälte. Romney thematisierte Obamas Versagen, die zunehmende gesellschaftliche Spaltung, den maroden Zustand der Infrastruktur, den brutalen Einsatz der Killerdrohnen – und unterlag. Er veröffentlichte seine Einkommensteuererklärung, seinen Ruhepuls, sogar die Größe seiner Prostata. Dagegen wirkt Peer Steinbrücks Umgang mit Honoraren peinlich-verklemmt. Trotzdem verfing Romneys Offenheit nicht gegen die Schwarm-Agitation der Obama-Data-Gang.
Die sozialen Wucherungen des Internets bestimmen den Wahlausgang, sie sind die Speerspitze eines neuen Marketings. Unternehmen, ergab unsere Diskussion mit drei Top-Managern, bauen bereits ihr Geschäft, die Kommunikation und Führung um: für den „Erfolg im digitalen Zeitalter“ und um der neuen Macht der Kunden zu begegnen. In der deutschen Öffentlichkeit und Kultur, wo politische Meinung meist nur in der Wahlkabine offenbart und vom Datenschutz manisch beherrscht ist, mag das nicht funktionieren. Noch nicht.

(Erschienen auf Wiwo.de am 10.11.2012)

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