Arcandor muss weg

Noch nie ist mir eine Zeile so schwer gefallen wie diese: „Arcandor muss weg“– ich weiß, wie sich 53 000 Beschäftigte und ihre Familien in Deutschland fühlen. Aber ich halte die Forderung von Arcandor nach 650 Millionen Euro Unterstützung aus der Staatskasse für Irrsinn. 

Arcandor oder Karstadt, wie der Laden vor seiner schönfärberischen Umbenennung hieß, ist kein Opfer der Finanzkrise. Der Einzelhandel ist bislang nicht eingebrochen, Kaufhof etwa macht Gewinn. Arcandor ist jahrzehntelang kaputtgewirtschaftet worden. Ausgezeichnet war nur die Schönmalerei in den Bilanzen, bemerkenswert die fragwürdigen Immobiliengeschäfte, an denen sich Top-Management und Hausbanken beteiligt haben, skandalös die großartigen Gehälter, Boni und samtenen Ruhekissen für Vorstände, die so unfähig waren, dass es sogar für Karstadt peinlich wurde. Und dafür soll der Steuerzahler bluten? Niemand hilft den vielen Mittelständlern, die jetzt Kündigungen aussprechen müssen; warum Karstadt, und nicht Hertie?

Ebenso wenig Mitleid habe ich mit Opel, Porsche oder Schaeffler: Wer sich verspekuliert oder es nicht schafft, sein Unternehmen wettbewerbsfähig zu machen, hat die Folgen zu tragen. Schnell wird heute übersehen, dass, wenn Firmen verschwinden, die Arbeitsplätze trotzdem erhalten bleiben können. Das operative Geschäft der Schaeffler-Gruppe wird weitergehen – die Welt braucht Wälzlager, nicht Maria-Elisabeth Schaeffler. An den guten Lagen von Karstadt wird weiter verkauft werden.

Was an Opel wertvoll ist, wird Anhänger finden – was marode ist, muss weg. Der ständige Zwang zur Erneuerung der Wirtschaft darf nicht außer Kraft gesetzt werden, es sei denn, wir alle wollen zukünftig in einem Industriemuseum als schlecht bezahlte Aushilfswärter enden, die von neugierigen Chinesen eine Banane durchs Gitter gereicht bekommen.

Aber es geht nicht nur um Subventionen. Es geht auch um das Versagen der Eliten. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick ist eine Schande für die Klasse der Manager: Statt dafür zu sorgen, dass endlich die richtige Ware ins Regal kommt, erpresst er die Politik. Das ist so beschämend wie so manche Banker, die Milliarden verdummt haben und trotzdem Boni kassierten – und nun weitermachen, als wäre nichts geschehen.

Es versagen aber auch die Gewerkschaften. Für ein paar Aufsichtsratspöstchen geben sie ihre gesellschaftliche Kontrollfunktion auf und spielen das Spiel der Manager mit. Sie organisieren die Demonstrationen, mit denen die Eigentümer von Schaeffler und Arcandor den Raubzug auf die Staatskasse gewinnen wollen. Die Betriebsräte von Porsche und VW sind längst nicht mehr Belegschaftsvertreter, sondern Lautsprecher ihrer Herrn; sie sprechen aus, was der Vorstand (noch nicht) sagen kann oder mag. In der Bevölkerung macht sich ein Gefühl der Ohnmacht breit, wenn sich die Eliten untereinander bedienen. Das ist eine echte Gefahr für unsere Demokratie.

Die Parteien reagieren hilflos: Die Linke gaukelt vor, mit ein paar Euro mehr für Hartz-IV-Empfänger sei die Krise auszutreten; die Grünen wollen am liebsten uns alle zu subventionierten Landschaftspflegern oder Windradbastlern umerziehen.

Die Minister von SPD und CDU kann man nur bedauern – wer hier und heute noch ordnungspolitische Wahrheiten ausspräche, würde von beiden Seiten niedergemacht, von links wie von rechts, von Unternehmern, Bankern und Gewerkschaftern gleichermaßen. Also machen sie die Kasse auf. Dabei kommen die wahren Probleme erst noch. Ab Herbst werden Tausende Unternehmen Antrag auf Staatsknete stellen müssen – Werften und Maschinenbauer machen den Anfang der Finanzkrisenopfer. Es wird eng. Konzentrieren wir uns auf das Unvermeidliche, nicht auf die Abzocker von Arcandor und Co.

(Erschienen am 23.05.2009 auf Wiwo.de)

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