Wer das Beste für die EU will, der sollte es wagen, der EU auch mal »Nein« zu sagen

Mit der EU verhält es sich wie mit der Gesundheit: Wer immer nur Zucker bzw. Machtfülle frisst, der wird daran platzen. Wer das Beste für die EU (und Europa) will, der sollte Leute wählen, die es wagen, der EU auch mal »Nein« zu sagen.

JOHN THYS/AFP/Getty Images

Eine Dummheit ist allzu oft endgültig, die kluge Erkenntnis dagegen ist immer nur vorläufig. (Ich schrieb dazu: »Das Weltbild von Linken ist auf Lügen gebaut – doch was ist die Wahrheit?«)

Die Vorläufigkeit ist ein unabdingbarer Teil ehrlicher Wahrheitssuche, und das kann zu Konflikten führen, wie wenn zwei Ochsenkarren sich zur gleichen Zeit durchs selbe enge Tor schieben wollten.

Wenn zwei jeweils für sich plausible Erkenntnisse einander ins logische Gehege geraten, nennen wir es eine Paradoxie.

Klassische Paradoxien, ins Moderne übersetzt, lauten etwa: »Kann die EU einen Stein erschaffen, der so groß ist, dass sie ihn selbst nicht heben kann?« (Antwort: Ja, sie kann: sich selbst.) – Oder wenn ein Journalist sagte, alle Journalisten seien Lügner, wäre er dann selbst ebenfalls ein solcher oder eben nicht, und dadurch dann doch – und so fort? (Zum Thema: »Kreta – Zeus, Taki und Sirtaki«, via ardmediathek.de)

Ein neues Produkt

»Die Industrieaufträge«, so lasen wir etwa in welt.de, 4.4.2019, »sind so stark gefallen wie zuletzt in der Finanzkrise.«

Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands schwingt derzeit eher abwärts, trotz all der vielen neuen Fachkräfte, doch das liegt einzig daran, dass wir noch keinen Weg gefunden haben, Paradoxien auf Paletten zu schnüren und containerweise zu exportieren.

Es ließe sich eine lange Liste erstellen all der Paradoxien und politischen Schelmenstreiche (abgekürzt: »PUPSCH«). In deutschen Innenstädten ist das durchdeklinierte Toleranzparadox zu besichtigen. Mancher Greifvogel fand sein Ende in der metallgewordenen Paradoxie, die Wälder und Anhöhen zu verschandeln und zu beschädigen – um die Umwelt zu retten. Ein Dauer-Paradox deutscher Debatte ist die Feststellung, dass ausgerechnet die, welche am penetrantesten ihr »gegen Rechts«-Mantra runterleiern, die echten Rechten von damals channeln (etwa durch Übernahme von Ideen aus dem NSDAP-Programm oder durch Versuche, wieder »Lebensraum im Osten« für die eigene Klientel zu erzwingen).

Soll man sich denn noch wundern und ärgern? Soll man noch schimpfen über all die Paradoxien? – Ja, man soll … man muss!

Über die Regierung zu schimpfen ist für den Bürger wie die Nierenwäsche für den Dialysepatienten; es kann lästig sein und es wird bald repetitiv, aber es ist lebenswichtig und damit auch erleichternd, denn das angestaute Gift muss ja raus aus dem eigenen System – und doch hofft man jeden Tag auf den Nieren- beziehungsweise Regierungswechsel.

Wenn Wissenschaftler doch nur einen Weg fänden, Strom aus Paradoxien und Absurditäten zu gewinnen, dann könnte Deutschland den ganzen Erdenkreis mit Energie versorgen und dazu die Milchstraße auf angenehme Zimmertemperatur hochheizen (den anfallenden Abfall verklappen wir dann, wie üblich, in den Nischenprogrammen der ARD, da findet ihn auch in zehntausend Jahren niemand).

Die EU als Luftballon

In den USA breiten sich die Masern aus (welt.de, 26.4.2019), in Berlin die Krätze (rbb.de, 28.12.2018), und in den Kolonien des Brüsseler Reiches grassiert wieder einmal der EU-Wahlkampf.

Der deutsche, tschechische, französische und so weiter Bürger (wohl auch der britische Bürger!) findet sich hinsichtlich seiner Wahlentscheidung in einer Paradoxie wieder – wählt er zum Wohl seines Landes und damit Europas – oder zum Wohl der Bürokratie, die sagt, sie selbst sei Europa?

Für Brüsselokraten ist die EU ein Luftballon, für den sie keinen Plan haben, außer dem, ihn immer weiter aufzublasen, vor allem mit deutschem Geld. Was aber geschieht mit einem Luftballon, der immer und immer weiter aufgeblasen wird?

Es ist ein Paradox, zumindest auf den ersten Blick: Wer die EU langfristig schwächen will, muss jene angeblichen „EU-Freunde“ wählen, welche Brüssel allmächtig wie einst den Sonnenkönig und fett wie ein überzüchtetes Mastschwein machen wollen; man erkennt sie am fanatisierten Blick, an den Phrasenapparaten, wo andere Leute ein Hirn und ein Gewissen betreiben, und neuerdings stets an der EU-Flagge neben ihren Namen. (Was bewegt eigentlich einen Menschen, immerfort nach außen zu bekunden, dass sein Mantel auch wirklich im Wind hängt. Fürchtet er, man könne es übersehen?)

Nehmen wir etwa den latent postdemokratisch wirkenden CDU/CSU-Kandidaten, welcher der neue Mr. Ischias an der Spitze der EU werden möchte (siehe Text dazu »Das EU-Wahlprogramm von CDU/CSU und die Sehnsucht nach dem Europa-Staat«) oder die »Europa ist der Anfang«-Weltmachtphantasien der Grünen (siehe etwa achgut.com, 29.4.2019; aber auch »Wovon Grüne träumen – die Föderale Europäische Republik«vom 28.3.2019) – wer für EU und Europa mehr Demokratie und weniger grinsefaschistische Phantasien von einer Diktatur des Guten unter NGO-Aufsicht wünscht, der sollte gerade die zu wählen unterlassen, welche am penetrantesten von sich krakeelen, sie seien »Europäer«.

Mit trauriger Wut

Lassen Sie uns einen menschlichen Körper als Metapher für die EU wählen – ein Körper mit der Seele eines unvernünftigen Kindes.

Es soll vorkommen – und es endet selten gut – dass die Elternteile nicht an einem Strang ziehen. Da sagt ein Elternteil: »Hier, nimm Schokolade! Lass mich deine Jacke für dich aufheben! Werde fett und rund!« – Der andere Elternteil aber sagt: »Lass die Schokolade sein. Lerne Selbstverantwortung. Räume nach dir selber auf.« – Welches Elternteil wird in dem Moment »beliebter« sein? Wir ahnen es.

Doch, das Elternteil, welches das Kind rund und fett und verantwortungslos werden lässt, das ist auch das Elternteil, an das sich viele Jahre später das Kind mit trauriger Wut zurückerinnern wird.

Den EU-Kandidaten, die für eine dicke, zentralistische EU stehen, ist es schnurzpiepegal, wie sie in ein paar Jahren angesehen werden. Deren Renten und Versorgung sind sicher. Wenn sie überhaupt Kinder haben, so haben diese dann längst ihre garantiert selbstgeschriebene Doktorarbeit an irgendeiner Luxus-Uni abgegeben und jetsetten sich durch die Plastikwelt der Eliten.

An ungeraden Tagen

Es ist paradox, aber nur auf den ersten Blick: Wer seinem Körper etwas Gutes tun möchte, der sollte seinen Körper auch mal »quälen«, ihm Kalorien entziehen, ihn Belastungen aussetzen, und öfter »Nein« als »Ja« zu seinen Lüsten und Launen sagen.

Es ist paradox, aber nur auf den ersten Blick: Wer Europa und der EU etwas Gutes tun möchte, der sollte Politiker wählen, welche die EU auch mal »quälen«, welche die Brüsseler Bürokratie nicht nur kurz vor Wahlen auf Diät setzen möchten, welche den an ungeraden Tagen schon mal ans Irre grenzenden Machtphantasien Brüsseler Bürokraten öfter »Nein« als »Ja« sagen.

Brüsseler Bürokratie und Machtansprüche werden so lange wachsen, wie man sie wachsen lässt, bis nichts mehr da ist, außer eben diesen.

Fäden zwischen den Zähnen

Ich sage meinen Kindern immer wieder »Nein«, doch nicht weil ich ihnen Böses will, sondern weil ich für sie das Beste will! Nun sind meine Kinder wahrscheinlich etwas weiser als der durchschnittliche Brüsselokrat, und doch gilt Ähnliches: Wer das Beste für Europa, die EU, für die europäischen Länder und ihre Bürger will, der muss dem Brüsseler Wunschdenken immer wieder und immer wieder deutlich »Nein« sagen.

Ich habe jetzt Lust auf einen Kaffee samt Schokoladenkeks. Meine Mutter hat Bio-Schokoladenkekse geschickt, doch ich werde sie jetzt nicht antasten. Ich sage mir »Nein!«, und ich werde mir den Kaffee schwarz zubereiten. Später werde ich einen Salat essen, und ich werde Elli fragen, was das für lange grüne Stangen sind, die sie da gekauft hat, die solche Fäden zwischen den Zähnen hinterlassen.

Es ist paradox, doch nur auf den ersten Blick: Ich tue mir etwas Positives, indem ich mir etwas negiere. Jede Erkenntnis ist nur vorläufig, und im Moment scheint mir das präzise überlegte Nein-Sagen vorläufig die klügere Vorgehensweise zu sein. Dem Wunsch nach süßer Speise beziehungsweise Machtfülle unbegrenzt nachzugeben, das schiene mir eine so endgültige wie nachhaltige Dummheit zu sein.

Es ist eine gute Idee, sich selbst häufiger »Nein« zu sagen, und bei den EU-Wahlen 2019 scheint es mir ratsam, Politiker zu berufen, die an unserer Stelle der Bürokratie regelmäßig zurufen: »Nein, EU, tu das nicht – denk an deine Linie!«


Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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Kommentare ( 6 )

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6 Kommentare auf "Wer das Beste für die EU will, der sollte es wagen, der EU auch mal »Nein« zu sagen"

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Das ist der falsche Weg, Macht- und Einflusspositionen werden immer Machtgierige und Aufspieler anziehen, die wiederum alles daran setzen werden, noch mehr Macht, noch mehr Inszenierungsmöglichkeiten für sich herauszuwringen. Siehe die komplette Menschheitsgeschichte und vor allem die“EU“-Kader.
Vielmehr muss die „EU“ delegitimiert werden und dann alles illegitime vollständig abgeschafft werden.
Alles andere wird nicht zum Erfolg führen.

Ja zur EU – nein, wenn’s und dort wo’s schief läuft. Eigentlich klar. Am 26. Mai kann man was machen. Als Wähler. Dabei die wählen, die es mit dem Dalai Lama halten: Europa gehört den Europäern, nicht dem Islam. Die islamische Invasion und Zumutung ist das einzig wirklich große Problem des größten, innovativsten und kaufkräftigsten Binnenmarktes der Welt. Diese Trias gilt. China/ Indien sind nur an Bevölkerungszahlen größer – genau deren Problem. Die islamische Welt ist noch größer unter diesem Aspekt, deren Hauptproblem. Wenn schon zwei Dumme noch lange keinen Gescheiten ergibt, wie wird das wohl mit zig Millionen, mit… Mehr

Ich wollte eigentlich (eigentlich – was für ein Wort…) nicht mehr wählen. Aber – auch schon vor dem Lesen dieses Artikels – doch entschieden, zu wählen. Mit NEIN zur EU- BLASE. Ich kann sie nicht mehr hören, diese Phrasendrescher. Und trotzdem tun sie mir irgendwie (irgendwie – was für ein Wort) leid. Und gerade deshalb.

Ja, Herr Wegner, Sie haben ja so recht.
Passt nahtlos zum heutigen Beitrag von Klaus-Rüdiger Mai: EU: Zeit für Geschrei. **

Weil ich das Beste für die EU will, gehe ich wählen. Und ich werde mir dabei den Titel oben zu Herzen nehmen. Klatschhasen wähle ich nicht.

Karli
Werde ich auch, aber ich habe zunehmend ein Problem damit, denn die Eurokraten werden jede Stimme als Zustimmung zu der durch nichts, außer dem absoluten Willen der Politikerkaste, legitimierten EU werten. Und eigentlich wollte und will ich keine EU!