Stasi-Knast macht wieder auf – für einen Tag

Ganz anders als gedacht hat sich für eine Ausflugsgruppe ein Besuch der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen entwickelt. Ungewollt kamen die 20 Touristen in den Genuss des vollen SED-Feelings – Freiheitsentzug inklusive.

IMAGO / Jürgen Ritter

Ein „spannendes Drecksloch“ nennt Dominik Koch die deutsche Hauptstadt. Die allermeisten Nicht-Berliner dürften ihm da sofort zustimmen (die meisten Berliner vermutlich auch).

Besonders das ehemalige Stasi-Gefängnis im Stadtteil Hohenschönhausen hat es dem Arzt aus Aschaffenburg angetan. Seitdem er den düsteren Ort zum ersten Mal selbst besuchte, war für ihn klar: Das müssen seine Kinder auch einmal sehen. Zwecks politischer Bildung und so. DDR zum Anfassen.

Am Morgen des 1. Mai packt Koch seine Familie in den Zug. In Berlin angekommen, machen sie sich auf den Weg nach Hohenschönhausen: Tochter Linnea, Sohn Finnegan und dessen Freundin Matilda. Nur Mutter Sandra bleibt wegen akuten Unwohlseins im Hotel.

Man kann das für Schicksal halten, wie die Zeitung „Berliner Kurier“ berichtet – und wir gleich sehen werden.

*****

Kurz vor vier Uhr nachmittags erreicht die Reisegruppe Koch gerade noch die letzte Führung des Tages. Der Rundgang führt durch kahle Flure, düstere Verhörräume, karge Zellen. Die beklemmende Architektur des sozialistischen Repressionsapparates.

Nach rund anderthalb Stunden sitzen die 20 Teilnehmer der Führung in einem Besprechungsraum. Der Tour-Guide erzählt gerade Gefängnis-Anekdoten. Plötzlich wird es dunkel. Das Licht geht aus.

Kurzes Schweigen. Irritierte Blicke.

Der Tour-Guide drückt auf den Schalter. Das Licht geht wieder an. Man lacht erleichtert. Wahrscheinlich irgendein technischer Defekt. Denkste. Denn als die Gruppe wenige Minuten später das Gelände verlassen will, stellt sich heraus: Erst war das Licht weg. Jetzt fehlt die Freiheit.

Alle Türen: verriegelt. Fenster: vergittert. Haupttor: verschlossen. Und keine Menschenseele mehr da. Offenbar ist der Pförtner davon ausgegangen, dass sämtliche Besucher schon draußen sind. Ein klassisches Missverständnis – nur leider an einem Ort, der jahrzehntelang genau dafür berüchtigt war, Menschen gegen ihren Willen festzuhalten.

Während andere Touristen am Brandenburger Tor Selfies machen, sitzt Familie Koch im ehemaligen Stasi-Knast fest. Eingesperrt. Wirklich eingesperrt.

Schon weit weniger entspannt, versucht der Tour-Guide hektisch, jemanden per Telefon zu erreichen. Erfolglos. Niemand geht ran. Die Stimmung kippt langsam von „lustige Anekdote“ zu „bedrückender Gefängnisfilm“. Ein kleines Kind muss dringend auf Toilette. Bei der Gelegenheit entdecken auch andere Teilnehmer dasselbe Bedürfnis. Doch auch die Toiletten sind inzwischen, man ahnt es: verschlossen.

Der ehemalige Stasi-Knast ist plötzlich wieder in Betrieb.

*****

Schließlich wird es Dominik Koch und seinen Teenager-Kindern zu dumm. Auf eigene Faust starten sie eine Art Escape-Room-Version der DDR-Geschichte.

Sie wandern durch die dämmrigen Gänge, vorbei an verschlossenen Zellentüren, vergilbten Honecker-Porträts und verwaisten Büros. Treppenhäuser werden erkundet, Türen geprüft, Flure abgesucht. Überall Gitter, Schlösser und dicke Mauern. „Wir haben systematisch alles abgesucht“, erzählt Koch.

Klingt ein bisschen wie „Prison Break – Edition Hohenschönhausen“.

Dann entdeckt der freiheitsliebende Arzt auf einem Innenhof tatsächlich eine mögliche Fluchtroute: Über eine Mülltonne und eine Mauer könnte man irgendwie nach draußen gelangen. Mit etwas Kletterei wäre die Freiheit greifbar nah. Doch Koch bleibt. Schließlich sitzen noch etwa 20 andere Leute drinnen fest.

Inzwischen ist immerhin die Polizei alarmiert worden. Die Beamten versuchen von außen, irgendeinen Zugang zu finden. Drinnen werden in den Mobiltelefonen die Akkus langsam schwächer. Die Stimmung auch.

Dann der Durchbruch: Im dritten Stock entdeckt Koch einen Weg durch das Museum bis zum Haupthof. Per Telefon lotst er nach und nach die komplette Gruppe durch das labyrinthische Gebäude. Das ist sein neuer Job: Reiseleiter für unfreiwillige Häftlinge.

Schließlich stehen alle vor dem letzten Hindernis: dem Haupttor. Dahinter hört man schon die Stimmen der Polizisten. Die Rettung ist nur wenige Meter entfernt. Dummerweise lässt sich das Tor ausschließlich elektronisch öffnen – und natürlich ist der Strom abgestellt.

Plötzlich outet sich einer der Teilnehmer als Physiker aus den Niederlanden. Mit technischem Improvisationstalent, Bastelgeschick und einer gehörigen Portion Verzweiflung gelingt es der Gruppe tatsächlich, die Steuerung zu überbrücken.

Und tatsächlich: Das Tor geht plötzlich auf – nach insgesamt vier Stunden.

*****

Die frisch entkommenen Ex-Häftlinge feiern ihre geglückte Flucht beim Döner-Mann. Sie hätten es lieber stilecht mit einem Broiler getan, aber sowas gibt es in Hohenschönhausen schon lange nicht mehr.

Gegen acht Uhr abends endet die wohl absurdeste Führung, die das ehemalige Stasi-Gefängnis je erlebt hat. Die Gedenkstätte spricht später von einer „unglücklichen Verkettung zweier unabhängiger Ereignisse“. Der Wachdienst habe die Gruppe übersehen, der Tour-Guide habe die Notfallnummer nicht griffbereit gehabt.

Doch die Kochs gehören zu den ganz Harten. Gleich am nächsten Tag besucht die Familie direkt die nächste Berliner Sehenswürdigkeit.

Es ist, kein Scherz: ein Fluchttunnel.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen