Spanien: Adios Macho

Am 8. März gingen die Spanierinnen massiv auf die Straβe. Es war einer der gröβten Demos der spanischen Geschichte. Aber wenn sich wirklich etwas ändern soll, müssen auch sie sich ändern.

Juan Naharro Gimenez/Getty Images
Women demand equal working rights and an end to violence against women in Spanish society during a march to celebrate International Women's Day on March 8, 2018 in Madrid, Spain. Spain celebrates International Women's Day today with an unprecedented general strike in defence of their rights that will see hundreds of trains cancelled and countless protests scheduled throughout the day.

40 Jahre Franco-Diktatur und ein seit jeher starker Einfluss der katholischen Kirche in Spanien haben die Gesellschaft gezeichnet, auch die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Sie basieren vielfach immer noch auf Macht und Kontrolle sowie einer falschen Moral. Paare und Familien machen alles zusammen, weil dem anderen nicht vertraut wird. Zwang wird mit Liebe verwechselt, Abhängigkeit zeichnet viele Beziehungen aus.

Aufgerüttelt wurde die spanische Gesellschaft jedoch, als im vergangenen Jahr eine Studie ergab, dass 27 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren denkt, dass Gewalt in partnerschaftlichen Beziehungen normal ist. „Es war klar, dass wir die falschen Signale geben in der Erziehung“, sagt die Feministin und Buchautorin María Reimóndez Meilán. Sie glaubt, dass fast jede Frau in Spanien „irgendwann von ihrem Chef an den Hintern gefasst wurde. Aber das wird als Kavaliersdelikt hingenommen“. Damit sich das ändert, sind die Spanierinnen am 8. März massiv auf die Straβe geganen, darunter auch Tausende Journalistinnen.

Gewalt gegen Frauen auf der Arbeit ist ein Tabu

Niemand hatte vorher mit so einer Reaktion gerechnet. Frauen aller Berufe und politischen Überzeugungen streikten an diesem Tag und demonstrierten abends in Barcelona, Valencia und Madrid für mehr Gleichberechtigung, vor allem bei den Gehältern. Damit wurde thematisiert, was so lange hingenommen oder verschwiegen wurde. „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein Tabu in Spanien“, glaubt Reimóndez Meilán. Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften wird dagegen fast schon überthematisiert in den spanischen Medien, wobei die Rollen ganz klar verteilt sind: der Mann ist der Böse, die Frau die Schwache. In Wirklichkeit rangiert Spanien jedoch in der europäischen partnerschaftlichen Gewalt-Statistik im Mittelfeld. Die Zahl der Toten ist in 2017 von 60 in 2015 auf 44 geschrumpft. Die nordeuropäischen Länder, die bei Gleichberechtigung viel mehr erreicht haben als Spanien, weisen widersprüchlicher Weise mehr Todesfälle auf.

Die Büchse der Pandora, das spanische Metoo

Metoo kam für Spanien deswegen wie gerufen. Das Land leidet unter verkrusteten Arbeits- und Lebensstrukturen. Die Trennung zwischen Beruf und Privatleben existiert in Spanien nicht. Es wird schnell geduzt, der Chef geht mit den Angestellten essen, der Umgang ist eher zu herzlich. Vetternwirtschaft ist an der Tagesordnung, aber Probleme werden häufig nicht verbalisiert, auch in der Familie herrscht mehr Schein als Sein.

Das spanische Baby von Metoo, „la caja de Pandora“ (die Büchse der Pandora), soll dabei helfen, die Rolle der Frau in Spanien zu ändern. Die rund 3.000 Anhängerinnen wollen in den kommenden Monaten Spanierinnen ermutigen, den Mund aufzumachen und über ihre Missbrauchs-Erfahrungen am Arbeitsplatz zu reden. Mit-Initatorin Susana Blas warnt aber, dass es ein langer Prozess sein wird: „Wir suchen nicht die Schlagzeilen, wir wollen wirklich langfristig etwas verändern für Frauen in diesem Land.“ Bisher handelt es sich dabei jedoch vor allem um eine Bewegung unter Künstlern und Schauspielern.

Die spanische Königin ist kein gutes Vorbild

„Wenn sich in Spanien wirklich etwas ändern soll, dann muss sich vor allem die Frau ändern, in all ihren Rollen: als Partnerin, Mutter, Angestellte, Unternehmerin. Sie muss ihre Lebenseinstellung ändern“, sagt die 69jährige Francis Guijarro, die vier Kinder hat und unter anderem als Modedesignerin und Gastronomin gearbeitet hat, auch schon in der Diktatur unter Franco. Sie selber hat sich zwei Mal scheiden lassen, „weil ich es mir wirtschaftlich leisten konnte. Ich wollte arbeiten und nicht nur gefallen“. Wer in Spanien den Fernseher einschaltet oder in den Zeitschriften blättert, gewinnt allerdings den Eindruck, dass Frauen vor allem eins interessiert: schön sein.

„Leider fährt die Königin auf der gleichen Schiene. Sie hätte als ehemalige Fernsehjournalistin sicher einiges zu erzählen, aber Letizia fällt in die klassische Frauenrolle“, sagt Ignacio Sánchez-León. Er hat das Buch geschrieben „La moral inmoral: cuestión de ética española“, in dem er den starken Einfluss der katholischen Kirche auf das Frauenbild kritisiert. Letizia ging für ihr perfektes Aussehen, sogar schon mehrfach unters Messer und „die spanischen Medien, vielleicht der schlimmste Feind der Frau, sprechen nur darüber, was sie trägt, statt zu berichten, was die Königin macht oder sagt“, kritisiert Sánchez-León.

Spaniens nächste Revolution wird die der Frau sein

Viele sehen in der Fokussierung der spanischen Medien auf Gewalt in der Ehe ein künstlich aufgeblasenes Problem, was viele andere Ungerechtigkeiten verschleiert, zum Beispiel sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte, die geringe Präsenz von Frauen in Unternehmensvorständen oder Wissenschaftsgremien und die Tatsache, dass es für alleinerziehende Mütter keine staatliche Unterstützung gibt: weder Kinder- noch Erziehungsgeld. Selbst eine Sozialhilfe wie Hartz IV gibt es nicht in Spanien. „Die spanischen Frauen müssen nicht nur finanziell unabhängiger werden, sondern auch unabhängiger von den gängigen Gesellschaftsmodellen. Die Ehe ist kein sicherer Hafen mehr für eine Frau. Sie braucht ihren eigenen Job, aber auch mehr Mut, öffentlich ihre Meinung zu behaupten und gleichberechtigt aufzutreten“, sagt Sánchez-León, der selber eine Tochter hat.

Noch sind die Stimmen der neuen Revoluzzerinnen leise, aber es werden immer mehr, wie die Demo am 8. März zeigte. „Damit jedoch aus dieser Bewegungen Veränderungen hervorgehen, müssen wir alle viel mehr an einem Strang ziehen und über unser Leben insgesamt nachdenken, nicht nur über unsere Rolle als Frau“, sagt die 49jährige Beatriz Bernat aus Madrid. Gebildete Frauen wie sie werden animiert von Feministinnen wie Ana de Miguel Álvarez, die bei einer Preisverleihung im Oktober 2017 gesteht: „Ich bin als junges Mädchen sexuell belästigt worden.“ Sie wurde wiederum durch die Schauspielerin Leticia Dolera inspiriert, die wenige Tage zuvor in einem öffentlichen Diskurs auch ihre Erfahrungen von sexuellem Missbrauch kundgetan hat. In Spanien fallen die Dominos langsamer, aber sie fallen. Die Zeit für die Machos ist ausgelaufen. Aber Bernat wart: „Nur, wenn Frau in allen Rollen mitzieht und aufhört, nur zu gefallen. Das Leben mit einem Mann als Chef, Vater oder Partner darf nicht unser leben bestimmen. Wir müssen unser Schicksal selber in die Hand nehmen und unabhängiger werden, nicht nur finanziell, sondern auch davon, was andere von uns denken.“

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Kommentare ( 27 )

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Änderung ist sicher notwendig, aber bitte nicht in die falsche Richtung. Daß man durch Arbeit unabhängig wird, ist kaum nachzuvollziehen. Nach zwanzig Jahren Selbstständigkeit weiß ich: man arbeitet selbst und zwar ständig. Also ist man von der Arbeit abhängig.
Was ich nicht verstehe: warum hat sich Frau Guijarro nur zweimal scheiden lassen und nicht beispielsweise zehnmal? Bei so viel wirtschaftlicher Unabhängigkeit!

Das ist ja sehr erfreulich, diese Entwicklung. Und die letzten Reste von Machismus wird dann die weltbekannt frauenfreundliche Religion des Islam in Europa beseitigen, so dass die virulenten Probleme von gealterten Schauspielerinnen, denen böse alte weiße Regisseure mal zuviel Druck am Set gemacht haben, endgültig der Vergangenheit angehören. Gott sei Dank kümmern wir uns wieder um diese wirklich wichtigen Dinge – und nicht um Petitessen wie Silvester-Köln 2015, Rotherham, Telford, Zweitfrauen von muslimischen Migranten, Tausende von staatlich tolerierten Kinderehen, Ehrenmorde, Gruppenvergewaltigungen etc. etc. Es lebe #metoo, es lebe die westliche Feministin der 3. Welle! Nieder mit dem weißen Mann („White… Mehr

Das ausgerechnet in einem Text auf dieser Plattform die Frage aufgeworfen wird, warum denn in den nordeuropäischen Ländern mehr Todesfälle umgerechnet auf die Bevölkerung zu verzeichnen sind, hat mich doch etwas erheitert. Ansonsten denke ich, dass bei Übergriffen die Täter schuld sind, ansonsten aber die Frauen ihre eigenen Ziele verändern müssen, um Gleichstand zu erreichen. Praktisch nie Ingenieurswissenschaften studieren und dann einen Mangel an Frauen in Führungspositionen zu beklagen, wird nicht funktionieren.

Wie kommen Sie darauf, dass nur Ing. in Führungspositionen sind? Da würden mich Zahlen dazu mal interessieren.

„Wenn sich in Spanien wirklich etwas ändern soll, dann muss sich vor allem die Frau ändern, in all ihren Rollen: als Partnerin, Mutter, Angestellte, Unternehmerin. Sie muss ihre Lebenseinstellung ändern“

Natürlich, die Frau MUSS sich ändern, MUSS ihre Lebenseinstellung ändern.

Da sind sie wieder, die Bestimmerinnen.

Gender auch schon vor Ort?
„Vaginamützen“?

Ja genau. Ich hab auch ungläubig nachgeschaut, ob ich versehentlich „die Bunte“ geöffnet habe. Die öffne ich zwar nie, ich weiß auch gar nicht, ob es die noch gibt aber mein Handy spinnt grad ein bisschen. Mal neu hochfahren, vielleicht klappts dann auch wieder mit Tichy. Das kann nur ein Versehen gewesen sein.

Die Frage wird doch sein, ob Frauen überhaupt an der männlichen Domäne der Globalisierungsstrategien interessiert sind. Die köperliche und geistige Unterdrückung der Frauen grade in den Macho Weltreligionen sind nicht einfach durch zeitgeistige Revolutionen der westlichen feministischen Bewegungen zu bekämpfen. Hierbei den langsam vor dem islamischen Machismus kapitulierenden westlichen Mann im eigentlichen Sinn als Schuldigen herauszufiltern, hat durch dessen Schwäche seine Berechtigung. Aber dieser schwächelnden Mann wird sich dem islamischen Machismus anpassen und der Unterdrückung der Frau neue Horizonte eröffnen. Die Unterdrückung der Frau ist keine Spielwiese des Feminismus, sondern eine im Menschen tief verwurzelte archaische Haltung zur Geschlechterdifferenz. Diese… Mehr

Das ist immer das klassische Ziel des Feminismus gewesen: Frauen sollen nicht schön sein wollen. Und das zeigt auch die eigentliche Stoßrichtung dieser neidgesteuerten Ideologie: man haßt zwar die Männer, noch mehr haßt man aber schöne Frauen.

Zitat Friedrich Nietzsche:

„Feminismus ist der Kampf des missratenen Weibes gegen das wohlgeratene.“

Die Aussage spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Kommentarschreibers wider.

„Wir müssen unser Schicksal selber in die Hand nehmen und unabhängiger werden, nicht nur finanziell, sondern auch davon, was andere von uns denken.“ Ich kanns nicht mehr hören. Dann lebt doch endlich euer leben, so wie ihr es wollt, ganz unabhängig davon was andere denken – und hört endlich auf uns zu erzählen, was wir denken sollen. In der westlichen Welt hat jede Frau alle Möglichkeiten, die sie haben will – sie darf alles – sie muss sich nur entscheiden und dann bitte mit den Konsequenzen leben. Das Gejammer geht aber meist bei den Konsequenzen los: Frauen verdienen weniger –… Mehr

Ich halte es für ein Gerücht, das Frauen weniger verdienen. Wenn dem so wäre, wären die Unternehmen voll von Frauen, sie sind ja Profitorientiert.

In der Masse verdienen Frauen weniger, das liegt aber eben an der anderen Berufswahl. Eine Friseuse verdient nun mal weniger als ein Dachdecker …

Die Flut der Islamabergläubigen überschwemmt auch Spanien. Da wird den Feministinnen in einigen Jahren schon gezeigt welchen Wert sie haben.
„Taharrush gamea“ gibt es nun in Deutschland immer öfter und Spanien wird diese Bereicherung auch bekommen.

Da wünsche ich aber viel Spaß mit den Pluderhosenträgern.

Ja. das stimmt, Ganz leise für uns passiert das in Spanien.