Herr Bundeskanzler, wir müssen es leider feststellen: Wir können den von Ihnen gegebenen Zusagen nicht vertrauen. Sie schaden der politischen Kultur unseres Landes. Das ist einfach respektlos vor der eigenen Bevölkerung. Aber Sie können uns das alles auch ersparen und die Vertrauensfrage in der nächsten Woche im Deutschen Bundestag stellen.
IMAGO
Der neue Deutschlandtrend ist für Friedrich Merz die Bilanz eines politischen Totalschadens. Mit der Arbeit der Bundesregierung sind nur noch 15 Prozent der Bürger zufrieden, 84 Prozent sind unzufrieden. Die Union fällt auf 26 Prozent, die SPD auf schmackige 12 Prozent. Und Merz selbst kommt nur noch auf 21 Prozent Zustimmung. Das ist ein vernichtendes Urteil über einen Kanzlerdarsteller, der mit markigen und großen Worten angetreten war, das genaue Gegenteil von Olaf Scholz zu liefern – und in allerkürzester Zeit dessen Absturztempo übernommen hat.
Schon im Dezember 2025 hatte ntv den Befund notiert, der den schnell gekränkten, nachtragenden Merz bis heute verfolgt: „Nach sechs Monaten im Amt ist Friedrich Merz als Bundeskanzler laut RTL/ntv Trendbarometer so unbeliebt wie Vorgänger Olaf Scholz nach mehr als zweieinhalb Jahren.“ Dazu kam der Satz, der den Kern dieser Kanzlerschaft trifft: „Viele fühlen sich getäuscht und vermissen Führung.“ Genau das ist Merz’ politische Unterschrift geworden. Nicht Führung, sondern Flattern. Nicht Linie, sondern Rückwärtsrudern. Nicht Verlässlichkeit, sondern täglicher Wortbruch.
Das Peinliche ist nicht einmal nur das Scheitern selbst. Das Peinliche ist, dass Merz die Maßstäbe, an denen er heute gemessen wird, einst selbst mit allergrößtem Gestus gegen Scholz in Stellung brachte. Im Januar 2024 sagte er: „Aber wenn ein Bundeskanzler mit einer derart niedrigen Zustimmungsrate keinerlei Anzeichen gibt, vielleicht einmal an seiner Kommunikation, vielleicht sogar an seiner Politik und seinem Führungsstil etwas zu ändern, dann lässt er die Bevölkerung einfach allein mit allen Problemen. Scholz schadet damit der politischen Kultur unseres Landes. Das ist einfach respektlos vor der eigenen Bevölkerung.“ Genau an diesem Abrund steht Merz heute selbst. Wenn man ehrlich ist, steht er schon einen Schritt weiter.
Nur dass bei Merz noch der Vorsatz dazukommt. Er kennt den Maßstab, er hat ihn selbst formuliert, und er verletzt ihn jeden Tag.
Auch die übrigen Sätze, mit denen Merz Scholz attackierte, lesen sich heute wie hämmernde Anklagesätze gegen seine eigene Kanzlerschaft. „Bundeskanzler Scholz hat einmal gesagt, wer bei mir Führung bestellt, bekommt Führung. Wo ist diese Führung?“ fragte Merz 2022. Im selben Jahr legte er im Bundestag nach: „Herr Bundeskanzler, wir müssen es leider feststellen: Wir können den von Ihnen gegebenen Zusagen nicht vertrauen.“ 2023 fragte er: „Führt Scholz diese Bundesregierung noch?“ und beschrieb die Lage so: „Und der Bundeskanzler steht daneben und sagt nichts.“ Später hieß es aus seinem Mund: „So kann man ein Land einfach nicht regieren.“ 2024 warf er Scholz vor: „Das war eine Regierungserklärung Ihrer europäischen Ratlosigkeit.“ Im selben Jahr sagte er mit Blick auf die aus seiner Sicht fehlende Führung des Kanzlers: „Er tut es nicht.“ Mehr Selbstbeschreibung einer eigenen Amtszeit gab es wohl nie.

Denn woran soll man Führung bei Merz erkennen? An welcher Entscheidung, die länger hielt als eine Nachrichtenlage? An welchem Versprechen, das nicht kassiert, weichgespült oder ins komplette Gegenteil gedreht wurde?
Als Scholz politisch am Ende war, sagte Merz im Bundestag: „Aber Sie können uns das alles auch ersparen und die Vertrauensfrage in der nächsten Woche hier im Deutschen Bundestag stellen.“ Später folgte der Satz: „Sie, Herr Scholz, haben Vertrauen nicht verdient.“
Die Union schrieb ins Wahlprogramm: „Wir halten an der Schuldenbremse des Grundgesetzes fest. Die Schulden von heute sind die Steuererhöhungen von morgen.“ Kurz darauf kam mit CDU und SPD die Grundgesetzänderung samt 500 Milliarden Euro Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie erweiterten Spielräumen jenseits der alten Schuldenlogik. Das ist die Sprengung des zentralen Wahlversprechens.
Die nächste gebrochene Zusage folgte bei der Energie. Im Wahlprogramm hieß es: „Wir senken die Stromsteuer und die Netzentgelte. Der Strom muss für alle schnell und spürbar günstiger werden.“ Im Sofortprogramm wurde das noch zugespitzt: „für eine Entlastung von mindestens 5 Cent pro kWh“. Im Regierungshandeln blieb davon übrig, dass die Stromsteuer dauerhaft nur für produzierende Unternehmen sowie die Land und Forstwirtschaft gesenkt wurde. Für Privathaushalte eben nicht. Wer vorher „für alle“ plakatiert und danach Millionen Haushalte ausnimmt, begeht keinen Betriebsunfall. Er begeht Wortbruch.
Beim Bürgergeld dasselbe Bild. Die Union versprach: „‚Bürgergeld‘ abschaffen. Das sogenannte ‚Bürgergeld‘ in der jetzigen Form schaffen wir ab“. Im Koalitionsvertrag wurde daraus nur noch: „Das bisherige Bürgergeldsystem gestalten wir zu einer neuen Grundsicherung für Arbeitssuchende um.“ Aus der markigen Ansage wurde eine Verwaltungsprosa mit neuem Etikett. Wer vor der Wahl den großen Bruch verkauft und nach der Wahl nur umbenennt, hat nicht reformiert. Er hat getäuscht.
Beim Lieferkettengesetz dasselbe Spiel. Vor der Wahl hieß es unmissverständlich: „Das nationale Lieferkettengesetz schaffen wir ab.“ In der Praxis blieb das Gesetz nicht verschwunden, sondern wurde politisch bestenfalls entkernt und verschleppt.
Vor der Wahl erklärte Merz noch, er wolle die Mehrwertsteuer nicht erhöhen, eine Anhebung sei „das größte Gift für unsere Konjunktur“ und eine „unverhältnismäßig große Belastung“ für die privaten Haushalte. Selbst im August 2025 versicherte er noch, der Koalitionsvertrag gelte ohne Steuererhöhungen. Heute heißt es ausgerechnet von ihm im Bundestag: „Wir schließen nichts aus.“
Bei der Einkommensteuer dasselbe Muster: Entlastung für kleine und mittlere Einkommen wurde versprochen, im Koalitionsvertrag dann auf „zur Mitte der Legislatur“ vertagt. Und während Merz vor der Wahl Verlässlichkeit spielte, diskutiert seine Regierung inzwischen genau die Belastungen, gegen die er sich als Oppositionsführer inszenierte: Eingriffe in die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern, Reform des Ehegattensplittings – und Mehrwertsteuererhöhung. Gleichzeitig steigt 2026 auch der CO2-Preis von 55 auf bis zu 65 Euro pro Tonne. Teureres Heizen, teureres Tanken, teureres Leben – Merz lässt jeden Griff in die Taschen der Bürger einen nach dem anderen durchlaufen.
Und dann ist da noch die Atomkraft. Im Wahlprogramm hielt sich die Union „an der Option Kernenergie“ fest und schrieb: „Die Wiederaufnahme des Betriebs der zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke prüfen wir.“ Ursula von der Leyen nannte den Ausstieg jüngst einen „strategischen Fehler“. Merz erklärte dazu zwar, er teile diese Einschätzung persönlich, sagte aber zugleich: „Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so.“ Treffender kann man diese Kanzlerschaft kaum zusammenfassen: vollendetes Versagertum.
Merz ist damit nicht einfach nur ein komplett unfähiger Kanzler. Er ist der personifizierte Wortbruch. Schuldenbremse gebrochen. Stromsteuer für alle gebrochen. Bürgergeldabschaffung gebrochen. Irreguläre Migration begrenzen gebrochen. Lieferkettengesetzabschaffung gebrochen. Steuerentlastung gebrochen. Atomkraftoption beerdigt. Und und und und und. Dazu schwebt über dieser Koalition bereits der nächste Griff in die Taschen der Bürger. Ein Kanzler, der jede Ansage nur noch als Material für die spätere Korrektur benutzt, beschädigt nicht nur sich selbst. Zu guter letzt will er nach dem Scheitern der Chatkontrolle auf EU-Ebene diese Zensur- und Überwachungsarchitektur nun gegen deutsche Bürger in Stellung bringen.
Den eigenen Worten sollte man Folge leisten. Friedrich Merz sollte endlich tun, was er anderen so gern predigte. Die Vertrauensfrage ist überfällig. Und ein Kanzler, dessen ganzes Amt schon nach wenigen Monaten eine einzige Revisionsschleife aus Wortbruch, Führungsvakuum und Zumutung ist, hat sie mehr verdient als jeder andere vor ihm.
In Merz‘ eigenen Worten:
Herr Bundeskanzler, wir müssen es leider feststellen: Wir können den von Ihnen gegebenen Zusagen nicht vertrauen. Führen Sie diese Bundesregierung noch? So kann man ein Land einfach nicht regieren. Aber wenn ein Bundeskanzler mit einer derart niedrigen Zustimmungsrate keinerlei Anzeichen gibt, vielleicht einmal an seiner Kommunikation, vielleicht sogar an seiner Politik und seinem Führungsstil etwas zu ändern, dann lässt er die Bevölkerung einfach allein mit allen Problemen. Sie schaden damit der politischen Kultur unseres Landes. Das ist einfach respektlos vor der eigenen Bevölkerung. Aber Sie können uns das alles auch ersparen und die Vertrauensfrage in der nächsten Woche hier im Deutschen Bundestag stellen.
Sie, Herr Merz, haben Vertrauen nicht verdient.




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Jetzt weiß ich auch, warum diese Kästen mit Schlitz, wo man hin und wieder seinen Stimmzettel einwerfen darf, Wahl-„Urnen“ heißen.
Deutschland ruhe in Frieden! Mal sehen, ob Phönix anschließend aus der Asche entsteigen wird…
Ewig Gestrige gab es, gibt es und wird es immer geben! „Augen zu – CDU“
Und dann gibt es Leute, die noch seinen Reden zuhören und klatschen.
Das kennt man doch auch zur Genüge von den Parteitagen, beispielsweise in China oder Nordkorea. Theoretisch ginge es auch mit Ohrstöpsel (diese dienen natürlich nur als „Schutz“ vor dem anschließend frenetischen „Beifall“ damit man keinen Hörsturz bekommt), ist aber blöde, wenn man dann zu früh aufsteht und klatscht… 😉
Dass der Mann nicht weiß was er macht, das ist falsch. Wie Merz alle Angebote die er vor der Wahl den Wählern in seiner alternativlosen Sprechweise vorgelegt hat, die danach abgeräumt hat, das weiß der Mann besser als wir. Wie eine Mehrheit errungen und sich zum Bundeskanzler vom Parlament hat wählen lassen. Wie er in nur wenigen Monaten danach keines seiner Befreiungsschläge (Flüchtlinge, AKW, Heizung, Verbrenner, CO2) nicht oder gar ins Gegenteil, teilweise schlimmer als zuvor bei der Scholzregierung abgeräumt hat, das war ungeheuerlich. Einmalig und skrupellos soweit ich als alter Mann zurückdenken kann. Alles das weiß auch Merz. Kein… Mehr
Was soll man im Allgemeinen von Menschen halten die gestern „A“ sagen, und sich heute nicht mehr daran erinnern können. Und stattdessen „B“ sagen? Aber noch wichtiger, was soll man von Menschen halten, die das nicht bemerken, denen es egal ist, oder die einfach zu dumm sind das zu erfassen? Wie viel Prozent vertrauen doch noch gleich der CDU?
Merkel hat es schon vor vielen Jahren gesagt: Er kann es nicht!
Misstrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Es mangelt an parlamentarischer Kontrolle des Regierungshandelns.
Ich bin es satt, noch etwas über diese Antideutschen ReGIERung zu schreiben. Seit Monaten lese ich in den noch freien Medien etwas über diese Bastarde, mein Blutdruck steigt und was passiert auf den deutschen Straßen? Nichts!
Das war mein letzter Kommentar! Ich bis leid!!!!
[PS: Ich lebe mit 81 im Ausland. Weit weg, jedoch mental nah. Das war es.]
Es ist ja nun nicht so, dass er nicht seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten wüsste, was er anrichtet und zementiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Merz#Kritik_und_Kontroversen
Und doch vertrauen die Michels ihrer Union bis in den Untergang. Hier in meinem Wohnort stimmten bei der LTW im März fast 2/3 für die Union.