„Vielfalt“ ist das große Glaubensbekenntnis von Grünen und Linken. Nur auf ihren eigenen Demonstrationen bleibt sie regelmäßig unsichtbar. Magdeburg liefert dafür das nächste Gruppenbild eines politischen Milieus, das Diversität vor allem anderen verordnet.
picture alliance/dpa | Jan Woitas
Am Sonnabend vor der Landtagswahl sollte Magdeburg noch einmal ganz dringend erfahren, wie „vielfältig“ Deutschland zu sein und zu bleiben hat. Bzw. geht es nach den Aktivisten, die zu solchen Kundgebungen strömen, soll es sogar noch sehr viel vielfältiger werden. Das Bündnis „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“ rief auf den Domplatz und kündigte ein „Ausrufezeichen für Demokratie, Vielfalt und Zusammenhalt“ an. Mehrere tausend Menschen kamen, dazu das erwartbare Personal aus steuerfinanzierter Kultur und Aktivismus. Luisa Neubauer und Carolin Emcke traten auf, ebenso Sebastian Krumbiegel. Das Who is Who der deutschen Haltungsindustrie.
Das offizielle Selbstverständnis versprach eine „offene, solidarische Gesellschaft“. Hinter dem Festival steht ein Netzwerk aus inzwischen mehr als 300 Organisationen und Einrichtungen. Auf der offiziellen Unterstützerliste finden sich die Amadeu Antonio Stiftung und „Aufstehen gegen Rassismus“, dazu zahlreiche Gliederungen der Arbeiterwohlfahrt. Das Spendenkonto des Bündnisses läuft über den AWO-Landesverband Sachsen-Anhalt. „Aufstehen gegen Rassismus“ wiederum nennt die VVN-BdA selbst als seine Trägervereinigung und sammelt ausdrücklich Spenden für den „Kampf gegen die AfD“. Die VVN-BdA wirbt auf ihrer eigenen Seite derzeit zusätzlich für ihre Kampagne „AfD-Verbot jetzt!“.
„Es gibt nichts, was undiverser, weißer, wohlhabender und unrepräsentiver ist als die „Demos gegen Rechts“
Für das große Fest der Weltoffenheit galten auch ziemlich genaue Vorstellungen davon, was auf dem Domplatz erwünscht war. Nationalfahnen sollten laut Veranstalter zu Hause bleiben. Damit galt wenige Meter vom Landtag entfernt selbstverständlich auch Schwarz-Rot-Gold als unerwünschtes Demonstrationsutensil. Ausgerechnet die Farben der Bundesrepublik passten nicht in das Schaufenster derer, die dort zur Verteidigung der deutschen Demokratie antraten. Dafür gab es dann Antifa- und Regenbogenglaubens-Fahnen.
Und dann sieht man sich die Bilder an. Hier nochmal das Beitragsbild in voller Breite:

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Das Video macht es dann aber auch nicht besser:
Das viel beschworene „vielfältige“ Deutschland präsentiert sich auf dem Domplatz optisch als bemerkenswert einheitliches weißweißeramweißesten Milieu. Wer durch die Aufnahmen der Menge geht, sucht die viel beschworene sichtbare Diversität stellenweise wie in Wimmelbildmotiven von Ali Mitgutsch. Das Ganze wirkt wie eine Betriebsversammlung der deutschen Diversity-Beauftragten: Plakate bunt, Weltbild bunt, Publikum auffallend kaukasisch. 50 Shades of White.
Es gibt ein altes völlig groteskes Bild, das immer wieder zur Belustigung über solche Selbstbestätigungs-Veranstaltungen als Meme auf Social Media herumgereicht wird. Es ist ein Schwarzweißbild und es zeigt eine größere Gruppe weiß vermummter Ku-Klux-Clan-Leute, die offenbar auf einem Ausflug zusammen in einem Riesenrad fahren.
Aber zurück zu den 50 Schade of White mehr Vielfalt Gedönsern: Natürlich lässt sich einem Menschen seine Staatsangehörigkeit oder Familiengeschichte nicht aus dem Gesicht ablesen. Darum geht es auch gar nicht. Dieses politische Milieu selbst hat „Sichtbarkeit“ und „Repräsentation“ zu zentralen Kategorien seiner Gesellschaftspolitik gemacht. Behörden sollen diverser werden, Unternehmen sollen diverser werden, Parteien ebenso. Auf jeder Bühne wird gezählt, wer repräsentiert ist. Das Magdeburger Gruppenbild darf deshalb genau an dem Maßstab betrachtet werden, den seine Veranstalter der übrigen Gesellschaft seit Jahren verordnen und bei sich selbst doch arg vermissen lassen.
Das Phänomen lässt sich seit Jahren auf großen „gegen rechts“-Demonstrationen beobachten. Tausende Menschen versammeln sich unter Transparenten für noch mehr Migration und eine möglichst diverse Gesellschaft. Die aktivistische Trägerschicht stammt auffallend häufig aus demselben urban-akademischen Milieu. Schon die politische Beteiligung zeigt diese Lücke: Der Sachverständigenrat für Integration und Migration stellte 2025 bei den 15- bis 35-Jährigen fest, dass sich 40 Prozent der Befragten ohne Zuwanderungsgeschichte politisch engagierten. Unter Gleichaltrigen mit Zuwanderungsgeschichte waren es lediglich elf Prozent.
Vielfalt ist vor allem ein linksgrünes Gesellschaftsprogramm
Besonders weit hat die Grünen diese gesellschaftliche Aufforstungsidee getragen. Die Partei beschreibt Deutschland ausdrücklich als „vielfältige Migrationsgesellschaft“. Diversität ist dort das gesellschaftspolitische Leitbild. Die Zusammensetzung ihrer eigenen Wählerschaft ist seit Jahren bemerkenswert homogen. Gesicht zeigen bringt immer wieder sehr viel Weiß zum Vorschein. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die grüne Wählerschaft als überdurchschnittlich gebildet und überdurchschnittlich verdienend. Sozialstrukturell gehört sie vor allem zu den neuen Mittelschichten im Dienstleistungs- und Bildungssektor.
Die Bundestagswahl 2025 zeichnete diese gesellschaftliche Heimat der Grünen beinahe mit dem Textmarker in die Deutschlandkarte. Ihre beiden besten Wahlkreise waren Freiburg und Münster mit jeweils 26,6 Prozent. Danach kamen Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost mit 25,9 Prozent sowie Köln II. Unter den nächsten Spitzenwahlkreisen stehen Stuttgart I und München-West/Mitte, außerdem Karlsruhe-Stadt und Hamburg-Eimsbüttel. Die grünen Hochburgen heißen Universitätsstadt und Großstadtquartier.
München-Süd brachte den Grünen 24,1 Prozent. Das verfügbare Einkommen liegt dort nach den Strukturdaten der Bundeswahlleiterin bei 34.036 Euro je Einwohner. Der Deutschlandwert beträgt 24.415 Euro. In dem Münchner Wahlkreis besitzen 27,8 Prozent der Bevölkerung keine deutsche Staatsangehörigkeit. Die politische Heimat der Grünen ist also keineswegs überall ethnisch homogen; das entscheidende Merkmal ist vielmehr die soziale Auswahl. Hohe Bildungsabschlüsse, gute Einkommen und urbane Lebenswelten gehen dort besonders häufig zusammen.
Damit wird das eigentliche Muster interessanter als die plumpe Behauptung, grüne Wähler lebten ausschließlich unter ihresgleichen. Die Vielfalt existiert in den Großstädten durchaus. Ihr politischer Sprecher sitzt bevorzugt in deren privilegierteren und akademischeren Segmenten. Migration wird dort vor allem als moralisches Großprojekt verhandelt. Die besonders harten materiellen Folgen konzentrieren sich sehr viel stärker in Schulen mit schwieriger Sozialstruktur, auf angespannten Wohnungsmärkten und in den unteren Segmenten des Arbeitsmarktes.
Wer in München-West/Mitte oder Freiburg sein Kreuz bei den Grünen macht, entscheidet deshalb über eine Migrationspolitik, deren Belastungen nach Einkommen höchst ungleich verteilt sind. Konkurrenz um preiswerten Wohnraum trifft den Besitzer einer Eigentumswohnung wenig. Eine Schule mit massivem Sprachförderbedarf betrifft Eltern ohne schulpflichtige Kinder überhaupt nicht oder er schickt seine Kinder auf Privatschulen. Der gut bezahlte Akademiker kann die gesellschaftliche „Vielfalt“ politisch als Wert konsumieren, ohne ihre teuersten Begleiterscheinungen persönlich tragen zu müssen.
Auch die neue Linke ist eine Großstadtpartei
Bei der Linken funktioniert die Einkommensrechnung nicht genauso. Ihre stärksten Wahlkreise sind teilweise deutlich ärmer. Ihre Wahlkarte zeigt dafür eine noch schärfere Konzentration auf bestimmte Großstadtmilieus. 2025 holte sie ihr bestes Ergebnis in Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost. Danach folgten Berlin-Mitte und Berlin-Neukölln. Leipzig II und Berlin-Lichtenberg gehörten ebenfalls zur Spitzengruppe. In Friedrichshain-Kreuzberg war die Linke auf Bezirksebene mit 33,4 Prozent mit Abstand stärkste Kraft.
Gerade bei der Linken zeigt sich zugleich, dass die Behauptung einer vollständig weißen Wählerschaft falsch wäre. Untersuchungen zur Bundestagswahl 2025 fanden bei Wahlberechtigten mit familiären Wurzeln in der Türkei oder der MENA-Region sogar eine überdurchschnittliche Neigung zur Linken. Das macht das Gruppenbild der einschlägigen Demonstrationen umso auffälliger: Die Partei kann in migrantisch geprägten Großstadtvierteln erheblich punkten, die klassische „gegen rechts“-Aktivistenszene bildet diese Wählerschaft sichtbar nur sehr begrenzt ab. Eine Spur vielfältiger wird das Linken-Vielfalt-Bild nur dann, wenn man gemeinsam mit Subsaharianern gegen Abschiebungen demonstriert und dort, wo linke Aktivisten Seite an Seite mit Islamisten und Kuffiyeh-Trägern gegen Israel und jüdischen Leben marschieren. Ansonsten bleibt die Vielfalt lieber zuhause oder im Park. Auf den 50 Shades of White Parties fehlen sie weitestgehend komplett.
Beim Diversitätsrat der Grünen stand 2025 ausdrücklich die Frage auf dem Programm, wie „vielfältige Communities langfristig besser“ eingebunden und mobilisiert werden können. Beim Bündnis „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“ klang es im Juni 2026 kaum anders. Für ein Treffen zur Arbeit im ländlichen Raum formulierten die Organisatoren die Frage, die über dem Magdeburger Domplatz nun wie eine unfreiwillige Bildunterschrift steht: „Wie erreichen wir mehr Menschen als die ‚üblichen Verdächtigen‘?“ Tja.
— MIGO (@MIGO_Offiziell) January 31, 2025


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