Kinder ruhig stellen, statt Kinder sein lassen

Die liebste Aktivität sind Bildschirm-Medien für Kinder aber keineswegs. Draußen spielen steht da ganz an der Spitze, vor drinnen spielen und Buch anschauen/vorlesen.

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Als Verlust der Angemessenheit des Verhaltens für ein gedeihliches Fortbestehen habe ich Dekadenz 2009 im gleichnamigen Buch definiert. Eine allgemeine Begriffsabgrenzung genauso wie die Beschreibung der herrschenden Verhältnisse. Wohlfahrt ergibt sich nicht von selbst. Sie muss geschaffen werden. Und sie muss stetig aufs Neue geschaffen werden. Vieles deutet aber darauf hin, dass wir inzwischen vielfach zu träge und zu satt geworden sind, etwas zu schaffen. Ja, überhaupt etwas schaffen zu wollen. Kaum ein anderer Bereich als unser Umgang mit Kindern und deren Erziehung kann da besser als Indikator dienen. Die nächsten Generationen sind nachgerade der Inbegriff von Zukunftsfähigkeit. Erschreckend, wie wir da Chancen verschlafen (lassen).

In den letzten Tagen gingen einige Schlagzeilen durch die Medien, dass ein Trend zu Schlafmitteln für Kinder auszumachen wäre. Harte empirische Fakten fehlen zwar offenbar noch, allerdings verdichten sich wohl die Indizien. Die bayerische Gesundheitsministerin und Ärztin Melanie Huml spricht aktuell davon, dass diese gefährliche Entwicklung von Kinderärzten und Wissenschaftlern beobachtet wird.

Genaue Datensammlungen werden erschwert, da viele Produkte rezeptfrei erhältlich sind. Zum Beispiel „Sandrin für Kinder“ oder das Säftchen mit dem sprechenden Namen „Sedaplus“. Ebenso zahlreiche Angebote aus der alternativfaktischen Medizin wie die Bachblüten „Kleines Träumerle“, anthroposophische „Passiflora Kinderzäpfchen“ oder homöopathisch „Calmy Hevert Globuli“ und „Kids Relief Beruhigungs-Sirup“. Zudem werden viele Erkältungsmittel mit sedierenden Wirkstoffen ebenfalls rezeptfrei angeboten. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin geht davon aus, dass dies allgemein bekannt ist, und die Produkte gezielt zum Ruhigstellen eingesetzt werden.

Ein solcher Trend zu mehr Schlafmitteln bei Kindern ist allein schon deswegen bedenklich, weil dem gesunden Menschenverstand im Allgemeinen und dem fürsorgliche Elterngewissen im Speziellen glasklar sein müsste, dass alles, was wirkt, auch potenziell nebenwirkt und jede Wirkung auch unerwünschte Nebenfolgen haben kann. Noch einmal Huml dazu: „Viele dieser Mittel enthalten Wirkstoffe, die in den natürlichen kindlichen Schlaf-Wach-Rhythmus eingreifen. Damit ist die optimale Erholung der Kinder gestört, die für das Lernen und die psychische Gesundheit sehr wichtig ist.“ In der Kindermedizin wird in diesem Zusammenhang vor Atmungsstörungen gewarnt und auch vor gegenteiligen, paradoxen Wirkungen wie Unruhe bis hin zu Halluzinationen.

Tiefergehende kulturkritische Sorgen drängen sich einem aber auf, wenn man sich ein paar Gedanken über die Ursachen solcher elterlichen Anwandlungen macht. Reparaturmentalität ist da das eine. Richten lassen, statt eigenverantwortlich vorbeugen. Die Delegation der Selbstbestimmtheit auf konsumierbare Produkte. Man könnte ja, was Schlafprobleme von Kindern betrifft, auch Milch mit Honig machen, eine Geschichte vorlesen, das Zimmer einmal kräftig durchlüften und dabei noch ein wenig gemeinsam in die Sterne schauen oder ein Schlaflied singen. Das klappt nicht immer, ist aber allemal wirkkräftiger als der Placebo-Effekt von ein paar schnell eingeworfenen Globuli.

Das andere ist die dauermediale Ruhigstellung tagsüber. Wer den ganzen Tag mehr und mehr bewegungslos vor Bildschirmmedien abgestellt wird, kann ja abends gar nicht richtig müde sein – körperlich kaum beansprucht und im Kopf ganz wirr von zahllosen genauso eindimensionalen wie unabänderbaren Eindrücken. Die nach meinem Empfinden Allgegenwart von Bildschirmen an den Kopfstützen in PKWs zeugen von der Durchdringung der Kinderwelt mit elektronischen Medien.

Laut der miniKIM-Studie 2014 ist wenigstens mehrmals die Woche Fernsehen, wenn nicht täglich, bei Dreiviertel der Vorschulkindern Usus. Bei den Jüngeren mit zwei bis drei Jahren im Schnitt eine halbe Stunde, bei den Älteren schon fast eine ganze. Nachdem es ja offensichtlich immer noch ein paar Familien gibt, die von Fernsehen in dem Alter gar nichts halten, muss wohl eine ganz erkleckliche Anzahl von Vorschulkindern schon täglich zwei Stunden vor der Glotze sitzen, um auf diesen Durchschnitt zu kommen. Plus PC-, Konsole-, Tablet- oder Smartphone-Spiele und -Filme. In der Statistik nur mit wenigen Minuten kaum ausschlaggebend. In der Realität sehe ich zum Beispiel in Gaststätten immer mehr Familien, die ihrem Nachwuchs das Smartphone in die Hand drücken, damit es sich still beschäftigt.

Insgesamt kann man in Wirklichkeit von erheblich höheren Mediennutzungszeiten der Kinder ausgehen, denn die empirischen Daten sind durch Befragungen der Haupterzieher erhoben. Die werden in ihrem Selbstverständnis als gute Eltern die Zeiten ihrer Kinder vor irgendwelchen Bildschirmen eher unter- als überschätzen. Und in den immer häufiger getrennten Erziehungssituationen wird es beim „Nebenerzieher“ vermutlich oft auch noch mal ganz anders ausschauen.

Die liebste Aktivität sind Bildschirmmedien für Kinder aber keineswegs. Draußen spielen steht da ganz an der Spitze, vor drinnen spielen und Buch anschauen/vorlesen. Die Kinder würden also wohl schon wissen, was gut für sie ist. Man müsste sie nur lassen. Wir bevorzugen aber zunehmend, eine sedierte Generation großzuziehen. Tagsüber mit Medien und nachts medikamentös.

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