Tichys Einblick
Green Award an Jeremiah Thoronka

Der grüne Hauptmann von Köpenick

Das Greentech-Festival in Berlin zeichnete den Erfinder Jeremiah Thoronka für seine Grünstrom-Geräte in Sierra Leone aus. Fragen beantwortet weder er noch die Festival-Jury. Der junge Mann trat zwar schon bei der UNESCO und im Vatikan auf, aber niemand in der Fachwelt kennt seine angeblich bahnbrechende Innovation. Wenn es den gewieften jungen Mann nicht schon gäbe – ein Romanautor müsste ihn erfinden.

Greentech Festival 2023, Übergabe des Preises an Jeremiah Thoronka, Berlin, 14. Juni 2023

Sebastian Reuter/Getty Images for Greentech Show GmbH

Als Jeremiah Thoronka (23) am 14. Juni 2023 die Bühne des Greentech-Festivals auf dem stillgelegten Flughafen Tegel in Berlin bestieg, gekleidet mit einer schwarz-weiß gestreiften Tunika, um seinen Preis als Erfinder eines revolutionären Energieerzeugungssystems in Empfang zu nehmen – einen goldenen Würfel mit seinem aufgedruckten Namen –, absolvierte er nicht sein Öffentlichkeitsdebüt. Hinter dem jungen Mann aus Sierra Leone lagen zu diesem Zeitpunkt schon eine Reihe von Ehrungen, darunter der mit 100.000 Dollar dotierte Global Students Award, Auftritte bei der Climate Overshoot Commission, bei der UNESCO und ein Besuch bei Papst Franziskus in Rom im Mai 2022.

„Dieser Preis bezeugt die Kraft des kollektiven Handelns und der Hingabe an die Nachhaltigkeit und des Eintretens für das Klima“, schrieb Thoronka später auf Facebook. „Diese Reise ist weit davon entfernt, vorbei zu sein.“ In der Pressemitteilung des Greentech-Festivals betreffs der Preisverleihung heißt es zur Begründung der Vergabe des Green Awards an Thoronka: „Jeremiah war 17, als er ein spezielles Gerät erfand, das die Vibrationen von Fußgängern und Verkehr an belebten Straßen auffängt und in Elektrizität umwandelt. Mit nur zwei Geräten versorgt sein Start-up Optim Energy mittlerweile mehrere Schulen und Haushalte in Gemeinden in seinem Heimatland Sierra Leone kostenlos mit Strom.“

Auf der Webseite von „The Index Project“, die ein Video über Thoronka enthält, gibt es eine etwas genauere Angabe: „Mit nur zwei Anlagen liefert diese Start-up-Lösung kostenlose Elektrizität für 150 Haushalte mit 1500 Bürgern, wie auch für 15 Schulen, die mehr als 9000 Schüler besuchen.“ („With just two devices, this start-up solution provided free electricity to 150 households comprising around 1,500 citizens, as well as 15 schools where more than 9,000 students attend.“) In dem Video erzählt Thoronka von seiner Herkunft aus einer armen Familie, spricht über den Energiemangel in Sierra Leone und sagt Sätze wie: „Zugang zu Energie ist ein Menschenrecht“. Über irgendwelche Details seiner beiden Stromerzeugungsanlagen verliert er kein Wort.

Hier beginnen die Fragen und Probleme, die allerdings nicht so sehr Thoronka selbst betreffen, sondern die Organisatoren des Festivals in Berlin, speziell seine Juroren. Und darüber hinaus auch alle anderen, die den Mann aus Sierra Leone innerhalb weniger Jahre zu einer Berühmtheit machten. Denn bei einem „speziellen Gerät, das Vibrationen auffängt und in Elektrizität umwandelt“, wie es auf der Greentech-Seite heißt, handelt es sich um eine piezoelektrische Konstruktion. Die Piezoelektrik, auch Piezoeffekt genannt, ist seit über 140 Jahren bekannt. Im Jahr 1880 entdeckten die Brüder Jacques und Pierre Curie, dass bestimmte Kristalle elektrische Ladungen erzeugen, wenn man sie komprimiert, also zusammendrückt.

Technische Anwendungen des piezoelektrischen Effekts gibt es seit vielen Jahrzehnten. Allerdings, und zwar aus Gründen, um die es gleich gehen soll, nicht zur Stromerzeugung für Haushalte. Die oben genannte Webseite, die Thoronkas Firma Optim Energy erwähnt, bestätigt ausdrücklich, dass es sich bei den beiden Anlagen in Sierra Leone um zwei kleine piezoelektrische Kraftwerke handelt. Zum einen wirft das die Frage auf, worin genau Thoronkas Erfindung besteht, für die er den Preis in Berlin und andere Ehrungen erhielt. Aber damit beginnen die Unklarheiten erst. Denn weder auf dieser Webseite noch auf der Seite des Greentech-Festivals findet sich auch nur der kleinste Hinweis darauf, wo genau die beiden erwähnten Anlagen stehen und welche elektrische Leistung sie erzeugen; weder ein Bild von ihnen noch eine erklärende Grafik und auch sonst nicht die kleinste technische Information.

Überhaupt, das zeigt sich bei der Recherche zu Thoronka und Optim Energy, scheint es sich bei dem Erfinder um ein bemerkenswertes Phänomen zu handeln: Zwar existieren viele Fotos und Informationen zu seinen Auftritten rund um die Welt, aber fast der gesamte Fundus stammt entweder aus dem PR-Bereich der Organisationen, die ihn eingeladen hatten – die UNESCO, das Clean Growth Leadership Network, das Greentech-Festival – oder von Thoronkas Facebook-Seite. Der Seite des Global Teachers Prize zufolge ist Thoronka Fellow der United Nations Academic Impact Millennium, außerdem einer der vom WWF benannten „Top 100 Young African Conservation Leaders“. In Fachpublikationen kommen weder er noch seine Innovation vor. Vor allem – dazu gleich noch mehr – kennt ihn offenbar niemand in der Gemeinde der Wissenschaftler, die seit Jahren zu Piezoelektrik forscht.

Wer also ist Jeremiah Thoronka? Vor dieser Frage soll es noch kurz um das Greentech-Festival gehen, die Bühne, auf der sich Mitte Juni Thoronkas Deutschland-Auftritt abspielte. Hier beginnen auch die Recherchen von Tichys Einblick zu dem in der Fachwelt unbekannten Erfinder.

Bei dem Greentech-Festival, kurz GTF, handelt es sich nach eigenen Angaben um „Europas größtes Nachhaltigkeitsfestival“, ein Unternehmen, für das sich 2018 der Formel-1-Rennfahrer Nico Rosberg, der Gründer des Zustellungsdienstes Pin AG Marco Voigt und der Unternehmer und Berater Sven Krüger zusammentaten. Später kam das Staatsunternehmen Deutsche Bahn als Gesellschafter dazu. Die Selbstbeschreibung lautet, das GTF wolle als „Plattform für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“ dienen. Das Bundeswirtschaftsministerium, dessen Seite das Festival bewirbt, beschreibt die Veranstaltung als „Mischung aus einer Konferenz, einer Ausstellung und diversen Attraktionen, die grüne und nachhaltige Entwicklungen erleb- und erfahrbar machen sollen“.

Minister Robert Habeck steuerte in diesem Jahr eine Rede bei, die frühere Greenpeace-Funktionärin Jennifer Morgan, heute Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, kam vorbei, um einen Preis zu überreichen. Der private Veranstalter, die Greentech Show GmbH, strebt danach, den jährlichen Treff von Unternehmern, Politikern und NGOs zu einer internationalen Marke zu machen; GTF-Ablegerveranstaltungen finden mittlerweile auch in Singapur und Los Angeles statt. Massen will das GTF nicht anziehen: Der All-Inclusive-Pass für drei Tage kostet 1664,81 Euro, ein begrenzter Zweitages-Zutritt immerhin noch 474,81 Euro. Die konkreten Nachfragen zu dem Preisträger Jeremiah Thoronka gestalten sich dann aber doch etwas schwieriger, als man es sich bei einer politisch-wirtschaftlichen Veranstaltung im Premiumbereich vorstellt.

Die Fragen des Autors begannen bei der Pressemitteilung, die, siehe oben, Thoronka als Erfinder bezeichnet, dann aber im Zusammenhang mit ihm eine Technik nennt, die sich seit Jahrzehnten im Einsatz befindet. Der Umstand, dass die Recherche keinerlei technische Daten zu den beiden Anlagen in Sierra Leone zutage fördert, steigert die Neugierde noch ein bisschen. Vor allem aber gibt es ein Problem technischer Natur: Sollten Thoronkas Angaben auch nur halbwegs zutreffen, er könnte mit zwei Anlagen dieser Art 1500 Menschen und 15 Schulen mit Strom versorgen, dann müsste ihm eine Entdeckung gelungen sein, die das gesamte Fachgebiet der Piezoelektrik völlig auf den Kopf stellt. Was erst recht die Frage aufwirft, warum kein Fachmann und kein Fachartikel davon weiß.

Für Presseanfragen an das GTF stehen zwei Adressen zur Verfügung. Auf die Mail an eine Sprecherin kommt die automatische Antwort zurück, sie sei auf dem Festival unterwegs und nur eingeschränkt erreichbar. Daneben kümmert sich noch die Agentur Krug Media um die Anliegen neugieriger Journalisten. Christan Krug, Ex-Chefredakteur des Stern, heute im PR-Geschäft, verspricht, die Fragen möglichst schnell zu beantworten. Eine Mitarbeiterin schickte dann aber nur eine Mail mit dem Link zu der Webseite „The Index Project“ und meint, dort sei die Funktionsweise von Thoronkas Anlagen doch „anschaulich beschrieben“.

Was nur bedeuten kann, dass sie die Seite selbst noch nie richtig angeschaut hat. Sonst hätte ihr auffallen müssen, dass das eingebundene Video zu Thoronka nur den piezoelektrischen Effekt ganz allgemein schildert, so, wie es auch Wikipedia und einschlägige Fachbücher tun, zu Standort, Größe und Leistungen seiner beiden Geräte aber wie gesagt nicht den kleinsten Hinweis liefert. Tichys Einblick schickte auch entsprechende Fragen an Thoronka selbst. Und zwar, da es keinerlei Webseite für seine angebliche Firma Optim Energy gibt und sich auch sonst keine Kontaktdaten zu dem vielreisenden jungen Mann auftreiben lassen, als Nachricht via Facebook. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Erfinder antwortet nicht.

Mehrere Fragen gingen auch an den WWF-Manager und Juror Sebastian Tripp. Denn zum einen zitiert ihn das GTF mit seinem ausdrücklichen Lob für Thoronka. Zum anderen gibt es eine Verbindung zwischen den beiden, zumindest ideell, da Thoronka wie erwähnt zu den 100 führenden WWF-Botschaftern in Afrika gehört. Tichys Einblick möchte von Tripp wissen, ob er die elektrotechnischen Anlagen in Sierra Leone gesehen hat (oder ob andere Jury-Mitglieder sie inspizierten), beziehungsweise, ob der für den Green Award nominierte 23-Jährige irgendeine technische Dokumentation vorgelegt hatte. Tripp beantwortet die Frage nicht selbst, sondern reicht sie an Nils Hollmichel weiter, „Head of Research & Politics“ des Festivals. Hollmichel schreibt:

„In der Kategorie Youngster suchen wir für die GREEN AWARDS speziell nach jungen Personen, die einen Beitrag für den Umweltschutz leisten, was sich sowohl auf bereits geleistetes als auch auf das Potenzial bezieht. Wichtig ist uns besonders, dass die Person eine Vorbildfunktion übernehmen kann und junge Menschen zum Engagement für Umwelttechnologien und -schutz begeistert.
Wir haben die Anlage von Jeremiah nicht vor Ort besichtigt. Im Rahmen unserer Jurysitzung mit 55 Jurymitgliedern wurde Jeremiah per Videocall zu neuen und alten Projekten interviewt.“

Die TE-Nachfrage, ob die Jury von Thoronka konkret technische Daten zu seinen Anlagen abforderte und ob sie jemanden mit Kompetenz auf dem Gebiet um eine Einschätzung bat, ob eine angebliche Versorgung von 1500 Menschen in Haushalten und 9000 Schülern mit Piezoelektrik überhaupt im Bereich des Realistischen liegt, bleibt unbeantwortet.

Und damit kommt der Text zu dem oben schon angedeuteten technischen Problem. Aus guten Gründen gibt es nirgendwo piezoelektrische Kraftwerke zur Versorgung von Haushalten und Schulen. Denn die Kompression von Kristallen erzeugt nur elektrische Ladungen im Kleinstbereich. In aller Regel liegt das, was Elektrotechniker „Erntefaktor“ nennen, hier bei einigen Milliwatt. Für Piezoelektrik gibt es deshalb ein interessantes, aber relativ schmales Anwendungsfeld, hauptsächlich in der Druckmessung und -sensorik. Bei der Messung dient die erzeugte Ladung als Signal, das sich in einen Messwert umwandeln lässt. Bei Tintenstrahldruckern beispielsweise beruht die Drucksteuerung der Düse auf Piezoelektrik, auch bei der Einspritztechnik mancher Verbrennermotoren.

Viele dürften die Technik auch von dem Piezofeuerzeug kennen, das per Druck einen kleinen elektrischen Impuls produziert. In der Medizin erzeugen kleine piezoelektrische Elemente im Körper durch Bewegung den Strom für Herzschrittmacher – sie laden also die Schrittmacher-Batterie gewissermaßen aus eigener Kraft des Patienten. Piezoelektrik findet sich überall dort, wo es nicht auf die Erzeugung größerer Energiemengen ankommt – in der Regelungstechnik und bei sich selbstversorgenden Kleinsystemen.

Daneben gibt es noch die eine oder andere spielerische Anwendung: Beispielsweise Laufschuhe mit einem kleinen piezoelektrischen Element, das hinten an der Sohle bei jedem Schritt ein LED-Lämpchen zum Leuchten bringt. Allerdings ist selbst hier meist eine kleine Batterie zur Verstärkung nötig. In der Londoner Bird Street lässt sich eine schon ziemlich große piezoelektrische Anlage besichtigen. Die besteht aus einem etwa 20 Quadratmeter großen Feld, zusammengesetzt aus Kacheln, die unter dem Schritt von Passanten nachgeben und je nach deren Gewicht elektrische Ladungen erzeugen. Der gewonnene Strom dient dazu, künstliche Vogelgeräusche abzuspielen, eine kleine LED-Lampengirlande je nach Fußgängerfrequenz zum Leuchten zu bringen, und Bewegungsdaten zu sammeln. Einen Haushalt könnte die Anlage nicht versorgen. Noch nicht einmal einen einzelnen Fernseher oder einen Kühlschrank.

Installationen wie die in der Bird Street sollen Passanten animieren, sich länger in bestimmten Zonen aufzuhalten, sie haben einen Unterhaltungsaspekt. Dem Hersteller der Piezo-Kacheln Pavegen zufolge würden ihre Geräte, ausgelegt über die gesamte Fußweglänge der Londoner Oxford Street, pro Tag 3,2 Kilowattstunden erzeugen. Die Kosten lässt das Unternehmen vorsichtshalber unerwähnt. Es wären jedenfalls die teuersten Kilowattstunden der Welt – eine Diamant- und Platinrandlösung. An dem Pavegen-Rechenbeispiel lässt sich spaßeshalber kalkulieren, welche Größe eine piezoelektrische Anlage bräuchte, um tatsächlich 1500 Menschen und 15 Schulen mit 9000 Schülern auch nur auf bescheidenem Niveau zu versorgen. Auf jeden Fall müsste jemand in der Lage sein, mit Millionen um sich zu werfen.

Wie beurteilen Fachleute die Behauptung, dass irgendwo in Sierra Leone zwei piezoelektrische Anlagen tausende Menschen mit Strom versorgen? „Sehr unplausibel“, meint Michael Beckmann, Professor für Energieverfahrenstechnik an der TU Dresden, den Tichys Einblick fragt. „Der Erntefaktor dieser Geräte ist sehr gering. Ich kenne sie vor allem aus der Druckmessung.“ Theoretisch sei es natürlich möglich, mit sehr ausgedehnten Anlagen auch Haushalte zu versorgen. „Aber da stünde der Aufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zu dem Ergebnis – zumal piezoelektrische Elemente nach einiger Zeit verschleißen.“ Tichys Einblick legt den Fall auch Professor Rüdiger Ballas vor, Prodekan an der Wilhelm-Büchner-Hochschule Darmstadt. Ballas gehört zu den Spezialisten für piezoelektrische Anwendungen.

„Piezoelektrik findet ihre Anwendung in kleinen Systemen, wo kleine Energiemengen benötigt werden“, so Ballas. Anlagen, die mit Bewegungsvibrationen von Fußgängern und Fahrzeugen 150 Haushalte mit 1500 Menschen und 15 Schulen versorgen? „Das halte ich für utopisch. Ich sehe darin keinerlei physikalische Sinnhaftigkeit“, so das Urteil des Wissenschaftlers. Denn es sei ja nicht damit getan, die kleinen elektrischen Ladungen einfach nur abzuzapfen. Sie müssten erst einmal aufwendig zwischengespeichert werden, um einen konstanten Stromfluss zu erzeugen, ohne den sich wiederum keine elektrischen Geräte betreiben lassen. „Und das“, so Ballas, „kann in diesen Größenordnungen kein Mensch bezahlen.“ In der Tat: Schon kleine industriell gefertigte piezoelektrische Platten von einigen Zentimetern Länge und Breite kosten mehrere hundert Dollar.

Um auf dieser Basis sinnvolle Stromversorgungsanlagen bauen zu können, so der Professor, „müsste er die Leistungsfähigkeit des Materials schon auf unvorstellbare Weise verbessert haben. Aber dann würde man ihn in der piezolektrischen Community auch kennen.“ Der Name Jeremiah Thoronka sage ihm aber nichts. Alles in allem, meint der Experte: Um das zu bewerkstelligen, was er angeblich gebaut haben will, „müsste er schon zaubern können“.

In der Greentech-Jury fragte sich offenbar niemand, warum jemand im armen Sierra Leone zur Stromversorgung nach eigenen Angaben ausgerechnet auf eine Methode setzt, die sehr hohe Technikkosten mit minimaler Stromausbeute kombiniert. Hunderte Haushalte und tausende Schüler per Piezoelektrik zuverlässig mit Strom zu versorgen wäre ungefähr so effizient und sinnvoll wie der Versuch, Granitblöcke mit der Nagelfeile in Form zu bringen. Ganz nebenbei ergibt sich daraus auch die Frage nach dem Geschäftsmodell von Thoronkas angeblichem Start-up Optim Energy. Denn nach Angaben des Greentech-Festivals verschenkt er den Strom an die glücklichen Abnehmer.

Wie kam Jeremiah Thoronka überhaupt auf die internationale Bühne? Seinen großen Moment erlebte er am 10. November 2021, als er den mit 100.000 Dollar dotierten Global Students Prize gewann – für eben jene piezoelektrischen Anlagen, die auch das Festival in Deutschland 2023 preiswürdig fand. Damals studierte Thoronka an der Universität im britischen Durham. Der australische Schauspieler Hugh Jackman, der ihn als Gewinner ausrief, sagte damals ein paar Worte, wie sie bei solchen Anlässen üblich sind – ein etwas wolkiges, begeistertes Lob, ohne ins Detail zu gehen: „Du hast einen enormen Unterschied für deine Community und weit darüber hinaus gemacht.“ Eine ganze Reihe von britischen Medien berichteten danach über den Gewinner. Aber es findet sich nur ein prominenter Medienbericht aus der Zeit vor der Preisverleihung über Thoronka und seine Wunderanlagen in Sierra Leone: ein Text der britisch-niederländischen freien Journalistin Isabelle Gerretsen vom 27. Juli 2021 für die BBC: “How pedestrians are lighting homes in Sierra Leone”.

Aus dem Text geht nicht hervor, ob Gerretsen in Sierra Leone Thoronka traf, und ob sie die Anlagen selbst gesehen hatte. Eine entsprechende Beschreibung enthält ihr Text nicht, auch kein Foto von der Technik. Illustriert ist der Beitrag mit dem Foto einer abendlichen Straßenszene, die irgendwo in Westafrika spielen könnte. Eine Anfrage von Tichys Einblick an Gerretsen nach den Grundlagen ihres Textes bleibt unbeantwortet. Dass sie die beiden Kleinkraftwerke tatsächlich besichtigte, wirkt angesichts ihrer Formulierungen jedenfalls unwahrscheinlich. Dort heißt es etwa, die piezoelektrischen Elemente befänden sich „unter dem Asphalt“. Dort könnten sie die kinetische Energie aber gar nicht aufnehmen.

„Optim Energy betrieb ein erfolgreiches Programm in Thoronkas lokalem Gebiet, Kuntoluh“, heißt es bei Gerretsen: „Mit der Nutzung von zwei Anlagen war das Start-up in der Lage, 150 Haushalte mit 1500 Menschen und 15 Schulen mit über 9000 Schülern kostenlos mit Strom zu versorgen.“ (“Optim Energy ran a successful pilot programme in Thoronka’s local area, Kuntoluh. Using two devices, the start-up was able to provide power free-of-charge to 150 households, made up of 1,500 people, and 15 schools, with over 9,000 students. The community was incredibly receptive to Thoronka’s solution and were happy to switch their dirty power supply for a cleaner, more efficient option.“)
Ihr Beleglink an dieser Stelle führt zu der Seite des Commonwealth Youth Award: der zufolge gewann Thoronka den Regionalpreis für Afrika für seine Energieerzeugung “mit einer bezahlbaren und sauberen innovativen Methode”, die nicht näher ausgeführt wird. Es bleibt unklar, warum Gerretsen für ihren Text die Vergangenheitsform wählte. Könnte es sein, dass der Commonwealth-Regionalpreis und dieser BBC-Beitrag den Ursprung des gesamten Phänomens Jeremiah Thoronka bilden?

Im und am Klima- und Nachhaltigkeitsgeschäft kritisieren Journalisten und Aktivisten schon länger, es sei zu weiß und westlich. Ein selbstloser junger Produzent von Sauberstrom aus Westafrika – diese Story über den schwarzen Prinzen der guten grünen Lüfte wirkt offenbar einfach zu gut, um sie kaputtzurecherchieren. Wie das historische Urbild sagt auch der moderne grüne Hauptmann von Köpenick vor allem etwas über das Milieu, das ihn bedingungslos anerkennt. Welche Sehnsucht nach einer solchen Figur und derartigen Geschichten besteht, zeigte sich auch in dem mittlerweile legendären Tagesschau-Beitrag von 2022 über den Technik-Wundertäter aus Simbabwe, der einen stromerzeugenden Fernseher erfunden haben sollte. Der scheiterte allerdings von vornherein an der Schulbuchphysik, anders als Thoronkas Kraftwerke, die durchaus möglich wären, wenn jemand unbedingt Unsummen für eine Stromausbeute bezahlen wollte, die sich mit allen anderen Techniken zu einem Bruchteil der Kosten erzielen lassen.

Jedenfalls führen die Anfragen von Tichys Einblick an das Greentech-Festival augenscheinlich nicht dazu, dass sich in Berlin Manager und Juroren wenigstens im Nachhinein um irgendeinen Beleg für die Existenz der Thoronka-Piezokraftwerke bemühen würden. Oder ex post ins Grübeln geraten, warum das Unternehmen Optim Energy noch nicht einmal über eine eigene Webseite verfügt, obwohl es laut Thoronka bis 2030 „100.000 Menschen“ in Sierra Leone erreichen will – was immer „erreichen“ hier bedeutet. Ein etwas distanzierter Beobachter könnte sich auch fragen, wie Thoronka es schafft, neben seinen rastlosen Auftritten im hochtourig um sich selbst brummkreiselnden globalen Irgendwas-mit-Nachhaltigkeit- und Klima-Zirkus noch ein Start-up zu führen. Aber möglicherweise heißt das Produkt seiner Ein-Mann-Firma ganz einfach: Jeremiah Thoronka. In diesem Fall wäre er tatsächlich brillant. Und gewiefter als Dutzende kleine und große Fische im Grüngeschäft zusammen.

Unter den Preisträgern des Greentech-Festivals befand sich auch jemand, der in Berlin für sein Lebenswerk geehrt wurde: der Co-Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung Johan Rockström. Den Preis durfte er aus der Hand von Staatssekretärin Jennifer Lee Morgan entgegennehmen. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Rockström bekannt, als er 2019 in einem Tagesspiegel-Interview behauptete: „In jedem Steak stecken 70 Liter Erdöl.“ Dass bei diesen angeblichen Energiekosten von fast 30 Euro jeder Supermarkt beim Steakverkauf Verlust machen würde, fiel erst einmal keinem in der Redaktion auf. Auch nicht der bunte Strauß weiterer Falschbehauptungen Rockströms über den Fleischkonsum in Deutschland. Als ein Journalist seine bizarren Zahlen auseinandernahm, ruderte er zurück.

Im gleichen Jahr zitierte der Guardian Rockström mit dem Satz, bei einem globalen Temperaturanstieg um 4 Grad sei es „schwierig, sich vorzustellen, wie wir eine Milliarde Menschen oder auch nur die Hälfte davon ernähren können“. Dieser Satz, in dem Rockström den Klima-Tod von Milliarden vorhersagte, diente vielen radikal Klimabewegten etwa bei „Extinction Rebellion“ als wissenschaftlicher Beleg für den globalen Notfall. Als der Autor Michael Shellenberger („Apokalypse, niemals“) Rockström fragte, wie er zu der Behauptung käme, antwortete er, das sei offenbar ein Missverständnis bei Guardian gewesen: Er habe nicht von einer, sondern „acht Milliarden, vielleicht auch nur die Hälfte“ gesprochen. Erst durch Shellenbergers Frage sei ihm das Falschzitat überhaupt aufgefallen. In seinem Buch stellt Shellenberger fest, dass allerdings auch keinerlei Belege für den bevorstehenden Klima-Hungertod von vier Milliarden Menschen existieren.

Dem Lebenswerk-Preis schadeten Rockströms wilde Behauptungen ganz offensichtlich nicht. Er bewegt sich nicht auf der gleichen Ebene wie Thoronka. Aber auf einer ähnlichen. Beide Phänotypen spielen eine wichtige Rolle in der Arena der Weltretter, dort, wo Geld- und Aufmerksamkeitsökonomie aufeinandertreffen. Der Betrieb braucht beide, um weiter zu rotieren. Was er dagegen ganz bestimmt nicht benötigt, ganz im Gegenteil, wäre ein Elektroingenieur in der Jury.

Um Jeremiah Thoronka zu zitieren: Die Reise ist noch weit davon entfernt, vorbei zu sein.

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