Wir sind Katar: Sigmar Gabriel wieder voll daneben

Der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel unterstellt Katar, noch vor sich zu haben, was wir so großartig gemeistert haben (mit feministischer Außenpolitik, non-binären Schriftstellern und geschlechtergerechter Sprache). Es wäre ehrlicher, wenn der Deutsche-Bank-Aufsichtsrat Gabriel über Interessen reden würde.

IMAGO / photothek
Sigmar Gabriel als Bundesaußenminister im katarischen Kulturhaus in Berlin, 21.11.2017

Hierzulande wird gern mit zweierlei Maß gemessen. Da gibt es Despoten, Autokraten und Stammesfürsten, über deren Auffassungen, etwa was die Rechte von Frauen und Schwulen betrifft, wir schamlos hinwegsehen. Warum? Weil es in unserem Interesse ist, uns etwa mit ölexportierenden Ländern gut zu stellen. Auch ein so buntdiverser Herrscher wie Ghaddafi war uns recht, solange er uns Flüchtlingsströme vom Hals hielt. Dem machten allerdings die Amerikaner ein Ende und hinterließen ein destabilisiertes Libyen, was weder menschenfreundlich noch sonderlich hilfreich war.

Die Bundesregierung findet nun neuerdings nichts dabei, Teile des Hamburger Hafens an China zu verkaufen, auch nicht gerade das Musterbeispiel eines demokratischen Landes. Beim Hafen von Piräus, an dem die chinesische Cosco die Betreiberrechte hält, mussten die Arbeiter feststellen, dass Cosco keine Gewerkschaften akzeptiert. „Handelt Deutschland nur dann moralisch, wenn kein wirtschaftlicher Nutzen im Spiel ist?“ Gute Frage.

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Insofern könnte man Sigmar Gabriel sogar zustimmen, der deutsche Doppelmoral anprangert: Was regen wir uns groß über Katar auf, dem Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft 2022? Gewiss, dort ist Homosexualität verboten und kann bestraft werden, mit Auspeitschung oder sogar der Todesstrafe. Man erwarte von Besuchern der Weltmeisterschaft, dass sie „Respekt vor unserer Kultur“ haben, erklärte der Emir von Katar beim Besuch in Berlin, wo er mit Olaf Scholz über Gaslieferungen sprach. Also besser Enthaltung von schwulem Sex in Katar während der WM? Das hatte einst Sepp Blatter vorgeschlagen, was ihm nicht gut bekommen ist.  

Übrigens ist der Golf-Kooperationsrat, in dem neben Katar weitere fünf Staaten der Arabischen Halbinsel vertreten sind – Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman – ganz auf der Seite Katars. Und ölexportierende Länder brauchen wir, oder? 

Also was soll die Aufregung, findet Sigmar Gabriel. Denn die Deutschen sind überhaupt nicht besser? Erbittert twitterte er: „Die deutsche Arroganz gegenüber Qatar ist ‚zum Ko…‘! Wie vergesslich sind wir eigentlich? Homosexualität war bis 1994 in D strafbar. Meine Mutter brauchte noch die Erlaubnis des Ehemanns, um zu arbeiten. ‚Gastarbeiter‘ haben wir beschissen behandelt und miserabel untergebracht.“ Genau. Und als unverheiratetes Paar durfte man nicht gemeinsam ins Hotel, dagegen stand der Kuppeleiparagraph. „Auch wir haben Jahrzehnte gebraucht, um ein liberales Land zu werden“, meint Gabriel.

Screenshot via Twitter /Sigmar Gabriel

 

Gewiss. Viele Frauen konnten allerdings nach 1945 ihren Ehemann gar nicht fragen, ob sie arbeiten durften. Der war nämlich nicht da. Sie mussten also arbeiten. Und wer als Mann abgemagert und desillusioniert aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte wohl kaum die Autorität, seiner Frau den für beide notwendigen Broterwerb zu untersagen.

Und wurden Schwule bei uns an Baukränen erhängt oder ausgepeitscht? Muss eine vergewaltigte Frau bei uns mit 100 Peitschenhieben und Gefängnis rechnen, weil sie damit „Sex außerhalb der Ehe“ gehabt habe?

Zugegeben, die Bundesrepublik war vor 70 Jahren ziemlich kleinkariert. Man konnte seine bürgerliche Reputation verlieren, wenn man sich als Schwuler erwischen ließ – lesbische Frauen wurden großmütig ignoriert. Deshalb machte man homosexuelle Vorlieben oder vorehelichen Geschlechtsverkehr oder Seitensprünge besser nicht öffentlich, was einen nicht daran hinderte, es zu tun. Nur die 68er glaubten, dass ihre Eltern Spießer waren, weil sie Partnertausch hinter geschlossenen Türen trieben und dabei „Aber der Novak lässt mich nicht verkommen“ hörten. Der ungezwungene offene Sex, den die 68er bevorzugten, war jedenfalls unter Garantie nicht aufregender.

Ich erinnere mich gut daran, dass sich bereits in den 60ern niemand mehr um den Paragraphen 175 scherte. Erst recht nicht die Schwulenbewegung. 

Genosse der Bosse
Sigmar Gabriel jetzt Deutscher Banker
Doch das ist nicht das einzige, was an Gabriels seltsamem Vergleich nicht stimmt. Er unterstellt Katar den Status eines Entwicklungslandes, das noch vor sich hat, was wir so großartig gemeistert haben (mit feministischer Außenpolitik, non-binären Schriftstellern und geschlechtergerechter Sprache). Woher weiß er denn, dass Katar ein liberales Land nach unserer Strickart werden will?

Wäre es nicht weit ehrlicher und ein echter Schlag gegen die deutsche Doppelmoral, wenn Gabriel über Interessen reden würde? Katar ist einer der größten Aktionäre im Leitindex Dax und hält Aktienpakete von VW (rund 17 Prozent), Siemens (über drei Prozent), Hapag-Lloyd (14 Prozent) und der Deutschen Bank (etwa acht Prozent) und hat 2014 der Deutschen Bank den Hals gerettet. Gabriel weiß das aus erster Hand. Er sitzt im Aufsichtsrat der Deutschen Bank.

Wie wäre es also, wenn er Klartext redete – oder „Klare Kante“, wie es bei den Sozis gern heißt? „Hört auf mit euren Empörungsritualen. Wir brauchen die ölexportierenden Länder, nachdem wir schon auf russisches Gas verzichten müssen. Die Welt ist schlecht. Gewöhnt euch dran.“

Ganz abgesehen davon: Warum die Fußballweltmeisterschaft ausgerechnet in Katar stattfinden muss, verstehe ich auch nicht. 


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Kommentare ( 23 )

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Fritz Wunderlich
1 Monat her

Das schamlos Hinwegsehen nennt sich vernünftige Politik, akzeptieren der Souveränität anderer Länder, verstehen anderer Kulturen, friedliches Zusammenleben in der Völkergemeinschaft, Verzicht auf neokolonialistische Anwandlungen, der ganzen Welt unsere Wertvorstellungen aufzudrängen.
Es soll und darf nicht mehr den Kriegsgrund „responsibility to protect“ geben. Die Menschen in den jeweiligen Ländern müssen sich selbst untereinander ausmachen, wie es in ihrem Land zugeht. Niemand gab uns das Recht, mit kriegerischen Interventionen oder dem fast gleichwertigen Mittel der Sanktionen, unsere Vorstellung von Menschenrechten anderen aufzuzwingen.

elly
1 Monat her

Siggi Pop, der gerne mal den Stinkefinger erhebt, Leute als „Pack und Mob“ bezeichnet, in seinem Element.

Rob Roy
1 Monat her

Der Tweed von Sigmar Gabriel ist bezeichnend, weil er in keiner Weise differenziert. Mag sein, dass der Homo-Paragraf erst 1994 offiziell abgeschafft wurde. Als Verbrechen geahnet wurde Homosexualität doch seit den 1960er Jahren nicht mehr. Und davor eher mit Geld- oder Bewährungsstrafe, ja das war ungerecht, aber niemand wurde ausgepeitscht oder von einem Mob massakriert wie im Iran. Die Erlaubnis des Ehemannes, damit seine Frau arbeiten kann, war reine Formalie und gehört zu anno dunnemals, als die meisten Frauen weder arbeiten wollten noch brauchten. Die SPD („Sonntags gehört Vati mir“) hat doch mit dafür gesorgt, dass seit 30 Jahren beide… Mehr

Aletheia
1 Monat her

Der Zahnärztin-Gatte Gabriel hat seinen wahren Charakter bereits demonstrativ zur Schau stellen können, als herauskam, dass er sogar gegen ein äußerst üppiges Honorar bereit war, dem als Ausbeuter in der Kritik stehenden Fleischfabrikanten Tönnies zu Diensten zu stehen.
Ist es da nicht ein Wink des Schicksals, dass selbst der allseits beliebte Eisbär Knuth, dessen Patenschaft Gabriel übernommen hatte, lieber vorzeitig das Zeitliche segnete?
So wie der vaterlos aufgewachsene Soze Gerhard Schröder In dem Diktator Putin scheinbar den übermächtigen Übervater idealisierte, so scheint Soze Gabriel ein besonderes Faible für Menschen mit viel Geld zu haben.

ChristianeB
1 Monat her

Immer mit der Ruhe – die Repräsentanten von Wokistan haben alles im Griff. So hat mich doch gestern das heute-journal zu später Stunde noch erheitert. Der Bericht über den Besuch von Frau Faeser in Katar endete mit der Botschaft, dass Frau Faeser den Reformprozess in Katar zu begleiten gedenkt. Ich bin in schallendes Gelächter ausgebrochen. An der Quelle saß der Knabe, Frau Faeser. Wir sitzen garantiert nicht da. Wir sitzen auf einem riesigen Schuldenberg und stechen auf der Rohstoffseite komplett ins Leere. Der Emir macht ein bisschen Konservation, geht dann seines Weges und hat um die nächste Ecke Frau Faeser… Mehr

Leopold Schmidt
1 Monat her

So ganz, verehrte Frau Stephan, verstehe ich nicht den Widerspruch, den Sie zwischen den Aussagen von Gabriel und Ihren eigenen Positionen aufbauen wollen. Eigentlich ergänzen Sie beide sich doch ganz gut. Nichts von dem was Gabriel sagt ist falsch. Auch Ihnen widerspreche ich nicht – ganz im Gegenteil. Es ist nun mal so, daß Homosexualität in vielen Moslemstaaten eine schwere Straftat ist. Die abartige Sexualmoral – von der der Zwangsrundfunk in Deutschland behauptet, daß wir sie angeblich haben – wird von 80- 85 % der Menschen weltweit nicht geteilt. Und wenn doch einmal, so wird Sexualverhalten als das behandelt, was… Mehr

Till Kinzel
1 Monat her

Wer ist nochmal Sigmar Gabriel?? Muß man den kennen?

Boudicca
1 Monat her

Gabriel Aussagen sind kein Appeasement sondern eine Unterwerfung.
Spannend ist, welches Pöstchen er sich dafür ergattert.
Zieht man ein Resümee seiner „Karriere“ als Politiker bleibt für die Deutschen nur außer Spesen nichts gewesen.
Er wäre gerne ein bedeutender Staatsmann geworden, aber………………..

hoho
1 Monat her

Ich weiß nicht viel über Katar aber wenn sie die Alphabet-Ideologie (alle Buchstabenkombinationen für unterschiedliche Art und Weise wie man Sex hat, kann ich mich nicht merken) ablehnen da machen sie nichts verkehrt. Anders gesehen: eine Gesellschaft, wo keiner wagt, den Unterscheid zwischen der Frau und dem Mann zu nennen, sollte sich vlt zurückhalten, wenn es um Rechte der Frau geht, man muss ja erst wissen, was eine Frau ist, nur dann kann man ja feststellen welche Rechte solcher Person in Vergleich mit anderen noch fehlen. Ob dann man zB Quotas benutzen sollte, um diese Rechte zu stärken, ist fraglich.… Mehr

LadyGrilka55
1 Monat her

„Man erwarte von Besuchern der Weltmeisterschaft, dass sie „Respekt vor unserer Kultur“ haben, erklärte der Emir von Katar …“

Eine solche Einstellung bräuchten wir in Deutschland, wo offenbar außer einer Minderheit von Deutschen niemand mehr Respekt vor unserer Kultur hat.