Zins: Stochern im Nebel

Yellen und Draghi stochern nur im Nebel, schauen in die Glaskugel und hoffen auf eine Eingebung.

Die Erhöhung des Leitzinses der amerikanischen Notenbank am vergangenen Mittwoch wurde von den Akteuren an den Finanzmärkten nicht nur sehnlichst erwartet, sondern als historisch bezeichnet. Da erhöht die oberste Notenbankerin Janet Yellen den Leitzins um einen viertel Prozentpunkt auf maximal 0,5 Prozent und schon wird das Ende der weltweiten Niedrigzinsperiode apostrophiert. Richtig ist, dass die Notenbank der einzig verbliebenen Leitwährung der Welt, des US-Dollars, den weltweiten Takt vorgibt.

Im Jahr 2000 war es die Fed, die ihren Leitzins nach dem Platzen der Dotcom-Blase von 6,5 Prozent bis Mitte 2003 auf ein Prozent reduzierte. Alle anderen Notenbanken folgten ihr mehr oder weniger konsequent. Die Korrektur der Aktienbörsen konnten die niedrigen Zinsen jedoch nicht verhindern. Als die Aktien- und Immobilienmärkte wieder ansprangen, ging es bis Mitte 2007 in zahlreichen Stepps wieder auf über fünf Prozent. Erst als dann die Immobilienblase in Amerika platzte und mit ihr die Bankenkrise begann, ging es wieder abwärts.

Der Tiefpunkt der Zinsen wurde 2008 erreicht, als die Leitzinsen auf faktisch Null reduziert wurden. Seitdem kennen Schuldner und Gläubiger nur diesen Zustand. Sieben lange Jahre dauerte nunmehr dieses Nullum. Kommt jetzt eine lange Phase des Zinsanstiegs wie 2003? Kommt die weltweite Zinswende mit Leitzinsen von fünf, sechs oder sieben Prozent? Nein! Das ist so wahrscheinlich, wie dass der VfB Stuttgart deutscher Fußballmeister wird.

Janet Yellen, die Präsidentin der US-Notenbank Fed, begründete ihren Schritt mit der guten volkswirtschaftlichen Verfassung der USA und der damit einhergehenden niedrigen Arbeitslosenquote. Auf den ersten Blick trifft dies sicherlich zu. Die Arbeitlosenquote hat sich in Amerika von fast zehn Prozent im Jahr 2009 nunmehr auf fünf Prozent halbiert. Doch hier gilt der alte Grundsatz: Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast. Die offizielle Arbeitslosigkeit in Amerika ist geschönt. Langzeitarbeitslose tauchen in der Statistik nicht auf und viele junge Leute ebenfalls nicht.

Zwar schaffen die Unternehmen in Amerika aktuell neue Stellen, diese reichen jedoch nicht aus, um die vielen Jungen, die neu auf den Arbeitsmarkt drängen, aufzunehmen. Dies führt dazu, dass die Erwerbsquote seit 15 Jahren kontinuierlich sinkt und sich aktuell auf dem Niveau der 1970er Jahre befindet. Das bedeutet letztlich, dass immer weniger Amerikaner einer Arbeit nachgehen oder offiziell eine Arbeit suchen. Auch die Konjunkturaussichten sind nicht gut. Die Auslastung der Industrie ist im langen Trend unterdurchschnittlich. Bleibt man in der Logik von Janet Yellen, dass gute ökonomische Daten die Voraussetzung für eine Zinswende sind, dann taugen die aktuellen Zahlen nicht.

Noch problematischer ist die Grundannahme. Sie lautet: Niedrige Notenbankzinsen führen zu niedrigen Zinsen bei den Banken, die Kreditvergabe wird dadurch angeregt, Investition entstehen, die Arbeitsplätze schaffen, und alles wird gut.

Was Yellen, aber auch Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank, machen ist die Entkoppelung des Zinses vom Marktzins. Sie glaubt, besser zu wissen, welcher Zins aktuell der richtige für alle Marktakteure ist. Doch eigentlich stochern sie nur im Nebel, schauen in die Glaskugel und hoffen auf eine Eingebung. Welcher Zins in einer Marktwirtschaft der Richtige ist, dieses Wissen hat keiner.

Die Frage ist also: Wie lange können die US-Regierung und die Notenbank die Arbeitsmarktsituation in Amerika durch statistische Tricks verschleiern? Sehr wahrscheinlich nicht dauerhaft. Daher ist eine wirkliche Zinswende in Amerika nicht zu erwarten. Gleiches gilt auch für die EZB, die Bank of England oder die Japanische Notenbank. Alle sitzen in der selbstgeschaufelten Grube. Die Schuldner wurden durch die niedrigen Zinsen abhängig gemacht. Würden die Zinsen nennenswert steigen, wären Insolvenzen von Staaten, Banken und Unternehmen die Folge. Ohne strukturelle Reformen am Arbeitsmarkt, bei den Staatsausgaben und bei den Investitionsbedingungen für Unternehmen ist keine Besserung in Sicht. Billiges Geld ist daher nicht die Lösung, sondern Ursache, Problem und Hindernis zugleich. Oder besser: Was heute verfrühstückt wird, muss morgen nachgehungert werden.

Erschienen in der Fuldaer Zeitung.

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