„Dann geh‘ doch zur AfD!“

In der alten BRD-Welt machte man linke Diskutanten gern mit dem Appell mundtot: „Dann geh‘ doch rüber!“ Heute erfüllt der Satz: „Dann geh‘ doch zur AfD!“ eine ähnliche Funktion. Inhaltliche Auseinandersetzung wird durch Stigmatisierung ersetzt. Damit stirbt der Diskurs, das Lebenselixier jeder wahrhaft demokratischen Gesellschaft.

© Getty Images

„Geh‘ doch rüber!“ (in die damals real existierende DDR, für die ich allerdings nie politische Sympathie empfand). Dieses Verdikt erntete ich häufig in meinen Jugendjahren, wenn ich mich in meiner oberschwäbischen Heimat mit linken sozial- oder wirtschaftspolitischen Ideen in die Diskussion einmischte: in der Kneipe, im Verein, selbst bei Familienfeiern. Der Satz, der einem oft triumphierend entgegen geschleudert wurde, beendete schlagartig jede Diskussion. Er ersparte dem Gegenüber, aber auch mir selbst, jegliche argumentative Auseinandersetzung. Der Satz verdammte, erstickte eine Auseinandersetzung buchstäblich im Keim.

Heute erfüllt der Satz „Dann geh‘ doch zur AfD!“ eine ähnliche Funktion. Wer angesichts der neuen italienischen Regierung vor den Gefahren einer weiteren Vergemeinschaftung im Euro-Raum warnt oder auf die Einhaltung der Maastricht-Stabilitätskriterien pocht. Der wird in den sozialen Netzwerken wie im privaten Gespräch postwendend verdammt: „Dann geh‘ doch zur AfD!“ Wenn der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer aus der kommunalen Praxis über die Probleme mit der Integration von Migranten redet und schreibt, dann stecken ihn nicht nur Grüne Parteifreunde in die AfD-Schublade, sondern auch viele „politisch Korrekte“. Christian Lindner erntete mit seinem Bäckereischlangestehen-Beispiel kürzlich vor allem eins: den hanebüchenen Rassismus-Vorwurf und die Vorhaltung, damit für die FDP strategisch im trüben AfD-Teich zu fischen.

TE 06/2018
Boris Palmer: „Die Nazikeule zieht nicht mehr“
Diese platte Diskurs-Verweigerungshaltung ist leider nicht auf sogenannte bildungsferne Schichten beschränkt, sondern hat sich weit ins intellektuelle Juste Milieu verbreitet. Selbst in der Kunst- und Kulturszene macht sich Gedankenzensur breit. Beim Berliner Theatertreffen wurde im vergangenen Jahr offiziell das Wort „Neger“ in einer Inszenierung verboten und durch das Wort „Beep“ ersetzt. Die Festivalleitung sah in der Wiederholung des Wortes „Neger“ auf der Bühne den Rassismus zementiert. Die Gender-Exzesse stehen für mich mit ihrer *-chen Flut vor allem für ideologische Sprachverrohung. Geistvoller Esprit, Lust am produktiven Streit, demokratische Meinungspluralität sehen anders aus. Der Kleingeist lugt aus allen Ecken.

Diese Ausgrenzungsstrategie, die häufig in der Diffamierung alles angeblich politisch nicht Korrekten als rassistisch oder rechtsradikal gipfelt, hat zu einer für mich beängstigenden Abstumpfung in der deutschen Gesellschaft geführt. Immer öfter höre ich in politischen Gesprächen auf langen Bahnfahrten oder lese beim Surfen in den sozialen Netzwerken, dass Leute, die über ihre Angst vor kultureller Überfremdung als Folge der Massenmigration reden, laut hörbar sagen oder offen schreiben „Dann bin ich eben ein Nazi!“ Die Stigmatisierung hat das Gegenteil bewirkt. Man solidarisiert sich mit dem Verdikt der Gegenseite. Deshalb hat die „Nazi-Keule“ ausgedient, wie es Boris Palmer in seinem Interview in der aktuellen Printausgabe von Tichys Einblick formuliert.

Der rosa Elefant
Lindner: Wer die Medien stört
Diese Entwicklung halte ich aber für extrem gefährlich, weil damit schleichend die nationalsozialistischen Verbrechen, die von Hunderttausenden aktiven Nazis begangen und von Millionen von opportunistischen Mitläufern hingenommen wurden, relativiert werden. Wenn ich dann eben heute „auch ein Nazi bin“, dann sind irgendwann die damaligen Nazi-Greuel auch keine verabscheuungswürdigen Verbrechen mehr. Die politisch Korrekten haben damit das Gegenteil von dem bewirkt, was sie so gern wie eine Monstranz vor sich hertragen: „Nie wieder Faschismus!“

Umgekehrt gilt natürlich auch: Wer undifferenziert pauschal in Richtung der Mainstream-Politik und der Mainstream-Medien keilt, der erweckt den fatalen Eindruck, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Doch die alleinige Wahrheit besitzt niemand. Auch die liberal-konservativen Köpfe müssen intellektuell redlich streiten, sich vor pauschaler Diffamierung hüten – bei aller notwendigen pointierten Polemik. Im Streit muss man sich an Positionen reiben können. Streit kann weh tun. Aber er sollte nicht ausgrenzend und ad personam geführt werden. Sonst hat man irgendwann keine Mitstreiter und erst recht kein Publikum mehr.

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Kommentare ( 91 )

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91 Comments
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ccb
6 Jahre her

Zwei Dinge stören mich an Ihrem Artikel: 1) die „platte Diskurs-Verweigerungshaltung“ ging ursprünglich vom intellektuellen Millieu (besonders Kunst- und Kulturszene) aus. Sie hat sich nicht von bildungsfernen Schichten dorthin ausgebreitet. 2) Laut Ihrer Darstellung muss bei gleicher inhaltlichen Position unterschieden werden, ob die kritischen Worte vom moralisch Korrekten (Palmer, Lindner) oder vom Beelzebub (AfD) gesprochen werden. Zum Glück gibt es ja in unserer Gesellschaft noch einige andere Schichten zwischen „bildungsfern“ und „intellektuellem Juste-Milieu“. Sie haben korrekt belauscht, dass die Bewohner dieser Schichten zunehmend genervt auf die Sinnentleerung bestimmter Tabu-Wörter (z.B. Nazi) reagieren. Diese Menschen nehmen auch ganz genau wahr, dass… Mehr

jh skeptisch
6 Jahre her

Zugehörigkeit zu unseren heutigen „politischen und medialen Eliten“ ist halt kein Beweis für vorhandene Intelligenz, sondern eher für Angepasstheit und Mainstream-Opportunismus, und die heutigen „Experten“ sind eher Ideologen.
Leider haben Sie Recht, Herr Metzger.

WilhelmsonR
6 Jahre her

Die Unterdrückung anderer Meinungen, vor allem konservativer Meinungen hat gegenwärtig System und lässt einem den Mund offen stehen. Seit 2015 bin ich auf Twitter. In dieser Zeit habe ich eine schleichende Entwicklung beobachtet. Zuerst wurden bestimmte regierungskritische Accounts zeitweise gesperrt. Schließlich waren sie ganz weg vom Fenster, ein berühmter Name war hier Konja Bonke. Dann kam eine Meldungswelle, wobei systematisch rechte Meinungen gemeldet wurden. Häufig waren die gemeldeten Tweets gänzlich neutral formuliert und wurde nach Prüfung nicht gesperrt. Das neueste Phänomen ist nun der Shadowban, mit dem die Reichweite vor allem rechter Accounts massiv, aber unbemerkt eingeschränkt wird. Schließlich gibt… Mehr

diggikid
6 Jahre her

Nazis erkennt man unter anderem auch daran, daß sie anderen das recht auf eine eigene meinung nicht zugestehen wollen.

Tesla
6 Jahre her

Auf der Achse habe ich einen bemerkenswerten Artikel von Dushan Wegner gelesen.

„Rassisten und politisch Korrekte rauchen das selbe Zeug“
http://www.achgut.com/artikel/rassiste_und_politisch_korrekte_rauchen_das_selbe_zeug

Zitat: „Der politisch korrekte Mob ist getrieben von denselben niederen Motiven wie ein rassistischer Mob. Man will demütigen statt versöhnen. (…) Politische Korrektheit ist die letzte Zuflucht für den Lump von heute.“

Es ist schade, dass ich von Hr. Wegner leider nichts mehr auf TE zu lesen bekomme.

Steppenwolf
6 Jahre her

Wer heutzutage in einer politischen Debatte den Begriff Nazi gegen wen auch immer ins Feld führt, ist aus ethischer Sicht ein Lump, aus historischer Sicht ein Verharmloser, aus intellektueller Sicht eine Null.

Leider weiß ich nicht mehr, wer diese Sätze verfasst hat.

Alexis de Tocqueville
6 Jahre her

Nein! Nein! Nein! “Auch die liberal-konservativen Köpfe müssen intellektuell redlich streiten, sich vor pauschaler Diffamierung hüten – bei aller notwendigen pointierten Polemik. “ Nein, das müssen wir nicht, das haben wir jahrelang versucht. Zum Dank wurden wir zu Nazis gestempelt. Übrigens, darin liegt bereits die Verharmlosung der NS Zeit, dass die Ablehnung unkontrollierter Zuwanderung mit Völkermord gleichgesetzt wird. Was haben die Linken Spinner denn erwartet? Wir müssen jedenfalls nicht mehr redlich in den Untergang marschieren. Wir haben es versucht, und jetzt sind wir Nazis in der Ecke, während bereits die Fundamente des Rechtsstaats bröckeln. Wollen wir weiter in der Ecke… Mehr

Dieter Rose
6 Jahre her

wie nennt man denn die,
die für Sonntag zur Zerstörung
Berlins aufrufen.
Reaktionen der Politik?
Vorbereitungen der Polizei?
Kommentare in den MSM?

Ursula Schneider
6 Jahre her

Interessanter Kommentar, geschätzter Tocqueville! „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“, sagt ja schon so richtig der Volksmund. Selbstbewusstes Auftreten, knackige Parolen, schonungslose Angriffe, listenreiche Taktik, Tabubrüche, kompromisslose Vorwärtsstrategie – alles prima. Aber ständig wiederholte Lügen? Nein! Davon haben wir die Nase gestrichen voll von der links-grünen Seite. Ist auch nicht nötig, es liegt ja genug Dreck auf der Straße – man muss nur in aller Deutlichkeit darauf hinweisen. Die AfD macht das im Bundestag schon recht ordentlich. Als „Elfenbeinturmdiskussionen“ kann man deren Reden jedenfalls nicht bezeichnen.

Lux Patriae
6 Jahre her

Ihr Kommentar: ganz großes Kino , mit schlagkräftigen Argumenten, Sie sprechen damit Millionen aus der Seele ! Chapeau !

diggikid
6 Jahre her

„Den spieß umdrehen“, denn „spieße zu sicheln“ ist ein wunschtraum. Dann hat man immer noch einen spieß in der disputantenhand. Und spieße sind und bleiben gefährlich.

Kaenguru
6 Jahre her

Mit wem ich mich auch unterhalte, Moral schlägt Fakten. Die Unwissensgesellschaft. Die Flut an Medien hat die Leute anscheinend dümmer gemacht. Als Beispiel die gestrige Aussage eines befreundeten Berliner Rechtsanwaltes „Gut, daß Afrika jetzt etwas zurückbekommt“ Macht ja nichts, 50 Jahre „Entwicklungshilfe“, die das Despotensystem gnadenlos verfestigt hat. – – Viele Länder in Afrika mit sehr fruchtbaren Böden. – Kein Winter. – Simbabwer, die sich freuen, daß ein paar enteignete weiße Farmer zurückehren, weil das den selbstverursachte Hunger in einem der fruchtbarsten Länder der Erde lindern hilft. Passt zu Venezuela, mit den größten Ölvorkommen dee Erde. Alles egal. Alles nicht… Mehr

Alexis de Tocqueville
6 Jahre her
Antworten an  Kaenguru

Moral schlägt Fakten. Sie sagen es. Ich schreibe hier immer wieder: Emotion schlägt Argument.
Dabei ist es völlig egal, ob die Leute verblöden oder nicht, denn das Prinzip gilt immer. Im alten Griechenland, in Rom, in der Aufklärung selbstverständlich auch; die französische Revolution wurde nicht von Fakten und klugen Argumenten getragen.

giesemann
6 Jahre her

Dambisa Moyo, sambische Nationalökonomin sagt in ihrem Buchtitel: „Dead Aid“ nicht nur, dass die „Entw.-hilfe“ eher kontraproduktiv war und ist, sondern auch: Wir Afrikaner sind doch keine kleinen Kinder“. Nehmen wir sie beim Wort – und das ist alles seit immer schon bekannt, bin froh, dass das auch mal aus Afrika so verlautbart wird. Aber klar: Infantilität ist bequemer, weiß jeder, der jemals pubertierende Kinder (erlebt) hat(te).

Dieter Rose
6 Jahre her
Antworten an  Kaenguru

schade, dass wir uns nicht begegnen.

Delion Delos
6 Jahre her
Antworten an  Kaenguru

Kommen Sie uns doch mal in GR besuchen.

Gerro Medicus
6 Jahre her

Sehr wahr! Genau dies steht der Gleichmacherei der linksgrünen politischen Kräfte entgegen. Sie erkennen nicht, dass Ungleichheit / Polarisierung ein Grundprinzip unserer Welt ist. Schon Aristoteles erkannte, dass Begriffe nur durch ihr Gegenteil existent sein können. Kein „groß“ ohne „klein“, kein „heiß“ ohne „kalt“ etc. Eine Batterie funktioniert nur, weil Plus- und Minuspol ungleich sind! Der Beispiele sind Milliarden!

Und diese Realität wollen die Linksdenker dadurch zukleistern, dass sie Abgrenzung / Differenzierung und Gegensatzbildung als Diskriminierung verurteilen.

AKoch
6 Jahre her

Sehr richtig Herr Metzger: Es gibt nicht „die“ Wahrheit. Er gibt immer mehrere Wahrheiten gleichzeitig, weil sie jeder aus seiner persönlichen Perspektive erfährt. Und Pauschalierung ist immer unzutreffend und verletzend. Nur weil ein Deutscher ein Nazi ist, sind noch lange nicht alle Deutschen Nazis. Nur weil ein paar Grüne der marxistischen Ideologie angehangen haben, müssen nicht alle Grünen Spinner sein. Es ist wichtig, dass man bereit ist, Argumente – egal von welcher Seite – anzunehmen und zu durchdenken. Man kann ja, wenn man will, mit Gegenargumenten reagieren. Aber es müssen Argumente sein und nicht (subjektive) Moralaussagen. Wenn ich mir aber… Mehr

Alexis de Tocqueville
6 Jahre her
Antworten an  AKoch

„Es ist wichtig, dass man bereit ist, Argumente – egal von welcher Seite – anzunehmen und zu durchdenken. Man kann ja, wenn man will, mit Gegenargumenten reagieren. Aber es müssen Argumente sein und nicht (subjektive) Moralaussagen.“ Wenn alle mitspielen und sich an die Regeln halten geht das. Wenn aber nicht, was dann? Ist denn nur die AfD Fraktion eine Mauer der Arroganz? Und die anderen hören ihr zu und versuchen zu verstehen? Sie sprechen selbst den medialen Mainstream an, angeführt von Staatsmedien. Wie soll die AfD da durchdringen? Jedenfalls nur selbstbewusst, aufrecht und stark, nicht geduckt und verschämt. Es geht… Mehr

Dieter Rose
6 Jahre her

ich habe es so aufgefasst, dass die AfD auf eine Mauer der Arroganz stößt