Teure Marketingkampagnen der DB sind ein Staatsgeheimnis

TV-Stars wie Anke Engelke hauen sich ins Zeug für die Bahn, dem miserablen Image zum Trotz, denn der Marketingeinsatz lohnt sich. Was die Kampagne die Steuerzahler kostet, ist geheim.

Screenprint via YouTube / Deutsche Bahn

Anke Engelke ist ja ein witziger Typ, dachte sich die Marketingabteilung der Deutschen Bahn und engagierte die Schauspielerin und Comedian für eine Werbekampagne im Netz – boah eh.

Seit 8. Oktober läuft zur Belustigung potenzieller Bahnkunden die neue DB Webserie mit Danke-Anke: „Boah, Bahn! Wir sitzen alle im selben Zug.“ Comedian Engelke singt und plaudert als ICE-Zugchefin Tina über Geschichten aus dem Alltag des Zugpersonals mit einem Augenzwinkern, so die Eigenwerbung zum Start auf dem YouTube-Kanal der DB.

Schon der Startzeitpunkt war skurril, denn erst im Oktober 2025 fuhr die Deutschen Bahn im Fernverkehr einen historischen Tiefpunkt bei ihrer Pünktlichkeit ein: Nur 51,5 Prozent der Züge rollten „pünktlich“ mit weniger als sechs Minuten Verspätung in die Bahnhöfe ein. Damit fuhr nicht einmal mehr jeder zweite DB-Zug pünktlich, weil die zahlreichen Zugausfälle aus der Statistik herausfallen, frei nach dem DB-Motto: Wer nicht fährt, kann auch nicht zu spät kommen!

Ein professionelles Gesangsvideo von Engelke sollte die frustrierten Kunden durch ein wenig DB-Ironie wohl mit den katastrophalen Zuständen in der Wirklichkeit versöhnen:

„Der Gang ist voll, der Kaffee leer, dicke Luft, weil grad die Klima nicht geht. Das Klo defekt, kein Internet. Hier Schokolade, wir sind trotzdem zu spät. Ihr denkt bestimmt, wir tun nicht genug. Dabei sitzen wir im selben Zug. Wir sagen: Thank, thank you for traveling with Deutsche Bahn.“

Damit die Bahnkunden nicht nur ihren Alltag vorgesungen bekommen, trällert Engelke noch hinzu:

„Ob Sturm, ob Eis, ob Baum, ob Tier. Ob Fahrgastrechteformular. Im Hintergrund wird repariert und wir sind weiter für Euch da.“

Wir dichten noch die im Volk bekannten vier Hauptfeinde der Deutschen Bahn hinzu: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ein fünfter kommt jetzt beim Witze erzählen noch obendrauf – der Bahnvorstand.

Kein Witz ist dagegen: Die Kosten einer öffentlichen Werbekampagne eines Unternehmens im Staatsbesitz können nur im Geheimschutzraum des Bundestages eingesehen werden. Sie glauben es nicht? Nichts ist unmöglich bei der Bundesregierung und ihrer Deutschen Bahn.

AfD-Technologieexperte Maximilian Kneller wollte von der Bundesregierung also wissen, was der DB-Spaß mit Anke Engelke denn den Steuerzahler kostet. Immerhin hängt der staatseigene Bahnkonzern mit sehr, sehr vielen Milliarden ständig am volkseigenen Zuschusstropf. Deswegen stellte er als NRW-Bundestagsabgeordneter diese Nachfrage:

„Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Gesamtkosten für die Produktion der Webserie der Deutschen Bahn AG ‚Boah, Bahn! Wir sitzen alle im selben Zug‘ mit Schauspielerin Anke Engelke, unterteilt in die Gagen für Anke Engelke und gegebenenfalls andere Darsteller und die einzelnen Produktionskosten, wie Studio (Set), Technikkosten, Schnittkosten, Postproduktionskosten und weitere sonstige Kosten?“

Kneller staunte nicht schlecht über die Antwort aus dem Bundesverkehrsministerium, die Tichys Einblick exklusiv vorliegt. Der parlamentarische Staatssekretär Ulrich Lange teilte nämlich dem Bielefelder Bundestagsabgeordneten mit, dass solche Informationen im Grunde ein Staatsgeheimnis sei.

Und diese Regierungsantwort könnte Anke Engelke glatt als Vorlage für einen ihrer nächsten Sketche dienen:

„Bei der Information über den finanziellen Umfang der Kampagne ‚Boah Bahn‘ der Deutschen Bahn AG handelt es sich um geschützte Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse der DB AG. Die Offenlegung der Information kann wirtschaftliche Nachteile für die DB AG zur Folge haben und damit das fiskalische Interesse des Bundes beeinträchtigen.“

Als ob es bei der Schienenfinanzierung auf diesen „Schutz“ noch ankommt, die selbst für den Bundesrechnungshof längst ein „Fass ohne Boden“ ist.

Damit nicht genug: Die Frage nach der Höhe der Gagen berühre schutzwürdige Interessen der Darsteller und diese hätten der Offenlegung der angefragten Informationen nicht zugestimmt, teilt der parlamentarische Verkehrsstaatsekretär weiter mit. Aha.

Doch zum Schluss der Regierungsantwort kommt noch der Knaller:

„Es werden daher Informationen zum Gesamtumfang der Kampagne als ‚VS-Vertraulich‘ eingestuft und in der Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestages hinterlegt.“

Die Bahnkampagne von Engelke wird also schon wie geheimes Rüstungsprojekt behandelt. Wenn der Bund keine anderen Sorgen hat, was dann?

Das fragt sich auch der AfD-Bundestagsabgeordnete. „Es ist mir unverständlich, wie die Kosten einer Werbekampagne der Deutschen Bahn AG – eines Staatsunternehmens, das letztlich durch Steuergelder und die Fahrgäste finanziert wird – plötzlich zu einem Staatsgeheimnis erklärt werden können“, kritisiert Kneller im Gespräch mit Tichys Einblick die kryptische Antwort der Bundesregierung. „Transparenz gegenüber den Bürgern, die diese Ausgaben tragen, sollte oberstes Gebot sein, statt sie hinter verschlossenen Türen zu verstecken.“

Doch das Ausmaß der Gagen lässt sich erahnen. Im September veröffentlichte die Deutsche Bahn Ausschreibungen für diverse Werbe- und PR-Projekte mit einem Gesamtvolumen von 260 Millionen Euro. Alleine für den Bereich Social-Media sind ca. 100 Millionen Euro vorgesehen – unter diese Kategorie dürften die neun Kurzvideos mit Engelke fallen.

Wie viel die knapp 20 Minuten Bahncomedy gekostet haben, ist also geheim. Doch mit Topstars, reichlich Komparsen und Produktion auf Kino-Niveau ist eines sicher: Es war so teuer, das Engelkes Gagenabrechnung in der Geheimschutzstelle zwischen Geheimdienstberichten und Kriegsplänen liegt.

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Kommentare ( 4 )

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man without opinion
49 Minuten her

Moin, Jetzt wird es langsam eng für TE. Anke E. nicht lustig zu finden, ist ein Defätismus der in unserer Demokratie ein Straftatbestand ist. Was Anke E. mit der Bahn verbindet ist die Lustigkeit. Fragen Sie mal Kunden die gezwungen sind, die Bahn zu nutzen. Wer derartig nahe am Brechreiz lustig ist, benötigt natürlich ein angemessenes Salär. Das ist bestimmt weit unter den Gagen der ÖR. Ist ja nur eine Nebentätigkeit. Frau E. wurde in Kanada geboren, hab ich gerade gegoogelt. Jetzt ist mir auch klar warum die so lustig ist. Die gleiche Form der Lustigkeit wie die Familie Mockridge.… Mehr

Steuernzahlende Kartoffel
1 Stunde her

Typisch für das beste DE das es je gab. Damit meine ich nicht die aberwitzige VS-Einstufung. Sondern dass eine grottenschlechte Leistung mit aberwitzigem (finanziellen) Aufwand schöngeredet wird. Aber der ein und andere glaubt ja auch noch daran, die illegalen Migranten würden unsere Renten zahlen. Vielleicht fühlt er (oder sie, insb. eine der Ommas) sich dann auch an Weihnachten schneller und ohne Erfrierungserscheinungen (& unverletzt) beim Enkel…

tiptoppinguin
1 Stunde her

Staatsgeheimnis 😂😂
Es heißt, in einer Demokratie weiß der Bürger alles über seine Regierung, aber in einer Diktatur weiß die Regierung alles über seine Bürger.
Es ist vielleicht noch keine Diktatur, aber eine Demokratie ist es auch nicht mehr so ganz, deshalb sagen sie deshalb vermutlich „Unsere Demokratie“.

moselbaer
1 Stunde her

Wenn man so eine miese Performance abliefert wie die Deutsche Bahn, dann wird jede Werbung dafür nur noch wie Satire.