Finnland: Vier Kernreaktoren produzieren Strom, ein Fünfter wird gebaut

Die Stimmung gegenüber Kernkraft ist in Finnland sehr positiv; es setzen sich Bürgerinitiativen dafür ein, selbst die Grünen stimmen für Kernkraft.

imago Images/ZUMA Press

»Atomkraft: nein Danke« in Deutschland – »Atomkraft: ja bitte« in Finnland. Welten trennen beide Länder in der Akzeptanz der Atomkraft. Vier Kernreaktoren produzieren Strom für Finnland, ein Fünfter wird gerade gebaut, Olkiluoto 3.

In Deutschland wird ein Kernkraftwerk nach dem anderen abgeschaltet, in Finnland steht ein neues kurz vor der Fertigstellung. Der Bau hat sehr lange gedauert. Der erste Spatenstich fand immerhin vor fast 20 Jahren, 2003, statt. Typ: der neue Europäische Druckwasserreaktor EPR, eine Erweiterung der amerikanischen Druckwasserreaktoren aus den fünfziger Jahren. Siemens und der französische Kraftwerksbauer Areva haben ihn gemeinsam entwickelt, doch hat sich Siemens aus diesem Geschäft zurückgezogen. Bei diesem Reaktortyp würde eine große kühlbare Bodenwanne, der sogenannte Core Catcher, ein flüssiges radioaktive Gemisch auffangen, sollte das bei einer Havarie aus dem Reaktorkern austreten.

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Olkiluoto 3 geriet in die Diskussion, weil es eine Reihe von Baupannen gab, die die Bauzeit drastisch verlängerten und die Kosten explodieren ließen. So wurde die 3,5 Meter dicke Betonplatte mit dem falschen Beton gegossen, das Fundament musste wieder aufgerissen werden. Wesentlich zur Verlängerung der Bauzeit und Kostenerhöhung beigetragen haben auch die häufig erhöhten Sicherheitsauflagen, nach denen die Bauten immer wieder verändert werden mussten. Derselbe Reaktortyp wird in China deutlich preiswerter gebaut – ist nach dem Urteil von Fachleuten aber dennoch nicht unsicherer.

Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin ist die jüngste Ministerpräsidentin weltweit und regiert mit weiteren drei Ministerinnen. Sie erklärt gegenüber dem ZDF: »Atomkraft ist Teil unseres Energie-Mixes … Natürlich wollen wir die fossilen Energieträger durch die Erneuerbaren ersetzen. Ich denke, das ist ein großer Sprung. Und die Kernenergie hilft uns, diesen Sprung zu meistern.« Der ZDF-Bericht verwendet als einzige Quelle das grüne Öko-Institut.

Die Stimmung gegenüber Kernkraft ist in Finnland sehr positiv; es setzen sich Bürgerinitiativen dafür ein, selbst die Grünen stimmen für Kernkraft. Kein Wunder, denn das Land mit langen dunklen und kalten Wintern ist auf eine sichere und preisgünstige Stromversorgung angewiesen; eine leichtsinnige Spielerei am Energieversorgungssystem verbietet sich.

Dual-Fluid-Reaktor (DFR)
„Die Anti-Atom-Hysterie ist im globalen Maßstab unbedeutend“
Olkiluoto 3 ist eines von fünf neuen Kernkraftwerken, die in Europa gebaut werden. Turbine und Stromgenerator des ersten Reaktorblocks lieferte noch Siemens. Doch nach dem deutschen Atomausstieg war auch Siemens aus dem Geschäft. Konkurrent General Electric verdient jetzt daran und liefert verstärkt in alle Welt. Mittlerweile macht sich vor allem in Deutschland bemerkbar, dass radikal Forschung und Lehre sowie Ausbildung rund um die Kernkraft gekappt worden sind. Es fehlen auch in Europa mittlerweile die notwendigen Fachkräfte. Das merken die Erbauer der beiden neuen Kernkraftwerksblöcke in Hinkley Point an der Südwestküste Englands. In Großbritannien gibt es zu wenig zugelassene Schweißer, die die Spezialstähle schweißen dürfen.

Dieses Kraftwerk wird von der französischen Areva gebaut, die auch zwei Drittel der Kosten trägt, den Rest von einem Drittel der insgesamt 21 Milliarden Euro bezahlt China, eine politisch sehr umstrittene Entscheidung. Die Kompetenzen in Europa verschwinden, in Fernost werden sie aufgebaut. Dort werden Kernkraftwerke für die Hälfte der Kosten gebaut. Das Ausland zeigt, wie es geht.

In Deutschland wurde bereits 2011 ein neues Reaktorkonzept vorgestellt und in vielen Ländern patentiert, das als vielversprechendstes Reaktorkonzept angesehen wird, der Dual Fluid Reaktor. Hier wird die produzierte Wärme noch im Reaktorkern auf eine zweite Flüssigkeit übertragen und nach außen transportiert.

»Der DFR würde somit die Vorteile aller Generation-IV-Konzepte vereinen und dabei die Effizienz erheblich steigern«, schreiben die beiden Autoren Götz Ruprecht und Horst Joachim Lüdecke in ihrer aktuellen Übersicht über den Stand der Technik »Kernkraft – der Weg in die Zukunft. »Als schneller Reaktor mit flüssigem Brennstoff nutzt er die Ressourcen vollständig ohne geologisch endzulagernde Stoffe zu hinterlassen.«

Bau und Erprobung stehen allerdings noch in weiter Ferne, jetzt beginnt die Phase, in der größere Investoren gesucht werden.

In Frankreich liefern 58 Kernkraftwerke Strom, ein neues ist im Bau. 98 Kernreaktoren in den USA, 37 in Russland und 46 in China zeigen ein Bild, wie wichtig weltweit die Notwendigkeit von preiswerter und immer verfügbarer elektrischer Energie angesehen wird. Allein in China sind 11 weitere Reaktoren im Bau und 40 in Planung.

2036 soll in Tschechien ein neues Kernkraftwerk ans Netz gehen. Dort hat gerade die Regierung Vereinbarungen mit dem mehrheitlich staatlichen Stromerzeuger ČEZ gebilligt, in denen der Rahmen für den Bau eines neuen Blocks festgelegt wurde. Seit längerem führt sie Gespräche mit ČEZ über die Erweiterung des Kernkraftwerkparks. Eine Reihe von Kraftwerksblöcken laufen in den kommenden Jahrzehnten aus und müssen ersetzt werden.

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Die Regierung will bis Ende Mai ein Finanzierungsmodell vorschlagen. Dann soll der Staat mit der Europäischen Kommission Gespräche über das Projekt aufnehmen. Tschechien drängt darauf, dass die Kernenergie nach den Regeln der Europäischen Union als eine grüne oder emissionsarme Quelle angesehen wird. Das würde Industrieminister Karel Havlíček zufolge dazu beitragen, die Finanzierungskosten zu senken.

In Deutschland wollen jetzt die Grünen, dass die Bundesregierung verstärkt die Welt zum Atomausstieg bekehrt. Sie haben gerade einen Antrag (Drucksache 19/18679) gestellt, nach dem der Bundestag die Bundesregierung auffordern soll, »sich einer versuchten Renaissance der Atomkraft mit allen zur Verfügung stehenden guten Argumenten entgegen zu stellen und mit aller Kraft den europäischen und weltweiten Atomausstieg voran zu bringen. Dazu soll auch die EU-Ratspräsidentschaft genutzt werden«.

Die Atomkraft sei die teuerste Art der Stromerzeugung, sagen die Grünen und übersehen, dass in Frankreich mit seinem hohen Kernkraftanteil die Strompreise nur halb so hoch wie in Deutschland sind. Deutschland gehört mit zu den Ländern, in denen die Strompreise am höchsten sind: Ein Grund, warum sich in einem schleichenden Prozess immer mehr Industrie verabschiedet.

Der Grundlaststrom, sagen die Grünen, verstopfe zudem die Netze, die Kernenergie erzeuge angeblich mit 66 kg/MWh sechsmal so viel CO2 wie die Windkraft. Finnische Grüne nehmen solche Aussagen mit Befremden auf. In Finnland entsteht auch das erste Endlager für radioaktive Abfälle. »Onkalo« wird in Stollen 450 Meter unter der Erdoberfläche den gesamten radioaktiven Abfall aus finnischen Kernkraftwerken aufnehmen.

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Kommentare ( 33 )

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Dedaidn
4 Monate her

Ich weiß noch nicht, in wie weit ich Mitleid mit den Deutschen Bürgern habe. Ich bin da (noch) zweigeteilt….. Mich bemitleide ich natürlich, ebenso wie all die anderen, die dazugehören, das sind die Leistungsträger, die Realisten, die Vernünftigen und die Pragmatischen, natürlich auch die, die Deutschland einmal zu dem Land gemacht haben, was es ist…ähm….war. Ein Land der Dichter und Denker, der Erfinder, der Innovativen, derer die Qualität und Präzision weltweit berühmt und auch „reich“ gemacht haben. Weniger Mitleid, um nicht zu sagen gar keins, habe ich mit den ganzen wohlstandsverwahrlosen, verwöhnten „Youngsters“, die ja eben für das Bekämpfen aller… Mehr

the NSA
5 Monate her

Ich kann H Douglas‘ Begeisterung weder fuer die juengste PM in Finnlandia nach fuer die KE teilen ! Insbesondere bin ich ueberrascht, wie sehr hier die Leser dem Glauben verfallen sind, „dass es etwas BILLIG UND GUT im Leben gibt“. Das gibt es nur im Maerchen. Der blinde Glaube an die KE ist wahrscheinlich auch dem geschuldet, dass keiner der Leser (und Leserinnen) weder Physiker ist, noch in der Kernindustrie gearbeitet hat ! 1. 1972, noch als Physikstudent der ETHZ, habe ich ein Jahr ein Praktikum am Oak Ridge National Lab in Tenesse gemacht; Thema: Nuclear Fusion. Nach 40 Jahren… Mehr

Der Ketzer
5 Monate her
Antworten an  the NSA

Mich würde interessieren, was Sie vom „Dual Fluid Reactor“ halten.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Dual-Fluid-Reaktor)
Was würde dagegen sprechen, diesen Reaktortyp einzusetzen, um die zwischengelagerten Brennstäbe aus den alten LWR zu „recyclen“?

Waehler 21
5 Monate her

Nicht schlimm! Wir haben zwar keine Atemmasken, aber wir haben Jodtabletten für den Fall, dass wir Atomstrom importieren müssen.
Diese Tabletten wurden nur angeschafft, damit die Unsicherheit zur Angst wird. Einfacher läßt sich das blöde Volk nicht regieren.

Sagen was ist
5 Monate her

„Die spinnen die Finnen“

Die Finnen wollen einfach pure Physik anwenden.

Dabei weiß doch jeder der deutschen Grün Taliban zu berichten,
daß die Sonne wirklich nur eine Eiskugel zusätzlich pro
Monat/Haushalt in Rechnung stellt.

Die Sonne – für die Grün Taliban somit die Natur-Energiequelle per se.

Nur dumm, daß die Sonne ein riesiger Kernfusionsreaktor am Himmel ist.

Daher das Grün Taliban Motto:

„Atomkraft – Nein danke“

Soviel zum phydikalischen Verständnis der Grün Taliban.

Herbert Dietl
5 Monate her

„Bulgarien hat den russischen Nuklearkonzern „Rosatom“ über die Verschiebung der Ausschreibungsfrist für den Bau des Kernkraftwerks „Belene“ aufgrund der Coronavirus-Pandemie informiert. Dies wurde von einem Vertreter der russischen Staatsgesellschaft bekanntgegeben. Die Fristen für die Verlängerung der Ausschreibung hängen von der Dauer der Einschränkungen aufgrund der Pandemie ab. In „Rosatom“ sei man trotz der Verzögerung der Ausschreibung optimistisch in Bezug auf das Projekt. „Rosatom“ ist eines der fünf Unternehmen, mit denen Bulgarien über den Bau des zweiten bulgarischen Kernkraftwerks „Belene“ verhandeln wollte.“ https://bnr.bg/de/post/101264929/das-kkw-projekt-belene-wird-sich-aufgrund-covid-19-verzogern

Eberhard
5 Monate her

Ohne kalkulierbares Risiko gibt es auch keinen Fortschritt. Ohne Fortschritt keine Zukunft. Wenn aber eine bestimmte Politik nur auf Angst setzt, um ihre irrealen ideologischen Traumwelten zu verwirklichen, dann muss zwangsläufig gerade Deutschland zu einem Spitzenreiter in der Risikovermeidung werden. Wenn dann eine einseitige und Fortschritt scheue Medienlandschaft dieses noch verstärkt, wird unsere wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Zukunft dafür unter die Räder kommen. Egal ob für Energiewende, Kernkraftächtung, Klimarettung und selbst für die jetzige Viruskrise, wurden und werden hunderte Milliarden Volksvermögen und viel Kraft, wegen zum Teil künstlich erzeugter Risikoängste in der Bevölkerung, von dieser Politik sinnlos verballert. Gelder und… Mehr

Memphrite
5 Monate her

Als Patriot und vor dem Hintergrund der deutschen Wissenschaftsgeschichte tut es mir tief in meinem Herzen wirklich leid was in diesem Land geschieht.

Vor ca. 20 Jahren war ich fest davon überzeugt, dass die Zukunft der Energieerzeugung (neue Fissionsreaktoren oder der erste Fusionsreaktor) in Deutschland statt finden wird.

Dann kam Schröder mit Rot-Grün und Merkel. Der Rest ist Geschichte.
Jetzt wartet eigentlich fast jeder im Ausland auf die Kollision mit dem Eisberg (Blackout).

Es ist schon fast unheimlich wie das Schicksal eines Landes heutzutage immer noch von nur wenigen Personen bestimmt werden kann.

Ich kann nur jedem raten auszuwandern.

Oblongfitzoblong
5 Monate her

„Die Grundlast verstopft die Leitungen“. Das erinnert doch sehr stark an die Behauptung von der Annalena, dass man den Strom in den Leitungen speichern kann. Eine naiv blödsinnige Vorstellung von Strom im Sinne von fliessendem Wasser?! Selbst die finnischen Grünen nehmen solche Vorstellungen mit „Befremden“ auf. Ein schöner Euphemismus!

Pitt Arm
5 Monate her

Fakt ist, daß man eigentlich neue Reaktoren bauen muss, da diese angeblich sogar Atommüll soweit verwerten können, so daß dieser nur noch wenige Jahrhunderte gelagert werden muss. Das Atommüllproblem wäre weitgehend gelöst. Aber versuchen wir es erst gar nicht mit sachlichen Argumenten. Es macht keinen Sinn. Der Deutsche glaubt weiterhin an seine Technologieführerschaft und meint mit Zitterstrom, die Physik überwinden zu können. Bon Chance!

Karli
5 Monate her

Die Kernenergie als „emissionsarm“ zu bezeichnen, halte ich angesichts des Restmülls für sehr kühn.