Bildungsministerin will, dass Jugendoffiziere in Schulen mitwirken

Nachdem Schulen, Hochschulen und andere staatliche Einrichtungen jahrelang die Bundeswehr ausgrenzten, kommt die 180-Grad-Wende zur neuen Wehrhaftigkeit nun auch im Bundesbildungsministerium an. Ministerin Stark-Watzinger will Offiziere jetzt im Unterricht sehen.

IMAGO / Jakob Hoff
Ein Jugendoffizier der Bundeswehr im Barnim Gymnasium in Berlin im April 2019

Zur Aufklärung über den Krieg in der Ukraine möchte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) Jugendoffiziere der Bundeswehr in Schulen eingesetzt wissen. „Es ist wichtig, dass der russische Angriff auf die Ukraine und die Folgen für Deutschland und Europa auch im Schulunterricht altersgerecht thematisiert werden“, sagte die Ministerin der Bild-Zeitung Und weiter: „Dabei sollten Lehrerinnen und Lehrer auch auf die Unterstützung der Jugendoffiziere der Bundeswehr zurückgreifen.“ Als „sicherheitspolitische Experten“ seien diese eine „Bereicherung für den Unterricht, besonders jetzt“.

Noch eine Wende
Nun hat die Bundesbildungsministerin – anders als die Schulminister der 16 deutschen Länder – kein Weisungsrecht für Schulen. Sie hat also nicht zu entscheiden, wer im Unterricht auftritt. Dennoch ist ihr Vorschlag nicht nur gut gemeint, sondern sinnvoll. Denn die wahrlich handverlesenen Jugendoffiziere der Bundeswehr verfügen über sicherheitspolitische Expertise – oft mehr und vor allem aktuellere Expertise als die Lehrer der Fächer Politik, Sozialkunde, Geschichte, Gemeinschaftskunde, Religion, Ethik usw. Und die Jugendoffiziere, meist im Alter um 30, wissen meist auch mit jungen Leuten umzugehen. Es ist zu hoffen, dass die Bundeswehr die entsprechenden Kapazitäten vorhält und die Schulen der Anregung der Bundesbildungsministerin folgen.

Die Jugendoffiziere sind eine seit 1958 (!) bewährte Einrichtung. Auch Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) forderte die Schulen 1970 auf, bei jungen Menschen „Verständnis zu wecken für die Notwendigkeit einer ausreichenden Verteidigung als Voraussetzung jeder Entspannungspolitik“. Zwei SPD-Verteidigungsminister (Helmut Schmidt 1971 und Hans Apel 1980) sprachen ähnlich. 

Noch eine Wende
Dennoch weht Jugendoffizieren in nicht wenigen Schulen seit Jahren ein eisiger Wind des strammen Pazifismus entgegen. Viele Schulen laden sie erst gar nicht ein, andere schließen sie dezidiert aus. Die regierende SPD des Landes Berlin wollte im April 2019 gar, dass als neuer Passus im Berliner Schulgesetz steht: „Es wird militärischen Organisationen untersagt, an Berliner Schulen für den Dienst und die Arbeit im militärischen Bereich zu werben.“ Gemeint waren die Bundeswehr-Jugendoffiziere. Dabei ist dezidiert festgelegt, dass die Jugendoffiziere keinerlei Nachwuchswerbung oder Karriereplanung betreiben dürfen. Nun, der SPD-Antrag ist immerhin gescheitert. Aber was heißt das schon für Berlin!? Übellaunige unterstellen den Jugendoffizieren immer wieder gar, sie würden das alte DDR-Schulfach „Wehrkunde“ der Jahre 1978 bis 1989 auferstehen lassen wollen.

Die Spitze der Stänkerei gegen die Jugendoffiziere stellen einzelne Schulen dar, die sich rühmen, diesen die Schultore generell zu versperren. Im Jahr 2013 zum Beispiel wurden zwei „Schulen ohne Bundeswehr“ mit dem „Aachener Friedenspreis“ ausgezeichnet, und zwar das Robert-Blum-Gymnasium in Berlin und die Käthe-Kollwitz-Schule in Offenbach.

Dem Verein Aachener Friedenspreis gehören unter anderem an: die Stadt Aachen, der DGB NRW, die katholische Organisation Misereor, der Diözesanrat der Katholiken des Bistums Aachen, der evangelische Kirchenkreis Aachen, der SPD-Unterbezirk, der Kreisvorstand der Grünen. Linke und Kirchen in einem Boot! Noch Fragen!?

Einen schweren Stand haben Vertreter der Bundeswehr oft auch bei Auftritten an Universitäten. Ein Beispiel: Im April 2013 wollte der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) an der Humboldt-Universität Berlin vortragen, was randalierende Studenten verhinderten. Rufe wie „Nie wieder Krieg“, „Nie wieder Deutschland“ und „Deutschland ist Sch…“ waren zu hören. Blutrot befleckte Studenten warfen sich vor ihm auf den Boden. Der Minister zog unverrichteter Dinge von dannen.

Noch eine Wende
Überhaupt wollen viele Hochschulen nichts mit dem Militär zu tun haben. Sie verpflichteten sich im Rahmen einer „Zivilklausel“ dazu, ausschließlich für zivile Zwecke zu forschen. Die erste Zivilklausel trat 1986 an der Universität Bremen in Kraft. Mittlerweile haben fast alle deutschen Hochschulen solche Klauseln. Entsprechendes ist zudem in vier Landeshochschulgesetzen verankert: in Niedersachsen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Bremen.

Damit verschwindet das Themenfeld Sicherheits- und Rüstungspolitik auch aus der hochschulpolitischen Öffentlichkeit.

Nach 2000 gelang es immerhin, in einigen deutschen Ländern ganz offiziell Jugendoffiziere in den Unterricht einzubinden. Den Anfang machte 2008 Nordrhein-Westfalen, es folgten Baden-Württemberg und das Saarland, 2010 Sachsen, Rheinland-Pfalz, Bayern, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern. 

Nun hat die Bundeswehr derzeit 94 Dienstposten für hauptamtliche Jugendoffiziere. Allerdings sind – symptomatisch für die Bundeswehr – davon nur 77 besetzt. 14 davon sind Soldatinnen. Nach den jüngsten Daten von 2020 haben die Jugendoffiziere 52.000 Schüler erreicht. Bedingt durch Corona, war das gegenüber 2019 ein Rückgang um über 60 Prozent.


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Kommentare ( 16 )

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Carrera73
3 Monate her

Das Altparteien Kartell legt erst alles in Schutt und Asche, bevor die merken, daß diese ideologisch verbohrte Bullerbü Politik gescheitert ist. Jetzt präsentieren die sich als Problemlöser. Das ist so, als würde man den Brandstifter zum Feuerwehrhauptmann machen.

Fragen hilft
3 Monate her
Antworten an  Carrera73

Je nu, nachdem sie in einer anderen Welt aufgewacht sind bzw. wurden.
Aufgewacht, das bedeutet ja auch zuvor geschlafen. Haben demnach im Schlaf die Talkshows rauf und runter die Welt erklärt mit ultimativer Überzeugungskraft und erleuchtetem Gesicht.

Tizian
3 Monate her

Gab es in der DDR auch. Hat nur nichts genutzt.

Peter Klaus
3 Monate her

Ressourcen- und Steuergeldverschwendung. Aber darin sind wir ja bekanntlich Weltspitze.

fatherted
3 Monate her

Gähn….war zu meiner Zeit Standard. Allerdings hörte den Typen keiner zu. Waren Kommisköppe die was von Vaterland erzählten. Das wollte damals keiner mehr hören….trotzdem sind wir fast alle zum Bund(mussten hin)…und heute? Heute ist Vaterland erstmal Mutterland…und dann ist jede Agitation in Richtung eines gesunden Patriotismus außen vor. Wie also motivieren? Kämpft für die LGBTQ2+ und die ganzen Neubürger….gebt euer Leben für die „bunte Gesellschaft“, Kampf dem Klimawandel? Mal sehen wie das ankommt…im übrigen…die meisten Schulen haben 50-70% Ausländeranteil….die sich durch die Werbung zur BW…zu der sie eh nicht eingezogen werden dürfen/können…..doch wohl eher gestört fühlen dürften.

Klaus Peter
3 Monate her
Antworten an  fatherted

Kommisköppe sind als Jugendoffiziere ungeeignet und auch nie als solche eingesetzt worden.

Mausi
3 Monate her

„Früher“ gab es auch Verkehrserziehung durch die Polizei. Dort lernte man auch, auf welcher Seite einer Strasse ohne Fussweg ein Fussgänger vernünftigerweise geht. Unser Niveau zeigt sich auch in der leichten Literatur. Dort wird mit Brot geworfen, eine „unaufmerksame“ Handyfussgängerin funkelt einen Autofahrer, der sie fast überfährt, böse an und empört sich über „fährt ohne Entschuldigung“ weiter. Beschützende Brüder sind etwas ganz tolles. Frauen, die mit Männerkollegen umgehen, wie es umgekehrt als in höchstem Mass frauenfeindlich gebrandmarkt werden würde, sind ganz tolle Literatur. Eine Liebesgeschichte wird dadurch „schön“, weil der Held erstmal klären muss, was er eigentlich belästigungsfrei darf, und… Mehr

Last edited 3 Monate her by Mausi
Hannibal Murkle
3 Monate her

Als ich im Gymnasium war, hatten wir einen Offizier in der Schule – er sollte uns erklären, wieso die Ausrufung des Kriegsrechts am 13.12.1981 alternativlos war. Jetzt darf Neue Generation Ähnliches erleben?

dubium
3 Monate her

Nachdem man lange genug in der BW (GsD vergeblich) nach Rechtsextremisten gesucht hat und das Image ziemlich beschädigt, scheint man sich nun wieder der Realität zu nähern.
Mich hat als Frau das Militär nie sonderlich beeindruckt, aber man wird einen Wandel durchführen müssen, wir sehen ja, dass wir nicht die ganze NATO für uns kämpfen lassen können während wir Stuhlkreise mit einem Aggressor beabsichtigen zu veranstalten.

RMPetersen
3 Monate her

Für Rechtsnationale muss dies einen Freudentaumel auslösen:
Dass man noch einmal erleben darf, dass dieser Staat seine Soldaten hoch schätzt und sie sogar in den Schulen werben lassen darf.
Und einen besonderen Kick löst der Umstand aus, dass dies unter einen Rot-Grünen Bundesregierung geschieht. (Ich summiere hier einmal die heutige FDP unter rot-grün. Sieht Jemand einen Unterschied? Die Mende-FDP ist Lichtjahre her.)

Alter Schwede2222
3 Monate her

Sie glauben doch nicht wirklich, dass diese weichgekochten Jungoffiziere bei unserer heutigen Jugend irgendetwas ausrichten werden.
Schon zu meinen W15er Zeiten bei der Marine Anfang der 70er Jahre haben sich meine kompletten „Kumpels“ dem Wehrdienst mittels
Pseudo-Eintritt zur Feuerwehr, zum Katastrophendienst, ärztlichem Attest oder sonstigem entzogen.
Heute bin ich stolz darauf, dass ich das erleben durfte.

Last edited 3 Monate her by Alter Schwede2222
Alter Schwede2222
3 Monate her
Antworten an  Alter Schwede2222

Nachtrag: Ich meinte natürlich „meinen Wehrdienst erleben durfte“.

Fragen hilft
3 Monate her
Antworten an  Alter Schwede2222

Ich grüße Sie, als einer, der zu dusselig war, sich dem Wehrdienst zu entziehen und wurde nach abgeschlossenem Studium mit 24 als Wehrpflichtiger gezogen.
Aus der Nachschau bin ich sehr zufrieden mit den Erkenntnissen, die ich dabei mitnehmen konnte.
Wir hörten da u.a. so einiges über ABC-Waffen und deren Wirkungen.
Aus heutiger Sicht war höchst interessant das Thema B-Waffen und ihre Forschung. War vor ca. 55 Jahren.

Kampfkater1969
3 Monate her

Tja, was will man sonst machen, wenn man keine Panzer hat