Demokraten und Demokraten

Patentdemokraten verwenden gern den Hashtag #unseredemokratie. Dank absichtsvoller Begriffsverwirrung haben #unseredemokraten mit Demokratie wenig am Hut. Die Parole dient ihnen vielmehr dazu, Demokraten auszugrenzen. Sie halten Demokratie nur für notwendig, solange sie ihnen nützt.

Muss die Demokratie die Demokratie fördern? Das fragwürdige Demokratiefördergesetz erweist sich als Demokratiebehinderungsgesetz. Wären die Deutschen selbstbewusste Demokraten, müssten sie nicht Argwohn schüren. In diesem Land misstraut der Staat den Bürgern. Und #unseredemokraten verwechseln den Staat mit Demokratie.

I.

Das Demokratiefördergesetz finanziert Kräfte, denen es erkennbar nicht um Demokratie geht, sondern um den Vorrang anderer Ziele, etwa „Klimagerechtigkeit“ oder Umverteilung, die Liberalität verachten und deshalb lieber woke sagen statt liberal. Patentdemokraten verwenden gern den Hashtag #unseredemokratie. Dank absichtsvoll betriebener Begriffsverwirrung haben #unseredemokraten mit Demokratie wenig am Hut. Die Parole dient ihnen vielmehr dazu, Demokraten auszugrenzen. Sie halten Demokratie nur für notwendig, solange sie ihnen nützt. Für sie ist Demokratie vor allem Mittel zum Zweck. Wahre Demokratie müsste Selbstzweck sein: Jede Stimme zählt gleich viel. In der Summe aller abgegebenen Stimmen drückt sich der Wille des Volkes aus – allerdings nicht als Diktatur der Mehrheit über die Minderheit. In einer wirklich funktionierenden Demokratie gibt es nicht nur den einen, alles bestimmenden Willen. Sind die Teilnehmer an demokratischen Wahlen automatisch Demokraten? Natürlich nicht. Mit streng demokratischen Mitteln kann jede Demokratie abgewählt werden. Es ist oft genug geschehen. Ein Volk, das mit der Freiheit des Individuums nichts anzufangen weiß, taugt nicht zur Demokratie.

II.

Wozu legen Machthaber, die nichts mehr hassen als Demokratie, Wert auf pseudodemokratische Rituale? Wo doch Demokratien – von den USA bis zu den Ländern der EU – längst nicht mehr als erstrebenswerte Vorbilder gelten. Immer mehr Wähler zweifeln am Nutzen der Demokratie. Aber nicht nur Demokraten schmücken sich mit der Bezeichnung Demokratie. Die meisten autoritären Herrscher von Russland bis zum Iran lassen das Volk nach ihren Regeln wählen. Sie manipulieren die Auszählung, stecken aussichtsreiche Oppositionspolitiker in den Knast oder lassen Parteien verbieten. Letzteres schließen auch #unseredemokraten nicht aus.

III.

Machen wir uns nichts vor! Den meisten Menschen ist die Demokratie nur heilig, solange demokratische Regierungen liefern. Gut regiert zu werden ist vielen Wählern wichtiger, als demokratisch regiert zu werden. Einen guten Führer wünschen sie sich. Aber, bitte, einen Führer, der die Dinge regelt. Dieser Wunsch ist das Einfallstor autoritärer oder auch nur populistischer Politiker. Den Wählern sitzt das Hemd näher als der Rock – persönliches Wohlergehen ist ihnen wichtiger als Freiheit. Danach richten sie ihre Wahlentscheidung. Und fragen sich hinterher: Wie konnte das geschehen? Die Antwort lautet: Weil bei den meisten „Demokraten“, ob links oder rechts, nicht die Freiheit, sondern andere Bedürfnisse an der Spitze stehen. Lupenreine Demokraten scheitern, weil sie sich nur darauf verstehen, unbefriedigende und unzureichende Kompromisse zu schließen. Die Demokratie wird nur überleben, wenn demokratische Regierungen garantieren, was den meisten Bürgern wichtiger ist als Freiheit: Wohlergehen und Sicherheit. Mit Unzufriedenheit an und Vertrauensverlust in demokratische Politiker sinkt auch das Vertrauen in das demokratische System. Deshalb ist es so gefährlich, wenn Regierungen notwendige Reformen blockieren und sich nur am eigenen Machterhalt orientieren.

IV.

Die Krise der Demokratie ist also meist eine Folge der Dysfunktionalität des Staates. Wer Demokratie bewahren will, muss halbwegs erfolgreiche Politik machen. Demokratie kann nur effektiv sein, wenn Mehrheiten für bestimmte Ziele zustande kommen. Die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft verhindert allerdings effektive Regierungskoalitionen. Brandmauern und rote Linien ersetzen keine Politik. Demokratie, Karl Popper hat sie zurecht so definiert, ist keine Regierungsform, die die besten Politiker ans Ruder bringt. Der einzige Vorteil demokratischer Wahlen besteht darin, sie regelmäßig und unblutig los zu werden.

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Kommentare ( 56 )

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56 Comments
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Simplex
1 Monat her

Die Krise der Demokratie ist also meist eine Folge der Dysfunktionalität des politischen Systems, wenn es umgebogen und die Wählerschaft zu Kreuzchenmachern und Klatschhasen erniedrigt wird..
Wer sich hinstellt und verkündet, die Repräsentive Demokratie sieht nach Art. 38 GG vor, dass die gewählten Abgeordneten im Parlament eine Regierungsmehrheit suchen und einen Kanzler wählen, hat im Politikunterricht nicht aufgepasst, oder im GG-Kommentar einige Seiten überschlagen.
Wer also ruiniert gerade das politische Regierungssystem?

Last edited 1 Monat her by Simplex
Harald Kampffmeyer
1 Monat her

Eine Demokratie ist von Natur aus etwas zeitlich Befristetes. Sie kann einfach nicht als dauerhafte Regierungsform existieren. Die Demokratie wird so lange existieren, bis die Stimmbürger feststellen, daß sie sich großzügige Geschenke aus dem öffentlichen Eigentum machen können. Ab diesem Zeitpunkt stimmt die Mehrheit des Volkes für jene Kandidaten, die ihr den größten Vorteil aus dem öffentlichen Eigentum verschaffen. Das hat zur Folge, daß jede Demokratie schließlich aufgrund einer liederlichen Fiskalpolitik zusammenbrechen wird. Ihr folgt immer die Diktatur.“
(Alexander Fraser Tytler, Lord Woodhouselee)

Willm
1 Monat her
Antworten an  Harald Kampffmeyer

Stimmt
Aber das erzählen Sie mal den Bürger oder den Politiker.
Vergebene Liebesmüh

ceterum censeo
1 Monat her

„Gut regiert zu werden ist vielen Wählern wichtiger, als demokratisch regiert zu werden. Einen guten Führer wünschen sie sich. Aber, bitte, einen Führer, der die Dinge regelt.“ Wenn man die Gedankengänge von Herrn Herles weiter denkt, kann man sich fragen, was „UnsereDemokratie“ von z.B. Russland unterscheidet. Die meisten Russen haben sich mit dem System arrangiert, weil sie darunter arbeiten und mehr oder weniger gut über die Runden kommen. Die Regierung jedoch macht politische Gegner mundtot. Es gibt eine korrupte Elite, die sich überlegen fühlt. Diese Elite macht Geschäfte auf Kosten der Bürger. Sie meint, über das Wasser gehen zu können… Mehr

November Man
1 Monat her

Wenn man in einer Demokratie einem AfD-Politiker ein Redeverbot erteilt, kann man nicht mehr von Demokratie reden. Und schon gar nicht von „unsere Demokratie.“ Eher von einer linken Parteiendiktatur.  

Simplex
1 Monat her
Antworten an  November Man

Und diese Geister wissen nicht, dass man Höcke zwar einen Faschisten nennen darf, aber ohne dass er einer ist!

Retlapsneklow
1 Monat her

Bei der mehrheitlichen Mentalität der Wähler in diesem Land stellt sich zunächst die Frage, ob gewählt wird, damit es einem selber besser oder es den anderen schlechter geht.

a.bayer
1 Monat her

Ohne Wohlergehen und Sicherheit keine Freiheit.

Lucius de Geer
1 Monat her

Zitat: „Immer mehr Wähler zweifeln am Nutzen der Demokratie.“ – Wie kommt der Verfasser auf dieses Urteil? Hat er eine Umfrage gemacht? Wo und bei wem? Ich vertrete die Gegenthese: „Die Leute zweifeln zunehmend an den Apparaten, die sich die Demokratie zur Beute gemacht haben und diese in eine Elitenherrschaft verkehren.“

Werner Brunner
1 Monat her
Antworten an  Lucius de Geer

Genau so ist es !
Gab es überhaupt jemals eine “ Demokratie “ ,
die diesen Namen auch verdiente ?
Ich glaube nicht !

November Man
1 Monat her

So lange Linksextremisten Deutschland regieren und unseren Staat wirtschaftlich, kulturell und finanziell buchstäblich in Schutt und Asche legen, brauchen wir uns über Demokratie nicht mehr unterhalten. Erst wenn die schwarzlinksrotgrünen Linksextremen und ihre Kampftruppen, die autonomen Faschisten der Antifa, hinter ihrer Brandmauer für alle Zeiten ausgeschaltet sind, kann es mit Deutschland wieder bergauf gehen. Es liegt also am deutschen Volk dafür zu sorgen.  

Logiker
1 Monat her

Wie kann es sein, dass ein exorbitant personell wachsender Staatsapparat seine Aufgaben schlechter, unpünktlicher oder überhaupt nicht macht – Dinge die vor 10 / 15 Jahren noch funktioniert haben, und das ganz ohne Digitalisierung ?

H. Priess
1 Monat her

Die Demokratie also die westlicher Prägung hat ausgedient und existiert überall im besten Fall nur noch rudimentär oder gar nicht mehr. In den meißten Staaten läuft eine Simulationssoftware die dem Spieler(Wähler) die Illusion unterjubelt er würde in Freiheit leben. Beste Beispiele liefern gerade die Illusitionisten in Bürlün und Brüssel. Weltweit spielt das, was wir unter Demokratie verstehen, immer weniger eine Rolle und den Völkern, die von einer anderen Regierungsform als die Demokratie regiert werden, sind scheints gar nicht unzufrieden damit. Warum nicht mal eine kleine Diktatur zwischendurch? Nicht für immer, nur solange bis die Dinge wieder gerade gerückt sind und… Mehr

Deutscher
1 Monat her
Antworten an  H. Priess

Gibt es auch eine Demokratie östlicher Prägung?