Demographie: Politik und Wirtschaft rechnen falsch

Am Kernproblem des Sozialsystems, das Kinderlosigkeit materiell belohnt und Kinder großziehen materiell bestraft, ändert Zuwanderung nichts.

Für und gegen Zuwanderung gibt es spätestens bei den hohen und höchsten Zahlen, die sich abzeichnen, viele gute und schlechte Argumente. Mit der „Nebenwirkung“ der Korrektur der demographischen Entwicklung sollten Politik und Wirtschaft sparsam und realistisch umgehen: Sie ist nämlich begrenzter, als viele erwarten und hoffen.

Dass bei uns nicht genug Kinder geboren werden, gleichen wir durch Zuwanderung aus. Also ist Zuwanderung kein Problem, sondern löst eines. So denken nicht nur viele in Wirtschaft und Politik, sondern auch allgemein. In solchen Wein schüttet Herwig Birg Wasser. Der Bevölkerungswissenschaftler hat die Altersstruktur von Migranten und Ansässigen verglichen und nimmt Deutschlands Alterstruktur unter die Lupe.

Nachhaltig ändert  Zuwanderung die Altersstruktur nicht

Im Jahr 2000 waren von 100 Ausländern in Deutschland im Alter von 20 bis 60 nur 13 älter als 60 Jahre – bei den Inländern 47: „Wie Simulationsrechnungen zeigen, steigt der Altenquotient der Ausländer selbst bei dauerhaft hohen Zuwanderungen junger Menschen schneller als bei den Deutschen, er nimmt von 2000 bis 2060 von 13 auf 59 zu. Der Altenquotient der Deutschen wächst von 47 auf 113.“ Zuwanderung schafft in der Altersstruktur nur vorübergehend Entlastung, die als zu nieder eingestufte Geburtenrate der Deutschen gilt sehr bald auch für die Zuwanderer.

Der Begriff „Bevölkerungspolitik“, sagt Birg,  „steht in Deutschland zu Recht unter strenger Beobachtung.“ Ihm fällt auf, dass die gleichen Leute, die eine Förderung von Geburten ablehnen, weil das Bevölkerungspolitik wäre, sie aber durch Einwanderung befürworten, obwohl es sich beim systematischen Ersatz des im Inland fehlenden Nachwuchses durch Zuwanderer aus anderen Ländern um „demographische Kolonialismus“ handle (Zitate aus Birgs Aufsatz „Die Gretchenfrage der Demographiepolitik“, der im Oktober in „Stimme der Familie“  erscheint).

Birg lenkt unseren Blick weiter in die Zukunft, als es die Verantwortlichen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu tun pflegen. Auch mit Zuwanderung nimmt die Zahl der Älteren zu und die der Jüngeren ab: „Aber während das Wachstum der Älteren ab etwa 2045 endet und dann in Schrumpfung übergeht, so dass die heute gegründeten Altenheime wieder geschlossen werden, geht die Schrumpfung der Geburten ständig weiter, weil die Eltern nicht geboren wurden, die den Abwärtstrend durch eine höhere Geburtenrate stoppen könnten. Gegenwärtig ist der Abnahmetrend vorübergehend unterbrochen, weil nun die Enkel der großen Geburtsjahrgänge der 60iger Jahre zur Welt kommen, aber ab 2020 wird sich die Schrumpfung der Geburtenzahl verstärkt fortsetzen.“ Herwig Birg erinnert: „Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen hat schon vor fünfzehn Jahren für Deutschland … berechnet, dass dreieinhalb Millionen Jüngere nach Deutschland netto zuwandern müssten, und zwar jedes Jahr, wenn man daurch die Alterung stoppen wollte!“

Unser Sozialsystem prämiert Kinderlosigkeit

Birg wendet sich nicht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und das Asylrecht, sondern zeigt auf, dass unser Demographie-Problem nicht durch Einwanderung gelöst werden kann. Er appeliert an die Verantwortlichen, sich nicht „von der Hauptursache des Demographieproblems ablenken“ zu lassen: „Unsere Gesetzliche Renten,- Kranken- und Pflegeversicherung prämiert Kinderlosigkeit und bestraft Familien mit Kindern …“ Um diese Ursache und die Folgen für die Eltern der Zuwanderer aus EU-Ländern kümmert sich die öffentliche Debatte nicht: „…durch die Zuwanderung entstehen weitere Ungerechtigkeiten in den Herkunftsländern der Migranten. Denn die Eltern der Migranten gehen leer aus, wenn ihre Kinder in Deutschland Beitrags- und Steuerzahlungen leisten, die dringend für ihre eigene Versorgung benötigt werden. Kompensatorische Wanderungen untergraben auf diese Weise den politischen Zusammenhalt der Länder in der Europäischen Union.“ Eine sozial verträgliche EU-Binnenwanderung braucht also erst einmal eine EU-Sozialpolitik – eine solche ist nicht in Sicht.

Bei der Renten- und Pflegeversicherung bestätigt Birg die kurzfristig positive Bilanz durch die jüngere Altersstruktur der Migranten. Mittelfristig sieht das Bild jedoch anders aus, weil der Altenquotient der Zuwanderer – das Verhältnis zwischen jenen über 65 und den 15 bis 64 Jahre alten – schneller steigt als der Altenquotient derer, die schon hier sind: „Durch die Angleichung der Altersstrukturen nimmt die entlastende Wirkung der jüngeren Altersstruktur der Migranten in der Gesetzlichen Renten,- Kranken- und Pflegeversicherung im Zeitablauf ab.“ Am Kernproblem des Sozialsystems, das keine Kinder haben materiell belohnt und Kinder haben materiell bestraft, ändert Zuwanderung also nichts.

Stresstest Sozialsystem

Der Einfluss der Zuwanderung auf die deutsche Demographie, könnten und werden viele einwenden, ist bei weitem nicht die einzige Seite der Massenmigration nach Europa und Deutschland. Richtig, aber von der Zukunft des deutschen Sozialsystems hängt nicht nur ab, wie die Integration von Migranten gelingt, die keinen Platz in der deutschen Arbeitswelt finden – oder nur einen, der das schon existierende Prekariat vergößert. Und vom Zustand des deutschen Sozialsystems hängt nicht zuletzt ab, ob diejenigen, die jetzt die Neuankömmlinge freundlich willkommen heißen, das auch morgen und übermorgen noch tun.

Fazit: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dürfen von der Zuwanderung keine nachhaltige Entlastung der Demographie Deutschlands erwarten. Nirgendwo werden sich die Hinzukommenden den schon länger hier Lebenden schneller angleichen als bei der geringen Kinderzahl. Zuwanderer, die schnell in die deutsche Gesellschaft finden, weil sie gute Plätze in der Arbeitswelt einnehmen, werden sich am schnellsten an die kleine deutsche Kinderzahl anpassen.

Das neue Buch von Professor Herwig Birg besprechen wir hier demnächst:               „Die alternde Republik und das Versagen der Politik“. LIT Verlag Berlin-Münster-Wien-Zürich-London 2015.

Fußnote zur Zeit: Der frühere Chef des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik (IBS) der Universität Bielefeld hat nach heutiger Ausdrucksweise einen Migrationshintergrund, der 1939 geborene zählt zu jenen „Volksdeutschen“ aus dem Banat, die Vertriebene genannt werden, und blickt auf die Erfahrung eines mehrjährig Internierten in Titos Jugoslawien zurück. Nicht allzu weit von seinem Geburtsort in der heutigen serbischen Provinz Vojvodina spielt sich nun das Drama an der serbisch-ungarischen Grenze ab.

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