Grexit: Mehrfache Brisanz für Anleger

 

Update 22.30:Kaum hatte der Dax sich am Nachmittag unserer Zeit etwas erholt, da zog die amerikanische Börsen ihn wieder nach unten. Dass der Dow Jones am Ende des Tages drüben fast 2 Prozent und der Nasdaq-Index sogar 2,4 Prozent verliert, verheißt nichts Gutes für die morgige Börseneröffnung in Asien wie auch in Europa. Sicherheit ist jetzt das oberste Gebot, nicht nur wegen der griechischen Trickser. Also ruhig und liquide bleiben! Jetzt kommt es auf die Abfolge der Ereignisse in den nächsten Tagen an – einfach nicht vorhersehbar. Halten Sie es mit Konrad Adenauer: keine Experimente!

Update 14.00: Der Dax hält sich mit mehr als 3 Prozent im Minus, während Jean-Claude Juncker eine salbungsvolle Rede hält (der Mann, der den Begriff Lüge neu interpretiert hat). Wie zu erwarten, hält die Deutsche Bank unter den Dax-Aktien die rote Laterne, mit Abstand folgt die Commerzbank – ist ja klar, die Eurozone hat schließlich auch ein Bankenproblem (nicht nur wegen Griechenland). Der Euro erholt sich gegen den Dollar, Gold spielt mit, doch richtige Angsthasen greifen lieber zu Bundesanleihen. Bis morgen wird noch viel geredet, dann sind wieder die Griechen am Zug, handlungsunfähig, aber wortreich. Die Amerikaner mischen sich ein, vor allem deshalb, weil Griechenland für sie geopolitisch bedeutend ist. Alles in allem also eine Gemengelage, verbunden mit hektischen Kursausschlägen. Dabei wird es bis auf Weiteres bleiben. 





 

Der Euro wird verteidigt, koste es, was es wolle. Börsenturbulenzen wegen Griechenland sind das Mindeste, was zu erwarten ist.

Kluge Köpfe sind zum Ergebnis gekommen, dass die EU den Griechen seit Beginn der 80er Jahre rund eine halbe Billion Euro geschenkt hat, im Wesentlichen bestehend aus direkten Subventionen, Zinsvergünstigen und dem Schuldenschnitt vor drei Jahren. Darin sind die jüngsten Finanzspritzen noch nicht einmal enthalten. Doch bei aller Brisanz, die ein so hoher Betrag birgt – als viel gefährlicher im Hinblick auf die jetzt zu erwartenden Börsenturbulenzen dürfte sich erweisen, dass Griechenland beim Internationalen Währungsfonds mit etwas über 30 Milliarden Euro in der Kreide steht.

Denn der IWF wird über das amerikanische Vetorecht de facto von den USA beherrscht. Wird es den Amerikanern mit den Griechen zu bunt, dürften sie also auf den IWF einwirken. Börsenturbulenzen wären dann das Mindeste, was folgen würde.

Die Brisanz ergibt sich nicht zuletzt daraus, dass Griechenland vertragsgemäß spätestens bis zu diesem Dienstag eine Tranche von 1,6 Milliarden Euro an den IWF zahlen müsste. Woher nehmen? Noch hilft die EZB den Griechen, indem sie deren Staatsanleihen hütet und den griechischen Banken den kleinen noch vorhandenen Rest an Notkrediten gewährt. Doch dabei kann es nicht lange bleiben, weil die ganze Sache immer mehr Mitgliedern des EZB-Rats stinkt, insbesondere dem Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann. Die Notkredite sollen gemäß EZB-Beschluss vom Sonntag zwar bleiben, aber nicht erhöht werden – was Griechenlands Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zur Aufforderung veranlasst, die EZB möge doch bitteschön für die dem IWF geschuldeten Milliarden einspringen. Noch mehr Dreistigkeit geht nicht.

Die Schröder-Regierung war böse, sagt Kohl

Der EZB-Rat ist in der Klemme: Zieht er sein Vorhaben durch, muss er sich nachsagen lassen, Griechenland endgültig ins Elend gestürzt zu haben. Verzichtet er dagegen darauf, setzt er sich dem Vorwurf aus, die über sein Mandat hinausgehende Staatsfinanzierung zu betreiben. Folglich ist jetzt vor allem EZB-Chef Mario Draghi herausgefordert. In seiner berühmten Londoner Rede aus dem Jahr 2012 („whatever it takes …..“) hatte er ja versprochen, alles zu unternehmen, um den Euro zu retten. Damit war er auf die Linie von Kanzlerin Angela Merkel eingeschwenkt, die zwei Jahre zuvor mit „Scheitert der Euro, scheitert Europa“ mittelbar bereits angedeutet hatte, wohin der Weg führen soll: wenn schon nicht zur politischen Union, dann wenigstens in die Transferunion.

Eine gewagte These? Keineswegs. Der hier beschriebene Zusammenhang erschließt sich vor allem bei der Rückschau auf die Entstehungsgeschichte der Gemeinschaftswährung, der Altkanzler Helmut Kohl in seinen Memoiren viel Platz einräumt. So schreibt er, „dass zur politischen Einigung die gemeinsame Währung gehörte und dass die gemeinsame Währung zugleich die Voraussetzung sein würde, um die politische Union zu erreichen“. Doch was war 2001 mit der Aufnahme der Griechen in die Eurozone? Kohl schiebt die Schuld an dieser nach seinen Worten „teuren Fehlentscheidung“ auf die 1998 gewählte Schröder-Regierung, die er nachträglich herunterputzt. Die Griechen hätten in der zweiten Hälfte der 90er Jahre auf ihn „gewaltigen Druck“ ausgeübt, um von Beginn an der Eurozone anzugehören, aber er habe diesem Druck zusammen mit seinem Finanzminister Theo Waigel widerstanden.

Die Konsequenzen für Anleger

Egal, ob man Merkel und Kohl folgt oder nicht – dass der Euro ein Politikum ist und weiter bleiben wird, steht fest. Dem kann sich sogar Draghi nicht entziehen, der mit seinem EZB-Rat – bei aller Meinungsverschiedenheit in diesem Gremium – eher der Politik folgen wird als diese ihm. Das heißt, in den mit Sicherheit unruhigen nächsten Wochen und Monaten kann in Brüssel, Berlin, Frankfurt und Athen geschehen, was will, der Euro wird mit allen Mitteln verteidigt.

Die naheliegende Konsequenz für Anleger habe ich hier schon vor drei Wochen genannt: Viel Geld auf dem Tagesgeldkonto anhäufen, auch wenn die Zinsen noch so mickrig oder – wie mehrfach bei Schweizer Banken – sogar negativ sind. Das mag zwar langweilig erscheinen, gehört aber bis auf Weiteres zu einer vernünftigen Anlagestrategie. Wobei beachtet werden sollte, dass die gesetzliche Einlagensicherung in der EU sich nur auf Beträge bis 100.000 Euro pro Person und Bank erstreckt. Darüber hinaus gibt es je nach Institutsgruppe noch über diesen Betrag hinausgehende zusätzliche Sicherungssysteme, die Sie den jeweiligen Allgemeinen Geschäftsbedingungen entnehmen können.

Noch nichts für Schnäppchenjäger

Wohin können die eingangs erwähnten Börsenturbulenzen führen? Je nach Verkettung der Ereignisse zu einer mehr oder weniger kräftigen Abwärtsbewegung der Aktienkurse. Am Montag gab es dazu einen kleinen Vorgeschmack: minus knapp 3 Prozent beim japanischen Nikkei, nicht ganz so schlimm bei Chinas Hang Seng, schlimmer wiederum beim Dax in Deutschland. Auch Anleihen verschiedener Euroländer – außer Bundesanleihen, die als sicherer Hafen gelten – dürften leiden, Dollar, Franken, britisches Pfund und andere Währungen einschließlich der jeweiligen Staatsanleihen dagegen profitieren. Ein Preisschub nach oben ist für Gold und Silber überfällig, für Rohstoffe noch nicht. Wer schließlich glaubt, mit dem Kauf einer Immobilie zwecks Vermietung das große Los zu ziehen, ist gut beraten, entweder nur in Toplagen zu investieren oder die Finger davonzulassen.
In den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, dass besonders unter deutschen Anlegern in puncto Aktien Schnäppchenmentalität aufkommt, sobald der Dax um einige hundert Punkte gefallen ist. Das ist jetzt wieder der Fall und kann sich wegen der möglichen Folgen aus der erwähnten Verkettung der Börsenereignisse als fatal erweisen. Verfolgen Sie also die Entwicklung der Aktienkurse, warten Sie aber mit Käufen ab.




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