Geld, wie es nicht im Lehrbuch steht

Das Deflationsgespenst geht um. Zu Recht? Zweifel sind angebracht. Die nächsten Monate werden entscheiden, wann die Inflation zurückkommt.

Deflation? Welche Deflation? Das fragen sich derzeit Vielreisende, wenn sie auf ihre schon wieder höher ausgefallene Hotelrechnung blicken oder wenn sie für Handlangerdienste mehr als vor einem Jahr bezahlen müssen, zwei Posten aus dem sogenannten deutschen Warenkorb mit einem Preisplus. Inflation, welche Inflation? Diese Frage stellen sich Hausfrauen, wenn sie an der Kasse von Aldi oder Lidl weniger zahlen müssen als vor Jahresfrist oder wenn Autofahrer in Anbetracht der niedrigen Preise an den Zapfsäulen insgeheim an die Anschaffung eines Spritfressers denken.

Tatsache ist: Die meisten Preise des gewichteten deutschen Warenkorbs sind im Januar, verglichen mit den Preisen vor Jahresfrist, um 0,4 Prozent gesunken, die des Warenkorbs aus dem Euroraum sogar um 0,6 Prozent. Müssen wir uns also allmählich mit der Deflation abfinden? Die EZB gibt sich allerhand Mühe, dass es nicht so weit kommt, und wird bereits vom kommenden Monat an viel Geld über den Märkten ausschütten. Aber welche Märkte werden davon am meisten profitieren? Die Aktienbörsen und vielleicht – man mag es wegen der abgestürzten Renditen kaum noch für möglich halten – die Märkte für Anleihen, von Bundesanleihen über französische und spanische bis zu italienischen Staatsanleihen, wohingegen bereits die Warnlampen angehen, wenn Unternehmensanleihen ins Spiel mit dem vielen frischen Geld kommen.

Preistreiber, wo man hinsieht

Nicht zu vergessen Wohnimmobilien, das in Deutschland angeblich so beliebte Betongold, obwohl die meisten Deutschen anders als Franzosen, Spanier oder Italiener lieber zur Miete wohnen. Sind Wohnungsmieten, einschließlich Nebenkosten im Index des deutschen Warenkorbs mit 31,7 Prozent am höchsten gewichtet, zuletzt etwa gefallen? Keine Spur, und auch die Mietpreisbremse wird daran kaum etwas ändern können. Nicht zu vergessen all die Preistreiber, die erst gar nicht direkt im Warenkorb enthalten sind, sondern die Inflation auf Schleichwegen nach oben treiben werden. Man denke etwa an die Grunderwerbsteuer, bei der die meisten Bundesländer zuletzt maßlos zugegriffen haben, oder an die den Gemeinden zufließende Grundsteuer, die über den Umweg Vermieter auf die Mieter abgewälzt wird.

Wie steht es um die Sprit- und Heizölpreise? Autofahrer, besonders die Besitzer eines Porsche Cayenne oder sonstigen SUV, und Hauseigentümer mit entsprechenden Heizungen freuen sich. Nur ist die Frage, wie lange. Ein kurzer historischer Rückblick zeigt, dass die Freude jäh enden kann, so wie der Rohölpreis im vergangenen Jahr zur Überraschung aller sogenannten Energieexperten jäh eingebrochen ist. Von 1973 bis 1974 verdreifachte sich der Ölpreis von 4 auf 12 Dollar je Barrel (rund 159 Dollar). 1979 stand er schon bei 70 Dollar, fiel aber in den dann folgenden zwei Jahrzehnten am Ende auf nur noch 10 Dollar, um bis zum Sommer 2008 auf nahezu 140 Dollar zu steigen. Dem anschließenden krisenbedingten Rückschlag auf gut 30 Dollar folgte bis 2014 der Anstieg über 110 Dollar und diesem der Rückgang unter 50 Dollar im Januar 2015. Die Preisentwicklung zeigt keinerlei Regelmäßigkeit, und mit Überraschungen nach oben wie nach unten ist umso eher zu rechnen, je mehr sich die Politik einmischt – wie zuletzt den Sanktionen gegen Russland.

Wo das Lehrbuch versagt

Inflation der Aktien- und Anleihenkurse sowie der Immobilienpreise, befürchtete Deflation des Warenkorbs, wie lange verträgt sich das? Wie will EZB-Chef Mario Draghi die von ihm angestrebten knapp 2 Prozent Inflation erreichen, solange die in den Banken dominierenden Spieler das viele frische Geld lieber in Aktien stecken, statt es dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung zu stellen? Die Antwort auf beide Fragen kennt nicht einmal Draghi selbst.

Wie wahrscheinlich ist überhaupt die Deflation, sobald der Effekt des gesunkenen Ölpreises nachlässt? Halten wir uns an den lehrbuchmäßigen Ablauf: Deflation geht von sinkender Nachfrage aus (haben wir in Deutschland als entscheidender europäischer Konjunkturlokomotive nicht), die zu fallenden Preisen führt (haben wir zwar im Warenkorb, aber nicht in der realen Welt, siehe Mieten und Steuern), woraus Zahlungsprobleme entstehen (die Draghi mit viel Geld aus der Welt schafft), was zu Pleiten führt (gehören zum größten Teil der Vergangenheit an), die sinkende Löhne und Arbeitslosigkeit zur Folge haben (gilt nur für schwache Euroländer, aber nicht für die Konjunkturlokomotive).

Manches Überraschungsei kommt noch

Man kann das Ganze auch mit der Inflation lehrbuchmäßig durchspielen. Doch da müsste das Lehrbuch bei der Reihenfolge umgeschrieben werden. Denn die für die Inflation typische Abfolge stimmt nicht mehr: Kaufkraftverlust des Geldes, dann steigende Priese mit Geldwertverlusten und schließlich Flucht in Sachwerte, das war gestern. Heute gilt: Flucht in Sachwerte (Aktien, soweit es ihren Sachwertcharakter betrifft, und Immobilien), steigende Kaufkraft des Geldes (jedenfalls in Bezug auf den Warenkorb) und Wertverlust des Geldes nur für den Fall, dass Zinsen unter null am Geld auf dem Konto nagen.

Wir haben es also mit einer ganz anderen Entwicklung zu tun als in den vergangenen Jahrzehnten. Eines ist gewiss: Draghi wird sich rechtzeitig an seine Worte vom Juli 2012 erinnern, als er versprach, den Euro um jeden Preis zu retten, und nachlegte, dass die Rettungsmaßnahmen ausreichen werden. Dahinter verbirgt sich ganz bestimmt noch so manches Überraschungsei. Eines davon heißt aktuell Griechenland. Potenziell ist noch mehr drin, denn der Aktien- und Immobilienrausch geht allmählich in einen Konsumrausch über. Zwar längst noch nicht überall im Euroraum, aber immerhin vor allem im kaufkraftstarken Deutschland. Und sobald die Minuszeichen vor der Geldentwertung verschwunden sein werden, dürfte der Konsum auch in den anderen Euroländern anziehen. Dort genießt man das Konsumieren ja traditionell, sogar mehr als in Deutschland.




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