Umverteilung: Der Krieg in und um die Unternehmen

In deutschen Unternehmen dampft und brodelt es, sie werden an mehreren Fronten zu Opfern eines Verteilungskampfes. Der droht den Mittelstand besonders hart zu treffen.

Umverteilung hat viele Facetten. Unter Sozialpolitikern wird sie zurzeit gern so diskutiert: Die armen Sparer und Besitzer kapitalgedeckter Lebensversicherungen bekommen auf ihr Erspartes kaum noch Zinsen, während die reichen Millionäre und Milliardäre mit Immobilien und Aktien noch reicher werden. Das sei eine ungerechte Umverteilung von unten nach oben und dürfe so nicht weiter gehen. Doch wie? Etwa indem die Reichen den Armen ihre Aktien schenken, die dann den Rückwärtsgang einschalten wie weiland am Neuen Markt? Wenn die Kurse weiter so fallen wie in den vergangenen Monaten, werden sie ohnehin wieder als Teufelszeug abgestempelt wie damals.

Die ganze Diskussion zur Umverteilung von unten nach oben entbehrt der Logik. Wer vor fünf oder sechs Jahren ein Haus oder eine Wohnung in guter Lage und wer vor vier Jahren Aktien aus Dax oder MDax kaufte, nahm die Chance wahr, die niedrige Preise für Immobilien und Aktien seinerzeit boten, ging aber auch das Risiko einer Fehlinvestition ein. Im Nachhinein erwies sich die Spekulation auf steigende Preise als richtig. Jeder Sparer mit einem gut gefüllten Konto hätte ebenso handeln können. Nicht der Preisanstieg ist ungerecht, sondern das Jammern über niedrige Zinsen, wenn man Geld falsch angelegt hat.

Warum Unternehmen Objekte der Umverteilung sind

Wir werden eine hitzige Debatte über Artikel 14 Grundgesetz bekommen. Darin heißt es bekanntlich: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Ist dieses Wohl etwa so zu verstehen, dass in Berlin, Hamburg und anderswo Häuser beschlagnahmt werden, damit Flüchtlinge darin einziehen können? Die Stimmung in der deutschen Bevölkerung ist ohnehin schon derart gereizt, dass eine ausufernde Artikel 14-Debatte leicht in unliebsame Hetze ausufern kann.

Dabei gibt es ein Umverteilungsfeld, zu dem sich zwar Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre gern äußern, weniger aber Politiker: Unternehmen, von großen Konzernen bis zu kleinen Mittelständlern. Bleiben wir zunächst bei den Konzernen. Sie haben verschiedene Stakeholder, wie man auf Neudeutsch sagt. Frei übersetzt: Beteiligte. Dazu gehören: Groß- und Kleinaktionäre als Eigentümer, Aufsichtsrat, Vorstand, Arbeitnehmer, speziell ihre gewerkschaftlichen Vertreter, Betriebsräte, Arbeitgeberverbände, aktuelle und potenzielle Pensionäre, Kreditgeber, Lieferanten, Kunden, der Fiskus und nicht zuletzt auch das Unternehmen selbst. Bei so vielen Stakeholdern mit jeweils unterschiedlichen Interessen kommt es zwangsläufig zu Konflikten, die in der Summe viel gravierender sind als die aufgeheizte Debatte um Artikel 14.

Zum Teufel mit den niedrigen Zinsen

Besonders ein Konflikt droht zum Dauerbrenner zu werden: der zwischen den Groß- und Kleinaktionären einerseits sowie den aktuellen und potenziellen Pensionären andererseits. Um gleich die dazu passenden Zahlen sprechen zu lassen: Die Unternehmensberatung Towers Watson hat errechnet, dass allein die Pensionsverpflichtungen der Dax-Konzerne im vergangenen Jahr um 29 Prozent auf nahezu 392 Milliarden Euro gestiegen sind – wahrhaft eine Klatsche für die Aktionäre. Demgegenüber hat das Pensionsvermögen der Dax-Konzerne nur um 8 Prozent auf gut 213 Milliarden Euro zugenommen. Die weit klaffende Lücke zwischen beiden Zahlen ist im Wesentlichen auf die gesunkenen Zinsen zurückzuführen. Denn Pensionsverpflichtungen müssen abdiskontiert werden. Je geringer der dazu verwendete Zinssatz ist, desto höher steigen sie. Danke, EZB-Chef Mario Draghi, jubeln die Pensionäre. Zum Teufel mit den niedrigen Zinsen, fluchen dagegen die Aktionäre.

Pensionsverpflichtungen gehören zu den Rückstellungen, also zum Fremdkapital. Steigen sie, ohne dass das Pensionsvermögen mithalten kann, steigt auch der Anteil des Fremdkapitals an der Bilanzsumme und sinkt der Anteil des Eigenkapitals. Die Folgen liegen auf der Hand: Will ein Unternehmen die Unterkapitalisierung und damit schlechte Noten von Ratingagenturen vermeiden, muss es das Eigenkapital erhöhen, in der Regel mittels Ausgabe neuer Aktien. Dadurch wird der Gewinn je Aktie verwässert. Die Folge: Der Aktienkurs sinkt, sodass die Beschaffung von Eigenkapital über Aktien beim nächsten Mal noch teurer wird. Im schlimmsten Fall droht die Kürzung der Dividende. Die negative Kursentwicklung deutscher Aktien in den vergangenen Monaten hat viel mit dem hier beschriebenen Szenario zu tun. Der VW-Skandal hat ihr einen zusätzlichen Schub gegeben.

Den Mittelstand wird es hart treffen

Den Stolz der deutschen Wirtschaft machen nicht allein Konzerne aus, mehr noch ist es der Mittelstand. Sofern er nach HGB bilanziert, gilt eine Besonderheit: Dann müssen Rückstellungen für Pensionen nicht jährlich dem Zinsniveau angepasst werden, sondern nach einem Rechnungszins, dem ein Sieben-Jahre-Durchschnitt zugrunde liegt. Daraus folgt, dass das dicke Pensions-Ende für den Mittelstand erst noch kommen wird, weil die niedrigen Zinsen ihn zeitlich verzögert erwischen. Das Fatale daran: Der Löwenanteil mittelständischer Unternehmen ist nicht börsennotiert; das erschwert die Kapitalbeschaffung und lässt erwarten, dass es in den nächsten Jahren zu einer Pleitewelle kommen wird.

Wie schnell doch die Aktieneuphorie zu Beginn dieses Jahres und die Freude über Hidden Champions aus dem Mittelstand ins Gegenteil umschlagen können. Jetzt kommt neben rückläufigen Aktienkursen, neben dem VW-Skandal und endlos scheinenden Flüchtlingsströmen auch noch die Auseinandersetzung zwischen den Stakeholdern hinzu. In einem solchen Umfeld hat es sich immer schon als richtig, erwiesen, auf Nummer sicher zu gehen: mit mehr Geld als sonst auf dem Konto und Gold in einem stabilen heimischen Tresor oder an einem anderen sicheren Ort.

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