Große Ernüchterung und warten auf Änderung

Wahrscheinlich müssen wir warten, bis uns wirklich das Wasser in den Schuhen steht, sagt der tschechische Ex-Außenminister und: Die guten Politiker sind immer in schwierigen Zeiten groß geworden. Roland Tichy und Fritz Goergen scheint das für manche Medien und Journalisten auch zuzutreffen.

Das wichtigste der Woche will das schmale Magazin WOCHE der Frankfurter Allgemeinen Zeitung liefern. Anfangs gerne angeschaut, habe ich es aus den Augen verloren. Das ist vielleicht das böseste, was man über ein publizistisches Produkt sagen kann – dass dem Leser der Weg zu weit ist zum Kiosk. Wobei dieser Weg immer länger wird, seit die Dichte der Verkaufsstellen wegen sinkender Auflagen und Erlöse abnimmt.

Das Titelthema geht um „Die grosse Ernüchterung- warum die Integration von Flüchtlingen viel schlechter klappt, als die Politik dachte“.

Das Thema ist richtig gesetzt, traut sich ja kaum einer, und das Wort Ernüchterung taucht gefühlt in jeder Spalte auf. Wie soll Schulunterricht funktionieren, wenn Kinder kaum deutsch sprechen, auch noch gleichzeitig noch  englisch, französisch oder gar Latein lernen sollen; wenn die Betätigung eines Klebestifts geübt werden muss und Schule an und für sich bei den Eltern nicht oben rangiert. Einige neue Aspekte sind da; etwa dass die Integration durch Kurse noch klappt, sofern man an die Familien in den Heimen herankommt. Dass aber in den sich in Windeseile herausbildenden Parallelgesellschaften das nicht mehr möglich ist.

Alles richtig, aber dröge; es fehlen Grafiken, suggestiv wirkende Bilder in Sprache, Optik, Info. Dabei will sich die WOCHE an jüngere Leser wenden. Das wird so nicht klappen. Der Kurztest zeigt: die Titel sprechen jüngere Leser an – die drinnen in der Bleiwüste verloren gehen. Schade; aber ganz billig ist Journalismus doch nicht zu haben. Es bleibt ein Gefühl des Mangels zurück – es gab doch wohl einiges mehr in dieser nicht besonders ereignisstarken Woche. Aber was war es denn? Dass die CDU keinen Ersatz für Merkel hat und Globuli nicht wirken, weswegen die Krankenkassen die Bezahlung einstellen sollen, stand schon im Mutterblatt. Da muss noch mehr investiert werden, nicht nur in umgearbeitete Tageszeitungsartikel. Es fehlen Momente des Wiedererkennens, die Leserbindung schaffen. Das Gegenstück zeigt es.

Die FAZ am SONNTAG dagegen ist teuer und aufwendig produziert; das ist  ein erheblicher Startvorteil. Was dort in die Konstruktion in Form von Optik, Kolumnen und wiederkehrenden Glossen eingebaut ist, zeigt: nachdenken lohnt.

Im Inhalt wenig Neues, der Wirtschaftsteil glänzt mit der Frage von Rainer Hank, warum eigentlich Mutter Theresa heilig gesprochen wird und nicht Chinas Deng Xiaoping – immerhin haben seine Reformen 600 Mio. Menschen aus bitterster Armut befreit. Ja, es zählt eben das gute Herz, nicht das wirkungsvolle Tun. Mit Marktwirtschaft hat der neue Papst nichts auf der Mütze; Almosen ist gnädiger als Armut beseitigen.

Ebenfalls auffällig die Verteidigung von TTIP. Nachdem Greenpeace seine Kampagne durchgezogen hat, grenzt es schon an Geißelung, sich dafür stark zu machen. So viel Mut gehört belohnt; und dass Bio-Bauern zu den Gewinnern zählen, ist fast so schön wie der chinesische Maoist, der der albanischen Neo-Heiligen den Rang in Menschenfreundlichkeit abläuft.

Kritisch nimmt der Geldteil die Fonds der Medienstars Max Otte und Dirk Müller („Mister Dax“) auseinander; die Performance soll nicht besonders sein und die Rechtfertigungen sind nicht originell: Geduld wird verlangt, vom Anleger.

Schwurbel, schwurbel, hier ist das Feuilleton. Bleibt Deutschland? Was für eine wichtige Frage nach dem Wort der Kanzlerin „Deutschland wird Deutschland bleiben“. „Als es um Leitkultur ging, konnte das Gerede von kultureller Identität als Versuch entlarvt werden, anderen die Zwangsjacke einer ideologischen Konstruktion überzustülpen“. Wenn Sie den Satz aus dem linken Pro-Seminar für angewandten Blödsinn nicht verstanden haben, dann trösten Sie sich: Ich auch nicht. Und so endet die Lektüre früher als geplant, aber es ist ja ohnehin Sonntag. Und ein paar Artikel reichen ja auch.

Moderner Exorzismus
DER SPIEGEL Nr. 36 – Sie sind entlassen
Im Interview mit Clemens Fuest, dem neuen Präsident des Münchner IFO-Instituts – Sozialstaat und freie Migration sind unvereinbar“ sagt dieser der Presse am Sonntag: „In Großbritannien ging die Migration zwar in den Arbeitsmarkt. Aber sie hat auch zu einer Überfüllung des Gesundheitssystems geführt, weil dort jeder sofort Anspruch auf Leistungen hat. Auch das ist Einwanderung in ein Transfersystem. Für Deutschland und Österreich ist die Einwanderung in den Sozialstaat auf jeden Fall ein Problem. Wenn jeder frei wählen kann, wo er leben will, gehen eben jene, die nicht sonderlich produktiv sind, in die Länder mit einem ausgebauten Sozialsystem. Wenn man die Sozialstaaten in Europa bewahren will, ist das mit freier Migration auf Dauer unvereinbar.“ Und: „Man kann Zuwanderer nur begrenzt vom Sozialstaat ausschließen, weil man ja nicht möchte, dass Leute auf der Straße leben und verhungern. Aber man sollte die Niederlassungsfreiheit so gestalten, dass man nicht direkt in den Sozialstaat einwandern kann. Etwa indem man erst nach fünf Jahren im Land Anspruch auf Leistungen hat. Und die Freizügigkeit daran bindet, dass man sich selbst erhalten kann.“

Die Presse am Sonntag fragt: Es gibt Prognosen, nach denen nach fünf Jahren erst die Hälfte der Flüchtlinge einen Job haben wird, nach zehn Jahren 80 Prozent. Halten Sie das für realistisch?“ Fuest: „Wirtschaftsflüchtlinge kommen schneller auf dem Arbeitsmarkt unter als Menschen, die durch Krieg vertrieben wurden. Es wird lang dauern, bis diese Menschen integriert sind. Wir reden eher von Jahrzehnten als von Jahren. Das ist zunächst eine Belastung und keine wirtschaftliche Entlastung, wie viele behauptet haben.“

In Österreich scheint das Ziel Schulautonomie voran zu kommen. Nach der Partei Neos und privaten Initiativen tritt nun im Gespräch mit der Presse am Sonntag auch die Bildungsministerin Sonja Hammerschmid von der SPÖ mit interessanten Vorstellungen auf:

  • Der Direktor soll wirklich über sein Personal selbst aussuchen können.
  • Schulen sollen sich freiwillig zu Verbünden mit 200 bis 2.000 Schülern zusammenschließen können mit Spielraum bei den Ressourcen: vom Lehrereinsatz bis zu Turnsälen.
  • Ganztagsschulen, wo Unterricht und Freizeit im Lauf des Tages abwechseln.
  • In den Sommerferien offene Schulen mit Freizeitpädagogen für Kinder, wenn die Eltern das wollen.
  • Lehrerfortbildung in den Ferien.

Aus Como berichte Die Presse am Sonntag in „Gestrandet“: „Seit Österreich den Brennerpass und Frankreich nach den Anschlägen in Paris und Nizza die Grenze zu Italien in Ventimiglia verstärkt kontrolliert, ist der Weg über die Schweiz für die Migranten immer attraktiver geworden … Werden sie aufgegriffen und wollen in der Schweiz keinen Asylantrag stellen, werden die Flüchtlinge wieder zurück nach Italien gebracht … Die Alpenrepublik selbst hat an Attraktivität für Asylbewerber verloren. Vor allem Menschen aus Eritrea, die bisher in die Schweiz wollten, um dort Asyl zu beantragen, zieht es nun weiter nach Deutschland. Das liegt an einer neuen Strategie der Schweiz: Flüchtlinge, die eine gute Chance haben, dass ihr Asylantrag bewilligt wird, werden nur noch zweitrangig behandelt. Das bedeutet für sie längere Wartezeiten, bis sie die Bewilligung in der Hand halten.“ Die Spekulation mit der Zeit scheint aufzugehen.

Kurze Gespräche mit interessanten Leuten, nicht bloß ein Interview pro Ausgabe,  sind ein gutes Stilmittel der Presse am Sonntag. In einem solchen mit dem ehemaligen tschechischen Außenminister Karl Schwarzenberg lesen wir auf die Frage, ob Populismus eher am Inhalt oder an der Form festzumachen ist:

„Beides gilt. Am Inhalt allein kann man ihn nicht festmachen, denn der begabte Populist ist weder rechts noch links. Populisten nehmen sich von rechts und links, was gerade gebraucht wird. Ein zweifellos großer Fachmann auf diesem Gebiet, ein gewisser Adolf Hitler, hat ja ganz bewusst seiner Partei den Namen Nationalsozialistische Arbeiterpartei gegeben. Heute spricht man nur über seine rechtsextremen Positionen. Aber in anderen Bereichen ist er sehr nach links gerückt: Betriebsräte, 1. Mai als Staatsfeiertag.“

Für den Zustand der Politik sieht Schwarzenberg zwei Gründe: „Die Generation, die Krieg und Nachkriegszeit erlebt hat und daher ernsthaft nachdenken musste, ist in der Politik bereits ausgestorben. Wir leben in einer Zeit eines ununterbrochen steigenden Wohlstands. In den letzten Jahrzehnten sind daher die begabteren Leute eher in die Wirtschaft gegangen und nur selten jemand in die Politik. Das hat das europäische Niveau etwas gesenkt.“

Und: „Wahrscheinlich müssen wir warten, bis uns wirklich das Wasser in den Schuhen steht. Die guten Politiker sind immer in schwierigen Zeiten groß geworden. Wenn Frieden geherrscht hätte, wäre Charles de Gaulle als angesehener Lehrer in seiner Militärschule geblieben. Churchill wäre nie Premierminister geworden. Wir sehen das auch bei Adenauer, der als Kölner Oberbürgermeister schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein angesehener Politiker gewesen ist. Er ist dann in Rhöndorf gesessen, hat Rosen gezüchtet, hatte Zeit nachzudenken und erst nach dem Krieg ist er der Adenauer geworden.“

Wir sehen also, das Wasser in den Schuhen muss weiter steigen. Na, dann prüfen wir mal den Wasserstand heute spät abends.

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