Das „israelische Modell“ als Vorbild für Baden-Württemberg?

Cem Özdemir nennt es „Quatsch“, doch es ist bereits ein erprobtes Modell, um verfahrene Patt-Situationen zu lösen: die Rotationsregierung, auch als „israelisches Modell“ bezeichnet. Innerhalb der Grünen mag Özdemirs Führungsanspruch überzeugen. Dabei hat die CDU die besseren Argumente, wenn sie sie nur gebrauchen wollte.

picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod

Was Cem Özdemir nonchalant als „Quatsch“ vom Tisch wischt, ist in anderen Demokratien wie Italien, Indien und Israel bereits praktiziert worden. Führt das Wahlergebnis zu einem Patt, wird das Amt des Regierungschefs über die Legislaturperiode geteilt. Ein pragmatischer Ansatz, der Regierungsfähigkeit über Machterhalt stellt.

Zum ersten Mal wurde dieses Prinzip zwischen 1984 und 1988 in Israel angewandt, weshalb es als „israelisches Modell“ bezeichnet wird. Damals koalierte die Avoda-Partei mit dem Likud. Beide Parteien stellten jeweils für die Hälfte der Legislaturperiode den Regierungschef, der jeweils andere hatte das Amt des stellvertretenden Premiers und Außenministers inne. Mittlerweile wurde dafür in Israel sogar das „Basic Law“ (vergleichbar mit Grundgesetz) geändert.

Pragmatischer Ansatz für komplexe Pattsituationen

Denn das israelische Wahlsystem bedingt, dass ähnliche Situationen relativ häufig auftreten: Ganz Israel ist ein einziger Wahlkreis, es gibt 120 Sitze, die proportional nach Stimmenanteil verteilt werden. Parteien müssen nur 3,25 Prozent der Stimmen erreichen, um ins Parlament zu kommen. Das führt dazu, dass oft 10 bis 13 Parteien in der Knesset agieren. Keine Partei hat jemals allein eine Mehrheit erreicht. Deshalb müssen mehrere Parteien Koalitionen bilden.

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Zwischen 2019 und 2021 wählte Israel vier Mal. Bei keiner Wahl kam es zu einer Regierungsbildung. Einmal versuchte es Benjamin Netanyahu, dann Benny Gantz.

Nach mehreren Wahlgängen vereinbarten beide, dass zunächst Netanyahu für 18 Monate das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen sollte, danach Gantz. In diesem Fall gelangte Gantz jedoch nie in das Amt, da die Koalition frühzeitig zusammenbrach.

2021 kam es dann tatsächlich zu einer Rotation, weil sich die beiden damaligen und heutigen Oppositionspolitiker Naftali Bennett und Yair Lapid einigten, gemeinsam eine Regierung zu bilden. Obwohl Lapid mehr Sitze hatte, gab er Bennett den Vortritt. Deshalb stellte erstmals eine Partei mit nur 7 von 120 Sitzen den Ministerpräsidenten – auf Zeit.

Dafür wurde das Amt des „Alternate Prime Minister“ ins „Basic Law“ aufgenommen. Bennett regierte 13 Monate lang, Lapid ein halbes Jahr. Beide standen einer breiten Koalition aus acht Parteien vor, darunter ideologisch sehr unterschiedliche Gruppen: die rechte Partei von Bennett, die zentristisch-linkslastige Partei von Yair Lapid, linke Parteien und erstmals eine arabische Partei in einer israelischen Regierung: Mansour Abbas von der Partei Ra’am.

Diese Koalition hatte nur eine gemeinsame Grundlage: nie wieder Netanyahu. Das war für eine längere Amtszeit zu wenig. Bei der darauffolgenden Wahl stellte Netanyahu wieder eine Koalition auf die Beine. Seither regiert er ohne Unterbrechung.

Ein Modell für Baden-Württemberg?

In Baden-Württemberg haben die Grünen und die CDU jeweils 56 Sitze errungen. Das halbe Prozent Mehrheit für die Grünen hat keine entscheidende Auswirkung bei der Sitzverteilung.

Das israelische Modell wäre also durchaus eine Option. Bei einem Patt erheben beide Parteien legitimerweise einen Führungsanspruch. Um ihn durchzusetzen, braucht es jedoch Selbstvertrauen, Durchsetzungskraft und eine überzeugende Rhetorik. Diese Voraussetzungen sind derzeit nur bei Cem Özdemir zu erkennen.

Der 37-jährige Manuel Hagel hat zwar die ansprechende Optik von Schwiegermutters Liebling, aber Kampfgeist strahlt er zu wenig aus. Dabei sprechen die Argumente für ihn.

Hagel hat die besseren Argumente

Er hat dazugewonnen, sein Kontrahent hat an Stimmen verloren. Der CDU-Mann bräuchte nur die Tagespresse bei den anstehenden Verhandlungsrunden auf den Tisch legen: VW entlässt 50.000 Mitarbeiter, bei Porsche verschwindet der Gewinn fast vollständig, und bei Daimler (Mercedes-Benz) schaut es nicht viel besser aus. Und wer trägt die Schuld? Die Partei Bündnis90/Die Grünen, die Baden-Württemberg in den letzten 15 Jahren regiert hat und dreieinhalb Jahre in Berlin mit am Ruder war.

Die von ihr mit Macht betriebene Energiewende findet nicht statt. 75 Prozent des deutschen Energieverbrauchs, so die Zahlen der 1971 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e. V., stammen aus fossilen Brennstoffen. Infolgedessen ist Deutschland das Land mit den höchsten CO2-Emissionen in der EU.

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Auch im Verkehrssektor gibt es keinen Abschied vom fossilen Zeitalter, der diesen Namen verdient. Noch immer stammen rund 90 Prozent seines Energieverbrauchs aus den Erdölprodukten Benzin, Diesel und Kerosin – so die Zahlen vom Umweltbundesamt und der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e. V.

Das Segment der Elektroautos wächst, aber so langsam, dass bisher keine Verkehrswende herbeigeführt wurde. Zwei Millionen reine Elektroautos fahren derzeit in Deutschland, das entspricht einem Anteil von rund vier Prozent aller Autos auf deutschen Straßen. Damit ist das Elektroauto noch immer ein Nischenprodukt.

Die Industrie verbraucht etwa 25 bis 30 Prozent der deutschen Energie. Viele Prozesse benötigen sehr hohe Temperaturen und chemische Reaktionen mit fossilen Rohstoffen – so zum Beispiel die Stahlproduktion mit Koks, die Chemieindustrie mit Erdgas als Rohstoff oder auch die Zementproduktion mit Kohle oder Gas. Diese Prozesse sind technisch schwer zu elektrifizieren. Die Physik ist regelmäßig stärker als die Politik, schreibt der nicht gerade unionsfreundliche „Pioneer“ in seiner aktuellen Ausgabe.

Die Grünen stehen für eine desolate, auf Deindustrialisierung ausgerichtete Energie- und Wirtschaftspolitik. Verheerend für ein Land wie Baden-Württemberg. Da hilft auch Özdemirs wahlkampftaktische Distanzierung von seiner eigenen Partei wenig.

All dies müsste der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel dem grünen Kontrahenten vor den Latz knallen. Dafür allerdings braucht man Rückgrat und Willen.

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Kommentare ( 21 )

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21 Comments
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Bernd Bueter
1 Stunde her

Das Modell nennt sich „Feigheit“ oder noch treffender „Parteibandengehorsam“.

alter weisser Mann
32 Minuten her

…. und wenn die Grünen sich nicht drauf einlassen, dann geht der Hagel zur AfD.
Lange nicht so gelacht.
Hagel könnte, wenn ihm eine andere Regierung als grün ein Anliegen wäre, sich jederzeit als MP zur Wahl stellen und von CDU und AfD wählen lassen.
Und da muss ich schon wieder lachen.

November Man
37 Minuten her

Özdemir sollte schon aufgrund seines hinterhältig und schmutzig geführten Wahlkampf aus der untersten Schublade gegen Hagel auf das Amt verzichten. So jedenfalls wird er womöglich Ministerpräsident mit Geschmäckle, oder besser mit mit üblem Geschmack. Und so was, so einen charakterlosen Gesellen kann sich ein Land wie BW nicht leisten. Die Grünen haben in BW in den letzten 15 Jahre so ziemlich alles zerstört was es zu zerstören gab. Sonst arbeitet hier im Ländle bald gar keiner mehr.  

Orlando M.
47 Minuten her

Dabei hat die CDU die besseren Argumente, wenn sie sie nur gebrauchen wollte.“
Die CDU beherrscht die totale Umverteilung, versteht viel vom totalen Transferstaat und fördert mit aller Macht den Kollektivismus, bei dem der Staat völlig unabhängig von der erbrachten Leistung die geschaffenen Werte nach seinem Gusto umverteilt. Immer unter der Devise, dass diejenigen, die die Werte geschöpft haben ganz zuletzt in der Reihe stehen. Das kann jeder, dafür braucht es nur genügend Dummheit sowie kriminelle Energie. Das sind keine Demokraten, sondern Seelenmörder!

X1
48 Minuten her

So eine Vereinbarung würde ja bedeuten, dass die Abgeordneten von ihrer Partei verpflichtet werden, in ein paar Jahren einen bestimmten Ministerpräsidenten zu wählen. Aber Abgeordnete sollten nur ihrem Gewissen verpflichtet sein. Was wenn sie dann einfach nein sagen?
Im übrigen ist es sowieso egal, ob Cem Hagel oder Manuel Özdemir Ministerpräsident ist, ob CDU oder Grüne – das ist inzwischen alles eins.

Rosalinde
51 Minuten her

Das wird schwierig. Die Grünen wollen im Raum Bodensee Rüstungsfirmen ansiedeln, die CDU will möglicherweise die normale Industrie mit Schulden fördern.

Teide
56 Minuten her

Hagel wird nie Ministerpräsident. Özdemir steckt den locker in die Tasche.
Wenn Hagel auch nur ein Mal das Wort AfD in den Mund nimmt, brennen dort die CDU Büros.

Özdemir könnte mit der SPD koalieren. Dank Brandmauer geht das.

babylon
45 Minuten her
Antworten an  Teide

Da Hagel sich bislang nicht mit Stimmen der AfD zu MP machen lassen will, geht eine Minderheitenregierung Grün/SPD in der Tat. Gesetze können so allerdings nicht verabschiedet werden, wenn die CDU nicht zustimmen will und/oder gemeinsam mit der AfD abstimmt, was wiederum dem Dogma nicht entspräche. Man erkennt also, das Dogma ist eine fatale Selbstfesselung der CDU, die Merz zu verantworten hat. Der Mann ist ein miserabler Stratege.

Last edited 43 Minuten her by babylon
Nobis
21 Minuten her
Antworten an  babylon

„Der Mann ist ein miserabler Stratege“ Könnte sein. Möglich ist auch, politische Bondage ist Teil seines Selbstverständnisses und dient der Optimierung seiner persönlichen Befindlichkeit. Stichwort „Leder und Peitsche“ Aber soweit wollen wir nicht gehen. Schließlich ist es nur ein Gerücht und nicht bewiesen, das Merz Besucher auf einer gewissen karibischen Insel war. Gott behüte. Obzwar gewisse Verbindungen zu US Fianzmagnaten nicht von der Hand zu weisen sind.

Last edited 15 Minuten her by Nobis
roffmann
59 Minuten her

Hätte die CDU so einen Mann, wie den “ C e m “ , dann hätte sie haushoch gewonnen ! Nur da iss nix !

MartinKienzle
1 Stunde her

Herr Rosenberg, hören Sie bitte auf: Wir Deutschen benötigen nicht die sogenannte „Demokratie“, sprich eine Erfindung der Kommunisten https://www.youtube.com/watch?v=_6g7k-18dJI, zur Spaltung respektive zur Unterjochung unseres Volkes, sodass es vor jenem Hintergrund durch keine Relevanz geprägt ist, wie der weitere sogenannte „Ministerpräsident“ des Besatzerkonstruktes BRD heißt (https://www.youtube.com/watch?v=hIu80oSC728 ab Minute 3:25), der lediglich dazu eingesetzt wird, unsere Heimat mittels der sogenannten „Transformation“ mutwillig zu zerstören (https://www.fdp.de/lindner-will-transformation-von-wirtschaft-und-gesellschaft, sprich Zerschlagung der Volkswirtschaft https://www.youtube.com/watch?v=8SNsfVYNels sowie Zerschlagung unseres Volkes https://www.youtube.com/watch?v=q94syUDDhxA)!

Last edited 58 Minuten her by MartinKienzle
Autour
1 Stunde her

Ich weiss nicht wieso man sich jetzt den Kopf über solche Nichtigkeiten hier zerbricht?! Es wir KEINEN geteilten MP geben! Wieso auhc?! Der eine will sich nicht mit Stimmen der AfD wählen lassen … der andere will nicht teilen … was linke von „Versprechungen und Ankündigungen“ halten hat man in Thüringen gesehen!
Nein, selbst wenn man sich auf eine Teilung einigen würde, würde Grün beginnen und dann einfach nicht das Amt abgeben warum auch…
Und im Grunde ist es Wurstsuppe wer von den beiden Politdarstellern MP wird es ist eh eine Sosse!

Adorfer
45 Minuten her
Antworten an  Autour

Meine Meinung. Ich wundere mich nur, dass hier bei TE jemand einen Pfifferling auf diesen Schnösel Hagel setzt. Das wäre sogar für die AfD ein Griff ins Klo sich auf ihn einzulassen.

Shipoffools
1 Stunde her

Herr Hagel will keine guten Argumente haben. Er ist mit dem Beifahrersitz mehr als zufrieden. Wenn jemand schon im Wahlkampf partout nicht beißen will, dann wird er es nach der Wahl nimmer mehr tun. Den Niedergang kann jetzt Grün/Schwarz gemeinsam verwalten. Da ist er ganz bei seinem Herrn. Will der Koalitionspartner nicht so gerne? Na gut, war nur so ne Idee. Bitte nicht böse sein. Hinlegen und weiterregieren. CDU und der Untergang ist gesichert.