ABER-Merz und ABER-EU sind das eine. Handelnde wie Italiens Premier Meloni und Geistesverwandte das andere.
picture alliance / Wiktor Dabkowski | Wiktor Dabkowski
Ja was denn nun? Auf der Münchner Sicherheitskonferenz blies Bundeskanzler Friedrich Merz noch kräftig die Backen auf. Europa lasse sich nichts diktieren, schon gar nicht von der US-Administration unter Donald Trump. Die „MAGA“-Bewegung? Nicht der deutsch-europäische Weg. Man wolle sich kulturell wie politisch klar absetzen.
Auch gegenüber US-Außenminister Marco Rubio wurden laute Töne angeschlagen. Es klang nach Selbstbehauptung, nach Emanzipation, fast nach transatlantischer Zeitenwende. Oder doch nur ein Pfeifen im Walde, denn ohne USA wirken Europa und Deutschland mickrig. Rubio hatte alle wunden Punkte genannt. Merz genoss den Applaus, viele Schulterklopfer und Medien feierten ihn in ihrer Blase.
Keine 24 Stunden später jedoch, die kalte Dusche aus Rom. Nach der Merz’schen Rede, meldete sich Italiens Premier Giorgia Meloni im Corriere della Sera zu Wort – und setzte in einem Kurz-Interview einen Kontrapunkt, der in Berlin nicht überhört werden dürfte. Wollte Friedrich Merz nicht häufiger auf Meloni hören, sich vielleicht auch mit ihr absprechen?
Zur Bundeskanzlerschelte am MAGA-Motto des US-Präsidenten, Make America great again, wurde Meloni vom Corriere explizit befragt? Nein, Meloni tat ganz verwundert, sie teile diese Kritik überhaupt nicht. Giorgia Meloni wählt ihre Worte mit der Ruhe eines Regierungschefs, der genau weiß, dass Schlagzeilen schnell vergehen, strategische Interessen jedoch bleiben. Si si, ja, die internationale Lage sei komplex. Und ja, das Verhältnis zwischen Europa und den USA befinde sich in einer sensiblen Phase. Aber daraus eine unheilbare Entfremdung abzuleiten, hält sie für absolut falsch.
Merz habe zwar Recht, wenn er festhielte, Europa müsse mehr für sich selbst tun – insbesondere in der „Sicherheits- und Verteidigungspolitik“, bei der europäischen Säule der NATO. Doch wer daraus eine kulturelle oder gar zivilisatorische Abrechnung mit Trump und „MAGA“ konstruiere, der überziehe einfach.
Integration statt Distanz: Melonis strategischer Realismus
Melonis Ansatz ist klar: Europa und USA gehören zusammen. Man müsse das „Verbindende stärken“, nicht das Trennende zelebrieren. Gerade für europäische Staaten – „a partire dall’Italia“, von Italien ausgehend, wie sie betont – sei die transatlantische Partnerschaft essenziell.
Während in München noch über Wertebruch und Vertrauensverlust diskutiert wurde, kündigte Meloni an, Italien werde als Beobachter am „Board for Peace“ im Weißen Haus teilnehmen. Eine bewusste Geste. Die EU-Kommission entsendet ihre Mittelmeer-Kommissarin, Italien signalisiert zusätzlich Präsenz. Ob sie selbst reist oder Außenminister Tajani schickt, blieb offen – nicht aber die politische Richtung.
In Rom reagierte die Opposition prompt. Die Parteichefin des Partito Democratico, Elly Schlein, warf Meloni Unterordnung unter Trump vor. Das bekannte Muster: Wer Kooperation sucht, gilt als suspekt bis subaltern.
Doch Meloni betreibt keine Gefolgschaftspolitik, sondern Interessenpolitik. Sie unterscheidet zwischen legitimer politischer Kritik und pauschaler Kulturverachtung. Europa müsse stärker werden – ja. Aber nicht, indem es die transatlantische Achse rhetorisch beschädigt.
Aus Addis Abeba, am Rande der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen der Afrikanischen Union, verschickte sie symbolisch zwei Postkarten: eine nach Berlin, ohne Polemik, aber mit klarer Differenz. Und eine nach Washington, mit der Botschaft: Italien bleibt gesprächsbereit.
Die Römerin zeigt, wie Diplomatie geht.
Während man in Deutschland noch mit demonstrativer Distanz operiert, gegen Trump und Vance oder Rubio selbst, setzt Rom auf strategische Nüchternheit. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Europa sich etwas diktieren lässt. Sondern ob es zu Machtpolitik fähig ist statt moralischer Pose.
Meloni hat ihre Antwort gegeben. Berlin sucht sie noch. Und Merz wirkt in Allem wie ein Suchender, der stets den falschen Weg einschlägt. Er steht nun da wie der begossene Pudel. Giorgia Meloni wird ihm sicher das Badetuch reichen, doch wer sie kennt, weiß, dass dies einer unsanften Abreibung gleichkommt.


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