Machtkampf in Polen: Wie Adam Mickiewicz zum Ratgeber der Verteidigung nationaler Interessen wurde

Mit dem vor fast genau 190 Jahren erschienenen polnischen Nationalepos „Pan Tadeusz“ hatte Adam Mickiewicz zweifellos den Nerv der Zeit getroffen. Der bekannteste Dichter Polens warnte vor dem Auseinanderbrechen seiner Nation in zwei verfeindete Lager. Die aktuelle Krise an der Weichsel beweist einmal mehr, dass sich die politischen Stammeskämpfe seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert haben.

IMAGO / Schöning
Denkmal Adam Mickiewicz, Warschau, 07.08.2023

Es ist ein Panorama der in ihren letzten Zügen liegenden polnischen Adelsgesellschaft: Als das Versepos „Pan Tadeusz“ („Herr Thaddäus“) 1834 in Paris erschien, bezeichnete ein enger Freund des Autors dessen Werk als „einen Grabstein des alten Polen, von der Hand eines Genies gesetzt“. Dieser Satz ist nur zur Hälfte richtig. Adam Mickiewicz war in der Tat ein Genie. Seine Intelligenz, Bildung sowie die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hochgeschätzte Improvisationsgabe verliehen ihm besondere Anziehungskraft.

Verfehlt erscheint die Feststellung, dass wir es mit einem „Grabstein“ zu tun hätten, der das Ende einer Entwicklung suggeriert. Ins Leere zielt ebenso die von vielen Lesern geteilte Meinung, „Pan Tadeusz“ trüge nicht zu einem besseren Verständnis politischer Zusammenhänge bei, weil sich sein Schöpfer auf eine literarische „Insel“ begeben habe, wo er „vor dem Lärm Europas die Tür hinter sich zuziehen konnte“. Im Gegenteil: Mickiewicz hält uns Polen den Spiegel vor, gerade heute. Die vor drei Jahren verstorbene Kulturhistorikerin Maria Janion konstatierte einst zutreffend, dass der polnische Dichterprophet den erwähnten Text in einer Zeit abfasste, in der seine Landsleute „keinen Gefallen aneinander fanden“. Vor allem jetzt, wo nach dem jüngst erfolgten EU-Putsch in dem immer autoritärer regierten Land unschuldige Politiker im Gefängnis sitzen, Regierung sowie Opposition sich gegenseitig den legalen Status aberkennen und die Nation endgültig in zwei Teile auseinanderzubrechen droht, ist ein wenig nostalgische Vergangenheitserschließung vielleicht gar nicht so sinnlos.

Lebende Sinnbilder

Hauptthema bei Mickiewicz ist unweigerlich der Kampf um die nationale Befreiung des Landes. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Situation im 19. Jahrhundert: Die Teilungsimperien Preußen, Österreich und Russland haben sich Polen unter den Nagel gerissen, doch die überwiegende Mehrheit des Volkes hat die Wiedererrichtung des Staates als Ziel aller nationaler Bestrebungen nie aus dem Auge verloren. Die Polen brauchten lebende Sinnbilder, die ihren Befreiungskampf verkörperten. Ihre Sehnsüchte konnten jedoch weder Staatsmänner noch Feldherren ausdrücken, sondern Schriftsteller. Adam Mickiewicz wurde dabei eine fast schon religiöse Autorität zuerkannt, weil er nationalen Problemen ein übernationales Gewicht zu geben vermochte.

Und dies, obwohl er nach dem gescheiterten Novemberaufstand von 1931 seine literarische Arbeit unter erschwerten Bedingungen im französischen Exil fortsetzen musste. Auch andere bedeutende polnische Intellektuelle und Künstler emigrierten in verhältnismäßig jungem Alter und kehrten nie nach Polen zurück. Hinzu kommt, dass Mickiewicz zwar im Ausland die Politik der europäischen Großmächte frei und unverblümt kritisieren durfte, in seiner Heimat indes auf die Zensur Rücksicht zu nehmen hatte. Um dennoch schreiben zu können, was er schreiben wollte, musste er zur Verschlüsselung Zuflucht nehmen. Als „Pan Tadeusz“ im Jahr 1858 erstmals auf polnischem Boden (in meiner Geburtsstadt Toruń) gedruckt werden durfte, haben die meisten Polen bereits die Pariser Ausgabe gelesen und „entschlüsselt“.

Nostalgischer Reflex

„Pan Tadeusz“ ist ein für die polnische Romantik zentraler Text, der bei uns inzwischen zum Inbegriff des literarischen Kanons geworden ist. Aber nur selten wird versucht, politische Gegenwartsbezüge herzustellen. Mickiewicz selbst betrachtete ihn zu Lebzeiten als „relativ unwichtig“, jedenfalls im Vergleich zu seinen beachtlichen publizistischen Einlassungen. Trotzdem entstand ein epochales Werk, dessen Autor in zwölf Büchern den polnischen Alexandriner in einer Weise anwendet, die sich die „Aufklärer“ aus dem 18. Jahrhundert nicht hätten träumen lassen. Die Leistung ist ebenfalls in der variantenreichen, subtil gegliederten und sprachlich vielfältig instrumentierten Darstellung des polnischen Landadels zu sehen. Mickiewicz kehrt hier in das Land seiner Kindheit zurück, das Litauen der Jahre 1811-12, welches noch einige Jahrzehnte zuvor in Union mit dem Königreich Polen Elemente einer Republik auf Basis einer parlamentarisch-konstitutionellen Monarchie besaß. Diese Zeiten sind derweil unwiederbringlich vorbei. Das einst mächtige Polen kämpft inzwischen um seine Freiheit, beteiligt sich an einigen siegreichen Feldzügen Napoleons und erhält einen Teil der besetzten Gebiete zurück. Mit Segen des französischen Kaisers entsteht das Herzogtum Warschau.

Ort der Handlung von „Pan Tadeusz“ ist das Dorf Soplicowo. Das Werk gliedert sich in drei Handlungsstränge, die der Erzähler, der sich unmissverständlich als ein in Frankreich lebender Exilautor zu erkennen gibt, in elegischer Perspektivierung verknotet. Es ist die Geschichte des jungen Tadeusz, Erben der Adelsfamilie Soplica, der auf das Gut des Onkels heimkehrt und sich in die junge Zosia verliebt. Vornehmlich aber geht es um den Streit zwischen den Familienclans Horeszko und Soplica, die sich um den Besitz einer verfallenden Burg streiten. Klingt das nicht aktuell?

Nationale Aufbruchsstimmung

Mickiewicz erschließt im Zuge eines nostalgischen Rückblicks eine Gesamtschau auf die polnische Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts und versucht, sie in den gesamteuropäischen Epochenkontext einzubetten. Zum Mittelpunkt der großen historischen Umwälzungen macht er allerdings nicht etwa Paris oder Warschau, sondern einen scheinbar peripheren (und imaginierten) Ort in der Nähe seines Geburtsortes Nowogródek, der heute in Belarus liegt. Die überschaubare Welt des Gutshofes von Soplicowo wird zum tragenden und organisierenden Bezugszentrum der Weltgeschichte. In den Zeiten der napoleonischen Kriege ist Polen bestrebt, sich noch einmal demokratisch zu erneuern und dabei an die Tradition glorreicher Figuren anzuknüpfen. Der Name des Titelhelden geht auf Tadeusz Kościuszko zurück, den Anführer der polnischen Aufstände gegen das russische Zarenreich am Ende des 18. Jahrhunderts, der bereits zuvor im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der Seite George Washingtons gekämpft hatte. Diese historischen Zusammenhänge werden durch gegenwartsbezogene Hinweise auf Napoleon ergänzt. Wir erfahren von dem französischen Aufmarsch, der durch das einstige Polen-Litauen erfolge und als Vorbereitung für den Beginn des Feldzugs gegen Russland betrachtet werde. Das Jahr 1812 weckte mit der Ankunft der Truppen von Bonaparte die Hoffnung auf eine Beseitigung der russischen Fremdherrschaft, wobei Mickiewicz mit der Gleichsetzung des Kriegsbeginns mit dem Frühlingsanbruch die ohnehin enorme Spannung dieser Epochenwende noch einmal poetisch überhöht. Die damalige Aufbruchsstimmung teilt sich dem Erzähler zweifelsfrei mit, obgleich er die anschließenden Ereignisse wohlweislich ausspart. Im Erscheinungsjahr von „Pan Tadeusz“ blickt der in Paris weilende Mickiewicz auf politisch wenig ertragreiche Jahre zurück: Tausende Polen, die mit Napoleon nach Russland zogen, machten auch den Rückzug mit. Ihr Befehlshaber Józef Poniatowski fiel in der Schlacht von Leipzig. Als der Wiener Kongress die neuen Grenzen Europas zog, wussten die Entscheidungsträger nichts mit Polen anzufangen. Man einigte sich schließlich auf ein „Königreich Polen“ unter russischer Kontrolle, das weder einen souveränen König hatte, noch richtig polnisch war.

Verpasste Gelegenheiten

Mickiewicz blendet in seinem Text die Niederlage Napoleons aus, weil das Ziel auch danach unverändert blieb. Es ging um die Restitution eines unabhängigen, republikanischen und sozial gerechten polnischen Staates. „Pan Tadeusz“ diente der Bewahrung der Vergangenheit und öffnete sie auf eine neue Zukunft. Der Text sollte den tatsächlichen Geschichtsverlauf „stilllegen“, um Anknüpfungspunkte für eine alternative historische Ereignisabfolge im Bereich des Machbaren zu erhalten. Er entsprang dem Willen, vorgefertigte Pläne ernst zu nehmen und sie für die Nachwelt aufzubewahren, auch wenn sie einige Jahrzehnte zuvor gescheitert waren, was konkrete Zukunftsvisionen erschwerte. Die Anbindung an realhistorisch verpasste Gelegenheiten, die in der Verfassung vom 3. Mai 1791 kulminierten, sollte in naher Zukunft noch vollzogen werden, trotz misslungener Aufstände und brutaler Fremdherrschaft. In den zeitnah entstandenen „Büchern des polnischen Volkes und der polnischen Pilgerschaft“ ergänzt Mickiewicz die aufklärerischen Reformimpulse um einen Zukunftsentwurf, der in der Christianisierung der europäischen Politik den Ausweg aus der Misere ersah. Diese Idee sollte er später in den Vorlesungen am Collège de France weiter ausarbeiten.

Im beschaulichen Soplicowo kann es unterdessen nur ein Happy-End geben. Die einfallenden Russen können von der lokalen Bevölkerung vorerst zum Abzug gezwungen werden. Das finale Verlobungsfest von Tadeusz und Zosia ist zugleich ein Versöhnungsfest zwischen den beiden verfeindeten Familien, in dem alle Schichten und Stände zusammenfinden. Der jüdische Schankwirt Jankiel spielt zur Polonaise auf, zu der die gesamte versammelte Festgemeinde tanzt und die nationale Einheit zelebriert. Die meisten polnischen Leser können spätestens an dieser Stelle ihre Rührung kaum verbergen. Kann man Mickiewicz der Idealisierung oder gar einer realitätsfernen Sakralisierung der damaligen politischen Erscheinungswirklichkeit bezichtigen? Ja und nein. Anders als bisweilen behauptet wird, ist die elegische Rückschau in „Pan Tadeusz“ keineswegs nur eine verherrlichende Darstellung des polnischen Landadels. Die Lebenswelt der „Szlachta“ ist allzu sehr von Korruption, Maßlosigkeit, Rechtlosigkeit und Egoismus geprägt.

Verschüttete Zukunftsentwürfe

Adam Mickiewicz und sein Werk haben in Polen schon für politische Anliegen aller Art herhalten müssen. Doch selten war „Pan Tadeusz“ so aktuell wie 190 Jahre nach seiner Entstehung bzw. am 225. Geburtstag seines Schöpfers. Man könnte annehmen, dass der Autor schon damals zum „Seismographen“ der heutigen politischen Erdbeben in seinem Land wurde. Was gegenwärtig an der Weichsel passiert, erinnert doch sehr an die Politik, die von Mickiewicz durchgespielt wurde: In Soplicowo kommt es zu rücksichtlosen Machtkämpfen zwischen zwei Lagern, die eigentlich für gemeinsame Interessen einstehen sollten. Und letzten Endes tun sie dies offenbar auch. „Pan Tadeusz“ ist demnach als ein Appell zur Versöhnung und gemeinsamen Ausgrabung historisch verschütteter Zukunftsentwürfe zu begreifen, anhand derer sich die Modernität des Textes bis heute ausweisen lässt.

Der Geist von Tadeusz Soplica geistert immer noch herum, weil er so greifbar und wandelbar ist. Dabei geht es nicht nur um die Möglichkeiten der Sprache, die Mickiewicz für uns Polen vorgezeichnet hat, sondern insbesondere um die von ihm behandelten Themen, die hochaktuell sind. Das polnische Parlament gleicht dem Dorf Soplicowo, in dem Intrigen und Zwist allgegenwärtig sind. Auch in „Pan Tadeusz“ ist eine der beiden Formationen stets nach Europa ausgerichtet, folgt blind den Anweisungen eines vermeintlich „besseren“ zivilisierteren Zentrums und toleriert, dass hinterrücks über ihr eigenes Schicksal entschieden wird. Polens politische Ideengeschichte ist immer auch eine Geschichte des Verrats. Der Titelheld von Mickiewicz könnte ebenso für Tadeusz Rejtan stehen, der einst als einer der Wortführer der Konföderation von Bar gegen die von Verrätern im Sejm abgesegnete erste Teilung Polens protestierte, diese jedoch nicht mehr zu verhindern vermochte.

Anschließend fiel er in geistige Umnachtung und beging Selbstmord. In der heutigen politischen Realität bleibt das Happy End aus. Es kommt zu illegalen Verhaftungen, EU-freundliche Politiker lassen sich auf faule Kompromisse ein, erkennen nicht, dass Europa sich in einer tiefgreifenden Krise befindet und es in mehrfacher Hinsicht einen weitreichenden Paradigmenwechsels bedarf. Bis wir im Sejm eine parteiübergreifende Polonaise anstimmen können, wird noch viel Zeit vergehen müssen. Ein nostalgischer Reflex, der aus der unrettbar tristen Wirklichkeit der politischen Gegenwart in die seligen Gefilde der Jugend zurückführt, reicht hier leider nicht mehr aus.

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Kommentare ( 3 )

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Pitter
1 Monat her

Ich bin guten Mutes.
Ein Pole (egal ob links oder rechts) ist zuallerst Pole.
Und zum Glück sind die technischen Voraussetzungen für eine RUSSISCHE Kolonie entfallen.

TschuessDeutschland
1 Monat her

„Mickiewicz kehrt hier in das Land seiner Kindheit zurück, das Litauen der Jahre 1811-12“ „seines Geburtsortes Nowogródek, der heute in Belarus liegt.“ Als „Pan Tadeusz“ im Jahr 1858 erstmals auf polnischem Boden (in meiner Geburtsstadt Toruń) gedruckt werden durfte,“ (das damals Thorn hieß und preussisch war) „nach dem gescheiterten Novemberaufstand von 1931 seine literarische Arbeit unter erschwerten Bedingungen im französischen Exil fortsetzen musste.“ Der November-Aufstand fand nicht 1931, sondern 1830 statt. Mickiewicz war zu diesem Zeitpunkt in Italien und hatte damit herzlich wenig zu tun (und wäre 1931 120 Jahre alt gewesen. Ein Fehler ?). Mickiewicz hat die wenigste Zeit… Mehr

Georg Weerth
1 Monat her

Osinski schreibt: „Als ‚Pan Tadeusz‘ im Jahr 1858 erstmals auf polnischem Boden (in meiner Geburtsstadt Toruń) gedruckt werden durfte…“ 1858 war Thorn preußisch. Dass dieses Buch in Preußen gedruckt werden durfte, beweist wieder einmal die Liberalität Preußens.