Israel wählt schon wieder

Wirtschaftlich hat das Coronavirus lebenswichtige Branchen wie den Tourismus stillgelegt und die Arbeitslosen-Zahlen vervielfacht, aber Israel ist in der glücklichen Lage wenig Alt-Industrie, dagegen viel und begehrte Technologien für die digitale Welt von Morgen zu besitzen. Letztere boomt trotz oder sogar wegen Corona.

picture alliance / Newscom | ALEX KOLOMOISKY

Israel hat sein Lichterfest, Chanukka, beendet. Aber von Erleuchtung der politischen Führung ist wenig zu erkennen. Mitten in einer Pandemie löst sich das Parlament auf und beschließt eine Neuwahl in 90 Tagen, weil – so die vordergründige Erklärung – der Staatshaushalt keine Mehrheit findet. Es ist die vierte Wahl in zwei Jahren.

Nüchtern und von Außen betrachtet steht Israel angesichts der beiden größten Herausforderungen des Jahres 2020 aufrecht im Sturm. Die eine, die Israel und die Welt seit 72 Jahren bedrängt, bewältigt es sogar erstaunlich gut: seit vier Monaten gibt es aufsteigend mehr Frieden mit einst feindlichen Nachbarn in einem kriegerischen Umfeld. Und: das Corona-Virus plagt Israel wie fast die ganze Welt. Aber auch hier steht der Staat der Juden in der erfolgreichen Bekämpfung in der Spitzengruppe. Seit Sonntag wird rund um Jerusalem und Tel Aviv geimpft. Die ersten 210.000 haben den Einstich gut überstanden, während Deutschland und Europa noch logistisch hinken. Israel sei sogar besser als Deutschland mit fast 1.000 Corona-Toten täglich, erzählt Ministerpräsident Netanyahu live in den Abendnachrichten. Angela Merkel habe ihm dieser Tage gestanden, Deutschland habe im Gegensatz zu Israel die Kontrolle über das Virus verloren.

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Eigentlich müsste der Regierungschef in Jerusalem eine zustimmend freundliche Presse haben und von seinen Parteifreunden und Regierungskoalitionären auf Händen getragen werden. Immerhin hat er – unterstützt durch den inzwischen auslaufenden US-Präsidenten – mit vier arabisch-muslimischen Ländern (VAE, Bahrein, Sudan, Marokko) eine diplomatische Anerkennung unterzeichnet oder zumindest die Beziehungen spürbar normalisiert. Und in den Kühlkammern Israels liegen ausreichend Impfdosen gegen Covid-19 mit der optimistischen Aussicht, dass im Frühsommer die pandemie-verursachten Lockdowns vergessen sind.

Wirtschaftlich hat das Virus lebenswichtige Branchen wie den Tourismus stillgelegt und die Arbeitslosen-Zahlen vervielfacht, aber Israel ist in der glücklichen Lage wenig Alt-Industrie, dagegen viel und begehrte Technologien für die digitale Welt von Morgen zu besitzen. Letztere boomt trotz oder sogar wegen Corona. USA, China, Japan und Südkorea – geringfügig auch die EU – setzen auf die 9.489 aktiven Start-ups in Israel und haben 2020 9,9 Milliarden US-Dollar in Cybertech, Fintech, Agrartech und Medizin-Technologie investiert, 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Exits, der gewollten Übernahmen, die 2019 noch 14,24 Milliarden US-Dollar in die Kassen spülten, sanken coronabedingt auf immerhin noch stolze 7,8 Milliarden. (Quelle: IVC, regierungsunabhängig).

„Ärmel hoch“
Hundertjährige an die Impffront
Israeli beobachten das Polit-Schauspiel um die Neuwahlen am 23. März mit Argwohn und setzen lieber stolz auf die klug-mutigen, weitblickenden Köpfe wie Shulamit Levenberg, Professorin für „Tissue Engineering („künstliche Herstellung biologischer Gewebe durch die gerichtete Kultivierung von Zellen“) am Technion in Haifa. Ihre heute 40köpfige Mannschaft begann 2017 mit der Produktion hochwertiger Steaks aus Muskel-Stammzellen eines Rindes. Das Fleisch wächst im Labor ohne Antibiotika, aber mit Mineralien, Vitaminen und Proteinen und spart dabei 15.000 Liter wertvollen Süßwassers, das eine Kuh trinken muss, bevor es ein Kilogramm Steakfleisch hergibt. In ein paar Jahren will Levenbergs Start-up „Aleph Farms“, das bereits vom größten US-Fleischproduzenten „Cargill“ und dem Schweizer Migros-Genossenschafts-Bund mitfinanziert wird, Steaks an Restaurants und Supermärkte liefern. Ministerpräsident Netanyahu hat dieser Tage eine Kostprobe serviert bekommen. Dem Vernehmen nach hat sie ihm gemundet, er hat eine Nachbestellung aufgegeben.

Was Shulamit Levenberg im Ernährungsbereich bewirken will, plant Lior Avitan auf dem Bausektor. Er hat ein Konzept entwickelt, das Kranführer, die in schwindelerregender Höhe in Häfen und beim Wolkenkratzerbau ihre Arbeit verrichten in sichere Arbeitsräume auf den Boden herunterholt. In den zugigen Kabinen dort oben sollen Kameras und Sensoren installiert werden, die mit Hilfe von Algorithmen aus der Künstlichen Intelligenz (AI) den Kranführer besser, bequemer und vor allem sicherer arbeiten lassen. Gelernt hat der Mitbegründer des Start-ups „UltraWis“ 16 Jahre lang bei Israels führender Verteidigungsfirma „Elbit Sytems“, die Pilotenhelme mit integrierten Nachtsicht-Geräten produzieren und weltweit erfolgreich verkaufen. Die deutsche „Liebherr Group“, die 30 Prozent des Weltmarktes für Bau- und Lastenkräne besitzt, hat bereits Kontakt zu UltraWis in Israel aufgenommen. Sie prüfen bereits, ob man wirklich von da unten alles und vielleicht noch ein bisschen mehr machen kann, was bisher nur in luftigen Kanzeln von ganz oben geleistet wird.

Wer sich in Israel im Umfeld mehr oder weniger erfolgreicher Start-ups bewegt, erträgt die Politsprüche in und rund um das Parlament in Jerusalem leichter. Benny Gantz, der ein angesehener Generalstabschef war, hat sich innerhalb von sieben Monaten von einem „alternierenden Ministerpräsidenten“ zu einer politischen Nullnummer heruntergewirtschaftet, der laut Umfragen froh sein kann, wenn er bei den Neuwahlen im März mit seiner Blue & White-Partei noch die 3,5-Prozent-Hürde schafft.

Britannia rules the waves again
Brexit done!
Derzeit formiert sich eine neue Parteien-Phalanx gegen den inzwischen dienstältesten israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Zwei von ihnen, Gideon Sa´ar und Naftali Benett, einst enge Vertraute und Mitarbeiter des Vielgescholtenen, blasen sich mit Schnellumfragen und einigen Überläufern aus der Netanyahu-Partei zu Nachfolge-Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten auf. Beide versuchen den Wähler davon zu überzeugen, sie könnten auch „number one“, übersehen aber vor lauter Selbstüberschätzung, dass auch ihnen das Schicksal von Benny Gantz droht. Im Frühjahr hatte er noch 40 Prozent Wähler-Zustimmung und jetzt ist er „unter ferner liefen“ positioniert.

Das jetzt zu Ende gegangene jüdische Chanukka-Fest lebt von der Mär, dass die damalige Supermacht Griechenland unter Antiochus IV Epiphanes 165 v. der Zeitrechnung in Jerusalem gewütet hat. Dabei sei eine Öllampe in einem Tempel aufgefallen, die acht Tage brannte, obwohl das Brennmaterial der Überlieferung zufolge nur für einen Tag reichte. Diejenigen, die mehr glauben als wissen, sehen darin ein Zeichen Gottes für das Volk der Juden. Wer sich in die üppige Begleitliteratur rund um die Bibel vertieft, erfährt, dass die Ursachen der Unruhen komplexer sind.

Die Hellenen waren damals die Modernen, die Wissenschaft, Literatur und Kultur ins Heilige Land brachten. Weite Teile der jüdischen Eliten in den Städten wollten sich ihnen bewundernd anschließen, was von den konservativen Rabbis auf dem Land vehement abgelehnt wurde. Interner Streit brach aus und eskalierte. Bis es der herrschenden Supermacht aus Athen zu bunt wurde. Vielleicht liegt hier auch die Ursache, dass es das Chanukka-Fest nie in die Thora, ins Alte Testament, geschafft hat.

Geschichte wird gelehrt, damit Fehler nicht wiederholt werden. Streit in Maßen ist ein wertvolles Gut in einer Demokratie. Aber eben nur in Maßen, insbesondere in Zeiten einer Pandemie. Was es in der deutschen Polit-Szene zu wenig gibt, davon hat Israel derzeit reichlich: heftige, öffentlich ausgetragene Auseinandersetzungen mit manchmal unkosheren Methoden. Netanyahus Vater Benzion war ein angesehener Bibelkenner und Historiker, der 2012 im Alter von 102 Jahren gestorben ist. Vielleicht hat Sohn Benjamin das Gespür für die reichhaltige Geschichte Israels mit vielen Varianten für Interpretationen geerbt und verbindet sie mit der auch rhetorischen Fähigkeit für die Moderne. Jedenfalls muss mit ihm, der seit über einer Dekade Israels „number one“ ist und noch immer die höchsten Wähler-Zustimmungswerte aufweisen kann, auch im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gerechnet werden.

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Kommentare ( 3 )

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Theos Meinungsfreiheit
3 Monate her

Kann es sein, dass die Thora bereits geschrieben war und daher das „Chanukka-Fest [es] nie in die Thora, ins Alte Testament, geschafft hat.“

„Das jetzt zu Ende gegangene jüdische Chanukka-Fest lebt von der Mär, dass die damalige Supermacht Griechenland unter Antiochus IV Epiphanes 165 v. der Zeitrechnung in Jerusalem gewütet hat.“

Vielleicht liegt hier auch die Ursache, dass es das Chanukka-Fest nie in die Thora, ins Alte Testament, geschafft hat.

Bernd Schulze sen.
3 Monate her

Ich werde das Gefühl nicht los, daß der Westen insbesondere die EU und die von ihnen unterstützen NGOs, dafür verantwortlich sind. Wer weiß was sie anstellen und bei Geld werden ja so manche Politiker „schwach“, damit keine Einigkeit in vielen Fragen nicht zu Stande kommt.

Reinhard Schroeter
3 Monate her

Na und ? Wenn in Israel zum wiederholten Mal gewählt wird zeigt das nur, dass es da umgeben von autoritären Staaten und ständig bedroht von Verbrecherorganisationen, von denen einige die Unterstützung Merkeldeutschlands geniessen und einem Regime, welches die Israelis ins Meer jagen will und sich dafür der herzliche Grüße vom Hausherren im Schloss Bellevue sicher sein kannn, eine lebende und funktionierende Demokratie gibt, die man von einem mit Merkelmehltau überzogenen Land nur neidisch bewundern kann. Sieht man sich in diesem kleinen Land um, kommt man nicht herum, dessen Bewohnern tiefen Respekt zu zollen. Sie haben Wüste zu fruchtbaren Land verwandelt,… Mehr