Fast zwei Wochen Unruhen im Iran: Beginnt die Rückeroberung des Landes?

Auch am Freitag intensivierten sich die Unruhen in Teheran und anderen Teilen Irans. Die Bürger beginnen damit, symbolische Orte zu erobern. Eine Moschee wurde in Brand gesetzt. Aus dem Exil lenkt Reza Pahlavi das Geschehen. Nun sollen Spediteure und Energieversorger den Druck erhöhen. Der ÖRR versagt zusammen mit der EU-Politkaste gründlich.

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Am Freitag war der 13. Tag der Unruhen im Iran, die manche als Proteste sehen, andere als eine Revolution. Ein zweites Mal folgten die Iraner dem Aufruf des exilierten Kronprinzen Reza Pahlavi, sich um 20 Uhr auf den Straßen zu versammeln. Gleichzeitig war das Internet weitgehend abgeschaltet worden. „Kartengeräte funktionieren nicht, Anrufe sind unmöglich“, berichtet ein Augenzeuge laut Iran International, und fügt nur eine Ausnahme hinzu: Die Nutzer des Rightel-Netzes konnten offenbar noch Textnachrichten versenden.

Am Samstag rief Pahlavi auch zu einem landesweiten Generalstreik der Arbeiter im Energie- und Transportbereich auf. Die Demonstranten sollten die Stadtzentren übernehmen. Pahlavi lobte „den Mut und die Ausdauer“ seiner Landsleute. Millionen sollen sich seinen Aufrufen angeschlossen haben, oft mit Rufen wie „Javid Shah“ („Lang lebe der Shah“). Ob das schon Monarchismus ist, bleibt offen. Der Sohn des letzten Schahs, der 1979 von den Mullahs vertrieben wurde, ist die einigende Figur des Protests. Er ist die einzige Person von Gewicht, die klar außerhalb des islamischen Systems steht und für einen politischen Neuanfang steht. Oppositionelle Parteien konnten sich im diktatorisch regierten Iran nicht bilden. Die Rolle Pahlavis könnte, falls es so weit kommt, jener des spanischen Königs Juan Carlos ähneln, der nach dem Fall der Diktatur den Übergang zur Demokratie moderierte.

— Len Khodorkovsky (@MessageFromLen) January 9, 2026

Zu einer Revolution braucht es allerdings tatsächlich die Besetzung von Schlüsselorten. Von den wenigen Nachrichten und Bildern, die – auch dank Starlink – aus dem Iran dringen, gehen einige in diese Richtung. In der südiranischen Provinz Fars haben sich Bürger Zugang zu einem Gebäudekomplex verschafft, der normalerweise der herrschenden Kaste der Kleriker vorbehalten ist. Das Aufbrechen eines verschlossenen Tors ist mehr als ein Protest. Es bedeutet, dass für die Bürger auf der Straße nicht mehr dieselben Regeln gelten wie für die Herrscher in den Palästen. Das kann der Anfang einer Revolution sein – so wie der Sturm auf die Bastille, das Niederreißen der Tuilerien.

Am Donnerstag brannte zudem ein Bau mit Türmen, anscheinend die Al-Rasul-Moschee im wohlhabenden Teheraner Stadtteil Saadatabad.

Auch in Khomein, dem Geburtsort Khomeinis, rufen Demonstranten den Slogan „Javid Shah“ („Lang lebe der Shah“).

Die Revolutionäre – kein anderer Begriff kann hier mehr passen, selbst wenn sie scheitern sollten – sollen gar das Teheraner Mausoleum des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini in Brand gesetzt haben. Zugleich wurde an unbekannter Stelle das Symbol der Iranischen Republik abmontiert und abtransportiert.

Und begleitet wird das von Bildern, die einer Revolution würdig scheinen. Vor brennenden Barrikaden werden Fahnen geschwungen, in diesem Fall die Fahne des Irans vor 1979. Weiterhin zünden sich junge, unverhüllte Frauen mit Porträts des Obersten Führers öffentlich Zigaretten an.

Trump will Führung dort treffen, wo es wehtut

Aber vielleicht gibt es im 21. Jahrhundert andere Wege, einem Umsturz zum Erfolg zu verhelfen. Pahlavi wies in seinen Worten vom Samstagmorgen darauf hin, dass die nächste Phasen der Bewegung sich auf Straßenpräsenz und wirtschaftlichen Druck konzentrieren: Wenn dem Regime die Mittel fehlten, könne es den Aufstand nicht niederringen. Daher der Aufruf zum Generalstreik der Spediteure und Energieversorger. Am Samstag sollen die landesweiten Straßenbesetzungen um 18 Uhr beginnen. Die Demonstranten sollten Nationalflaggen, Symbole und Bilder mitbringen, um den öffentlichen Raum für ihre Sache zu beanspruchen. Es gehe aber nun um mehr als nur Symbolik. Zum Teil entspricht all das schon der Realität der Nacht vom Freitag auf Samstag.

Am Freitag gab zudem das US-Außenministerium einen Kommentar zur Lage: Das Regime wisse um die Warnung von Präsident Trump und solle die Entschlossenheit der USA nicht erproben. Das ist eine deutliche Ansage, dass man nicht alle Aktionen der iranischen Führung akzeptieren wird. Trump hält seine Drohung von „sehr harten Schlägen“ gegen den Iran aufrecht. Er werde nicht einknicken wie einst Obama bei ähnlichen Vorgängen, sondern die Führung dort treffen, wo es ihr wehtue. Der Iran stecke in großen Schwierigkeiten, sagte Trump vor Reportern im Weißen Haus. „Mir scheint, dass die Menschen bestimmte Städte übernehmen, was noch vor wenigen Wochen niemand für möglich gehalten hätte.“

Aus dem zentraliranischen Isfahan (knapp zwei Millionen Einwohner) kommen Bilder einer großen Menschenmenge, mit Rufen wie: „Chamenei ist ein Mörder, seine Herrschaft ist illegitim.“ Und bald folgt auch das vertraute „Lange lebe der Schah“.

Ähnliche Szenen spielen sich im nordöstlichen Täbris (1,6 Millionen Einwohner) ab, während auch die Schüsse der Regierungstruppen im Hintergrund zu hören sind.

Mehr als 1000 Tote?

Laut Einschätzung des oppositionellen Journalisten Ilia Hashemi sind schon jetzt mehr als 1000 Iraner durch Regierungstruppen ums Leben gekommen. Hashemi beruft sich auf Gespräche mit Augenzeugen und einem Chirurgen aus Teheran. Der Chirurg berichtet, dass er die gesamte Nacht im OP verbracht habe. Der Todeszoll sei schon jetzt höher als im Zwölf-Tage-Krieg mit Israel im letzten Juni.

Das Regime spricht derweil von „bewaffneten Terrorzellen“ und „mutmaßlichen ausländischen Akteuren“, die man festgenommen habe, so der iranische Staats-Auslandssender Press TV. In einer „Welle von ausländisch unterstützen Unruhen“ seien mehrere Polizisten getötet worden. In einer Fernsehansprache bezeichnete der Oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei die Demonstranten-Revolutionäre als „eine Bande von Vandalen“, die US-Präsident Donald Trump beeindrucken wollten.

Der britische Abgeordnete und frühere Staatssekretär im Innenministerium Tom Tugendhat berichtet laut The Jewish Edition dass vermehrt russische Cargo-Flugzeuge nach Teheran fliegen, um einen „Sicherheits- und Operationsraum zu bilden“. Ressourcen und Vermögenswerte würden „zu verschiedenen Zwecken“ aus dem Iran ausgeführt. Es könnte sich auch um eine Art Bezahlung für fortgesetzte Unterstützung handeln.

ÖRR versagt einmal mehr

Der Historiker Michael Wolffsohn kritisiert derweil die Krähwinkel-Perspektive der Tagesschau, die zwar über Gaza und arbeitslos gewordene Angestellte aus dem Öffentlichen Dienst ohne Ende berichtet, aber nicht über die Revolution im Iran oder die Anerkennung von Somaliland durch Israel.

Auch der Publizist Norbert Bolz kritisiert diesen Zustand mit Rücksicht auf die „Gefühle unserer Islamisten“.

Aber es fällt auch einigen Politikern ansonsten verdächtiger Parteien, dass man ohne X gar nichts von der politischen Bewegung, die in den Iran gekommen ist, wüsste. In der Tat: Wo sind die Sondersendungen? Aber auch: Wo sind überhaupt die Meldungen in der Hauptnachrichtensendung Tagesschau? Ach so, richtig, die ist ja zur Ideologie-Revue verkommen, in der nur das Passendste gesendet wird. Und die Proteste im Iran passen nicht zur herrschenden Anschauung links-woker Redakteure, die sich vermutlich am Grußtelegramm Frank-Walter Steinmeiers an das islamische Regime zu dessen 40-jährigem Bestehen orientieren.

Immer mehr X-Accounts weisen auf das Schweigen der BBC zu den Vorgängen im Iran hin. Vermutet wird, dass der Sender schlicht nicht zeigen will, wie eine Nation den Islam zurückweist.

In London protestieren Bürger vor dem BBC-Gebäude, um auch die dort waltende verminderte Aufmerksamkeit für die Vorgänge im Iran zu kritisieren.

Derweil geht Elon Musks Plattform X auch in anderer Hinsicht voran: Die im Code eingebettete iranische Flagge ist nun die alte Nationalflagge mit dem Löwen vor der Sonne.

Zwei Schwarz-Grüne im Bemühen um die Interpretationshoheit

Noch armseliger als der deutsche Rundfunk ist nur die deutsche regierende Politik. Zwei Schwarz-Grüne haben sich aufgeschwungen, das Geschehen bundespolitiktauglich einzurahmen. Norbert Röttgen freut sich über die Schwäche des Regimes, glaubt aber nicht – jedenfalls nicht fest – an einen Regimesturz. Noch weniger glaubt nur der SPD-Außensprecher Adis Ahmetovic daran. Röttgen meint, dass die Revolutionsgarden auf die EU-Terrorliste kämen, sei überfällig. Seit Jahrzehnten.

Dasselbe fordert auch der im Iran geborene Omid Nouripour nun in billiger Weise – nachdem die Grünen sehr lange ihre schützende Hand über freundliche Kontakte mit dem Regime gehalten haben. Und war es nicht Nouripour, der einst von der schrittweise einzuführenden Scharia in Deutschland sprach? Eine Position, die er keineswegs revidiert zu haben scheint.

Der schwedische EU-Abgeordnete Charlie Weimers (Schwedendemokraten) hat den Ratschef António Costa, die Außenbeauftragte Kaja Kallas und Parlamentspräsidenten Roberta Metsola aufgefordert, Reza Pahlavi zu treffen. Die Kommissionschefin von der Leyen erwähnte er hier – zufällig? – nicht. Derweil kursiert aber ein anderes Bild auf X, das die EU-Leisetreterei gegenüber radikal-islamischen Herrschern treffend bezeichnet. Zu den Vorgängen im Iran gibt es von Ursula von der Leyen buchstäblich kein einziges Wort.

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