Die EU hat diesen Krieg bereits verloren

Derzeit wird über ein Ende des Ukraine-Krieges verhandelt. Doch so oder so: Es ist bereits klar, wer – außer der Ukraine – der Verlierer ist.

picture alliance / Hans Lucas | Martin Bertrand

Ein US-Friedensplan liegt auf dem Tisch. In der Schweiz wird verhandelt, die EU kommt mit einem sehr anderen Konzept, und die Ukrainer müssen erkennen, dass es niemandem wirklich um sie geht. Wer den Verlauf der letzten drei Jahre näher betrachtet, muss erkennen, dass besonders für die EU alles falsch gelaufen ist. Das wird langfristige Folgen haben.

In der ersten Phase des Krieges rettete die Kombination dilettantischer russischer Planung und schneller westlicher Waffenhilfe die Ukraine vor dem Kollaps, und ermöglichte gar eine rasche Gegenoffensive im Osten des Landes, mit beträchtlichen Geländegewinnen.

Die EU spielte dabei nicht die geringste Rolle. Die lebensrettenden Waffenlieferungen kamen vor allem aus Großbritannien, den USA und Polen. Engländer und Amerikaner konnten schnell helfen, weil sie nicht an das Bürokratiemonster EU gebunden waren. Die Polen, damals noch unter der konservativen PiS-Regierung, konnten helfen, weil es ihnen herzlich egal war, was die EU tat oder nicht tat. Sie lieferten einfach.

Merke: Nie bedurfte es der EU, um der Ukraine zu helfen. Jeder Mitgliedsstaat konnte jederzeit nach Belieben bilateral einspringen. Die wichtigste Wirkung der EU war es in dieser Phase, Waffenhilfe zu verzögern, weil man ja gemeinsam auftreten wollte, und das braucht Zeit. Derweil konnten Mitgliedsstaaten – etwa Deutschland – zuwarten und auf die EU verweisen, denn „nur gemeinsam“ könne man der Herausforderung gerecht werden.

In einer zweiten Phase trugen die mittlerweile endlich erfolgten Waffenlieferungen aus der EU – etwa deutsche Leopard-Panzer – entscheidend zur ukrainischen Sommeroffensive 2023 bei. Die scheiterte allerdings kläglich, mit großen Verlusten an Menschen und Material und ohne nennenswerte Gebietsgewinne. Auch die deutlich weniger ambitionierte Kursk-Offensive der Ukraine 2024 wurde unter anderem dank europäischer Waffenhilfe möglich.

Es half alles nicht: In der dritten, aktuellen Phase des Krieges entscheiden nicht mehr Panzer, sondern Drohnen den Kampf. Im Zuge dieser Form der Kriegsführung verzeichnen die Russen kontinuierlich Gebietsgewinne. Für die Ukraine gibt es nach Auffassung der meisten Experten keine Chance, diesen Trend umzukehren und ihre verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Es sei denn, die NATO oder einzelne westliche Staaten intervenieren direkt, mit Soldaten. Die Amerikaner werden das nicht tun. Wird Europa diesen potentiellen Schritt in den Abgrund wagen?

Ansonsten versuchte die EU, Russland durch Wirtschaftssanktionen in die Knie zu zwingen. Die Herangehensweise war freilich unüberlegt und aktivistisch, man wollte vor allem gut aussehen: Aha, die EU zeigt den Russen, wo der Hammer hängt. Es gab keine Impaktstudien, niemand versuchte, wirklich zu verstehen, ob und wie die Sanktionen Russland schwächen würden, und vor allem, welche Folgen das auf die eigene Wirtschaft haben würde.

Hätte man das getan, hätte man erkennen können, dass bereits die Sanktionen 2014 – die wegen des russischen Angriffs gegen die Krim-Halbinsel und im Donbass verhängt worden waren – die russische Wirtschaft nicht geschwächt, sondern gestärkt hatten. Sie war deswegen 2022 bereits weniger vom Westen abhängig und hatte Alternativen gefunden für europäische und amerikanische Waren, Devisen und Märkte.

So waren auch die neuen Sanktionen zwar eine Herausforderung für die Russen, mehr aber noch für die EU selbst. Durch das verhängte Ől- und Gas-Embargo stiegen die europäischen Energiepreise, was wiederum die Industrie empfindlich traf und deren Fähigkeit schwächte, ökonomisch günstig jene Rüstungsgüter zu produzieren, nach denen nun laut gerufen wurde.

Natürlich geht mit Subventionen alles, und der Staat kann auch überteuerte Preise zahlen. Das alles geht aber letzten Endes auf Kosten der Steuerzahler. Die so befeuerte Inflation traf vor allem die bürgerliche Mittelschicht der europäischen Gesellschaften, die Reichen wurden reicher, die Armen zahlreicher.

Das alles schwächte die EU nicht nur gegenüber Russland, sondern auch gegenüber den USA und China, wo Unternehmen mittlerweile 30 Prozent weniger für Energie zahlten als ihre europäischen Konkurrenten. Der Effekt wurde durch eine verhängisvolle Klimapolitik verstärkt, die darauf hinauslief, Produktionskosten für europäische Unternehmen in die Höhe zu schrauben, für ein unerreichbares Ziel: das Klima zu „retten”.

Bei alldem kostete und kostet der Krieg viel Geld. Nicht nur für Waffen. Westliche Gelder helfen der Ukraine, ihre Beamten, Soldaten und Renten zu bezahlen. Bis 2024 teilten die EU und die USA sich diese Last. Das hat 2025 aufgehört: Die USA machen finanziell nicht mehr mit. Das ist der Grund, warum die EU die Mitgliedsstaaten plötzlich bittet, nochmal 135 Milliarden Euro draufzulegen. Dabei zeigt auch der neueste Betrugsskandal, dass all diese Gelder in ein durch und durch korruptes, oligarchisch geführtes Land fließen. 

Das ist der Kontext, in dem jetzt über ein Ende des Konflikts verhandelt wird. Ein aussichtsloser Krieg, der immer teurer wird, und dessen Kosten immer schwerer vor den europäischen Bürgern zu rechtfertigen sind.

Die USA haben einen Plan vorgelegt, der Russland viel von dem gibt, was es will: Aufgabe des Donbass und der bisher eroberten Gebiete, internationale Anerkennung dieser Gebietsgewinne. Die EU kommt mit einem Gegenplan, der viele der ukrainischen Forderungen wiedergibt: Einfrieren der Frontlinie, Waffenstillstand, keine Anerkennung der russischen Gebietsgewinne.

Ein solcher Waffenstillstand würde von beiden Seiten genutzt, um ihre Positionen zu stärken, bevor es weitergeht. Da derzeit die Russen auf dem Schlachtfeld im Vorteil sind, dürfte ihnen daran nicht gelegen sein. Die Ukraine wird so lange weitermachen, wie sie kann, und sie kann so lange, wie jemand das finanziert. Das ist ab jetzt die EU, die sogar den Amerikanern für teures Geld Waffen abkauft, um sie der Ukraine zu schenken. Trump dankt.

Warum klammern sich die Europäer daran, ungeheure Mengen Geld – das Geld ihrer Bürger – ungefragt in ein so hoffnungsloses Unternehmen zu investieren?

Ganz einfach: Gibt sie diese Politik auf, ist die EU der eigentliche Verlierer dieses Konflikts. Ein Frieden zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde eine geopolitische und wirtschaftliche Stärkung Russlands bedeuten, und eine geopolitische und wirtschaftliche Schwächung der EU. Die Europäer müssten mit ihrem Geld ein marodes Land am Leben erhalten, dafür den Lebensstandard ihrer eigenen Bürger senken, und mit permanenten Drohgebärden aus Moskau leben. Die Amerikaner bekämen die Bodenschätze der Ukraine, und hätten keine eigenen Kosten.

Die Alternative, eine Fortführung des Krieges auf Kosten der EU, bietet ebenfalls keine Hoffnung. Die Russen würden nur noch stärker, und die Europäer würden noch mehr Geld verschleudern. Es gibt keine Lösung: Für die Ukraine ist dieser Krieg tragisch, aber für die EU bringt er die Beschleunigung eines Niedergangs, der sich schon zuvor seit Jahren abzeichnete.

Man kann die Fehler identifizieren: Nie gab es einen Plan B. Keine eigene Strategie, kein eigener Friedensplan, wie Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán ihn seit Jahren fordert. Nie besaßen die europäischen Strategen die Phantasie, sich vorstellen zu können, dass die USA Russland das Feld überlassen würden. Dabei macht das für die USA Sinn, denn das Ergebnis wäre eine geschwächte EU, und auch Russland wird vorerst seine Wunden lecken. Trump kann sich dann auf China konzentrieren.

Für die EU zeichnet sich eine Zukunft ab, in der sich viele Grundgegebenheiten radikal ändern werden.

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Kommentare ( 119 )

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giesemann
2 Monate her

Will ein Pole mal einen Landsmann so richtig beleidigen, dann sagt er zu dem: Jan Pawel, du bist dumm wie ein Deutscher. Quasi hirntot, wie der Russe sagt: в состоянии клинической смерти. Ja, man kennt sich aus in der Slawerey.

Peter Triller
2 Monate her

Die EU wird zerfallen wie die UdSSR. Ein bürokratisches Monster, das die Wirtschaft der Mitgliedsländer ruiniert und die Bürger unerträglich drangsaliert, hat auf Dauer keine Überlebenschance. Nur ein Zurück vor Maastricht kann sie vielleicht vor dem Kollaps retten. Weltpolitisch spielt sie keine Rolle, der Ukraine Krieg hat es gezeigt. Sie ist zudem ein Abschiebebahnhof von korrupten und unfähigen Politikern wie UvdL.

Zack
2 Monate her

„… die Kombination dilettantischer russischer Planung und schneller westlicher Waffenhilfe die Ukraine..“

Entschuldigung, das halte ich für Unsinn!
Die Russen haben sich aus gutem Willen zurückgezogen um den Friedensplan aus Istanbul nicht zu gefährden!
Sie konnten ja nicht ahnen dass Europa und besonders Boris Johnson sie mal wieder bescheisst!

In Wirklichkeit würde es die Russen nicht viel kosten mit geballten Angriffen die Ukraine in die Steinzeit zu bomben!

Nibelung
2 Monate her

Die politischen Koryphäen in Brüssel und auch hierzulande haben die besondere Befähigung den Ereignissen grundsätzlich hintennach zu hecheln und damit keine eigenen Akzente setzen, weil sie unfähig dazu sind. Anstatt froh zu sein, wenn sich jemand bemüht einen Friedensvertrag zustande zu bringen, wird dieser torpediert und dabei sind sie sehr einfallsreich, obwohl sie schon seit langer Zeit sich an solchen Bemühungen beteiligen konnten und dazu geschwiegen haben, weil sie nicht Mann`s genug sind, eigene Vorstellungen einzubringen, die der ganzen Sache dienlich sein könnten. Das alles hat was mit ihrer devoten Haltung gegenüber den US-Demokraten zu tun, deren Strategie sie bis… Mehr

Hieronymus Bosch
2 Monate her

Ja, und wir haben bereits jetzt weit über 1 Million Ukrainer im Land, die wir alimentieren und die hierbleiben werden, sofern sie hier noch leben und nicht wieder zurückgekehrt sind und trotzdem weiter abkassieren, weil niemand darüber einen Überblick hat! Der dumme deutsche Michel lässt sich ja gern an der Nase herumführen, deshalb hat auch die EU leichtes Spiel mit ihm!

Haba Orwell
2 Monate her

Röper zum Thema: https://anti-spiegel.ru/2025/trump-hat-selensky-ein-angebot-gemacht-das-er-nicht-ablehnen-kann/

> „… Am Donnerstag, dem 27. November, feiern die USA Thanksgiving. Dieses Mal zwingt Trump Selensky, wie den traditionellen Truthahn vor dem Servieren, seinen Friedensplan anzunehmen. Und Kiews Verbündete könnten die Beilage werden, sollten sie erneut versuchen, das Abkommen zu sabotieren. Der US-Präsident selbst warnt, dass das nächste Angebot für die Ukraine weitaus schlechter ausfallen wird …“

Die EUdSSR-Länder außer Ungarn und Slowakei versuchen durchaus, den Frieden zu sabotieren. Gerne kann das Angebot schlechter werden, dann ist die Schmach für die EUdSSR und für die Kakistokratie Westeuropas größer.

Dellson
2 Monate her

Die EU darf gegen Ende noch mit aufs Gruppenbild, aber nicht an den gedeckten Tisch.Danach dann darf die EU noch in der Küche den Abwasch machen. Dann stimmt die Rangliste wieder! Der Bevölkerung hier im Land, Ilse und Willy vom Land, jedem Hansel und Gretel erzählt man dann die Story von den eingebrachten Forderungen der EU, die man durchgesetzt hätte: “ Wir brauchen aber mehr Zeit für den Abwasch, es ist doch so viel Geschirr zerdeppert worden!“ Ok dann kauft neues Geschirr und gebt Gas! sagen die Bosse. Woher kommt nur dieser Masochismus der Gleichgültigkeit und diese unerschütterliche Gleichmütigkeit der… Mehr

Bernd Bueter
2 Monate her

Genau genommen benutzen die westlichen Menschenfeinde die Ukraine nur als Truppenübungsplatz, um ihre Waffensysteme ohne eigene Soldatenverluste, mit denen der Russen „abgleichen“ zu können.
Menschenleben spielen dabei keine Rolle.
Ergebnis:
-Die westlichen Waffensysteme müssen wegen Untauglichkeit in die Nachbesserung.
-das Manöver hat seinen Zweck erfüllt und kann beendet werden
– das Manövergebiet wird neu geordnet
– Russland bleibt Weltmacht
– der Hauptverlierer EU zahlt den „Spaß“
-Deutschland wird von den USA neu aufgestellt – ohne Altparteien

..weiter geht es in Südamerika

Stuttgarterin
2 Monate her

Wenn ich mir das Leid vorstelle, das diese Geopolitik hervorgerufen hat. Unglaublich. Und trotzdem will die EU weiter weiter weiter Krieg… (???).
Friedensangst… statt die Chance einer Politik auf Augenhöhe mit den Russen. Und alle, die ganzheitlich die Misere betrachten, sind „Putinisten“.
So dumm wie beim Klima, so dumm sind die Moralisten auch beim Krieg.

Marco Mahlmann
2 Monate her

Die russische Kriegsführung erscheint weit weniger dilettantisch, wenn man annimmt, daß es Putin schlicht darum ging, die Ukraine an den Verhandlungstisch zu zwingen, um ein Friedensabkommen zu erreichen. Das gelang auch mit dem Istanbuler Vertrag. Wäre der unterschrieben worden, wäre der Krieg nach sechs Wochen zu Ende gewesen. Als überraschenderweise Selenskyj die Unterschrift verweigerte und damit die Ukraine dem Untergang weihte, mußte die russische Militärführung von heute auf morgen eine andere Methodik entwerfen. Das mag ja von außen etwas planlos gewirkt haben, war aber nur unplanmäßig. Als dann aber die neue Marschroute stand, ging Stück für Stück der Krieg zugunsten… Mehr

CasusKnaxus
2 Monate her
Antworten an  Marco Mahlmann

Der Clown hatte sich nur deshalb geweigert zu unterschreiben, weil Boris Johnson da reingegrätscht hatte.