Energieabkommen: Erdgas aus Israel für die EU

Zum ersten Mal wird Israel Energie nach Europa liefern, über Ägypten nach Italien. Das wird dem Land viel Geld in die Staatskasse spülen. Politisch noch bedeutender: Es schweißt die einstigen Feinde – Araber und Israeli – wirtschaftlich zusammen.

IMAGO / UPI Photo

Das hätte die Europäische Union (EU) viel früher und wesentlich billiger haben können. Erst der schmerzliche Ukraine-Krieg hat es der EU-Spitze überzeugend vermittelt: Israel ist die Lösung für die wichtigsten Herausforderungen in Nahost, die Palästinenser sind das Problem. Bei der Unterzeichnung des Gas-Lieferungsvertrags zwischen EU, Israel und Ägypten war viel die Rede von Energie, Gas-Verflüssigung und Umweltschutz, aber das Palästina-Problem blieb unerwähnt.

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Seit über einem Jahrzehnt müsste es der hochbezahlten EU-Spitze bekannt sein, dass es im östlichen Mittelmeer angeführt von Israel riesige Gasvorkommen gibt. Seit 2018 pumpt Israel an Ägypten und Jordanien Energie, deckt den Eigenbedarf mit über 70 Prozent und versorgt zusätzlich zwei Millionen Palästinenser in Judäa und Samaria, besser bekannt als Westbank. Außerdem nimmt das Verbrennen von Öl und Kohle, die großen Umweltschädlinge, von Quartal zu Quartal ab. Der Energie-Blick der Europäer war bis jetzt auf Russland ausgerichtet und hat den Alten Kontinent vom Aggressor abhängig gemacht. Jetzt soll sich alles ändern, möglichst schnell. Schnell geht aber auf dem Energiemarkt nichts. Nur die Preise ziehen rasant an.

Der Vertrag zwischen EU, Israel und Ägypten sieht vor, dass Israel Gas über eine bestehende Pipeline nach Ägypten pumpt. Dort wird es durch alte, aber funktionierende Anlagen verflüssigt, auf Spezialschiffe verladen und übers Mittelmeer nach Italien transportiert. Italien hat im Gegensatz zu Deutschland Häfen, die verflüssigtes Gas wieder gasifizieren und in das europäische Netz einspeisen. Das ist kompliziert und teuer. Der Endverbraucher wird es auf seiner Stromrechnung zu spüren bekommen, und die Industrie gibt ihren erhöhten Energiepreis sicherlich ebenfalls an den Kunden weiter.

Des einen Leid, des anderen Freud: Kairo und Jerusalem sehen eine goldene Zukunft, weil auch Zypern und Griechenland mit ihren Gasquellen in das Gaslieferungsgeschäft einsteigen wollen, damit die Gasmengen vervielfachen und langfristig garantieren. Auch die Türkei zeigt Interesse, aber die politischen Spannungen der letzten Jahre haben in Nikosia, Athen und Jerusalem Spuren hinterlassen. Man agiert gegenüber Ankara zurückhaltend. Der US-Energie-Gigant „Chevron“ hat sich längst mit Milliarden am östlichen Mittelmeer eingekauft, die griechische „Energean“ hat ebenfalls Anteile in Israel erworben und das erste Gas-Pumpschiff an der israelischen Gasquelle „Karish“ angedockt.

Zeitenwende zwischen EU und Israel:
Die Stimmung bei der Vertragsunterzeichnung in Kairo war entsprechend gut und voller Hoffnung. Die Beteiligten sprechen von Zeitenwende und einem historischen Ereignis. Zum ersten Mal wird Israel seit seiner Gründung Energie nach Europa liefern. Ein Land, das Jahrzehnte zu 100 Prozent vom Energieimport abhängig war. Die neue Entwicklung wird jährlich mindestens 290 Millionen US-Dollar in die Staatskasse spülen, hat das Energieministerium in Jerusalem errechnet. Tendenz steigend, denn der Gaspreis zeigt nur noch steil nach oben. Politisch noch bedeutender: Es schweißt die einstigen Feinde – Araber und Israeli – wirtschaftlich zusammen.

EU-Präsidentin Ursula von der Leyen lobte das Abkommen in den höchsten Tönen, denn sie schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe. Die Abhängigkeit von Russland wird zusehends verringert, die EU erhält ein neues Standbein im Nahen Osten und gemeinsam marschieren alle Beteiligten in Richtung „Zero-Emission“, das anspruchsvolle Umweltziel bis 2050.

Ganz ohne politische Schatten verlief die Unterzeichnung in Kairo nicht. Der Libanon mit seinen verschiedenen Machthabern, allen voran die Terror-Organisation Hezbollah, droht mit Angriffen auf die Gasquelle „Karish“, die draußen im Meer an libanesische Gewässer angrenzt. Neue Satellitenbilder beweisen eindeutig, dass die Gasquellen zu Israel gehören. Die Israel Defence Forces (IDF) haben längst Spezialeinheiten aufgestellt, die den neuen Reichtum Israels bewachen. Im Juni haben bereits gemeinsame Übungen mit Zypern stattgefunden, die einen möglichen Angriff vom Norden her abwehren sollen.

Israel steht in diesem Kampf nicht mehr wie in der Vergangenheit allein. EU, Ägypten, Jordanien, Zypern und Griechenland sowie die Unterzeichner der Abraham-Accords wie Vereinigte Arabischen Emirate und Bahrein haben verstärktes Interesse an dem Energie-Milliarden-Geschäft. Das Palästina-Problem rückt zusehends in den Hintergrund.

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Kommentare ( 23 )

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Autour
10 Tage her

Als ob das funktionieren wird! Was glauben denn all diese Realitätsfremden, wie viele Industriebetriebe das ein Jahr lang mitmachen können?
Es wird ein Firmensterben geben ungeahnten Ausmaßes und dann kommt die totale Verelendung der EU! Die Grünen werden in der Zukunft für die totale Deindustrialisierung und Verarmung stehen, so wie Mao für die Kulturrevolution steht.

Deutscher
10 Tage her

Zeitenwende? Bissel euphorisch für meinen Geschmack.

Spätestens, wenn sich Israel das nächste Mal wieder gegen Terrorangriffe der Palästinenser verteidigt, kommt die Debatte auf, ob man den Import israelischen Erdgases mit „unseren Werten“, der „Menschenwürde“ usw. noch vereinbaren kann….

Ich bin mir sicher, dass gewisse „NGOs“, „Aktivisten“ und dergleichen jetzt schon wieder dagegen mobil machen.

Last edited 10 Tage her by Deutscher
Audix
10 Tage her

Da stimmen keine Mengen und vor allem keine Preise. Unbezahlbar.
Hört auf mit den Sanktionen und Enteignungen (Gazprom Germania u.a.) und macht Nordstream auf und wir haben genug Gas. Wenn man dann auch noch den Klimawahn bremst, kommen auch die Preise wieder in Ordnung. Aber nein, wir laufen hinter grünen Träumern und Ideologen (= GrünSPDCDUCSUFDPSED) her bis es Rumms macht und der deutsche Michel unsanft geweckt wird.

G
10 Tage her

Seit wann ist das verbrennen von (Erd)Gas Zero-Emission? Gas enthält auch C.

bkkopp
10 Tage her

“ Hätte man früher und billiger haben können “ ist nicht ganz richtig. Der Gaspreis aus dem Förderloch wäre billiger gewesen, das war er bei russischem Gas auch, aber das Verflüssigen, das Transportieren, und das Zurückvergasen verteurern den Gaspreis immer um das ca. Dreifache. Wegen des erheblichen Preisunterschiedes zwischen Pipelinegas und Flüssiggas haben sich die Kraftwerksindustrie, die Großchemie, und die staatliche Energiepolitik im Interesse der Verbraucher und der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten, für das russische Pipelinegas entschieden. Das war zwar seit 2012-2014 aus sicherheitspolitischen Gründen falsch. Man hat einfach die russische Regimeverschärfung ignoriert und den Kostenvorteil weiter laufen lassen. Auch NS-2 wurde… Mehr

Fritz Wunderlich
11 Tage her

Gratuliere. Das Pulverfaß Naher Osten als Hoffnungsträger für die Energieversorgung Europas.Passt zur übrigen EU-Politik.

Michael Palusch
11 Tage her

Es ist mittlerweile keine Duchhalteparole und kein Heilsversprechen zu dumm, zu primitiv, zu verlogen, um den Leuten vor dem heraufziehenden Desaster Sand in die Augen zu streuen. Wann kommt die frohe Botschaft, Taka-Tuka-Land liefert Gas nach Deutschland. Die Nerven liegen blank, die Katastrophe scheint entweder umausweichlich, oder ein Salto rückwärts mit mehrfacher Schraube wird als kluge Politik in die Auslage gelegt werden müssen. Wie irre das alles ist zeigt Habeck, der mit der nur noch zu 40% der Kapazität betriebene Pipeline NS1 die Gasspeicher für den Winter jetzt umso schneller füllen will.

Last edited 11 Tage her by Michael Palusch
Deutscher
10 Tage her
Antworten an  Michael Palusch

LOL
Ich kann mich an einen Aufkleber erinnern, den es in den 80er Jahren mal gab. Auf dem stand: „Esst mehr Bohnen! Deutschland braucht Gas!“

Irdifu
11 Tage her

Meiner Meinung nach Idiotie .. Putin war jahrzehntelan ein verlässlicher Lieferant für GÜNSTIGES Öl und Gas , hat seine Verträge immer eingehalten und geliefert. Der Krieg von Russland gegen die Ukraine wurde von den verblödeten Amis und der Nato mit Stoltenberg und von der Leyen provoziert um Amerikanische Intressen durchzusetzen Nordstream 2 hätte ein für allemal unsere Energie gesichert war aber für die Flachköppe in USA kein Geschäft , deshalb blockiert 10 Milliarden Baukosten für die Pipeline und nicht in Betrieb genommen , ein Wahnsinn von Verrückten , anders kann man es nicht sagen . Wann erkennt das Volk endlich… Mehr

grauer wolf
11 Tage her

Was für ein schmarren, wenn Deuschland seine Gasfelder anzapfen würde, dann können wir uns selbst versorgen.
Aber unsere Regierung lässt uns lieber frieren und zahlt lieber an andere.

Knalldi
11 Tage her

Der Jahresverbrauch der EU an Gas betrug 2020 380 Milliarden m³.
Laut Angaben auf der Karish Seite liefert dieses Gasfeld rund 8 Milliarden m³ pro Jahr (~2%).
Wir brauchen also nur noch 6 weitere Israels um NS1 mit seinen 55 Milliarden pro Jahr zu ersetzen, gemäß dem Fall das Israel selber nichts davon braucht.
Ich habe da volles Vertrauen in VdL.

Last edited 11 Tage her by Knalldi
Irdifu
11 Tage her
Antworten an  Knalldi

Leider merkt das von den Deutschen
Michels niemand , wie er über den Tisch gezogen wird.
Naja ,ist ja eigentlich seit Gründung des korrupten Bürokratiemonster EU
schon so gewesen. Deutschland arbeitet , verdient Geld und die anderen 27 Pleitestaaten geben es aus , wir arbeiten bis 70boder bis zum Umfallen und in Griechenland beziehen Taxifahrer Blindengeld und in Dänemark , flach wie ein Tisch werden Skilifte gebaut . Rente mit 60 oder noch früher . Mann sind wir
bekl.

Ralf Poehling
10 Tage her
Antworten an  Knalldi

Es geht hier weit weniger um Gas, das ist nur der Anlass, als vielmehr um den Aufbau einer neuen politisch-wirtschaftlichen Achse der EU in den Nahen Osten. Und aus dieser Perspektive ist das Energieabkommen ein Meilenstein. Denken Sie in dem Zusammenhang auch an die Abraham Abkommen.