Dänemark reagiert auf Gewalt im Klassenzimmer mit neuen Lehrer-Befugnissen

Dänemark reagiert auf zunehmende Gewalt und Aggression an Schulen: Lehrer sollen Schüler künftig festhalten und aus dem Klassenraum bringen dürfen. Wenn Unterricht erst gegen Gewalt und Disziplinlosigkeit durchgesetzt werden muss, ist das Schulsystem längst in einer tiefen Krise.

IMAGO
Symbolbild

In Dänemark ist es wie in der Mehrzahl der westlichen Staaten – nicht der fernöstlichen: Die Leistungen der Schüler werden immer schwächer. Ein Grund hierfür sind manche Verirrungen „moderner“ Schulpädagogik: Leistungsfeindlichkeit, Abbau von Anforderungen, Verwöhnung mit Bestnoten. Laissez-Faire-Unterricht usw. Ein weiterer Grund sind importierte Probleme: Bildungsferne und Gewaltaffinität.

Was bislang weitgehend nicht im Fokus stand: Die Leistungen der Schüler können nun einmal nicht besser sein, wenn Unterricht geprägt ist Disziplinlosigkeiten und wenn Lehrer in einer 45-Minuten-Einheit 20 und mehr Minuten damit zu tun haben, erst einmal ein halbwegs konstruktives Arbeitsklima herzustellen.

Dänemark will Lehrern nun künftig per Gesetz weitgehende Eingriffsmöglichkeiten bei erheblichen Störungen im Unterricht ermöglichen. Ein Gesetzentwurf sieht vor, dass Lehrer Schüler körperlich festhalten oder gegen ihren Willen aus dem Klassenzimmer bringen dürfen. Das berichtet die französische Zeitung Le Monde. Ein Novum für Dänemarks Schulen nach 60 Jahren.

Lehrkräfte sollen etwa eingreifen dürfen, wenn Schüler den Unterricht erheblich stören und sich weigern, den Raum zu verlassen. Bildungsminister Magnus Heunicke von den Sozialdemokraten erklärt: „Zum Beispiel, wenn ein Schüler eine Gefahr für sich und andere darstellt und Dinge zerstört.“ Auch wenn ein Schüler „erheblich stört“ oder „psychische Straftaten begeht“, solle das möglich sein. Durch das Gesetz solle „Ruhe, Ordnung und Sauberkeit“ in Schulen herrschen, sagte der Bildungsminister weiter. Keine Lehrkraft sollte befürchten müssen, entlassen zu werden, weil sie in einer gewalttätigen Situation bei Bedarf eingegriffen hat“, sagte er.

Hintergrund: Nach einer Untersuchung der dänischen Arbeitsaufsichtsbehörde gibt mehr als ein Viertel der befragten Lehrkräfte an, dass entsprechendes Verhalten zugenommen habe. In etwa jeder fünften Klasse richtet sich die Gewalt demnach auch gegen Lehrkräfte.

Was realiter sinnvoll wäre

Die dänische Initiative ist nicht zu Ende gedacht. Zumal es hier nicht um legitime Notwehr geht. Man stelle ich einmal vor: Eine zierliche Lehrerin will einen muskelbepackten sechszehnjährigen Störenfried-„Pascha“ mit eigener Hand aus dem Klassenzimmer befördern. Muss sie dafür erst einen Judokurs absolvieren? Welche Lehrerin traut sich das in dieser Situation zu, zumal sie eine Eskalation durch eine Solidarisierung weiterer Paschas erwarten muss und nicht weiß, was der entfernte Schüler „draußen“ anstellen kann und die Lehrerin damit ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt. Das wäre aufsichtsrechtlich nur vertretbar, wenn die Lehrerin den Störenfried an einen schulischen Sicherheitsbodyguard überstellte. Ganz zu schweigen davon, dass eine körperliche Aktion – die nicht einer Notwehrsituation entspricht – das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzen könnte. Und wie stellt sich die Lage dar, wenn – durchaus üblich – die Störerin eine Schülerin ist, die ein Lehrer mit körperlicher Gewalt entfernen will? Die Klagen wegen sexueller Übergriffigkeit kann man jetzt schon erahnen bis hin zu Aktionen der Rettung der Familienehre usw.

Nein, dieses dänische Gesetz ist mit heißer Nadel gestrickt. Es dürfte wohl auch kaum Bestand haben vor höheren nationalen oder internationalen Berichten.

Notwendig ist etwas anderes: Die Schulen müssen – Bildungsrecht und Schulpflicht hin oder her – die Möglichkeit bekommen und diese auch konsequent praktizieren dürfen, Schüler aus dem Unterricht für eine gewisse Zeit auszuschließen. Verbunden mit Sanktionen für Eltern, die es unterlassen, ihre Kinder zu einem disziplinierten Schulbesuch anzuhalten. Zum Beispiel durch Kürzungen von Transferleistungen. Nur darauf regieren viele Eltern.

Ansonsten ist ernsthaft zu überlegen, ob man nicht wieder Sonder-/Förderschulen für Schüler einrichtet, die früher Schulen für „Schwererziehbare“ hießen. Abseits des hehren Prinzips Inklusion: Eine Klassengemeinschaft als Ganzes hat das gute Recht, geordneten Unterricht zu bekommen – ohne dauerhaft Störende.

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