Wie China uns eine Lektion in Marktwirtschaft erteilt

Die Silvesternacht hat gezeigt, weshalb Europa – und hier vor allem Deutschland – ökonomisch abgehängt wird. Auf dem alten Kontinent pflegt man sozialistische Verbotsfantasien. Das Reich der Mitte belohnt die entfesselte Kreativität.

picture alliance / Xinhua News Agency | Huang Wei

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Für einen freiheitsliebenden Individualisten ist China nun wirklich kein Sehnsuchtsort. Man sollte die Weltmacht in Asien nicht verklären.

Aber man sollte sie auch nicht unterschätzen.

Die vergangenen 100 Jahre, mindestens, hat der sogenannte Westen China unterschätzt. Wir haben das Potenzial eines riesigen Landes mit riesiger Bevölkerung und riesigen natürlichen Ressourcen unterschätzt.

Es gab wenige weitsichtige Ausnahmen. Deutschlands Ex-Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger wurde belächelt, als er 1969 auf dem Dortmunder Wahlkonvent seiner CDU rief: „Ich sage nur: China, China, China.“ Drei Jahre später besuchten der damalige US-Präsident Richard Nixon und sein Außenminister Henry Kissinger Chinas kommunistischen Revolutionsführer Mao Tse-Tung in Peking.

Bis heute pflegen viele im Westen eine eigenartig herablassende Grundhaltung gegenüber China. Da heißt es dann zum Beispiel, die Chinesen würden ja im Prinzip von uns alles nur kopieren. Das stimmt – aber das haben die Amerikaner auch getan. Das erste Telefon hat 1861 der Deutsche Philip Reis erfunden. Erst 1876 hat Alexander Graham Bell sein Patent dazu angemeldet. Der Deutsche Heinrich Göbel hat 1854 eine Glühbirne mit Bambusfaden erfunden. Erst 1880 meldete Thomas Edison sein Patent dazu an.

Ja, China hat kopiert. Das stimmte viele Jahre. Aber es stimmt eben auch seit vielen Jahren schon nicht mehr.

Dieses Video zeigt einen spektakulären Weltrekord. Genauer: zwei Weltrekorde. Der eine für „die größte Drohnen-Formation mit den meisten Feuerwerkskörpern“, der andere für „die meisten gleichzeitig von einem einzigen Computer gesteuerten Drohnen“. Beide Rekorde wurden gleichzeitig aufgestellt, am 17. Oktober des gerade vergangenen Jahres.

Genau 15.947 Flugkörper sind da am Himmel über Liuyang zu sehen. Die meisten Menschen werden den Namen wohl nicht kennen. Es ist eine der vielen, vielen chinesischen Millionenstädte, von denen wir im ach so kultivierten Westen noch nie etwas gehört haben.

Liuyang liegt in der Provinz Hunan und gilt zurecht als Welthauptstadt des Feuerwerks. Es ist der größte Produktionsort auf dem Globus. Mehr als 400 Fabriken fertigen hier Böller und Raketen im Wert von etwa sechs Milliarden Euro jährlich. Fast 60 Prozent aller Feuerwerkskörper, die China in die Welt exportiert, kommen aus Liuyang.

Und ausgerechnet hier stellen sie jetzt einen Drohnen-Weltrekord auf.

Es ist eine Meisterleistung der Ingenieurs- und Computerkunst. Das Spektakel am Himmel ist nicht nur schön, sondern technisch revolutionär. Es ist keine einfache Lichtshow mit Drohnen, sondern eine sogenannte „Dual Formation“: Dabei werden zwei unterschiedliche Motive gleichzeitig, synchron und völlig autonom in die Nacht gezeichnet.

Es gibt dynamische 3D-Objekte, bewegte Schriftzüge und animierte Szenen. Jede Drohne weiß ganz genau, wohin sie in jedem Moment der Inszenierung zu fliegen hat – gesteuert von modernsten KI-Algorithmen und GPS-Programmierung. Es ist technische Präzision auf bisher ungekanntem Niveau.

Derweil ist in Deutschlands Hauptstadt der derzeitige Zustand unseres Landes zu besichtigen.

Innensenatorin Iris Spranger von der SPD träumt am Neujahrstag öffentlich davon, zum nächsten Silvesterfest die sogenannten „Böllerverbotszonen“ in Berlin auszuweiten. Die Grünen verlangen, zusammen mit der Gewerkschaft der Polizei, sogar ein totales Feuerwerksverbot zum nächsten Jahreswechsel.

Der Unterschied zwischen Liuyang und Berlin könnte augenfälliger nicht sein. In der Welthauptstadt des Feuerwerks beginnt man, Feuerwerk einfallsreich, nach und nach und ohne ökonomische Verheerungen durch etwas Moderneres und Attraktiveres zu ersetzen. In Deutschlands Hauptstadt möchte man Feuerwerk verbieten.

Genauso läuft es beim Auto. In China ist Strom günstig, und Elektroautos kosten nicht mehr als PKW mit anderen Antriebsarten. Der Staat hat dafür gesorgt, dass für E-Fahrzeuge fast überall eine Lade-Infrastruktur vorhanden ist. Ergebnis: Die Leute kaufen Elektrofahrzeuge ganz freiwillig. Bei uns dagegen besteht die Hauptidee darin, den Verbrennermotor zu verbieten.

Statt erwünschtes Verhalten wirklich attraktiv zu machen, wird bei uns unerwünschtes Verhalten verboten.

Peking hat Marktwirtschaft besser verstanden. Man muss die Kreativität und die Produktivkräfte entfesseln, nur so entsteht Wohlstand. Verbote ersticken jeden Ehrgeiz.

Im Ergebnis hat China den weltgrößten Flughafen, den Daxing Airport in Peking, in knapp vier Jahren fertig gebaut. Beim Ersatz für die 2024 in Dresden eingestürzte Carolabrücke rechnen wir derweil mit einer Bauzeit von etwa sechs Jahren. Für eine Brücke. Kein Schreibfehler. China baut einen riesigen Flughafen schneller als Deutschland eine kleine Brücke.

Viele Jahre lang hat sich der Westen in einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber China geradezu gesuhlt. Eines der wichtigsten Argumente dabei war, dass Marktwirtschaft ohne Demokratie nicht funktionieren kann.

Vielleicht stimmt das ja gar nicht. Vielleicht stimmt es nur in die andere Richtung: Demokratie kann ohne Marktwirtschaft nicht funktionieren.

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Kommentare ( 35 )

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H. Priess
1 Monat her

Man kann den Countdown laufen lassen und schon kommen die Kommentare mit den üblichen Verleumdungen und Falschbehauptungen über China. Die Propaganda hat sich über die Jahre tief in die Hirne der Deutschen gefressen. Ich kann nur sagen, fliegen sie mal hin, schauen sie selber wie das Leben dort aussieht. Seit 2025 ist das sogar Visafrei möglich und die Chinesen sind ein freundliches und neugieriges Völkchen. Viele verstehen einfach nicht, daß dieses Volk eine 5000 jährige Kultur hat und den Spagat zwischen Tradition und der Moderne schafft. Eine für uns völlig fremde Kultur und wir Europäer verstehen nur sehr schwer wie… Mehr

alter weisser Mann
1 Monat her

„Das Reich der Mitte belohnt die entfesselte Kreativität.“

Und nächstens dann wieder „Die Planwirtschaft, das Regime lähmt die Kreativität!“

Judith Panther
1 Monat her
Antworten an  alter weisser Mann

Weil beides gleichermaßen zutrifft.
Fragen Sie Schrödingers Katze.

Berlindiesel
1 Monat her

China ist keine Demokratie. Genau das – und NICHT die Marktwirtschaft (die auch in China ganz schon staatswirtschaftliche Züge trägt) – macht China für viele attraktiv. Links, wie rechts. Es sind – analog zu den Russlandverklärern – die Demokratiemüden, die dem ostasiatischen Staat hinterher laufen. Wenn wir schon beim von Ihnen angesprochenen Beispiel bleiben, Herr Heiden: Marktwirtschaftlich ist nicht, was in China hinsichtlich Elektroautos abläuft. Der chinesische Staat, besser gesagt die KP, hatte nur erkannt, dass die Chinesen beim Verbrennungsmotor nie mit dem Westen und speziell Deutschland auf Augenhöhe kommen würden. Die Folge: Eine so nicht zu beseitigende Dominanz ausländischer… Mehr

Konservativer2
1 Monat her
Antworten an  Berlindiesel

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand scharf darauf ist, in einem Land des Social Credit-Systems und der lückenlosen Überwachung zu leben. Ähnliches gilt für Russland: die russische Mentalität, oder nennen wir es Kultur (übrigens auch die ukrainische), ist für Wessis schwer zu ertragen. Dort zu leben hielte ich nicht aus. Sie begehen einen Fehler, den viele begehen: Verständnis für russische politische und (geo)strategische Ziele und das Bestreben, aus einer neutralen Position heraus eine Konfliktbeendigung anzustreben, verwechseln Sie mit „Russlandverklärung“. So einfach ist das beileibe nicht. Uns ist nicht bewusst, dass die herrschende „Ukraineverklärung“ mindestens ebenso schädlich… Mehr

Last edited 1 Monat her by Konservativer2
alter weisser Mann
1 Monat her
Antworten an  Konservativer2

Ich kann Ihnen versicher, am Leben dort ist viel Gewöhnung dabei. Der Normalo nimmt 80-90% der Einschränkungen in seinem Alltag kaum wahr.
Hier und heute ist doch auch nur der Rahmen weiter und Einschränkungen wirken auch, ohne dass es im Alltag groß stört.

Konservativer2
1 Monat her
Antworten an  alter weisser Mann

Meine Aussage war zunächst völlig unpolitisch gemeint. Was ich damit sagen wollte: Russen und Ukrainer machen mich mit ihren alltäglichen Ansichten und dem Umgang mit dem Alltag schier verrückt – in nahezu jedem Lebensbereich. Das kann ich hier gar nicht alles aufzählen; das hat mit Politik, Einschränkungen etc. gar nichts zu tun – wie gesagt, es ist deren Einstellung, deren Mentalität. Insofern ist es völlig ausgeschlossen, dass ich jemals zu den „Russlandverklärern“ zähle. Woher ich diese Weisheit nehme? Ich habe mitten in die Szene hineingeheiratet…🥳 Die genannten Symptome treten meist bei Familientreffen o.ä. auf, das dauert jeweils nur ein paar… Mehr

Last edited 1 Monat her by Konservativer2
agricolabauer
1 Monat her

Zirtat: „Vielleicht stimmt das ja gar nicht. Vielleicht stimmt es nur in die andere Richtung: Demokratie kann ohne Marktwirtschaft nicht funktionieren.“ Ja, der Gedanke trifft den Kern. Wie kam es eigentlich zur Marktwirtschaft im kommunistischen China, in einem Land in dem es keine demokratischen Elemente gibt/gab? Die Antwort ist zunächst erstaunlich, offenbart dann aber die Logik des Marktes, genau so wie es auch im Flickenteppich der deutschen Kleinstaaterei passiert ist. Auch im Deutschland der kleinen Fürstentümer gab es trotz der fehlenden Demokratie die Keimzellen der Innovationen, von denen die heutigen besserdeutschen Sozialisten immer noch zehren. Nach dem großen Sprung von… Mehr

WGroeer
1 Monat her

Kurz nach dem Ende des 1. Weltkrieges (18.03.1919) schrieb der dänische Schriftsteller Georg Brandes: „Nachdem Europa sich selbst verwüstet hat, hat es sich nun auch selbst gerichtet. In einem halben oder höchstens in einem ganzen Jahrhundert werden alle zu dieser Einsicht gelangen. Die Gefahr für Europa ist keine militärische. Sie ist eine industrielle und läßt sich, so weit ich sehen kann, nicht abwenden. Die Gefahr kommt vom Osten, teils von Japan, teils und in noch weit höherem Grade von China. Industriell wird es nur allzu bald für Europa unmöglich sein, die Konkurrenz mit dem fernen Osten zu bestehen. Die Vorbedingung… Mehr

Stephan K.
1 Monat her

Für die Chinesen hat Deutschland immerhin einen pädagogischen Nutzen. Wenn sie mit ihren Kindern und Enkeln unser heruntergekommenes Land besuchen, können sie warnen:“ So arm wie die Deutschen waren wir vor 40 Jahren auch mal. Die Langnasen glaubten ernsthaft, eine Gesellschaft, die zu 2/3 aus Sozialhilfeempfängern und Rentnern besteht, mit Schulabgängern, die kaum lesen, schreiben und rechnen können, könnte man Wohlstand erzeugen.“

BellaCiao
1 Monat her
Antworten an  Stephan K.

Viele sprechen ja euphemistisch vom Freizeitpark EUropa. Gemeint ist damit, dass Besucher aus China und anderen aufstrebenden asiatischen Ländern zu Besuch kommen.

Dabei wird vergessen, dass unser Land in spätestens 10 bis 15 Jahren so weit heruntergekommen sein wird, dass kaum noch Touristen kommen werden.

Last edited 1 Monat her by BellaCiao
bkkopp
1 Monat her

Feuerwerk kann sehr schön und technisch fortschrittlich sein. Dies trifft aber nicht auf das bei uns millionenfach abgebrannte Kleinzeug zu. Dies erfüllt selten, und nur auf sehr beschränktem Raum einen ästethischen Anspruch. Alle negativen Seiten sind hinreichend bekannt, einschließlich des Mißbrauchs des Materials für gewalttätige Attacken auf Personen, Polizisten, Feuerwehr und Sanitäter. Ein pyrothechnisch und ästethisch anspruchsvolles Feuerwerk kommt nicht zustande wenn sich Millionen für in der Summe hunderte Millionen den Kleinkram kaufen und einzeln oder in kleinen Gruppen wild in privaten und öffentlichen Räumen abbrennen. Ein schönes Feuerwerk müßte ganz anders organisiert werden, meinetwegen von Schützenvereinen oder anderen für… Mehr

Mausi
1 Monat her
Antworten an  bkkopp

Es gab schon immer Leute, die es lustig fanden, Böller in Menschenmengen zu werfen. Selbst vor zig Jahren auf dem Hamburger Hafengeburtstag erlebt. Inzwischen werden die „Böller“ als Waffe benutzt. Unsere Politiker aber verstecken sich hinter Klima und wollen allen das Feuerwerk verbieten. Bei uns auf dem Dorf ist Feuerwerksdreck kein Problem. Die, die ein Feuerwerk veranstaltet haben, räumen am nächsten Tag auf. Ich sehe ein, dass das in Städten anders ist. Warum regelt man Feuerwerksdreck in den Städten nicht genau so wie das Schneeräumen? Warum verbietet man private „Feuerwerke“ auf öffentlichen Plätzen nicht? Ich kenne noch öffentliche Feuerwerke auf… Mehr

Iso
1 Monat her

Wenn man alte TV-Dokus von den 68ern sieht, dann sind diese Leute schon damals hinter den Transparenten, von Marx, Lenin und Mao hinterhergelaufen. War das nun Undankbarkeit oder Dummheit? Auf jeden Fall hat sich vieles davon in den Köpfen gehalten, sodass auch deren Enkel wieder Hammer und Sichel auf Häuserwände schmieren und nicht wissen, was sie tun. Es gibt keinen Grund, über China zu lächeln. Viel Bundestagsabgeordnete würde es in China nicht schaffen, ein Mandat zu erringen. Im Gegenteil, man würde sie nicht mal in die KP aufnehmen.

Peter Pascht
1 Monat her

Wie China uns eine Lektion in Marktwirtschaft erteilt? Was für Marktwirtschaft? Staatlich subventiobnierte Dumping Wirtschaft überschwemmt die Welt, dank Milliarden Lohnsklaven. Bei Chinesische Produkten ist alles blos niederig, niedrige staatlich subventionierte Verkaufspreise, aber vor allem auf Kosten der niedrige Produktqualität. Dieser „chinesische Erfolg“ ist die Folge von Verarmung durch Dumpunglöhne und wirtschaftlichen Niedergang durch Gier im „Abendland“. Weihnachtsmann für die Enkelkinder im Netz gekauft, 3 Tage vor Weihnachten. Wie sich nach Erhalt der Ware erst heraustsellte, „chinesiche Markenware“ 😉 Konnte ihn aber meinen Enkelkindern gar nicht zeigen, denn schon nach 3 maligem einschalten, war er schon vor Weihnachten kaputt. Mit… Mehr

H. Priess
1 Monat her
Antworten an  Peter Pascht

Ihr Kommentar zeugt von einer Unkenntnis über Land und Leute dort die verblüffend ist. Jede Wette, sie waren nie dort und wenn sie billigen Schund kaufen, für ihre Enkel haben sie wohl nicht genug Geld übrig, sind sie selber Schuld. Auch in China hat Qualität ihren Preis.

Hieronymus Bosch
1 Monat her

Wenn nun die Chinesen die Böllerei bestimmen, wenn es dann in Deutschland keine Kugelbomben mehr geben, durch die kleinen Kindern die Hände amputiert werden müssen? Seltsame Logik dieses Verfassers!