Anime-Girl Amelia blamiert Keir Starmer

Es ist der ultimative Treppenwitz des Kulturkampfes: Um die britische Jugend vor „rechtem Gedankengut“ zu warnen, schuf die Regierung eine Figur namens Amelia. Doch statt als Abschreckung zu dienen, avanciert das lila-haarige Anime-Mädchen nun zum Liebling des Internets. Ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn Bürokraten versuchen, Memes zu machen. Von Silvia Venturini

Screenprint via X

Manchmal schreibt die Realität Drehbücher, die selbst für die satirischen Untiefen des Internets zu absurd wären. Schauplatz ist das Vereinigte Königreich unter Keir Starmer, wo man derzeit bekanntlich wenig Spaß versteht, wenn es um Meinungsäußerungen im Netz geht. Doch während die Polizei damit beschäftigt ist, Facebook-Kommentare zu ahnden, hat sich die Regierung im digitalen Raum ein Eigentor geschossen, dessen humoristische Fallhöhe kaum zu überbieten ist.

Gestatten: Amelia. Lila Haare, Gothic-Look, skeptischer Blick. Sie ist der neue Star der „Dissident Right“, der Internet-Gegenkultur und all jener, die einfach Freude daran haben, den moralischen Zeigefinger des Establishments brechen zu sehen. Das Besondere an Amelia ist jedoch nicht ihre Popularität, sondern ihre Herkunft. Sie ist kein Werk von 4chan-Trollen oder rechten Grafikdesignern. Amelia ist, man höre und staune, ein staatlich finanziertes Produkt des britischen Innenministeriums.

Pädagogik mit dem Holzhammer

Die Geschichte beginnt mit dem Programm „Prevent“, einer britischen Regierungsinitiative zur Extremismusbekämpfung. Um die Jugend von heute dort abzuholen, wo sie angeblich steht, finanzierte man das interaktive Lernspiel „Pathways“. Zielgruppe: 11- bis 18-Jährige. Die Mission: den Schülern beibringen, wie man Radikalisierung erkennt und vermeidet.

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Das Spiel selbst wirkt, als hätten Sozialpädagogen versucht, „cool“ zu sein – ein Unterfangen, das historisch gesehen noch nie geglückt ist. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Schülers namens Charlie und muss sich durch moralische Dilemmata navigieren. Die „richtigen“ Antworten führen zum braven Staatsbürger, die „falschen“ führen geradewegs in die Arme des Extremismus. Und hier kommt Amelia ins Spiel.

In der Logik der Spielentwickler brauchte es einen Antagonisten, eine Verführerin, die den armen Charlie auf die schiefe Bahn lockt. Amelia wurde als diese Warnung konzipiert. Sie ist im Spiel diejenige, die Dinge sagt wie: „Wir müssen unsere Kultur schützen“ oder die illegale Masseneinwanderung kritisiert. Sie ist der „Bösewicht“, der Charlie dazu verleiten will, selbst zu recherchieren – eine Tätigkeit, die das Spiel interessanterweise als Warnsignal für Radikalisierung einstuft.

Der „Waifu“-Effekt: Wenn das Böse zu süß ist

Doch die Macher von „Pathways“ haben eine fundamentale Regel des Internets missachtet: Mach den Bösewicht nicht attraktiv.

Statt einer glatzköpfigen Karikatur eines Hooligans entwarfen sie ein „Goth Girl“ im Anime-Stil. Im Internet-Jargon eine potenzielle „Waifu“ – eine fiktive Figur, zu der man eine (meist ironisch überhöhte) emotionale Bindung aufbaut. Und was passierte? Die Spieler sahen Amelia, hörten ihre Argumente – die im Spiel ja als abschreckende „Hassrede“ gedacht waren, aber oft nur wie gesunder Menschenverstand oder Sorge um die Heimat klangen – und entschieden: Sie hat recht. Und süß ist sie auch noch.

Innerhalb weniger Tage im Januar 2026 explodierte das Phänomen. Auf der Plattform X und Reddit wurde Amelia nicht als Warnung, sondern als Heldin gefeiert. Fan-Art flutete die Kanäle. KI-Chatbots wurden programmiert, die Amelias Persönlichkeit simulierten – nicht als hasserfüllte Extremistin, sondern als patriotisches Mädchen, das ihr Land liebt und sich Sorgen um die Zukunft macht.

Das Narrativ kippte vollständig. Die belehrenden Texte des Spiels, die den Spieler ermahnen, bloß nicht die offiziellen Verlautbarungen zu hinterfragen, wirkten im Kontrast zu der rebellischen, coolen Amelia wie die dröge Stimme eines totalitären Systems. Amelia wurde zur Cyberpunk-Rebellin gegen einen übergriffigen Überwachungsstaat uminterpretiert. Die Tatsache, dass das Spiel im Hintergrund tatsächlich die Antworten der Schüler auswertete und bei „falschen“ Gesinnungen eine Meldung an Präventionsprogramme vorsah, gab der ganzen Sache eine Orwellsche Würze, die das Meme nur noch befeuerte.

„Luce“, „Frieren“ und die Sehnsucht nach Ästhetik

Der Fall Amelia steht nicht isoliert. Er reiht sich ein in eine faszinierende ästhetische Verschiebung im digitalen Kulturkampf. Erinnern wir uns an „Luce“, das offizielle Maskottchen des Vatikans für das Heilige Jahr 2025. Auch hier versuchte die katholische Kirche, sich mittels Anime-Ästhetik an die Jugend zu wenden. Luce, ein kleines Pilger-Mädchen im gelben Regenmantel, sollte hip und weltoffen wirken.

Doch auch Luce wurde sofort vom Internet „basiert“. Konservative und traditionalistische Katholiken adoptierten die Figur, zeichneten sie in Kreuzritter-Rüstung oder im Kampf gegen Dämonen der Moderne. Was als harmlos anmutende Modernisierung gedacht war, wurde zur Projektionsfläche für eine Sehnsucht nach Tradition und festen Werten.

Ähnliches lässt sich bei der immensen Popularität des Anime „Frieren“ beobachten. Die Serie ist nicht explizit politisch, doch sie wird in konservativen und rechten Gegenkulturen gefeiert. Warum? Weil sie von Dingen handelt, die im modernen westlichen Zeitgeist oft fehlen: das ehrenvolle Andenken an die Vorfahren, die Melancholie des Zeitlaufs, die Wichtigkeit von Bindungen, die über den Tod hinausgehen, und eine ruhige, fast stoische Würde. Frieren ist, wie Amelia und Luce, eine Projektionsfläche für eine Generation, die der „Wokeness“ und ihrer ständigen Dekonstruktion überdrüssig ist.

Das Versagen der staatlichen Pädagogik

Der entscheidende Unterschied bei Amelia ist jedoch ihre Genese. Luce wurde umgedeutet, Frieren wurde interpretiert. Amelia aber musste gar nicht verändert werden. Sie war by design diejenige, die die unbequemen Fragen stellt.

Die Macher des Spiels gingen davon aus, dass die bloße Darstellung von Skepsis gegenüber Migration oder Regierungshandeln so abstoßend wirken würde, dass die Kinder sich schreiend abwenden. Sie unterschätzten, wie sehr sich die Stimmung gedreht hat. Wenn der Staat als übergriffiger Erzieher auftritt, der selbst das „eigene Recherchieren“ als Vorstufe zum Terrorismus brandmarkt, dann wird die Figur, die dagegen aufbegehrt, automatisch zum Sympathieträger.

Amelia ist der Beweis dafür, dass die kulturelle Hegemonie der Linksliberalen Risse bekommt – und zwar an der Stelle, wo sie am empfindlichsten ist: bei der Ästhetik und dem Coolness-Faktor. Früher war die Linke rebellisch, sexy und gegen das System. Heute ist sie das System. Sie ist der Lehrer, der mit dem Zeigefinger wedelt. Die „Rechte“ (oder das, was das Spiel dafür hält) hat plötzlich die Aura des Verbotenen, des Aufmüpfigen – und dank Amelia nun auch das bessere Charakterdesign.

Game Over für den Staat

Die Reaktion der britischen Regierung war so vorhersehbar wie hilflos. Als das Innenministerium realisierte, dass ihr teuer bezahltes Leuchtturmprojekt zur Rekrutierungsmaschine für genau die Gedankenwelt wurde, die es bekämpfen sollte, zogen sie den Stecker. Der Abschnitt mit Amelia im Spiel „Pathways“ lädt nun endlos. Ein „Infinite Loading Screen“ als Metapher für die britische Einwanderungspolitik, besser hätte es kein Satiriker erfinden können.

Doch der Streisand-Effekt lässt sich nicht abschalten. Amelia ist nun unsterblich. Sie existiert losgelöst vom Spiel als „Waifu“ der Dissidenten weiter. Sie ist das Gespenst in der Maschine des britischen Nanny-States.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man Memes nicht von oben herab verordnen kann. Und vielleicht eine Warnung an alle Haltungs-Pädagogen in den Ministerstuben: Wenn ihr einen Bösewicht erschafft, der cooler, hübscher und vernünftiger wirkt als eure eigenen Helden, dann wundert euch nicht, wenn die Jugend am Ende dem Bösewicht folgt. Oder wie Amelia es vielleicht sagen würde, während sie ihren lila Pony aus der Stirn streicht: „Nice try, Starmer.“

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Kommentare ( 13 )

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yeager
15 Minuten her

Das „Spiel“, bzw. dessen Macher, sehen Neugier und kritisches Hinterfragen der Regierungspolitik als „grenzwertig rechtsradikal“ und therapiebedürftig an.
Wer nicht brav die Regierungspropaganda abnickt ist halt „radikal“.
Das passt auch zum Trend legale und legitime Meinungsäußerungen zu sanktionieren.

Klaus D
53 Minuten her

Früher war die Linke rebellisch, sexy und gegen das System. Heute ist sie das System….man kann linke auch durch rechte ersetzen siehe „Neue Rechte“. Was wir heute haben ist ein mischmasch aus linker und rechter politik – politik der MITTE*. Und den kampf gegen das system kannman nicht gewinnen denn es basiert auf unserem menschlich-sozialen-gesellschaft-system – unten MITTE oben – reich und arm. Egal WER regiert bereichern sich die „eliten“ (oberschicht, reichen, mächtigen) und das volk muss bluten – entweder wirtschaftlich oder durch kriege die man (die „elite“) führt. Anime-Girl Amelia….das passt zu dem was ich oben meinte. Die „elite“… Mehr

Elmar
56 Minuten her

Luce ist das italienische Wort für Licht. Den Würdenträgern im Vatikan ist das Licht aber zu spat aufgegangen oder eher gar nicht aufgegangen.

Ahenne
1 Stunde her

Ich liebe britischen Humor, aber mit dieser Aktion haben sie selbst übertroffen.

In Deutschland könnte NIUS demnächst mal veröffentlichen, welche Auswirkungen auf Aufrufzahlen und neue Abos die Geschichte „D. Günther bei Lanz mit anschließendem ZDF-Gaslighting-Versuch“ hatten.

Danton
1 Stunde her

Dann hoffen wir mal das Amelia nicht auf Daniel Günther im virtuellen Raum trifft. Der schafft es, das er gleichzeitig mit Rede und Gegenrede das nette Köpfchen zum platzen bringt.

MeHere
1 Stunde her

Es besteht bei mir der Eindruck, dass die POLITIK teilweise VOLLIDIOTEN anzieht und die es dort auch noch zu was bringen … ist dann der Wähler dieser Nasen auch VOLLIDIOTEN ? Sind die Nichtwähler dann die einzigen „klugen Köpfe“ ? Glaube wir haben ein PROBLEM … es mangelt überall am HIRN

taliscas
1 Stunde her

Hatte Obelix also doch recht: die spinnen die Briten.

humerd
1 Stunde her

eine Verführerin, die den armen Charlie auf die schiefe Bahn lockt. „
hört sich wie Adam und Eva Geschichte an. Eva verführte Adam und bis heute lassen sich die Adams von den Evas verführen

weihnachtsmann_frau_lein
1 Stunde her

„…Die Macher des Spiels gingen davon aus, dass die bloße Darstellung von Skepsis gegenüber Migration oder Regierungshandeln … abstoßend wirken würde…“
Woran man sieht, wie — gefährlich — abgehoben die macher sind.

Or
1 Stunde her

Wie immer.
The Left can‘t meme !