Kreativität in Coronazeiten: Sido rappt im Autokino

Das eingesperrt Sein fördert neue Formen der Kommunikation - und das machen sich manche zu nutze, die im medialen Mainstream nicht zu sehen sind.

Screenprint: arte

„Ich trag’ tausend Tattoos auf der Haut, ein Astronaut und ein Sägeblatt“, singt Rapper Sido im Düsseldorfer Autokino. Übertragen wurde sein Konzert in Zeiten massiver staatlicher Corona-Einschränkungen auf dem TV-Sender arte und später auch auf dem Streaming-Kanal Twitch. Und wenn arte es nicht rausgeschnitten hat, lernt auch der damit wenig vertraute Zuschauer des Kultursenders neue deutsche C-Prominente wie Knossi kennen, der via Live-Kanal Twitch heute bereits zu den Live-Streamern mit großen Publikumszahlen gehört.

Der millionenfach gehörte Rapper Sido ist nämlich nicht nur in Zeiten von Corona ein Twitcher und Knossi-Freund, ist aktiv in einer Szene, die der Verfassungsschutz und Bundesinnenminister Seehofer erklärtermaßen schon auf dem Schirm hat. Der will bekanntlich seit Hanau rechtsextreme Gamer kontrollieren.  Man wundert sich, denn wo sich sonst Gamer treffen und mittlerweile zu zehntausenden gemeinsam Videospiele ballern, veranstaltet Jens Knosalla alias Knossi Live-Automatenspielabende. Die Spielhallen in Deutschland sind geschlossen wie so vieles mehr – und die bis dato unverletzte und dezentrale Szene trifft sich jetzt auf der Plattform. Via Twitch schauen tatsächlich regelmäßig mehr als 50.000 Zuschauer live dabei zu, wie Knossi und Prominente im Online-Casino tausende Euro verballern in Geldspielen wie Book of Dead. Auch Sido ist mit dabei – so lernte man sich kennen – wenn die ganz großen Einsätze verzockt werden, wenn jeder einzelne Dreh der Walzen bis zu fünfzig Euro kaputt macht. In einer Nacht werden so schon mal zehntausend Euro vernichtet. Die Szene und ihre Protagonisten sind manchmal  fragwürdig. Aber muss Seehofer zu allem seinen Segen geben? Die Szene bewegt sich.

Mit dabei auch Pietro Lombardi, prominenter deutscher Pop-Sänger und Deutschland-sucht-den-Superstar-Juror, die geschäftstüchtige Abteilung für Populäres. Und obendrein zugeschaltet direkt aus seinem Fluchtexil Neuseeland, der höchst fragwürdige Multimillionär Kim Schmitz alias Kim Dotcom, dem geprellte Anleger ebenso nachstellen wie US-Behörden. Ein echtes Kuriosum unserer verrückten Zeit, was diese so unterschiedlichen Menschen zusammenbringt, die sonst in streng abgegrenzten Blasen hausen und das ausgerechnet auf einer Internetseite mit Online-Casino im Livestream und bei einer Tätigkeit, die einstmals in schmuddeligen rotlichtnahen Dunkelkaschemmen stattfand, in einer der zigtausend schwiemeligen Daddelhallen der Republik. Jetzt ist überall Rotlicht und Halbdunkel, Hauptsache, es geschieht etwas in dieser bleiernen Zeit der Stagnation.

So ein Konzert in einem Autokino vor 500 Autos mit jeweils maximal zwei Insassen – potentielle Zuschauer auf der Rückbank würden ja kaum etwas von der Bühne sehen – ist merkwürdig. Insbesondere dann, wenn infernalisch laute Autohupen das Klatschen ersetzen müssen bzw. eintausend aufblinkende Scheinwerfer eine gespenstische Atmosphäre schaffen in diesem kurzerhand auf dem Düsseldorfer Messeparkplatz errichteten Autokino. Samstag war also Sido dran, am Vortag testete schon der Rapper Alligatoah die Autohupenlautstärke. Auch bei diesem Künstler musste die Tournee 2020 durch viele deutsche Städte wegen der Corona-Einschränkungen ausfallen.

Screenprint: arte

Ist das nun kreativ, was arte da auf die Beine gestellt hat? Wäre es sinnvoller gewesen, die Musiker einfach im Studio abzulichten? Sicher wäre das weniger neu und weniger aufregend gewesen und so können sich immerhin eintausend Fans freuen, dabei gewesen zu sein, wo sonst Zehntausende zu den Konzerten der Künstler kommen.

Übrigens auch ein Widerspruch des Abends, wenn Knossi, Sido und Co auf dem Streaming-Portal Twitch zwar die Unabhängigkeit solcher Kanäle vom „Zwangsgebühren-Fernsehen“ loben, aber wenn es drauf ankommt, auf die größere Verbreitung wie jetzt über den gebührenfinanzierten Kanal arte selbstredend nicht verzichten mögen. Auch Knossi träumt von einer eigenen Fernsehshow. Seine politischen Aussagen passen nicht in das Schema, aber Coronazeiten sind Notzeiten und arte sendet aus Straßburg. Auch Kontrolleure sind im Home-Office.

Kreativität kommt in Zeiten der Corona-Einschränkungen aber nicht nur im Großen und aus dem großen Geldbeutel. Auch im Kleinen, dort wo beispielsweise Gastromomen vor dem Ruin stehen, weil sie ihre Gaststätten nicht mehr öffnen können, werden kreative Lösungen gefunden, wenn beispielsweise in Braunschweig ein beliebtes Straßencafé mit Außensitzplätzen wieder eröffnet mit einer eigentlich simplen Idee: einem neuen Namensschild. Der Name des Cafes bleibt, nur das jetzt zusätzlich „Kiosk“ darüber steht und die Getränke und Snacks jetzt am „Kiosk“ verkauft und nach draußen getragen werden. Also am selben Tresen, der aber nun Kiosktresen heißt.

Wahrscheinlich die mit Abstand wichtigste kreative Lösung des Wochenendes, mit der allerdings von behördlicher und polizeilich Seite geringsten Akzeptanz, fand nun unter anderem in Berlin statt, wo wieder tausend Menschen zusammenfanden, um gegen die Maßnahmen der Regierung zu protestieren und um sich anschließend pauschal als Rechte und Verschwörungstheoretiker diffamieren zu lassen.

Und hier schließt sich dann der Kreis hinüber zu den Live-Streaming-Portalen, wenn eben auch diese Veranstaltungen über Stunden live im Internet begleitet werden konnten. Doch, das gab es auch schon vor Corona, aber jetzt bekommt es eine viel größere Bedeutung.

Nun mag auch der eine oder andere Protagonist dieser Formate in den Streaming-Portalen in seinem Auftritt und seiner politischen Aussage vorsichtig gesagt: merkwürdig herüberkommen, aber die Sympathiepunke der Zuschauer liegen ganz klar auf dieser Seite, schon deshalb, weil es die allermeisten hier mit gar keinem oder bedeutend weniger Honorar machen müssen, als ihre Kollegen mit den Füllhörnern. Die immer striktere Bündelung von Meinungen im Mainstream führt dazu, dass sich an seinen Rändern neue Strömungen, Unterströmungen und Brackwasser bilden, die das kanalisierte Flussbett wieder verbreitern bis zum bräunlichen Sumpf.

Klar, auch Youtuberin und Ex-GNTM-Teilnehmerin Carolin Matthie hat ein paar Ecken und Kanten, beispielsweise wenn sie sich an anderer Stelle zu ihrer Liebe zu Schusswaffen bekennt, also zum Schießsport. Verboten ist das ja nicht, es hat sogar in zehntausenden Schützenvereinen eine jahrhundertealte Tradition. Aber heute werden die Grenzen fließend gemacht; das Erlaubte wird zum Unerwünschten und in der nächsten Rund droht das Aus. Überaus sympathisch wirkend macht Matthie das in Berlin, wenn sie über zwei Stunden lang live dabei ist und mit Polizisten und Demonstranten spricht und so eindrücklich klar macht, was von der Abbildung solcher Veranstaltungen später in den GEZ- und Print-Medien zu halten ist: Klar, wenig. Hier werden für die nette Youtube-Filmerin auch die Klickzahlen von Clip zu Clip mehr. Ungefährt einhundert Demonstranten der Berliner Demo wurden vorübergehend festgenommen. Viele dieser Festnahmen wurden auch von Carolin Matthie gefilmt und damit dokumentiert. Während die Grünen, die sich früher fernsehtauglich von Polizisten wegtragen ließen, heute schon bald die Gehhilfe zur Fortbewegung bemühen müssen, bildet sich ein neuer radikaler Chic, politisch unkorrekt und gegen die Staatsgewalt gerichtet, die doch nur Infektionen vermeiden helfen will. Korrekt ist das nicht, politisch schon. Das Hufeisen, linke und rechte Radikale, darf es ja nicht geben, wenn es nach dem linken Flügel geht. Aber jetzt biegt es sich aufeinander zu. Nicht Inhalt, sondern die Lust am Krawall verbindet die gegensätzlichen Pole. Und sie geben vor, das Wahre, Gute und Schöne zu schützen, das so total Mitte ist. Oder sein sollte.

Es geht um Grundrechte. Und hier geht es insbesondere um Artikel 5, welcher die freie Kommunikation schützt. Die Meinungsfreiheit. Wer Menschen diffamiert oder diskreditiert, die von ihrem Recht Gebrauch machen, gegen diese Einschränkung ihrer Rechte zu demonstrieren, der ist Teil dieser Einschränkung. Es ist den Streaming-Diensten zu verdanken, dass dies der früher Leitmedien genannten Presse offenbar wird; Gaming ist plötzlich politischer als viele tranige Leitartikel. Mal schauen, wie lange diese Kanäle jenseits von Claus Kleber und Co noch geduldet werden. Oder fühlt sich arte so sicher, weil die Kontrolleure von ARD und ZDF derzeit nicht nach Straßburg dürfen und Paris etwas anderes zu tun hat, als neu deutsche Kanäle jenseits von Ingolstadt einzuzäunen?

„Ich trag’ tausend Tatoos auf der Haut, ein Astronaut und ein Sägeblatt.“

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Kommentare ( 27 )

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John Farson
5 Monate her

Wenn man die Kommentare hier liest, wähnt man sich im Altersheim, wo rüstige Grantler auf die neue Welt schimpfen, die sie nicht mehr verstehen.
Herr Wallasch, dass waren die berühmten Perlen vor die Säue. Ich habe es trotzdem gern gelesen.

Lucius de Geer
5 Monate her
Antworten an  John Farson

Vielleicht sollten SIE Ihre Qualitätsmaßstäbe überprüfen – am Ende halten Sie den Ruf des Muezzin auch für zeitgemäß…

Burkhard Minack
5 Monate her

Danke, Herr Wallasch, für diesen interessanten und m.E. sehr sachlichen Bericht aus einer mir nicht ganz aber weitestgehend fremden Welt! Im Nachgang zu Ihrem Text bin ich entsetzt über das, was hier momentan an Intoleranz und Unflätigkeit im Kommentarbereich abgeht: „Gröler“, „Primitivlinge“, sind da noch die feineren Kommentare, „Bericht aus der Gosse“, „Nervenheilanstalt auf home-office“, ist die Härte, ehrlich! Mag sein, daß der Eine oder Andere mit seinem Musikstil (z.B. Sido, der deutsche Rapper, der eine richtig gute künstlerische Entwicklung genommen hat) oder mit medialem Tun (Youtuberin Carolin Matthie, die letztens engagiert 2 1/2 h live von der Berliner Demo… Mehr

Uferlos
5 Monate her

Sehr guter, informativer Artikel, Danke Hr. Wallasch. Im Gegensatz dazu, leider wie so oft hier bei TE, Vorurteils beladene Kommentare.

John Farson
5 Monate her
Antworten an  Uferlos

Dem schließe ich mich an.
Aus fast allen Kommentaren kann man herauslesen, dass sie die Welt kaum noch verstehen, in der sie leben.
Vielleicht wäre es für manchen hier mal ganz heilsam, sich ab und an unter junge Leute zu mischen. Ich kann nicht behaupten, dass ich alles verstehe, was die so mögen und es klingt bereits an das es bei meiner Zehnjährigen noch eklatanter wird.
Aber die jungen Leute nur zu verurteilen, ist dieselbe Borniertheit, die sonst anderen gerne vorgeworfen wird.

Hieronymus Bosch
5 Monate her

In einigen Medien war zu lesen, dass die Clans in Berlin durch Erschleichung von Hilfsgledern schon kräftig abkassiert hätten. Die sind wenig zimperlich, wenn es darum geht, die Staatskassen auszuplündern. Die lahme deutsche Justiz bemüht sich nun, mit der Aufklärung hinterherzukommen. Das Ergebnisn kann man sich denken. Allein die Tatsache, dass in Berlin über 100 Polizisten aufgeboten werden mussten, um der Beerdigung einer Clan-Mutter „beizuwohnen“, ist skandalös genug. Warum die staatlichen Organe hier nicht ein für alle Mal durchgreifen, wird ein ewiges Rätsel bleiben!

Montesquieu
5 Monate her

Cybersex und Autoerotik. Wir werden uns das schon schön reden, keine Frage.

giesemann
5 Monate her

Kein einziger Euro wird da vernichtet – geht halt wo anders hin. Zur Not kann man ja neue drucken, damit der Geldfluss nicht versiegt. Interessant: Die Masken heißen ab itzo „Fluch Textil Neuseeland“ – vielleicht klingt das besser als „Schnüffeltüten“.

Eloman
5 Monate her

Sie sind zu bedauern, Herr Wallasch. Anscheinend hat niemand ihren Artikel verstanden.

Peter Gramm
5 Monate her

das sind nun mal die Stars des Unterschichtenfernsehens. Hier manifestiert sich die Creme de la Creme der Bildungskatastrophe. Hauptsache Geld verdienen, egal wie, nur viel. Der Oberindianer Dieter macht ja auch mit. Kann schon deswegen nicht schlecht sein. Beim Unterschichtenfernsehen meinte ich. Der Jauch, der Gottschalk und die Schöneberger sind auch dabei. Dann muß es ja etwas sein. Wenn nicht RTL, dann eben Autokino. Die Leute wollen eben unterhalten sein.

daldner
5 Monate her

Der Herr Würdig braucht Geld. Der hat gerade eine Scheidung hinter sich.

spindoctor
5 Monate her

Es gibt wohl eine Welt, die ich nicht kenne.