Neue Höchstwerte bei der irregulären Migration übers Mittelmeer

Die irreguläre Einwanderung in die EU erreicht neue Höchststände. Besonders betroffen ist Italien, das unter Premier Mario Draghi demonstrativ nichts gegen das »heikle Problem« tut.

IMAGO / Agencia EFE
Die spanische NGO "SMH" nimmt Bootsmigranten im Mittelmeer auf, 19.02.2021

Bis Ende Juli reisten 72.000 Menschen nach Deutschland ein und stellten einen Erstantrag auf Asyl. Diese Zahl wurde in den letzten Tagen schon ein paar mal hin und her gewendet. Aber was bedeutet sie eigentlich? Wie erklärt sie sich und wozu führt sie?

Zwar nutzt laut verschiedenen behördlich durchgeführten Umfragen etwa ein Drittel der Asylbewerber auch Flüge, um nach Deutschland zu gelangen. Laut Auskunft der Bundesregierung reisen die meisten aber auf dem Landweg ein. Übrigens bedeutet auch die Nutzung einer Flugroute auf dem Weg nach Deutschland nicht, dass die Migranten nicht letztlich über eine Landgrenze einreisen. So wussten Experten schon vor drei Jahren von der Athen-Warschau-Route, die in diesem Jahr als Weg der Sekundärmigration nach Deutschland etwas bekannter wurde.

Wie sie kommen

Der Luftweg scheint für die Migranten etwas ungünstiger zu sein, weil ihre Anträge dort häufiger abgelehnt werden. Die meisten Antragsteller sind folglich durch eines oder auch mehrere EU-Partnerländer nach Deutschland gekommen, also durch sichere Drittländer, in denen ihnen nicht Verfolgung droht, sondern Asylanträge möglich sind. Diesen Zustand hat sich Deutschland selbst zuzuschreiben. Seit 2015 gilt es hierzulande als unanständig, die eigenen Grenzen zu kontrollieren und über Migration zu entscheiden. Es geschieht dennoch, aber die deutschen Grenzpolizisten müssen sich dabei quasi vor sich selbst verstecken – zum Beispiel auf griechischen Flughäfen.

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Bei den 72.000 handelt es sich folglich mit hoher Wahrscheinlichkeit um dieselben Migranten, die zuvor in ein EU-Land mit Außengrenze auf meist irregulärem Weg eingereist sind. Wir reden folglich von einer Sekundärmigration innerhalb der Schengen-Zone in zehntausenden Fällen, unter denen die anerkannten oder geduldeten Asylbewerber aus Griechenland nur den bekanntesten Fall von Missbrauch bilden. Die gut 4.000 Migranten, die diesen Sommer nach Litauen einreisten und nun allmählich nach Deutschland eintröpfeln werden, sind da eine fast zu vernachlässigende Größe.

Daneben könnte es auch in Deutschland eine größere Dunkelziffer geben, denn nicht jeder irreguläre Einwanderer stellt notwendigerweise einen Asylantrag. So griff die Bundespolizei dieses Jahr bereits mehr als 500 illegal eingereiste Algerier auf, die sonst vielleicht nicht so bald aufgefallen wären. In den vergangenen Jahren sind tausende Algerier irregulär in die EU eingereist, vor allem über Spanien und Italien.

Woher sie kommen

Wie sieht es also an den EU-Außengrenzen im allgemeinen aus? Die Welt am Sonntag zitierte nun Zahlen aus einem internen Bericht der EU-Kommission. Demnach war in diesem Jahr die zentrale Mittelmeerroute über Malta und Italien bei weitem führend, was illegale Ankünfte angeht: In den ersten sieben Monaten dieses Jahres kamen 39.183 Migranten über das zentrale Mittelmeer nach Europa. Das waren 83 Prozent mehr als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres, und sogar sieben Mal mehr im Vergleich zu 2019. Damals hatte Matteo Salvini als italienischer Innenminister den privaten »Seenotrettern« mehrfach die Einfahrt in italienische Häfen verweigert. Heute ist Italien erneut das große Leck der EU geworden, und Salvini will oder kann derzeit nichts dagegen ausrichten.

Ein Sechstel der Neuankömmlinge sind laut Guardian »unbegleitete Minderjährige«. Und laut Mario Draghi werden alle Ankommenden sofort geimpft. Der parteilose Premierminister und frühere EZB-Präsident verteidigte seine Innenministerin Luciana Lamorgese: Sie arbeite sehr gut, das Problem – Immigration – sei heikel, es gebe keinen Zauberstab, der es in einem Augenblick löste. Im übrigen seien die gewachsenen Zahlen natürlich das Ergebnis der »pandemischen Krise«, was immer Draghi darunter versteht. Man habe schon viel schlimmere Jahre erlebt. Man möchte ergänzen: Ja, 2015. Und noch einmal sagt Draghi: Die Ministerin Lamorgese tut ihre Pflicht und tut sie gut. Man kann diesen Worten nur eines entnehmen: Die Entwicklung, wie sie sich jetzt ereignet, mit Steigerungen von 591 Prozent gegenüber dem Prä-Pandemie-Jahr 2019, ist gewollt.

Auch Spanien meldet neue Höchstwerte

Doch nicht nur Italien ist inzwischen wieder weit offen. Auch aus Spanien wird eine beträchtliche Zahl an illegalen Ankömmlingen gemeldet: Insgesamt 20.500 sollen es in diesem Jahr gewesen sein, ein Plus von 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das in diesem Fall positiv auffallende Schlusslicht bildet Griechenland, das trotz seiner Nähe zur Türkei seit Jahresbeginn nur 4.577 illegale Migranten meldete, die das Land auf dem See- oder Landweg erreichten.

Allerdings bleibt auch weiterhin unklar, wie viele Migranten unter dem Radar über Griechenland und Bulgarien auf den Balkan gelangen. Die griechischen Behörden haben zwar, Pressemeldungen zufolge, im letzten Halbjahr unzählige Schlepper aufgegriffen und auch einige größere Ringe ausgehoben. Aber diese Meldungen belegen eben auch, dass es nach wie vor Schlepper und illegale Migranten gibt, die in Griechenland und auf dem Balkan unterwegs sind. Es bleibt viel Arbeit zu tun, auch wenn die Abschreckung zu funktionieren scheint. Auch der Grenzzaun am Evros von jetzt 40 Kilometern wird vermutlich noch länger werden.

Inzwischen gelangen mehr Migranten auf dem direkten Seeweg von der Türkei aus nach Italien als nach Griechenland (TE wies im Dezember auf die neue Route hin). Die WamS berichtet von 4.739 irregulären Einreisen über das Ionische Meer. Allein in der letzten Woche sind 670 Migranten auf diesem Wege von der Türkei nach Italien gelangt. Auch insgesamt sah Italien in der 35. Kalenderwoche dieses Jahres einen Höchststand von 3.236 angelandeten Migranten. Es ist die höchste wöchentliche Zuwanderungsrate seit Juli 2017.

Seit Beginn der Seenotrettung werden die Migrantenboote schlechter

Das Tun oder Nicht-Tun der italienischen Innenministerin Lamorgese hat womöglich nichts mit Humanität zu tun. Seit langem ist bekannt, welchen Anreiz die positiven Meldungen über Anlandungen und »Seenotrettungen« für die Tätigkeit der Schlepper in Nordafrika entfalten.

Laut einer Studie der Universitäten Cagliari, Turin und Houston haben sich die nordafrikanischen Schlepper schon seit längerer Zeit auf die Aktivitäten diverser »Seenotretter« rund um Italien eingestellt. Sie verwenden demnach immer schlechtere Boote (seit einigen Jahren vor allem Schlauchboote) und schicken sie bei schlechterer Wetterlage los. Insofern bleibt nur ein Schluss: Die Seenotrettung gefährdet Leben und kostet den europäischen, insbesondere den deutschen Steuerzahler zugleich eine Menge Geld, ohne dass überhaupt von den immateriellen Kosten der irregulären Einwanderung die Rede gewesen wäre.

Denn über die materiellen Kosten hinaus richten zwei Aspekte der irregulären Einwanderung in den Zielländern besonderen Schaden an: Erhöhte Kriminalitätsraten bedeuten für die Betroffenen häufig unermessliches, nicht wiedergutzumachendes Leid. Zum anderen betrifft eine überproportionale Arbeitslosigkeit vor allem das Leben der neu angekommenen Migranten, aber nicht nur. Denn am Ende kann eine ganze Gesellschaft dadurch ihren Halt verlieren.

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Kommentare ( 44 )

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44 Comments
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friedrich - wilhelm
19 Tage her

……salvini tut also nichts dagegen?!

ketzerlehrling
19 Tage her

Schickt alle nach Deutschland weiter. Wir brauchen Fachkräfte, in allen Bereichen, ob Messerkünstlr, oder Meister im rasanten Eigentumswechsel, Ficklinge, Kinderschänder, Drogendealer, besonders die letzten steigern den BIP.

RUBBERDUCK
20 Tage her

Nachtrag zum Artikel: Spanien schloß bereits in den ’90er Jahren einen bilateralen Vertrag mit Marokko. Als letztes Jahr 105 Migranten über den Zaun in die spanische Enklave Melilla kletterten, wurden dieselben binnen 48 Stunden nach Marokko repatriiert. Die marokkanische Gendarmerie ist nicht zimperlich. Sie karrt die Abzuschiebenden auf einem LKW – vorn & hinten begleitet von je einem Pick-up mit Maschinengewehr – in die Wüste, wo die Grenze zum Nachbarland verläuft. Mit Proviant & Wasser ausgestattet, heißt es dann marschieren. Von wegen Abschiebung per Flieger !! — Die auf den Kanaren mit Pateras oder Kayukos eintreffenden Migranten, legen ungewöhnlich große… Mehr

Roellchen
20 Tage her

WIR oder auch sie NICHT.

Denn bei zu sehr entfernten Kulturen gibts keine liberale Anpassung.

WIR, bedeutet SIE müssen bis auf wenige Integrationswillige wieder heimwandern.

SIE bedeutet, wir werden umgevolkt:

– wir passen uns an
– wir teilen mit ihnen
– wir kennen ihre Werte und ihr Rechtssystem als das unsere an

Nur, wäre das dann auch nicht für die Neuen ein Nullsummenspiel?

Denn dann wird Alles so sein wie in den Ländern von denen sie kamen.

Die teure Überfahrt ins soziale Paradies hätten sie sich somit gleich sparen können.

Last edited 20 Tage her by Roellchen
Klaus Weber
20 Tage her

„denn am Ende kann eine ganze Gesellschaft ihren Halt verlieren“
Und das wird sie auch mit absoluter Sicherheit. Wenn jährlich 150-200Tsd. ungelernte Sozialfälle einreisen und ungefähr die gleiche Anzahl hochqualifizierte Leistungsträger und Beitragszahler ausreisen, dann kann sich jeder an fünf Fingern abzählen, wann dies der Fall sein wird. Bald…….

Deutscher
20 Tage her

Auf dem Luftweg? Ist das heute so einfach, einen Auslandsflug zu buchen – ich meine, so ohne Visa, Papiere usw…?

Kassandra
20 Tage her
Antworten an  Deutscher

Die Fluggesellschaften sind seit ca. 2015 aus dem Obligo. Früher mussten sie welche, die nicht die notwendigen Papiere mitbrachten, wieder dahin bringen, wo sie boardeten.
Hat sich scheints, seitdem „Seenotrettung“ state of the art ist, auch erledigt.

Hannibal Murkle
21 Tage her

Höchstwerte? Auf dem Planeten, auf dem die Genossen Habeck und Merz leben, heisst es:

„Wir haben momentan keinen Anlass, über eine neue Flüchtlingswelle zu diskutieren“

https://www.welt.de/politik/deutschland/article233391127/TV-Kritik-Maybrit-Illner-Stehen-vor-einem-Neubeginn-der-politischen-Kultur.html

zweisteinke
20 Tage her
Antworten an  Hannibal Murkle

Richtig! Offensichtlich ist auch für die“Quallitätsmedien“ der Drops gelutscht. Mir ist kein aktuelles Druckerzeugnis in die Hände gefallen, daß sich noch für die jetzt schon 30 000 !!!
„bereichernden ORTSKRÄFTE) interessiert.

Innere Unruhe
21 Tage her

Das ist interessant – sie wollen nach DE. Und was erzählen die Kinder von früheren Flüchtlingen aus den 90gern? – Sie erzählen von rassistischen Erfahrungen in eben diesem Deutschland. Was macht Deutschalnd so attraktiv? Wie kann es sein? Die Menschen wollen nach DE, um sich nicht dafür zu bedanken, dass die Deutschen eine Gesellschaft aufgebaut haben, die in der Lage ist zu helfen, sondern beschweren sich über die negativsten Erfahrungen. Jeder irregulärer Migrant hat mehrere Länder passiert und hat sich dort nicht als Asylant gemeldet. Damit ist Deutschland das beste Land, das sich dieser Migrant ausgesucht hat. Und keine Spur… Mehr

Deutscher
20 Tage her
Antworten an  Innere Unruhe

Die wissen genau, dass sie mit Gejammer über „Rassismus“ immer ein offenes Ohr finden.

Kassandra
20 Tage her
Antworten an  Deutscher

Die halten damit die Herzen derer offen, die immer noch an „arme Flüchtlinge“ glauben. Damit die Steuerquelle weiter sprudeln kann.

Renz
21 Tage her

„Denn über die materiellen Kosten hinaus richten zwei Aspekte der irregulären Einwanderung in den Zielländern besonderen Schaden an:“
Zur Erinnerung der finanziellen Kosten je Migrant auch Asylant – 450 000.-€

Kassandra
21 Tage her

Bis sie hier her kommen, müssen sie den Impfpass wegwerfen, weil sie doch sonst gar nicht erneut ins Asylverfahren kämen.
Das mit den zudem eingeschleppten Krankheiten der Einreisenden wird nicht besser geworden sein als 2019 von TE geschildert: https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/aus-aller-welt/italienische-mediziner-schlagen-alarm-lange-besiegte-krankheiten-wieder-da/
Eine Farce insgesamt – seit 2015 immer noch die Hoffnung, dass das alles wieder aufhörte?