Die Schlacht von Boston – Rückflug für DFB Elf

Die deutsche Nationalmannschaft verlor gegen Paraguay, aber vor allem gegen sich selbst. Nicht gegen England, Frankreich oder Brasilien – sondern gegen ein wacker kämpfendes Paraguay.

picture alliance / Eibner-Pressefoto | Scott Coleman

Boston kennt historische Schlachten. Seit Montagabend gehört eine weitere dazu. Keine mit Kanonen und Musketen – sondern eine, bei der die deutsche Nationalmannschaft gegen die ‚Krieger‘ von Paraguay, aber vor allem gegen sich selbst kämpfte. Und letztendlich verlor. Nicht gegen England, Frankreich oder Brasilien – sondern gegen ein wacker kämpfendes Paraguay.

Die K.O.-Runde ist gnadenlos. Vor zwei Jahrzehnten und besonders 2014 galt Deutschland noch als Turniermannschaft. Hier fragt hinterher niemand mehr nach Ballbesitz, Passquote oder den hübschen Pfeilen auf der Taktiktafel. Es zählt nur die eine Frage: Wer steigt in den Flieger – und wer darf vom goldenen Pokal weiterträumen?

Szenenwechsel. Carlo Ancelotti hatte vor dem Achtelfinale den Satz des Turniers geliefert. „Schön spielen? Nein. Ich möchte gewinnen.“ Mehr WM steckt kaum in einem einzigen Satz.

Brasilien nahm den eigenen Trainer erstaunlich wörtlich. Gegen Japan wirkte die Seleção zeitweise wie ein Sportwagen mit durchgedrücktem Gaspedal, aber ohne Navigationssystem. Viel Tempo, viel Lärm, jede Menge PS – nur die Richtung stimmte nicht immer. Blindwütig, hektisch, manchmal geradezu kopflos rannten die Gelben an. Japan half allerdings kräftig mit.

Die Samurai Blue, in der Vorrunde noch mutig und frech unterwegs, schienen plötzlich Angst vor der eigenen Courage zu bekommen. Statt den Brasilianern die Stirn zu bieten, bauten sie eine Festung, zogen sich immer weiter zurück und warteten darauf, dass der Sturm vorüberzieht. Fußball kann grausam sein: Wer nur das Unentschieden verwaltet, verliert am Ende oft den Mut gleich mit.

Als die ersten Fans bereits auf die Verlängerung setzten, zog Ancelotti seinen letzten Trumpf. Gabriel Martinelli. Ein Kontakt, ein Abschluss, ein Tor. 2:1. Nicht schön. Nicht kunstvoll. Aber genau die Sorte Sieg, die Weltmeister am Ende mit nach Hause nehmen.

Brasilien spielte diesmal keinen Samba. Es spielte Überzeugung. Und manchmal gewinnt der Glaube an die eigene Stärke eben auch gegen die schönste Spielidee.

Ganz anders Deutschland

Längst verflogen der Nimbus, andere Teams hätten immer Angst vor Deutschland. Es scheint fast so, als hätten sie nicht einmal mehr Respekt. Die DFB-Elf schaffte das Kunststück, Paraguay – den siebtbesten Gruppendritten – über 90 Minuten eher aufzubauen, als zu beeindrucken.

Kai Havertz traf zwar, wirkte aber so frisch wie ein Espresso vom Vortag. Deniz Undav durfte beginnen, blieb jedoch nahezu unsichtbar. Das Offensivspiel erinnerte phasenweise an eine WG-Küche: Jeder machte irgendetwas – aber niemand wusste so genau, wer eigentlich kocht. Und vor allem, wer den Dreck wegmacht.

Deutschland fremdelte mit sich selbst. Zu viele Ich-AGs, zu wenig Mannschaft. Ideen entstanden allenfalls zufällig und verschwanden meist schon am gegnerischen Strafraum wieder.

Dann schien Jonathan Tah doch noch den Knoten zu zerschlagen. Wuchtiger Kopfball. 2:1. Boston explodierte. Doch kaum hatte sich der Jubel seinen Weg durch die Fankurven gebahnt, meldete sich der eigentliche Regisseur moderner Fußball-Dramen.

Der VAR. Der Schiedsrichter trottete zum Monitor. Alle warteten. Ganz Deutschland hielt kollektiv um Mitternacht den Atem an. Foul am Torwart? Echt? Kein Tor. Aber auch kein richtiges Foul.

Aus Held wurde Rückblende. Julian Nagelsmann sprang an der Seitenlinie herum wie Rumpelstilzchen nach einem schlechten Börsentag. Arme in der Luft, Blick Richtung Himmel, Diskussion mit dem vierten Offiziellen – allerdings beantwortet keine dieser Gesten die entscheidende Frage: Wie knackt man eigentlich Paraguay? Eigentlich gar nicht, wie sich später herausstellen sollte.

Im Elfmeterschießen wurde Torwart Gill endgültig zum Nationalhelden. Sein Tor wirkte plötzlich kaum größer als ein Briefkastenschlitz. Havertz halbschwach, gehalten. Nick Woltemade schoss entsprechend zaghaft. Leichte Beute. Paraguay gestaltete zwar mit einem Fehlschuss die Lotterie spannend, doch Jonathan Tah jagte den Ball anschließend in die 4. Etage, Flutlichthöhe.

Der Rest ist paraguayische Fußballgeschichte. Deutschland fliegt nach Hause. Und ehrlich gesagt überrascht das kaum. Nicht einmal die Berliner Sofarunde der Öffentlich Rechtlichen.

Überzeugt hat die DFB-Elf bei dieser Weltmeisterschaft eigentlich nur gegen Curaçao. Danach folgte Stückwerk statt Spielfluss, Hoffnung statt Überzeugung. Noch bedenklicher als das Ergebnis war allerdings die Körpersprache.

Nagelsmann wirkte über weite Strecken wie ein Mann, der seine eigene Mannschaft nicht mehr erreicht. Abwinkend. Grimmig. Lamentierend. Fast so, als wolle er jeden Schiedsrichter bekehren, statt seine Spieler zu inspirieren. Ein Trainer muss in schwierigen Momenten der Leuchtturm sein – nicht das Nebelhorn.

Diese Weltmeisterschaft zeigt einmal mehr ihre schönste Eigenart. Favoriten reisen mit Business-Class-Tickets an – und fliegen manchmal Economy zurück. Außenseiter dagegen brauchen weder Glamour noch Hochglanzbroschüren. Sie brauchen nur elf Spieler, die für einander laufen, leiden und glauben.

Brasilien lebt weiter – nicht weil es glänzte, sondern weil es niemals aufhörte, an sich zu glauben. Deutschland dagegen verlässt die Bühne mit der Erkenntnis, dass Talent allein keine Eintrittskarte ins Viertelfinale ist.

Die Schlacht von Boston hatte viele Verlierer. Der größte war die deutsche Selbstverständlichkeit. Vielleicht ist genau das das wahre WM-Delirium.

Man glaubt, Geschichte schreiben zu können. Bis die Geschichte plötzlich einen selbst schreibt. Es sei nachgereicht, wie geprügelte Hunde schlich die gesamte Mannschaft in die Katakomben. Erst einmal keine O-Töne. Das aber war am Ende fast schon egal…

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