Der Leserbrief zum Gestern in der DDR als Mahnung an das Heute in der Berliner Republik

Man konnte fröhlich sein, unbeschwert aufwachsen, wenn man nicht an die Politik rührte. Darin verstanden die Genossen absolut keinen Spaß. Aber die meisten wollten ja nur leben.

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Meine Kindheit und meine Jugend in der DDR waren sehr unbeschwert, obwohl meine Mutter nicht viel verdiente und mein Vater früh starb. Wir fuhren immer in den Urlaub und kaum mit der Gewerkschaft, sondern meist immer in eine private Unterkunft. Und ja, man konnte fröhlich sein, unbeschwert aufwachsen, wenn man nicht an der Politik rührte. Darin verstanden die Genossen absolut keinen Spaß. Aber die meisten wollten ja nur leben. Okay, wir hatten kein Auto, war nicht nötig. Wenn wir ein Auto brauchten, bestellten wir uns ein Taxi, was nicht sehr teuer war. Wir machten uns mehrheitlich genau so wenige Gedanken über die Gegenwart, wie die heutige Jugend. Aber eben: Nur nicht an die Politik rühren. Aber rund 87% des Wahlvolkes leben heute ebenso. Ich will jetzt um Gotteswillen die DDR nicht reinwaschen, es war eine Diktatur und wehe, jemand ging nicht zur Wahl oder, je nach Betrieb und Vorgesetzen, man kam nicht zur 1. Mai-Demo. Zeitungen waren – wie heute – nicht lesbar, Zeitschriften ebenso wenig. Man war im Prinzip in der inneren Gruppenemigration.

Man hatte seine Gruppe, dort sprach man frei und man amüsierte sich. Jeder hat seine eigene Wahrheit, je nach dem, wie er gelebt hat. Als ich in der Schule/Berufsschule war Mitte der 1950er Jahre bis Ende der 1960er Jahre, gab es die FDJ immer nur auf dem Papier. Man war drinnen und gut. Es geschah nichts. Bei unseren Jungen in den Ende 1970er Jahren/1980er Jahren war das ebenso. Nur eben – die Politik musste draußen vor bleiben, sonst gab es Ärger.

Nie wieder möchte ich zwischen einfachen Alltagsleben und Politik trennen müssen, aber es entwickelt sich wieder in diese Richtung. Übergestülpt wurde das System schon, aber die meisten wollten es genau so wie meine Familie. Natürlich ist es schwer, ein sozialistisches System in ein kapitalistisches zu verwandeln. Das brachte auch viele persönliche Opfer der Menschen und auch – logischer Weise – Ungerechtigkeiten. Der Vertrag wurde vielleicht etwas hastig ausgehandelt und dadurch wurde vieles zu oberflächlich behandelt, was grundlegend anders in der DDR war als in der früheren BRD, was man eigentlich nicht so einfach adaptieren konnte. Aber die Zeit hätte sicherlich nicht dazu ausgereicht, ehrlicher zu verhandeln.

In den 1980er Jahren, ja das stimmt, wurde die Versorgungslage schlechter und es legte sich etwas Bleiernes auf unser aller Leben. Ich glaube jeder Normalo merkte, das wir am Ende angekommen waren. Wenn nun die heutige Deindustrialisierungspolitik weiter gefahren wird, werden wir in einigen Jahren wieder merken, dass wir am Ende angekommen sind.

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