Zum Tod des politischen Urgesteins Hubert Aiwanger

Aiwanger wird fehlen. Und sei es nur ganz weit unten als Projektionsfläche einer hochnäsigen urban-woken Pseudo-Elite, mit der es Aiwanger verständlicherweise ohnehin nicht konnte.

picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Bayerns Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger ist tot. Am 4. November ist der Chef der Freien Wähler (FW) auf Bundesebene und in Bayern mit nur 55 Jahren plötzlich in einem Berliner Hotelzimmer verstorben. Aiwanger wollte an diesem Tag mit der Eröffnung einer FW-Bundesgeschäftsstelle erneut den bundesweiten Anspruch seiner Partei bekräftigen.

Aiwanger wird nicht nur seinen Parteifreunden, Anhängern, Bewunderern fehlen, sondern auch seinen Gegnern, Feinden und Verächtern. Denn mit Aiwanger verschwindet in einer Zeit woke-links und pseudobürgerlich rundgelutschter Politszenen ein Original. Ein „Urviech“, wie man in Aiwangers niederbayerischen Heimat sagen würde. Nicht ganz unähnlich einem Franz Josef Strauß, der es als Sohn eines Metzgers zum Bundesminister, Kanzlerkandidaten und Ministerpräsidenten brachte. Aiwanger auch hier durchaus vergleichbar: Er ist Sohn eines Schweine- und Rinderzüchters. Dieser biographische Hintergrund jedenfalls steht bei beiden für Bodenständigkeit und Nähe zu den sogenannten kleinen Leuten.

Nun ist diese Karriere zu Ende, die eigentlich eine Ein-Mann-Karriere mit viel Durchhaltevermögen, Unbeirrbarkeit und Dickschädeligkeit war.

Die Karriere des Hubert Aiwanger (*1971) ist überschaubar, weil geradlinig: Abitur 1990, Grundwehrdienst, 1995 Abschluss als Diplom-Agraringenieur (FH), dann Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb, sieben Jahre lang Mitarbeit im Vorstand der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) im Landkreis Landshut. 2001 Eintritt bei den 1997 gegründeten Freien Wählern (FW), FW-Ortsvorsitzender in Rottenburg, Kreisvorsitzender in Landshut und ab 2006 FW-Landesvorsitzender in Bayern. 2008 mit 10,2 Prozent erstmals Einzug der FW in den Bayerischen Landtag; Aiwanger wird Fraktionsvorsitzender. 2010 Vorsitzender der FW auf Bundesebene. Nach der Landtagswahl von 2018 Koalition der FW (11,6 Prozent) mit der CSU (37,2 Prozent); Aiwanger war seither Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie und zugleich Stellvertreter des Ministerpräsident Markus Söder. Zur Landtagswahl 2023 steigerten sich Aiwangers FW auf 15,8 Prozent. Aiwanger konnte gegenüber Söder noch selbstbewusster auftreten.

Aiwangers größter politischer Erfolg und sein größter politischer Misserfolg liegen allerdings nur 13 Monate auseinander: Der von Aiwanger erhoffte Einzug der FW bei der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 scheiterte mit 1,5 Prozent Zweit- und 2,5 Prozent Erststimmen kläglich. Nicht minder kläglich scheiterte Aiwangers Vision, mit drei direkt gewählten FW-Kandidaten (darunter er selbst) in den Bundestag einzuziehen. Gut ein Jahr später feierten Aiwangers FW bei den bayerischen Kommunalwahlen vom 8. März 2026 einen grandiosen Erfolg. Vor dieser Kommunalwahl stellte die CSU 53 der 71 Landräte. Nun sind es nur noch 40. Die FW haben die Zahl ihrer Landräte insgesamt verdoppelt: von 14 auf 28.

Leicht hatte es die CSU mit Aiwanger seither nicht. Aber was blieb einem Markus Söder, dessen CSU unter seiner Führung nie auch nur annähernd an die ominösen 40-plus-Prozent heranreichte, anderes übrig, als mit Aiwanger weiter zusammen zu arbeiten. Söder konnte auch im Herbst 2023 nicht anders, auch wenn eine gewisse Süddeutsche Zeitung im Spätsommer 2023, also kurz vor der anstehenden Landtagswahl, nichts unversucht ließ, um Söder ins „grüne“ Bett zu zwingen.

Hintergrund: Ein früherer Lehrer Aiwangers war über Monate hinweg auf Stammtischen damit hausieren gegangen, dass er etwas in der Hand habe, was Aiwanger das Genick brechen werde: nämlich ein 35 Jahre altes, aus dem Schuljahr 1987/88 stammendes antisemitisches Flugblatt – angeblich vom 16/17-jährigen Hubert A. verfasst. Für den Lehrer und die betreffende Zeitung wurde es ein riesiger Flop. Gegen den Lehrer wird auch 2026 noch – weil damals Mitglied des Disziplinarausschusses – wegen Verletzung eines Dienstgeheimnisses ermittelt; die Zeitung handelt sich viele Abo-Kündigungen ein und Aiwangers FW legten gegenüber 2018 um 4,2 von 11,6 auf 15,8 Prozent zu.

Wie geht es nach Aiwangers Tod weiter in Bayern? Einen mit Aiwanger vergleichbaren Kopf gibt es bei den FW nicht. Der seine Partei recht autoritär führende Aiwanger hat auch niemanden hochkommen lassen. Aiwangers Parteivizes und seine FW-Kabinettskollegen sind da wohl zu brav und zu bieder. Von daher wird Söder für zwei Jahre bis zur Landtagswahl 2028 leichtes Spiel haben. Dann aber wird es für die FW und auch für Söder spannend. Denn dann ist es sehr ungewiss, ob es wieder zu einer CSU/FW-Koalition reicht. Die 15,8 Prozent von Aiwangers FW vom 8. Oktober 2023 werden sich kaum wiederholen lassen. Wird Söder dann doch ins „grüne“ Bett steigen?

Aiwanger wird so oder so fehlen. Und sei es nur ganz weit unten als Projektionsfläche einer hochnäsigen urban-woken Pseudo-Elite, mit der es Aiwanger verständlicherweise ohnehin nicht konnte.

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