Seit einigen Tagen dürfen Bürger kein Rattengift mehr auslegen. Schon können sich die Kammerjäger nicht retten vor Anfragen. Wir halten Gesundheit für selbstverständlich und müssen jetzt lernen, dass Hygiene einen Preis hat.
picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
Wenn Sie einen sicheren Arbeitsplatz suchen in Deutschland, dann bieten sich ein paar Berufe an. Wärmepumpen-Installateur zum Beispiel oder Diversity-Beauftragter. Etwas überraschend, kommt gerade noch einer dazu: Schädlingsbekämpfer.
Die Kammerjäger, wie sie im Volksmund immer noch heißen, verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Aufträge. Denn seit wenigen Tagen dürfen Privatleute einen Rattenbefall nicht mehr selbst mit Gift bekämpfen. Schon seit April dieses Jahres darf Otto Normalmensch die gängigen Rattenköder mit blutgerinnungshemmenden Wirkstoffen – wissenschaftlich Antikoagulanzien genannt – nicht mehr erwerben. Seit dem 23. Oktober 2026 dürfen nun auch private Restbestände nicht mehr verwendet werden.
Fachbetriebe bestätigen, dass seitdem die Anfragen geradezu explodiert sind. Aber natürlich gibt es deshalb ja nicht plötzlich mehr Schädlingsbekämpfer als vorher. Viel mehr Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot – jeder Studienanfänger in Volkswirtschaftslehre weiß, was jetzt passiert: Die Preise steigen, die Wartezeiten werden länger.
Nur die Ratten warten nicht.
Was verboten ist
Betroffen sind also die Antikoagulanzien: jene Wirkstoffe, die bisher jeder Hausbesitzer aus dem Baumarkt kannte.
Man unterscheidet die erste Generation mit Warfarin, Chlorophacinon und Coumatetralyl von der potenteren zweiten Generation mit Wirkstoffen wie Bromadiolon oder Brodifacoum. Die zweite Generation war Laien ohnehin längst verwehrt. Jetzt ist auch die erste weg. Wer trotzdem Gift auslegt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden kann. Ein saftiger Tarif für das Auslegen eines Köders im eigenen Keller. Und in Einzelfällen kann das sogar als Straftat gewertet werden.
Selbst die Profis bekommen ein paar Daumenschrauben: Gift darf nicht vorbeugend, sondern nur bei nachgewiesenem Befall zum Einsatz kommen. Es gibt eine Pflicht zu wöchentlicher Kontrolle und lückenloser Dokumentation. Lustig dabei: Es gibt gar kein EU-weites Verbot. Brüssel hat nur die Wirkstoffe auf Basis der EU-Biozid-Verordnung neu bewertet. Erst die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat daraus das Totalverbot für Privatleute gemacht.
Man wundert sich etwas, wie penibel die deutsche Bürokratie plötzlich sein kann, wenn es um etwas so Bedeutendes geht wie Rattengift auf Privatgrundstücken.
Darüber, wie oft der geplagte Bürger bisher selbst zu den nun verbotenen Ködern gegriffen hatte, gibt es keine öffentlich zugängliche amtliche Statistik – auch das ist überraschend bei angeblich doch so gefährlichen Stoffen. Jedenfalls standen die Packungen in jedem Baumarkt und sie machten fundamentale Hygiene preiswert: Rattengift kostete rund 20 Euro. Der Einsatz eines Profis kostet dagegen etwa 400 Euro.
Der Staat hat die Selbsthilfe von Millionen Bürgern also 20-mal teurer gemacht. Verzwanzigfacht, per Federstrich.
Rattenreich
Wie viele der großen Nager mit dem schlechten Ruf es gibt, kann nur geschätzt werden. Nach einer Faustformel der Schädlingsbekämpfer kommen auf jeden menschlichen Einwohner unseres Landes mindestens zwei bis drei Ratten. In Deutschland sind das entsprechend zwischen 167 und 250 Millionen Tiere.
Ein einziges Rattenpaar kann unter günstigen Bedingungen mehrere Hundert Nachkommen im Jahr haben; ohne konsequente Kontrolle wächst die Population exponentiell. Und das auch schon ganz ohne Rattengift-Verbot: Im Jahr 2024 gab es in Berlin 8.547 abgeschlossene Rattenbekämpfungen. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg stiegen die Vorgänge allein in den ersten sechs Monaten gegenüber dem Vorjahr um rund 30 Prozent.
Der Deutsche Schädlingsbekämpfer-Verband hatte früh gewarnt, dass ohne die private Anwendung von Rattengift die Rattenpopulation explodieren werde. Und die Kapazitäten der Branche lassen sich höchstens mittel- bis langfristig ausbauen: Fachkräftemangel auch hier.
Das Ganze ist keine Frage der Ästhetik. Ratten übertragen mehr als 100 Infektionskrankheiten, darunter potenziell tödliche Erreger wie Leptospiren. Zwischen 2003 und 2023 wurden in Deutschland 2.231 Leptospirose-Fälle gemeldet; Forscher gehen von einem tatsächlichen Anstieg aus.
Schwarzer Tod
Wer Ratten für ein Hygieneproblem zweiter Klasse hält, hat in Geschichte geschwänzt.
Zwischen 1347 und 1352 raffte der Schwarze Tod mehr als 25 Millionen Europäer dahin. Jeder dritte (!) Bewohner Europas starb an der Pest. Der Erreger Yersinia pestis reiste im Floh, der Floh reiste auf der Hausratte, die Ratte reiste auf den Handelsschiffen. Schon die Justinianische Pest des sechsten Jahrhunderts folgte diesem Muster. Die dritte Pandemie ab 1855 kostete in Indien und China mehr als zwölf Millionen Menschen das Leben; erst damals entdeckte Alexandre Yersin den Erreger, und Paul-Louis Simond wies den Weg von der Ratte über den Floh zum Menschen nach.
Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus hat diesem Grauen 1947 ein literarisches Denkmal gesetzt. „Die Pest“ beginnt mit einer toten Ratte, über die der Romanheld („Doktor Rieux“) im Treppenhaus stolpert. Dann sterben erst die Ratten zu Tausenden auf den Straßen der algerischen Stadt Oran, danach sterben dann die Menschen. Am Ende steht die Warnung von Camus: Der Bazillus verschwindet nie. Er wartet geduldig in Kellern und Wäschetruhen – bis er eines Tages seine Ratten wieder in eine glückliche Stadt schickt.
Eine glückliche Stadt: Das ist das Deutschland von heute.
Preis der Gesundheit
Hygiene gilt uns als so selbstverständlich wie volle Regale im Supermarkt und wie die wohlig-warm geheizte Wohnung. Sauberkeit ist für uns einfach da, so wie Strom aus der Steckdose.
Vergessen ist, dass all das erarbeitet wurde – und dass es einen Preis hat, der sich nicht nur in Euro bemisst.
Der nicht-kommerzielle Preis der Nahrungssicherheit heißt Tierhaltung. Der nicht-kommerzielle Preis der Hygiene heißt Rattengift. Die Nager sterben daran keinen angenehmen Tod. Sie verbluten innerlich, über Tage. Das ist sehr unschön. Doch es ist auch notwendig. Viele Jahrzehnte haben wir bewusst die Ratten diesen Preis bezahlen lassen – weil die Alternative lautet, dass Menschen sterben. Nicht direkt, nicht sofort, aber zuverlässig.
Die zivilisierte Gesellschaft muss sich entscheiden: zwischen toten Menschen und toten Ratten. Sie hat sich lange richtig entschieden.
Doch jetzt kippt es, wie so vieles. Tierschutz ist ehrenwert. Aber hier wird er – wieder einmal – überdehnt bis in die Absurdität. Das Muster ist bekannt: Der Wolf ist eigentlich nur ein Hund und im Prinzip ein Kuscheltier. Die Ratte ist eigentlich nur ein Hamster und ebenfalls im Prinzip ein Kuscheltier.
Doch Wölfe sind keine Hunde und Ratten sind keine Hamster. Wer das nicht glaubt, lese die Akten: In Bayern haben die Gesundheitsbehörden sogar einen Leptospirose-Ausbruch im Zusammenhang mit der Haltung von Farbratten untersucht. Wenn schon eine solche Heimtier-Zucht lebensgefährliche Krankheiten überträgt – was überträgt dann wohl die Kanalratte auf dem Spielplatz?
Was funktioniert, wird abgeschafft
Das bisherige System hat funktioniert. Sogar das notorisch linksradikal-ökogläubige Umweltbundesamt räumte ein: Antikoagulanzien wurden trotz Umweltrisiken zugelassen, weil es keinerlei Alternativen gab.
Die gibt es bis heute nicht.
Nach Einschätzung der Fachverbände fängt man mit Fallen viel zu wenige Ratten. Aber etwas anderes als Fallen darf der normale Bürger jetzt eben nicht mehr benutzen. Wenn das nicht hilft, bleibt ihm nur die Telefonwarteschleife beim Kammerjäger.


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