Linksradikale Abtreibungsbefürworter verüben Farbanschläge und bedrohen sogar Jugendliche, während Lebensrechtler gegen Leihmutterschaft, vorgeburtliche Kindstötung und assistierten Suizid protestieren. Der Marsch selbst bleibt weitgehend ungestört – doch vor allem für junge Lebensrechtler endet der Tag mit einer bösen Überraschung.
Einige hundert Gegendemonstranten haben sich am Rande des Kölner Neumarkts um eine mobile Rednerbühne versammelt. Das Pro Choice Bündnis hat dazu aufgerufen, „Fundis die Hölle heiß“ zu machen und den Marsch für das Leben, der alljährlich vom Bundesverband Lebensrecht (BvL) organisiert wird, zu „verhindern“. Über die sozialen Medien wurden „Feministen“ und „Antifaschisten“ verschiedenster Provenienz zusammengetrommelt, gemeinsame Zugfahrten nach Köln organisiert. Im Vorfeld gab es Infoveranstaltungen, die Rote Hilfe hat einen Leitfaden mit juristischen Tipps zusammengestellt. Darin erfährt man, wie man sich bei einer Festnahme zu verhalten hat und warum man sein Handy zuhause lassen soll: „Im schlimmsten Fall können die gesammelten Daten Strukturen und Genoss*innen ernsthaft schaden.“
„Proletarischer Feminismus für den Kommunismus“, heißt es auf einem Transparent. „AfD Verbot jetzt“, auf einem anderen. Die Rote Frauenhilfe und die Antifa sind zugegen, ebenso die Omas gegen rechts. Jemand verteilt Flyer, die zu einer Demo „für bezahlbaren Wohnraum“ einladen. So bunt die Anliegen, so uniform das Aussehen der Gegendemonstranten: Gedeckte Farben, schwarz dominiert, durchbrochen primär von Prideflaggen und -abzeichen.
Intersektional und queerfeministisch
Auf der Tribüne spricht Lena vom Disability and Mad Pride Bonn – phänotypisch und stimmlich männlich, Pronomen: sie/ihr. Zunächst scheint inhaltlich Übereinstimmung mit den Anliegen des Marsches für das Leben zu bestehen: „Am 2. September wurde erst zum zweiten Mal der Gedenktag an die Ermordeten der T4-Aktion in Nazi-Deutschland veranstaltet. Das betrifft Menschen, die aus eugenischen, sogenannten rassenhygienischen, aus Gründen ihrer wahrgenommenen Behinderung ermordet worden sind von den Nazis“, sagt Lena. Eine Dolmetscherin übersetzt in Gebärdensprache. „Alle Menschen haben ein Recht auf ein selbstbestimmtes, freies, ihr eigenes Glück verfolgendes Leben“. Ein Satz, den die Lebensrechtler nebenan wohl ebenso bejubeln würden wie die hier anwesenden Linksradikalen.
Doch der Marsch für das Leben, heißt es weiter, arbeite daran, „schwangeren und gebärfähigen Menschen diese Rechte abzuerkennen“. Es gehe nicht um „Schutz von ungeborenen Kindern (…), den Erhalt der Menschenwürde, (…) die Würde behinderten Lebens, sondern um Kontrolle andersartiger Menschen und Lebensrealitäten.“ Deshalb schätze Lena die „demokratische Dissenskultur“ des Disability and Mad Pride Bonn. Kein Mensch habe einen Anspruch auf eine Bluttransfusion oder ein Spenderorgan. Ebenso habe „ein Fötus [hat] nicht mehr Recht auf ein durch rechte Machtpolitik diskriminiertes Leben als die Person, die ihn austrägt.“
Fragen unerwünscht
Sie seien hier, um für die Selbstbestimmung der Frau einzutreten, sagen Gegendemonstrantinnen. Darauf angesprochen, was Euthanasie an behinderten Menschen mit dem Marsch für das Leben zu tun hat, der unter anderem dezidiert gegen diese Praxis protestiert, werden sie misstrauisch. „Von welchem Medium sind Sie nochmal?“.
Es folgt das bekannte Spiel: Sobald klar ist, dass ein Reporter von Tichys Einblick vor Ort ist, geht jemand durch die Reihen und warnt: „Redet nicht mit der. Die ist von Tichys Einblick. Die ist von drüben“. Eine zunächst hilfsbereite rumänischstämmige Gegendemonstrantin, die ihre Mitstreiter durchgehend als „Genossen“ bezeichnet, bricht das Gespräch ab, als sie über den Fragesteller informiert wird. Sie bekennt noch, gegen Leihmutterschaft zu sein. Trotzdem verortet sie sich bei den Gegendemonstranten – der Kampf für Abtreibung genießt Priorität. Ein junger Mann mit Sonnenbrille baut sich auf. „Du bist hier nicht willkommen! Geh rüber zu den Kinderfickern!“ Nicht jeder hier steht zur „demokratischen Dissenskultur“.
Den Ausführungen auf der Rednertribüne kann man auch aus sicherer Entfernung lauschen. Im nächsten Redebeitrag wird moniert, dass die Teilnehmer des Marsches für das Leben nicht interessiere, dass „schwarze Jugendliche in Begegnungen mit der deutschen Polizei ums Leben gebracht“ würden. „Wir müssen über Rassismus sprechen, wir müssen über Ableismus sprechen“, sagt einer der Moderatoren.
Unbeeindruckt von Farbanschlägen und Rauchbomben
Nicht weit entfernt, dort, wo sich die Marschteilnehmer sammeln, erklärt einer von ihnen: „Abtreibung wurde von rassistischen Eugenikern gefördert. Die wollten weniger Afroamerikaner und so.“ Sein Freund schaltet sich ein. „Island hat, glaube ich, die geringste Zahl von Kindern mit Downsyndrom, weil die alle abgetrieben werden. Das sind modern eugenics. Das ist dasselbe wie das, was das Dritte Reich gemacht hat.“ Inhaltliche Eintracht also zwischen Disability and Mad Pride Bonn und den jungen Mitgliedern der orthodoxen Kirchengemeinden, die hier gemeinsam zum Marsch für das Leben gekommen sind.
- Festname eines als Ordner getarnten Gegendemonstranten
- Festnahme nach dem Farbanschlag
Tatsächlich suchen einige Gegendemonstranten das Gespräch, sagt eine Mitarbeiterin der Jugend für das Leben. Sie scheint erstaunt darüber. Kein Wunder, gerade erst hat ein als Ordner verkleideter Gegendemonstrant einen Farbanschlag auf den Stand verübt. „Drei Sekunden hat das vielleicht gedauert“, sagt Martin, der ebenfalls am Stand mithilft. Das gesamte ausliegende Material sei unbrauchbar gemacht worden, auch Zelt und Spendenkasten haben Farbe abbekommen. In Windeseile werden die Spuren des Angriffs beseitigt. Ein junger Mann packt den Täter entschlossen und schiebt ihn einem Polizisten in die Arme. „Der war das!“, ruft er empört. Fast im gleichen Augenblick wirft jemand eine Rauchbombe, die in Sekundenschnelle aus dem Areal befördert wird. Es stellt sich heraus, dass neben der Jugend für das Leben auch die Ärzte für das Leben Opfer eines Farbanschlags wurden. Auch das große Transparent des Marsches wird in Mitleidenschaft gezogen.
Die meisten Teilnehmer bekommen von diesen Vorgängen nichts mit. Die Stimmung ist gelöst, in einem Zelt wird Kinderschminken angeboten, an den Infoständen ist reger Betrieb, Wasser und Gebäck werden verteilt. Joana aus Polen will ihre „Stimme den Ungeborenen geben“, Maria aus Peru findet wichtig, dass es mehr Hilfen und Angebote für Mütter gibt. Mitten auf dem Platz steht eine kleine Gruppe schwarzgekleideter Jugendlicher im Grunge-Look. Sie bleiben schweigsam, während eine quirlige 18-Jährige aus ihrer Gruppe Auskunft gibt. Sie sind aus Trier angereist. Warum? „Jemand muss sich ja einsetzen für die Kinder, die keine Stimme haben; vor allem behinderte Kinder haben ein Recht, geboren zu werden.“
Lebensrechtler: Zunehmend jung, zunehmend männlich
Neben den anwesenden Familien fällt vor allem die starke Präsenz junger Männer auf. „Jedes Menschenleben ist wertvoll“, sagt Roman, Anfang 20. Das Grundgesetz garantiere körperliche Unversehrtheit. „Das gilt unabhängig davon, wo man sich befindet.“ Julius fügt hinzu: „Es ist so viel Liebe in der Welt. Jeder soll die Chance haben, diese Liebe zu erfahren.“ Warum sie als Männer vor Ort sind? „Gerade wir Männer sollten Frauen zur Seite stehen“, findet Constantin.
Das ist auch ein bestimmendes Thema auf der Kundgebung, die dem Marsch vorausgeht. Der evangelische Theologe Markus Voss appelliert an Männer, Verantwortung zu übernehmen. Sieben von zehn der betroffenen Frauen würden nicht über eine Abtreibung nachdenken, sagt er, wenn sie auf eine stabile Partnerschaft und einen zuverlässigen Partner zurückgreifen könnten.
Viele Männer seiner Generation seien von ihren eigenen Vätern im Stich gelassen worden, hätten tiefe Verletzungen erfahren. „Wir können zeigen, dass es besser geht“, ruft der den Anwesenden zu. Kinder seien kein nerviges Nebenprodukt der eigenen sexuellen Selbstverwirklichung. Und ganz direkt: Ein Mann habe „nichts zu suchen“ im Bett einer Frau, für die er nicht einstehen wolle. Männer sollten „nicht Teil des Problems bleiben, sondern Teil der Lösung werden“, so Voss. Fordert er hier das Patriarchat, das die Gegendemonstranten als Problem schlechthin betrachten? Womöglich.
Frauen im Schwangerschaftskonflikt ruft er zu: „Wir kriegen das organisiert“. Ob Hilfe bei „Papierkram“ und Behördengängen, Begleitung zum Frauenarzt, Organisation von Hebammen und Tagesmüttern, eine kostenlose Unterkunft, finanzielle und andere Hilfe bis weit über die Geburt des Kindes hinaus, „bis ins Kindergarten- und Grundschulalter“ – all das sei möglich. Vor wenigen Minuten wurde genau das auf der Gegendemo in Abrede gestellt: „scheißegal“ sei den Lebensrechtlern, was nach der Geburt geschehe.
Skurrile Störer
Das Bühnenprogramm wird kurz unterbrochen: Wieder haben sich Gegendemonstranten eingeschleust, versuchen, die Bühne zu stürmen. Einige von ihnen haben sich sogar so verkleidet, wie sie sich „Fundis“ vorstellen: Eine junge Frau trägt einen knöchellangen geblümten Rock, Kreuzohrringe und eine unförmige weiße Bauernbluse, ein junger Mann hat sich zur charakteristischen runden Brille die beigen Gabardinehosen des gut katholischen urbanen Kirchgängers besorgt und seinen Pullover lässig um die Schultern gelegt – um die Lebensrechtler zu sabotieren, muss man unter Umständen sogar zu gepflegter Garderobe greifen. Mit den gewohnten Slogans enttarnen sich die Störer selbst – und werden von der Polizei umstandslos vom Platz befördert und eingekreist. Auf der Bühne geht das Programm weiter.
- Langer Rock, Kreuzanhänger – wie eine Linke sich Fundamentalisten vorstellt
- Ein Undercover-Abtreibungsbefürworter
Ludwig Brühl berichtet von seinen Recherchen auf der Leihmutterschaftmesse „Wish for a baby“ in Köln, wo ihm angeboten wurde, ein Kind zu kaufen. Soll es blond sein? Das geht, ist aber teurer. Eindringlich spricht er sich gegen den Handel mit Frauenkörpern und Kindern aus.
Eine Teilnehmerin empfindet das Bühnenprogramm in diesem Jahr nicht als zufriedenstellend. Sie wünscht sich mehr Raum für die medizinische Perspektive. „Das sind ja nicht nur emotionale Schäden. Leihmutterschaft und Abtreibung, das ist erstmal Körperverletzung, meiner Ansicht nach. Das wäre schon gut, wenn da auch diese medizinischen Fakten zur Sprache kämen.“
Der Kontrast zwischen Fakten hier und der Proklamation von Schlagworten auf der Gegendemonstration ist dennoch eklatant. Über ein Fünftel seiner Generation sei durch Abtreibung getötet worden, sagt Markus Voss. 400 Kinder pro Werktag, fügt Mona Schwaderlapp hinzu, eine der Organisatorinnen des Marsches für das Leben. Sie fordert „eine Kultur, die Mütter willkommen heißt“ und wertschätzt. Das statistisch am häufigsten abgetriebene Kind sei das dritte, so Schwaderlapp – ein Indiz dafür, dass häufig wirtschaftliche Probleme hinter der vorgeburtlichen Kindstötung stecken.
Die Gegendemonstration geht auf die Realitäten, die Abtreibung mit sich bringt, mit keiner Silbe ein. Das Schlagwort „Selbstbestimmung“ genügt, wird als selbsterklärende und hinreichende Legitimation aufgefasst.
Provozieren statt argumentieren
Obwohl die Organisatoren des Marsches die Teilnehmer inständig gebeten haben, sich nicht ärgern zu lassen, stürmt einer gleich zu Beginn des eigentlichen Demonstrationszugs auf zwei Frauen zu, die mit Trillerpfeife und Slogans provozieren. Er redet auf sie ein.

Die Szene zieht Kameraleute an. Eine der Frauen will nicht gefilmt werden, aber auch nicht aufhören zu rufen. Die eine Hand zum Trichter über der Oberlippe geformt, streckt sie ihren rechten Arm in Richtung Kamera, um die Linse zu verdecken. Eine unfreiwillig komische, unabsichtliche Hitlerparodie, die auf eigentümliche Weise im Einklang steht mit der wirren Botschaft der Gegendemonstranten, die zwar gegen Nazi-Eugenik sein wollen, zugleich aber voller Hass jene niederbrüllen, die hier gegen Eugenik demonstrieren.
Der Zug durch die Kölner Innenstadt verläuft ansonsten fast ungestört. Mittlerweile scheint die Polizei im Umgang mit den Gegendemonstranten ebenso routiniert zu sein wie in Berlin. Die Lebensrechtler marschieren um eine kleine Sitzblockade herum, aus einem Bollerwagen tönt Musik, die Laune ist gut.
Kölner Passanten: Klare Meinung, wenig Faktenwissen
Zuletzt folgen Rosenkranz betende Teilnehmer, einige von ihnen, mit roten Schärpen und einem Banner, gehören der Organisation Tradition, Familie und Privateigentum an, einer aus Brasilien stammenden antikommunistischen Organisation. Die fallen einer Passantin negativ auf. „Buh“, ruft sie laut, als die Beter passieren. Auf ihre Reaktion angesprochen, zeigt sie sich differenzierter. Sie sei wahrscheinlich gar nicht gegen alle, die da mitziehen, sagt sie. Sie habe den Eindruck, dass es da um ganz unterschiedliche Themen gehe. Aber wenn Sie „diese Männer“ sehe, „die für die Kirche stehen“, da schnüre es ihr die Kehle zu. Ein Mann schaltet sich ein: „Die sind gegen behinderte Kinder!“, sagt er empört. Auf die Frage, was ihm diesen Eindruck vermittelt, sagt er, während er sich abwendet: „Das haben die gesagt, hören Sie mal genau hin!“.
Eine Frau, etwa Mitte 60, steht mit einem Schild mit der Aufschrift „My body my choice“ am Straßenrand. Auf der Rückseite hat sie Forderungen an die Lebensschützer formuliert. Sie stört sich an den „AfD-Ansichten“ und an den Deutschlandfahnen. Während sie das sagt, lässt sie den Blick über den Demonstrationszug schweifen und merkt, dass keine zu sehen sind. Ja, sie müsse zugeben, das sei dieses Jahr schon weniger. Aber dennoch. Frauen müssten die ganze Last tragen, die Armut und die soziale Not. Deshalb ist sie für Abtreibung.

Vor einem Second-Hand-Pop-Up-Store stehen einige Männer. Sie sind für Abtreibung und erstaunt über die Länge des Zuges. „Dass so viele mitlaufen in Köln!“. Und was ist mit geschlechtsspezifischer Abtreibung von Mädchen in Ländern des globalen Südens? „Das ist ekelhaft“, sagt einer wie aus der Pistole geschossen. Ein anderer nimmt den Faden auf. Er zögert etwas. Natürlich sei das ja schon Leben, man solle nicht abtreiben, weil ein Leben als zu schlecht gelte. Ein Passant erzählt, dass seine damalige Freundin mit 16 Jahren eine Abtreibung durchführen ließ. Das sei die beste Option gewesen, man wolle schließlich für ein Kind auch da sein.
Jugendliche Zukunftsangst
Eine ältere Dame mit faltigem Gesicht, knallrotem Lippenstift und blondgefärbten Haaren ist sich einig mit zwei jugendlichen Mädchen. Schlimm sei das, dass diese Leute hier demonstrieren. Ihre Generation habe dafür gekämpft, abtreiben zu dürfen. Eines der Mädchen bekennt: Sie wolle keine Kinder, weil die Welt so grausam geworden sei. Sie ist fünfzehn.
Ob sie nicht froh wäre, dass ihre Mutter sie geboren hätte, obwohl die Welt vor fünfzehn Jahren auch schon grausam war? „Das wäre mir dann ja egal, ich würde ja nicht existieren.“ Ist sie nicht froh, zu existieren? „Es gibt so viele Milliarden Menschen, so wichtig bin ich nicht. Mir wäre wichtiger, dass meine Mutter über ihren Körper bestimmen dürfte.“
Das Mädchen hat einen klaren Standpunkt. Die ältere Frau ist dennoch entrüstet. Solche Fragen sollten die Jugendliche doch lediglich „ins Unrecht setzen“, meint sie. Die Lebensrechtler wollten ja auch, dass vergewaltigte Frauen das Kind bekommen sollten. „Denn das Kind ist ja dann schon da“, erläutert sie die in ihren Augen empörende Begründung.
Eine junge Frau ruft dazwischen. Das sei doch ein Zellhaufen, ruft sie aufgebracht. Da schlage kein Herz, es treibe ja niemand in der 30. Woche ab. Die Information, dass das Herz ab der fünften Schwangerschaftswoche schlägt, leugnet sie: „Nein, auf gar keinen Fall tut es das.“

Auf der anderen Straßenseite wird, wie man in seinem Live-Stream sehen kann, währenddessen der YouTuber Iggy von Linken tätlich angegriffen. Er begleitet Marsch und Gegendemo über Stunden, um ein ungefiltertes Bild der beiden Kundgebungen zu bieten.
„Jesus liebt euch!“ – „Wir kriegen euch alle!“
Wieder angekommen am Ausgangspunkt, wird Musik aufgedreht – kölsche Lieder erklingen, Jugendliche tanzen eine Polonaise. „Kölle alive“, in der Domstadt ist auch der Marsch für das Leben jeck. Am Rand des Platzes sitzen einige junge Männer. Sie kommen aus einer freikirchlichen Gemeinde und mögen das Treiben nicht so gern. Ben ist 20. Er vermisst die ursprüngliche Botschaft: Es sei schöner gewesen, als es noch ein stiller Marsch war für die, die keine Stimme haben, findet er. „Jesus liebt euch“, antwortet sein gleichaltriger Freund auf die Frage, was er den Gegendemonstranten sagen möchte.
Die sind mittlerweile, mit zeitlicher Verzögerung und gut abgeschirmt, ebenfalls durch die Stadt gezogen und passieren nun ihrerseits den Neumarkt, flankiert von Polizisten, die nun ihre Helme tragen – das war während des Marsches für das Leben nicht notwendig.
Die Trillerpfeifen der Gegendemonstranten schrillen ohrenbetäubend. „Wir kriegen euch alle“, skandieren sie. „Gegen Abtreibung? Versuchs mal mit Vasektomie“, rät die Aufschrift eines Schildes. Ein anderes fordert „abortion for all genders“. Nachdem die Gegendemonstranten vorbeigezogen sind, kehrt langsam Ruhe ein.
Positive Bilanz – mit bitterem Nachgeschmack
Gelöst und gelassen steht Mona Schwaderlapp auf dem Platz, ihr drittes Kind in der Trageschlaufe. Während sie mit dem Säugling sachte hin- und herwippt, zieht sie eine erste Bilanz: 2.100 Teilnehmer seien gezählt worden. Deutlich mehr als die Gegendemonstranten. „Es war ein Fest für das Leben“, sagt sie lächelnd. Der Marsch für das Leben sei eingestanden für das fundamentalste Menschenrecht, das Recht auf Leben.

(c) privat
Der Ausklang des Tages ist weniger freudig. Bei einem kleinen abendlichen Empfang des Bundesverbands Lebensrecht, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, werden die Gäste von Antifa-Anhängern begrüßt – auch Jugendliche werden beschimpft, als sie an den Vermummten vorbeigehen müssen, ein Linksradikaler geht auf sie los, als die Tür für Hinzukommende kurz geöffnet wird.
Auch hier geben sich Linksradikale als Lebensrechtler aus und erlangen Zutritt. Eine von ihnen hat sich sogar einen Luftballon unter das Oberteil geklemmt und tut, als ob sie schwanger sei. Sie wird willkommen geheißen, sitzt mit ihrem angeblich aus Altötting stammenden Begleiter im Gemeindesaal und wird bewirtet.

(c) privat
Für die vertrauensvolle Gastfreundschaft revanchieren sich die Gegner der Lebensrechtler, indem sie WCs verstopfen und Exkremente im Untergeschoss verteilen, bevor sie gefasst und hinausgeworfen werden. Zum Abschied lässt die Antifa noch Schriftzüge an der Außenwand des Gebäudes zurück: „Free Maja“ und „Fundis töten“.
Die Kirchengemeinde kommt es teuer zu stehen, ihre Räumlichkeiten den jungen Lebensrechtlern geöffnet zu haben. Auch so funktionieren Schikane und Einschüchterung. „Demokratische Dissenskultur“ in Reinform.


















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