Bis zu 1000 Menschen rechnet das LKA allein im Raum Leipzig dem syrischen Clan-Milieu zu. Syrische Netzwerke wachsen durch Heirat, Familiennachzug und Schleusung kontinuierlich weiter an. Clan-Forscher Mahmoud Jaraba spricht vom jahrelangen Wegschauen der Politik.
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Im Raum Leipzig haben sich nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts Sachsen syrische Familienstrukturen gebildet, deren Umfang inzwischen auf bis zu 1000 Personen geschätzt wird. Rund 130 davon sind wegen Straftaten aktenkundig, das übrige Umfeld ordnet das LKA Unterstützerstrukturen zu. Der Politikwissenschaftler und Clan-Forscher Mahmoud Jaraba sieht ähnliche Entwicklungen in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und weiteren Teilen Deutschlands und datiert die Entstehung dieser Netzwerke vor allem auf die Jahre seit 2015.
Die besondere Sprengkraft seiner Aussagen gegenüber Focus liegt in der Beschreibung des Wachstums: Verwandte und eng miteinander verbundene Familien heiraten untereinander, immer weitere Angehörige kommen im regulären Familiennachzug nach Deutschland, in einzelnen Fällen kommen noch irreguläre Migration und Schleusung hinzu. Viele Familien ziehen gezielt in Städte und Viertel, in denen bereits Verwandte leben, wodurch innerhalb weniger Jahre große und belastbare Netzwerke entstehen können.
Die neuen Zahlen des Bundeskriminalamts geben dieser Warnung zusätzliches Gewicht. Im Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2025 werden 402 syrische Tatverdächtige geführt, 22,2 Prozent mehr als im Vorjahr; 40 Gruppen der Organisierten Kriminalität werden nach Angaben des Bundesinnenministeriums von syrischen Staatsangehörigen dominiert. Diese Zahlen erfassen ein klar umrissenes Kriminalitätsfeld und dokumentieren eine Entwicklung, für die Sicherheitsbehörden inzwischen eigene Strukturen aufbauen müssen.
Jaraba bezeichnet das jahrelange Wegschauen der Politik als „großen Fehler“. Deutschland habe solche Entwicklungen häufig erst ernst genommen, nachdem Gewalt, größere Drogenverfahren oder andere schwere Straftaten so sichtbar geworden seien, dass sie sich nicht mehr ignorieren lassen und die Netzwerke bereits eine feste soziale Basis aufgebaut hätten. Die 2020 beim LKA Sachsen gegründete „Task Force Clan“ bewertet er als wichtig, zugleich aber auch als relativ spät eingerichtet, weil wesentliche Strukturen zu diesem Zeitpunkt bereits existierten.
Eine vernichtende Zeitrechnung für einen Staat, der sämtliche Instrumente zur Beobachtung solcher Entwicklungen besitzt und offenbar immer mehr Kapazitäten auf die Bespielung der politischen Opposition in Deutschland legen muss.
Seit Jahrzehnten liegen ganz konkrete, schwerwiegende Erfahrungen mit kriminellen Großfamilien in Berlin, Bremen und Nordrhein-Westfalen vor; Ermittler kennen die Bedeutung verwandtschaftlicher Loyalität, die Nutzung legaler Geschäfte und die Schwierigkeiten bei Zeugenaussagen innerhalb eng geschlossener Familienverbände, sogenannter Clan-Strukturen. Mit der großen syrischen Zuwanderung nach 2015 kam eine neue Bevölkerungsgruppe in hoher Zahl hinzu, und erst Jahre später beginnt der Staat systematisch zu erfassen, welche kriminellen Strukturen innerhalb kleiner Teile dieses Milieus entstanden sind.
Jarabas Analyse reicht weit über Leipzig hinaus. Er fordert einen länderübergreifenden Zugriff auf die wirtschaftliche und organisatorische Infrastruktur krimineller Netzwerke und nennt dabei ausdrücklich Geschäfte, Immobilien, Fahrzeuge und Finanzströme. Landeskriminalämter, BKA, Ausländerbehörden, Finanzbehörden und Kommunen müssten ihre Erkenntnisse schnell deutlich enger zusammenführen, weil sich die Familienverbindungen längst über Landesgrenzen und teilweise bis ins Ausland erstrecken. Für ausländische Straftäter, die dauerhaft die innere Sicherheit gefährden, zählt Jaraba auch die Abschiebung zu den Konsequenzen, die ein funktionierender Rechtsstaat durchsetzen muss.
Wie groß die Entfernung zwischen polizeilichem Alltag und politischer Wahrnehmung inzwischen sein kann, zieht sich auch durch Liv von Boettichers Buch „Wir verlieren dieses Land“. Die RTL-Reporterin hat hierzu mit mehr als 100 Polizisten gesprochen und ihre Berichte über Kriminalität, Migrationsfolgen, Gewalt gegen Einsatzkräfte und politische Ohnmacht zusammengetragen. Die anonymisierten Gespräche geben einen einen sehr eindringlichen Einblick in die Erfahrungen von Beamten, die die negativen Folgen politischer Beschlüsse im fernen Berlin später auf der Straße, in Bahnhöfen, bei Razzien und in Ermittlungsverfahren bewältigen müssen.
Die Frage nach den Konsequenzen führt zwangsläufig zum Aufenthaltsrecht und damit auch nach Syrien. Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 hat sich die Grundlage der deutschen Rückkehrdebatte verändert, wobei die Sicherheitslage innerhalb des Landes weiterhin regional erhebliche Unterschiede aufweist. Von Boetticher berichtete bereits 2024 über ein Angebot der autonomen Verwaltung Nordostsyriens, Rückkehrer aus Deutschland aufzunehmen; nach ihrer Recherche seien kleinere Kontingente unmittelbar möglich gewesen, für größere Gruppen habe die dortige Führung den Aufbau zusätzlicher Infrastruktur in Aussicht gestellt.
Im September 2025 reiste von Boetticher nochmals privat durch Syrien und berichtete anschließend von einem Alltag, der sich erheblich von dem in Deutschland verbreiteten Bild eines flächendeckenden Ausnahmezustands unterschied. Sie schilderte ein florierendes öffentliches Leben in Homs und Aleppo und traf nach eigener Aussage auch in Deutschland lebende Syrer, die sich zum Urlaub oder vorübergehend in ihrer früheren Heimat aufhielten. Solche Eindrücke liefern keine flächendeckende Sicherheitsbewertung, sie gehören jedoch zwangsläufig auch in eine dringend zu führende und überfällige Rückkehrdebatte, die regionale Unterschiede präzise erfassen muss.
Wie stark die öffentliche Wahrnehmung von der Auswahl der Bilder geprägt wird, zeigte sich beim Syrien-Besuch von Außenminister Johann Wadephul am 30. Oktober 2025. Sein Programm führte ihn nach Harasta, einen schwer zerstörten Vorort von Damaskus, wo die Fernsehbilder zerbombte Häuser und Trümmerlandschaften zeigten. Der italienische Außenminister Antonio Tajani war bei einer anderen Reise durch Damaskus gegangen und hatte die Umayyaden-Moschee besucht, wodurch ein vollkommen anderes optisches Bild desselben Landes entstanden ist. Der deutschen linken Politik ist offenbar sehr daran gelegen, dass Syrer nicht zurückgeführt werden, was sich auch beim erhöhten Einbürgerungstempo widerspiegelt.
2025 erhielten nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts 65.600 Menschen mit zuvor syrischer Staatsangehörigkeit den deutschen Pass; Syrer stellten damit erneut die größte Gruppe unter allen Eingebürgerten. Seit 2021 liegen sie bei den Einbürgerungen an erster Stelle, allein 2024 waren es rund 83.200.
Dass Syrien inzwischen selbst um ein anderes Bild wirbt, wurde auch im März 2026 auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin sichtbar. Das Land präsentierte sich dort als Reiseziel, der syrische Vize-Tourismusminister warb ausdrücklich um deutsche Besucher, Reiseveranstalter boten historische Stätten und weitere touristische Ziele an. Auch der ARD-„Weltspiegel“ hatte wenige Monate zuvor über gesellschaftlichen Alltag und einen „Neuanfang“ in Syrien berichtet. Solche Bilder erweitern die Tatsachengrundlage einer Debatte, die lange fast ausschließlich von Krieg, Zerstörung und Gefahren geprägt war und jetzt überholt ist.
Für kriminelle Netzwerke erhält diese Entwicklung besondere Bedeutung, weil Jarabas Forderung nach aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen eine tatsächliche Rückführungsmöglichkeit voraussetzt. Der Staat kann seine Ausländerbehörden eng mit der Polizei vernetzen und jahrelang Akten über kriminelle Familienstrukturen führen; ohne vollziehbare Entscheidungen bleibt ein erheblicher Teil dieses Instrumentariums eine ständige Vertagung. Wie im Skandal-Fall von Köln, wo von Amtmitarbeitern offenbar ganz konkret geplante Abschiebungen in Bleibeperspektiven überführt wurden. Ein Staat im Staat.
Genau hier treffen die Berichte von Clan-Forschern und Polizisten auf die politische Frage, welche Konsequenzen aus wiederholter schwerer Kriminalität bei ausländischen Staatsangehörigen praktisch folgen.
Bleibt die Regierung hier weiter konsequent Antworten und konkrete Ausweisungen in großem Umfang schuldig, werden sich die Menschen im Land andere Parteien suchen, die diese Forderungen umsetzen. So schnell können linke Parteien gar nicht einbürgern, um diesem Shift zu entgehen.


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