11. September 2001: Der islamische Anschlag auf die freie Welt

Vor 25 Jahren wurde die freie Welt ins Herz getroffen. Ein islamischer Terroranschlag, dessen Bedeutung so gewaltig, dessen Bilder und Geschichten so unerträglich waren, dass sie sich einer ganzen Generation in die DNA gebrannt haben. Mitten im größten Inferno wurden so viele Menschen zu Helden, weil sie andere retteten und dafür ihr eigenes Leben gegeben haben.

picture-alliance / dpa/dpaweb | epa afp Seth Mcallister

Es gibt Tage, an denen jeder noch weiß, wo er war, als ihn die Nachricht erreichte. An dem Tag war ich beruflich in München und lernte genau dann, während die Bilder des Anschlags auf den Nordturm des World Trade Centers auf einem Screen gezeigt wurden, eine andere junge Frau namens Sofia kennen. Genau gleich geschrieben. Mit dem gleichen zweiten Vornamen, den meine Eltern mir damals geben wollten. Mit dem gleichen Steiff-Stofftier aufgewachsen. Die seltsame Synchronizität der Ereignisse.

Der 11. September 2001 ist für mehrere Generationen ein solcher Tag. Man weiß genau, wo man in dem Moment gewesen ist, was man gemacht hat. Ein eingebrannter Stempel in der Zeit. In Deutschland war es 14.46 Uhr, als American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm des World Trade Centers raste. Die ersten Fernsehbilder liefen über die Bildschirme: schwarzer Rauch quoll aus einem der gigantischen Hochhäuser, das jeder kannte und in dem auch ich wenige Jahre zuvor gestanden hatte und auf Manhattan und die Freiheitsstatue blickte. New York, die Welthauptstadt der Freiheit und des Kapitalismus, brannte. Flammen und endlose Rauchschwaden gegen das strahlende blau eines Spätsommertaghimmels.

Zunächst flüchtete man sich noch die Möglichkeit eines Unfalls. Ein Verkehrsflugzeug, ein Navigationsfehler, eine unfassbare Verkettung. Zu ungeheuerlich die Möglichkeit, es könnte anders sein. Und während zahllose Kameras auf den brennenden Nordturm gerichtetet waren, konnte die ganze Welt live und Deutschland und 15.03 Uhr fassungslos dabei zusehen, wie United-Airlines-Flug 175 auf den Südturm zuhielt, um dort einzuschlagen. Der Feuerball schoss auf der anderen Seite des Gebäudes wieder heraus und stieg wie ein Inferno den Südturm hoch. Von diesem Augenblick an wusste jeder: Amerika wird angegriffen.

34 Minuten später traf Flug 77 das Pentagon. Um 16.03 Uhr stürzte Flug 93 bei Shanksville in Pennsylvania auf ein Feld. Dazwischen fielen in Manhattan zwei Gebäude, deren Silhouette bis dahin so selbstverständlich zu New York gehört hatte wie die Freiheitsstatue. 2.977 Menschen aus mehr als 90 Nationen wurden an diesem Morgen ermordet: 2.753 in New York, 184 am Pentagon und 40 an Bord von Flug 93. Die 19 al-Qaida-Terroristen werden in dieser Zahl nicht mitgezählt.

— Francine (@Francin28577060) September 10, 2026

Niemand wusste, was als Nächstes geschehen würde. Niemand wusste, ob weitere Maschinen unterwegs waren. Menschen standen vor Fernsehern in Büros, Gaststätten und Geschäften. Ganze Straßenzüge blieben stehen. Die Vereinigten Staaten, die nach dem Ende des Kalten Krieges beinahe unangreifbar erschienen waren, wurden vor den Augen der Welt verwundet. Ich bin kein Mensch, der zu Pathos neigt. Aber an diesem Tag und in dieser Zeit danach waren Menschen der freien Welt Brüder und Schwestern. Unsere Brüder und Schwestern wurden angegriffen und verloren ihre Leben durch islamische Terroristen.

Über ihnen das Dach, unter ihnen das Feuer, jeder Weg versperrt

Dieser entsetzliche Tag, an entsetzlichen Schicksalen und Bildern reich, wurde im Entsetzen immer wieder ins Unermessliche gesteigert. Das bodenlose Entsetzen, dass sich in den Stockwerken über den Einschlagzonen abgespielt hat. Dort waren Tausende Menschen zur Arbeit erschienen, hatten Kaffee geholt, ihre Computer eingeschaltet und ihre ersten Telefongespräche geführt. Wenige Minuten später war für viele jeder Fluchtweg abgeschnitten.

Im Nordturm schlug Flug 11 zwischen dem 93. und 99. Stock ein. Die Treppenhäuser nach unten waren in diesem Bereich zerstört oder unpassierbar. Menschen auf den darüberliegenden Etagen waren eingeschlossen. Der Weg auf das Dach versprach ebenfalls keine Rettung. Die Türen dorthin waren verschlossen, eine planmäßige Evakuierung per Hubschrauber existierte nicht. Polizeihubschrauber prüften die Möglichkeit einer Landung oder Rettung. Rauch und extreme Hitze machten sie allerdings komplett unmöglich. Selbst unter idealen Bedingungen hätten Hubschrauber nur einen Bruchteil der Eingeschlossenen aufnehmen können.

In den Büros wurde die Luft immer schlechter. Rauch drang durch Schächte und Türen, die Hitze nahm immer stärker zu. Möbel und Teppiche brannten. Menschen schlugen Fenster ein, weil draußen wenigstens Luft war. Andere telefonierten ein letztes Mal mit ihren Familien. Manche hinterließen Nachrichten auf Anrufbeantwortern, von denen sie wussten, dass sie selbst nicht mehr zu Hause sein würden, wenn sie abgespielt wurden.

Dann erschienen die ersten Menschen an den Fassaden.

Für viele oben gab es am Ende nur noch Möglichkeiten, die keine waren: ersticken, verbrennen – oder in die Tiefe springen. Männer lösten ihre Krawatten. Menschen hielten sich an den Händen. Einige standen minutenlang an offenen Fenstern, bevor sie verschwanden. Andere sprangen.

Von unten sahen Feuerwehrleute und Menschen diese menschlichen Silhouetten gegen die gigantische Stahlfassade fallen. Menschen auf der Straße konnten nichts tun. Sie konnten hinsehen oder den Blick abwenden. Die Stürze der „Jumper“ endeten mit einem lauten Knall auf dem Asphalt oder den Dächern umliegender Gebäude.

Wenn man diese Bilder einmal gesehen hat, wenn man auch nur einen Bruchteil begriffen hat, was es bedeutet, wenn man unbekannte Brüder und Schwestern von anderen Müttern und Vätern sieht, in komplett ausweglosen Situationen, aus denen es kein Entkommen gibt, treibt es einem bis in alle Zeiten einen Schlag. Ein tiefer Stoss ins Herz und Tränen in die Augen. Bis heute gelingt es mir nicht, diese Bilder aus den schlimmsten Alpträumen der Menschheitsgeschichte anzusehen und zu beschreiben, ohne dass sich mein Herz wie in einer Klammer fühlt und mein Gesicht nass ist vor Tränen.

Millionen Menschen erlebten gleichzeitig die vollständige Hilflosigkeit einer hochentwickelten Nation. Es gab Hubschrauber, Feuerwehren und eines der leistungsfähigsten Rettungssysteme der Welt. Keine dieser Einrichtungen konnte die Physik außer Kraft setzen. Hoch oben warteten Menschen auf Hilfe. Umsonst. Ausweglos. Unten wussten Tausende Retter, dass sie zu ihnen mussten. Das ist ein weiterer Grad der Erschütterung, Dieser grenzenlose Mut, der Menschen dazu befähigt, weit über sich hinaus zu gehen und zu wachsen – und den man zu tausenden in New York an diesem Tag sehen konnte.

Während alle herauswollten, gingen sie hinein

343 Angehörige des New Yorker Fire Department  verloren am 11. September ihr Leben, als sie versucht haben, andere Menschen zu retten. Dazu kamen 37 Polizisten der Port Authority und 23 Beamte des NYPD. Viele von ihnen wussten beim Betreten der Türme nicht, wie schwer die Gebäude getroffen waren. Sie sahen die Menschen, die ihnen auf den Treppen entgegenkamen. Sie hörten, welche Stockwerke brannten. Und sie stiegen weiter nach oben.

Dieser Tag der allergrößten Tragödie kennt so viele Helden.

Battalion Chief Orio Palmer war einer von ihnen. Palmer gelangte mit einem Lastenaufzug zunächst bis ungefähr in den 41. Stock des Südturms. Von dort stieg er mit rund 50 Pfund Ausrüstung weiter hinauf. Treppenabsatz für Treppenabsatz. Um 9.52 Uhr erreichte er den 78. Stock, den Sky Lobby unmittelbar in der Einschlagzone von Flug 175. Dort lagen Tote und Schwerverletzte. Palmer funkte erstaunlich ruhig nach unten, es gebe zwei begrenzte Feuerstellen, die man mit zwei Leitungen bekämpfen könne. Gemeinsam mit anderen Feuerwehrleuten befreite seine Mannschaft noch Menschen aus einem Aufzug. Wenige Minuten später, um 9.59 Uhr, stürzte der Südturm ein. Palmer und viele andere kamen nicht mehr heraus.

Die vielen tapferen Männer und Frauen, die ihr eigenes Entsetzen überwunden und funktioniert haben. Der Platz reicht nicht, um sie alle aufzuzählen. Sie sollten wissen, wer sie waren. Dass sie da waren, dass ihr Leben eine Bedeutung hatte. Jeder von ihnen hinterlässt Familie. Freunde. Und eine Geschichte.

Der Franziskanerpater Mychal Judge, Kaplan der Feuerwehr, war ebenfalls in den Nordturm geeilt. Er betete mit Verletzten und Feuerwehrleuten, spendete Beistand und letzte Ölungen. Nach dem Einsturz des Südturms wurde Judge im Kommandobereich des Nordturms tödlich verletzt. Männer trugen seinen Körper aus dem Gebäude. Der Gerichtsmediziner führte ihn später als erstes registriertes Todesopfer des Anschlags.

https://twitter.com/ChristineX2024/status/2097317784380154277

Rick Rescorla

Und dann war da Rick Rescorla. Seine Geschichte liest sich 25 Jahre später wie ein Drehbuch, das man wegen Übertreibung zurückweisen würde. Rescorla war in Cornwall geboren, hatte in der britischen Armee gedient und war später in die Vereinigten Staaten gegangen. Als amerikanischer Offizier kämpfte er in Vietnam. Jahrzehnte später wurde er Sicherheitschef von Morgan Stanley im World Trade Center.

Rescorla hatte die Verwundbarkeit des Gebäudekomplexes früh erkannt. Schon vor dem Bombenanschlag von 1993 hatte er gemeinsam mit seinem Freund Daniel Hill gewarnt, die Tiefgarage sei ein ideales Ziel für einen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen. Am 26. Februar 1993 explodierte tatsächlich eine Bombe in der Tiefgarage des World Trade Centers. Sechs Menschen starben.

Nach diesem Anschlag war Rescorla überzeugt, dass die Terroristen wiederkommen würden. Er hielt sogar einen Angriff aus der Luft für möglich und empfahl Morgan Stanley, das World Trade Center zu verlassen. Das Unternehmen blieb. Rescorla tat daraufhin das, was er beeinflussen konnte: Er bereitete seine Leute auf den Ernstfall vor.

Immer wieder ließ er die Angestellten Evakuierungen üben. Banker mussten Schreibtische verlassen und Treppen hinunterlaufen. Manche hielten ihn für übervorsichtig. Rescorla ließ sie trotzdem weiter üben. Menschen sollten im Augenblick der Panik nicht erst überlegen müssen, was zu tun war. Am Morgen des 11. September saß er im 44. Stock des Südturms. Als die erste Maschine den Nordturm traf, kam über die Lautsprecher die Anweisung, im Südturm zunächst an den Arbeitsplätzen zu bleiben. Rescorla widersetzte sich, er begann sofort mit der Evakuierung.

Mit einem Megafon dirigierte er die Menschen in die Treppenhäuser. Als der Turm erbebte, hielt er sie zusammen. Er sang cornische Lieder, wie er früher Soldaten in Vietnam durch gefährliche Situationen geführt hatte. Fast alle 2.700 Morgan-Stanley-Mitarbeiter kamen heraus; die US-Armee nennt 2.687 gerettete Angestellte. Dann ging Rescorla wieder hinein. Ein Kollege drängte ihn, selbst zu fliehen. Rescorla wollte erst sicherstellen, dass alle anderen draußen waren. Er telefonierte noch mit seiner Frau. Kurz darauf wurde er im zehnten Stock gesehen, auf dem Weg nach oben. Seine Leiche wurde nie gefunden. Wenn es einen Gott gibt, er möge Dich segnen und Dir einen Satz extragroßer Flügel geben, Rick Rescorla.

Der Mann mit dem roten Bandana

Welles Remy Crowther war 24 Jahre alt. Er arbeitete als Aktienhändler bei Sandler O’Neill & Partners im 104. Stock des Südturms. Seit seinem 16. Lebensjahr war er freiwilliger Feuerwehrmann. Von seinem Vater hatte er sich angewöhnt, immer ein rotes Bandana bei sich zu tragen.

Nach dem Einschlag befand sich Crowther inmitten des Infernos. Er band sich das rote Tuch vor Mund und Nase und begann, Menschen aus dem zerstörten Bereich um den 78. Stock zum einzig noch passierbaren Treppenhaus zu führen. Dann ging er zurück. Und wieder zurück.

Überlebende erinnerten sich später zunächst nur an diesen unbekannten jungen Mann mit dem roten Tuch vor dem Gesicht. Er führte Verletzte durch Rauch und Trümmer, half Menschen die Treppen hinunter und kehrte anschließend wieder nach oben zurück. Mindestens zehn, nach verbreiteten Schätzungen bis zu 18 Menschen verdanken ihm ihr Leben. Erst Monate später erkannte seine Mutter anhand der Beschreibungen, wer der unbekannte Retter gewesen war. Crowthers Körper wurde später nahe dem Kommandoposten der Feuerwehr gefunden.

Am 8. September dieses Jahres verlieh Präsident Donald Trump Welles Crowther posthum die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten. Crowthers Mutter Alison und seine Schwester Paige nahmen die Medaille entgegen. 25 Jahre dauerte es, bis der Mann mit dem roten Bandana diese staatliche Ehrung erhielt.

Es gibt Hunderte dieser so unendlich wertvollen Geschichten, die Zeugnis darüber ablegen, warum Amerikaner von vielen Menschen in der Welt Bewunderung erfahren. Sie verstehen, dass es größeres gibt als sie selbst. Sie geben immer wieder ihre Leben für das von anderen.

Stephen Siller hatte seine Schicht beim FDNY bereits beendet und wollte mit seinen Brüdern Golf spielen. Als er über den Funk vom Angriff hörte, fuhr er zurück zu seiner Wache und holte seine Ausrüstung. Der Brooklyn-Battery-Tunnel war bereits für den Verkehr gesperrt. Siller schnallte sich rund 60 Pfund Feuerwehrgerät auf den Rücken und lief zu Fuß durch den fast drei Kilometer langen Tunnel Richtung Manhattan. Er erreichte das World Trade Center. Dort verlor auch er sein Leben. Seine Familie gründete später die Tunnel to Towers Foundation, die bis heute Familien gefallener Einsatzkräfte unterstützt.

Frank De Martini und Pablo Ortiz arbeiteten für die Port Authority im Nordturm. Nach dem Einschlag hätten sie sich retten können. Stattdessen nahmen sie Werkzeug und stiegen nach oben. Die Türen waren durch die Verformung des Gebäudes durch den Einschlag oder Brände verklemmt, Büros abgeschnitten. De Martini und Ortiz brachen Zugänge frei und führten Eingeschlossene zu einem benutzbaren Treppenhaus. Ihnen werden mindestens 50 gerettete Menschen zugerechnet. Sie gingen weiter hinauf, um weitere Eingeschlossene zu suchen. Beide starben beim Einsturz des Nordturms.

Benjamin Clark war Koch. Der 39-Jährige arbeitete als Küchenchef für Fiduciary Trust im Südturm. Zuletzt wurde er im 88. Stock gesehen. Er half dort drei anderen Menschen, eine Frau im Rollstuhl aus dem Gebäude zu bringen. Clark hinterließ seine Frau und fünf Kinder.

Vielleicht verstand die Welt an diesem Tag deshalb noch einmal besser, was die Worte bedeuteten, die seine Bürger seit 1931 als Nationalhymne singen und deren Bedeutung tief mit ihrem selbst verwoben sind:

O say can you see, by the dawn’s early light,
What so proudly we hailed at the twilight’s last gleaming,
Whose broad stripes and bright stars through the perilous fight,
O’er the ramparts we watched, were so gallantly streaming?
And the rocket’s red glare, the bombs bursting in air,
Gave proof through the night that our flag was still there,
O say does that star-spangled banner yet wave
O’er the land of the free and the home of the brave?

Abschiedsworte auf Anrufbeantwortern

Zu den schwersten Zeugnissen dieses Tages gehören die Stimmen der Menschen in den entführten Flugzeugen. Menschen, die begriffen, dass sie wahrscheinlich nur noch Minuten zu leben hatten, griffen zum Telefon und taten etwas vollkommen Alltägliches zum allerletzten Mal: Sie riefen die Menschen an, die sie liebten. Brian Sweeney saß in United Airlines Flug 175. Der frühere Marinepilot versuchte seine Frau Julie zu erreichen und landete auf dem Anrufbeantworter. Seine Maschine war bereits in der Gewalt der Terroristen. Sweeney sagte ihr, dass es nicht gut aussehe, sagte ihr, dass er sie liebe, und bat sie, weiterzuleben: „Go have good times.“ Dann verabschiedete er sich. Julie hörte diese Nachricht erst, als ihr Mann längst tot war. Wenige Minuten nach seinem Anruf raste Flug 175 vor den Augen der Welt in den Südturm.

In derselben Maschine saß Peter Hanson mit seiner Frau Sue und ihrer zweieinhalbjährigen Tochter Christine. Es war der erste Flug im Leben des kleinen Mädchens; die Familie war auf dem Weg nach Kalifornien. Hanson rief seinen Vater Lee zweimal an. Beim zweiten Gespräch wusste er bereits, dass Menschen an Bord niedergestochen worden waren und dass die Entführer die Maschine steuerten. Er versuchte seinen Vater noch zu beruhigen. Falls es geschehe, werde es sehr schnell gehen. Dann hörte Lee Hanson am anderen Ende eine Frau schreien. Die Verbindung brach ab. Er schaltete den Fernseher ein. Sekunden später sah er live, wie genau das Flugzeug, in dem sein Sohn, seine Schwiegertochter und seine kleine Enkelin saßen, in den Südturm einschlug. Christine Hanson wurde das jüngste Opfer des 11. September.

Auch aus Flug 93 kamen letzte Anrufe. Flugbegleiterin CeeCee Lyles, 33 Jahre alt und Mutter, erreichte zunächst nur den Anrufbeantworter zu Hause. Sie zwang sich hörbar zur Ruhe und sagte ihrem Mann, das Flugzeug sei entführt worden. Dann kam das, was in diesen letzten Gesprächen immer wiederkehrt und gerade deshalb kaum auszuhalten ist: keine großen Worte, keine politischen Botschaften, nur Liebe. „Please tell my children that I love them very much.“ Wenige Minuten vor dem Absturz telefonierte sie noch einmal mit ihrem Mann Lorne. Die beiden beteten miteinander. Lyles sagte ihm, er solle den Jungen sagen, dass sie sie liebe. Dann musste sie auflegen. An Bord bereiteten sich die Passagiere und Besatzungsmitglieder inzwischen darauf vor, die Entführer anzugreifen.

„Let’s roll“

Der Angriff auf New York überstrahlt in der Erinnerung häufig das, was fast gleichzeitig in Washington geschah. Um 9.37 Uhr schlug American-Airlines-Flug 77 in die Westseite des Pentagon ein. 184 Menschen starben dort und an Bord der Maschine. Das Verteidigungsministerium der mächtigsten Militärmacht der Welt brannte wenige Minuten nach den Türmen von Manhattan.

Die vierte Maschine erreichte ihr vorgesehenes Ziel nicht.

Auf United-Airlines-Flug 93 erfuhren Passagiere über Telefonate, was in New York geschehen war. Damit wussten sie etwas, das die Passagiere der ersten drei Maschinen nicht wissen konnten: Diese Entführung sollte nicht mit einer Landung enden. Das Flugzeug selbst war die Waffe.

Todd Beamer sprach über ein Bordtelefon mit einer Vermittlerin. Tom Burnett telefonierte mit seiner Frau. Jeremy Glick erfuhr von den Einschlägen in New York. Mark Bingham war ebenfalls unter den Männern, die sich auf einen Angriff auf die Entführer vorbereiteten. Flugbegleiterinnen wie Sandy Bradshaw und CeeCee Lyles waren Teil des Widerstands an Bord.

Beamer bat die Telefonistin, mit ihm das Vaterunser zu beten. Dann hörte sie die Männer miteinander sprechen. Schließlich fiel der Satz, der zu einem der bekanntesten Sätze dieses Tages wurde: „Are you guys ready? Okay. Let’s roll.“

Um 9.57 Uhr begann der Angriff der Passagiere und Besatzungsmitglieder auf die Entführer. Die Männer im Cockpit reagierten mit heftigen Flugmanövern. Sechs Minuten später stürzte Flug 93 bei Shanksville ab. Alle 40 Passagiere und Besatzungsmitglieder starben. Die Maschine befand sich nur etwa 20 Flugminuten von Washington entfernt; als wahrscheinliches Ziel gilt das Kapitol. Die Menschen an Bord hatten keine realistische Aussicht, ihr eigenes Leben zu retten. Ihr Widerstand verhinderte einen weiteren Einschlag in der amerikanischen Hauptstadt.

Bin Laden und das islamische Terrornetzwerk al-Qaida – Islam did this 

19 Terroristen der von Osama bin Laden geführten al-Qaida entführten an diesem Morgen vier Passagiermaschinen. Der Anschlag war im Namen des Jihad gegen die Vereinigten Staaten und den Westen geplant worden. Wie sehr das Ergebnis selbst die Erwartungen seiner islamischen Urheber übertraf, zeigte ein später in Afghanistan gefundenes Video. Darauf sprach Bin Laden mit Anhängern über den Anschlag und berichtete mit sichtlicher Genugtuung, man habe zwar mit schweren Schäden gerechnet, nicht jedoch mit dem vollständigen Einsturz beider Türme. Nach seiner eigenen Darstellung hatte er erwartet, dass lediglich die Stockwerke oberhalb der Einschlagstellen zusammenbrechen würden. Dass die beiden gewaltigen Hochhäuser vollständig in sich zusammensackten und Tausende Menschen unter sich begruben, übertraf, was Bin Laden sich erhofft hatte. Seine Umgebung sei bereits nach dem Einschlag der ersten Maschine „überglücklich“ gewesen; Bin Laden habe sie noch aufgefordert, abzuwarten, weil er wusste, dass weitere Angriffe folgen würden.

Und der Jubel blieb nicht auf ein Versteck al-Qaidas in Afghanistan beschränkt. Noch während in New York Menschen aus den brennenden Türmen sprangen und Angehörige verzweifelt versuchten, ihre Familien zu erreichen, feierten Tausende Palästinenser in Teilen des Westjordanlands und des Gazastreifens die Bilder aus Amerika. Süßigkeiten wurden verteilt, Waffen in die Luft abgefeuert, Siegeszeichen gezeigt und „Allahu Akbar“ gerufen. In Ost-Jerusalem jubelten Menschen auf den Straßen, in palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon wurde ebenfalls mit Schüssen gefeiert. Zahllose Berichte schilderten ähnliche Genugtuung auch in Teilen anderer arabischer /muslimischer Gesellschaften. Die politischen Führungen vieler arabischer Staaten verurteilten die Anschläge offiziell. Auf den Straßen waren zugleich Bilder zu sehen, die sich neben den brennenden Türmen ebenfalls tief in das Gedächtnis dieses Tages einprägten: islamische Menschen, die den Massenmord an völlig unbekannten Zivilisten als Schlag gegen Amerika begrüßten.

2.977 Ermordete – und ein Sterben, das nicht aufhörte

2.977 Menschen starben unmittelbar. Aber das Sterben ging weiter. Feuerwehrleute, Polizisten und Arbeiter atmeten am Ground Zero wochenlang einen giftigen Cocktail aus Staub, Glasfasern und Verbrennungsprodukten ein. Menschen, die in der Umgebung lebten oder arbeiteten, erkrankten. Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und andere Leiden wurden zu einem zweiten, verschleppten 11. September. Das staatlich finanzierte World Trade Center Health Program betreut inzwischen mehr als 150.000 Einsatzkräfte und Überlebende. Mehr als 9.000 weitere Todesfälle werden heute 9/11-bedingten Erkrankungen zugerechnet.

Wenn aus Geschichte eine verformte Erzählung wird

„Never Forget“ wurde zum amerikanischen Schwur dieses Tages. Er hielt politisch nicht einmal 25 Jahre. Ein Vierteljahrhundert ist lang genug, damit Erinnerung zu Geschichte wird. Mehr als 100 Millionen heute lebende Amerikaner waren am 11. September 2001 noch nicht geboren. Für sie gibt es keinen Nachmittag vor dem Fernseher und keinen kollektiven Augenblick, in dem das zweite Flugzeug in den Südturm raste und jedes Missverständnis beseitigte. Sie sind darauf angewiesen, dass Eltern, Medien und Schulen ihnen erzählen, was geschehen ist. Und genau dort beginnt das Problem.

Die New York Post hat wenige Tage vor dem 25. Jahrestag untersucht, wie 9/11 heute an amerikanischen Schulen vermittelt wird. Nur Arizona und Florida schreiben demnach Unterricht über die Anschläge verbindlich vor. In anderen Bundesstaaten hängt viel von Schulen und Lehrern ab. Zu den verwendeten Materialien gehört das von der University of Pennsylvania entwickelte Projekt „Teaching Beyond September 11th“, das in mehreren Staaten beworben wird. Der Schwerpunkt liegt dort stark auf den politischen Folgen des „War on Terror“, auf der Diskriminierung von Muslimen und auf amerikanischer Außenpolitik. Die NY Post kritisiert, dass al-Qaida und Osama bin Laden in Teilen dieser Materialien nicht einmal klar als Urheber des Anschlags benannt werden.

In New York ging ein Lehrer noch deutlich weiter und ließ Schüler Osama bin Ladens „Letter to America“ lesen, jenes Propagandastück, mit dem der Terrorführer seine Kriegserklärung gegen die Vereinigten Staaten rechtfertigte. Angehörige der 9/11-Opfer protestierten. Was früher die historische Einordnung des Täters gewesen wäre, wird in Teilen einer kommunistisch politisierten Pädagogik zur Debatte über seine Motive. Der islamistische Vernichtungswille gegen den freien Westen rückt aus dem Zentrum. An seine Stelle treten „Islamophobie“, amerikanische Schuld und die vermeintlich notwendige Kontextualisierung des Massenmordes.

Wer den 11. September nicht erlebt hat, besitzt keine eigenen Bilder und Abwehrreflexe gegen diese Umdeutung. Für ihn ist die Unterrichtsstunde die Erinnerung.

Bei der Bürgermeisterwahl in New York 2025 erhielt Muslim Zohran Mamdani bei den unter 30-Jährigen rund drei Viertel der Stimmen; Auswertungen nennen je nach Erhebung 75 bis 78 Prozent. Bei Wählern zwischen 30 und 44 Jahren lag seine Unterstützung bei rund zwei Dritteln. Genau diese Generation war am 11. September entweder noch nicht geboren oder zu jung, um den Tag bewusst erlebt zu haben.

25 Jahre später wurde mit Zohran Mamdani ein Politiker zum Bürgermeister von New York gewählt, dessen politische Kontakte weit in radikalislamistische Milieus hineinreichen. Nein, das ist keine Assoziation, die ihm seine Gegner erst mühsam anhängen müssten. Mamdani hat diese Nähe selbst öffentlich dokumentiert. Im Wahlkampf trat er in der Masjid At-Taqwa in Brooklyn auf, stellte sich demonstrativ neben deren Imam Siraj Wahhaj und pries ihn anschließend als „one of the nation’s foremost Muslim leaders“ und als eine Säule seiner Gemeinde. Nach einem offiziellen New Yorker Gerichtsakt wurde Wahhaj von der US-Staatsanwaltschaft als nicht angeklagter möglicher Mitverschwörer des islamistischen „Landmarks Plot“ geführt, der Anschläge auf New Yorker Wahrzeichen vorsah. Der später wegen Terrorverschwörung verurteilte „Blind Sheikh“ Omar Abdel-Rahman predigte in Wahhajs Moschee; Wahhaj trat bei dessen Terrorprozess als Charakterzeuge auf und erklärte vor Gericht über Abdel-Rahman: „I respect him.“

Wer einen solchen Mann ausgerechnet in New York zum herausragenden muslimischen Führer erhebt, kann sich nicht darauf berufen, dessen Geschichte sei irgendeine zufällige Kontaktschuld. Mamdani suchte diese Bühne, veröffentlichte das gemeinsame Bild selbst und verlieh Wahhaj ausdrücklich politischen und gesellschaftlichen Rang. Dass 25 Jahre nach 9/11 ein Politiker mit solchen Verbindungen das Rathaus jener Stadt erobern konnte, in der islamistischer Terror erst 1993 sechs Menschen und acht Jahre später 2.753 Menschen das Leben kostete, gehört zu den bittersten Erkenntnissen dieses Jahrestages.

Der Schwur „Never Forget“ verlangt mehr als Namen auf Bronzeplatten und einmal im Jahr Fahnen auf halbmast. Er verlangt, dass eine Gesellschaft ihren Kindern  sagen kann, was geschehen ist. Tausende Opfer waren keine namenlosen Statisten einer Debatte über amerikanische Außenpolitik. Die Feuerwehrleute starben nicht durch „gesellschaftliche Spannungen“. Rick Rescorla bereitete seine Leute nicht auf „Hass“ vor. Welles Crowther ging nicht wegen eines Missverständnisses dreimal in den Rauch zurück.

Islam did this

An diesem Tag griff eine islamische Terrororganisation Amerika an. Menschen wurden ganz gezielt ermordet, weil die Täter die freie westliche Gesellschaft hassen, die sich in New York in besonders sichtbarer Form selbstbewusst in den Himmel gebaut hatte. Diese historische Tatsache darf nicht durch ein pädagogisches Seminar über die Fehler Amerikas ersetzt werden.

Die amerikanische Trump-Regierung reagiert inzwischen auf diese Entwicklung. Bildungsministerin Linda McMahon verschickte zum 25. Jahrestag neue Empfehlungen an Schulen. Sie fordert altersgerechten Unterricht über den 11. September und eine Schweigeminute um 8.46 Uhr, exakt zum Zeitpunkt des ersten Einschlags. Zu den Biographien, die Lehrer ihren Schülern ausdrücklich erzählen sollen, gehören viele wie die von Welles Crowther, dem Mann mit dem roten Bandana.

Der radikale Islam bleibt eine der größten Bedrohungen für die freie westliche Welt – für ihre Sicherheit, ihre Rechtsordnung und ihre Freiheit. Umso selbstzerstörerischer ist eine Politik, die seit Jahren Hunderttausende Menschen aus rückständigsten Gesellschaften nach Europa holt, in denen Islamismus, Scharia-Denken und Feindschaft gegen den Westen vorherrschend sind, ohne Grenzen, Kontrolle und Rückführung wieder ernst zu nehmen. Die historische Aufgabe der kommenden Jahre wird sein, diese Fehlentwicklung umzukehren: illegale Migration auf Null zu stoppen, Ausreisepflicht konsequent durchzusetzen, ausländische Straftäter und islamistische Gefährder abzuschieben und Remigration überall dort in großem Umfang zu organisieren, wo kein Aufenthaltsrecht besteht.

Wer 25 Jahre nach dem 11. September noch immer nicht begreift, dass eine freie Gesellschaft auch entscheiden muss, wen sie in ihr Land lässt und wen sie wieder hinausweist, hat aus den Bildern der brennenden Türme und den tausenden ermordeter Menschen rein gar nichts gelernt. Der hat an führenden politischen Positionen westlicher Gesellschaften nichts verloren. Auch diese Fehlentwicklung muss mit aller Entschlossenheit korrigiert werden.

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